[PDF] DAS ARGUMENT. Zeitschrift für Philosophie und Sozialwissenschaften Nr. 75 Sonderband - Free Download PDF (2024)

1 2 Herausgeber: Wolfgang Fritz Haug Ständige Mitarbeiter: Heribert Adam (Vancouver), Wilhelm Alff (Braunschweig), ...

Herausgeber: Wolfgang Fritz Haug Ständige Mitarbeiter: Heribert Adam (Vancouver), Wilhelm Alff (Braunschweig), Günter Anders (Wien), Hans Dieter Boris (Marburg), Frank Deppe (Marburg), Hans-Ulrich Deppe (Marburg), Bruno Frei (Wien), Peter Fürstenau (Gießen), Peter Furth (Berlin), Imanuel Geiss (Hamburg), Manfred Hahn (Bremen), Heinz-Joachim Heydorn (Frankfurt/Main), Dieter Hirschfeld (Berlin), Baber Johansen (Berlin), Lars Lambrecht (Hamburg), Thomas Metscher (Bremen), Kurt Steinhaus (Marburg), Rolf Tiedemann (Frankfurt/Main), K. H. Tjaden (Marburg), Erich Wulff (Gießen) Verlagsleitung und Anzeigen: Dr. Chr. Müller-Wirth, 75 Karlsruhe 21, Postfach 21 0730, Telefon 0721 / 5 59 55, Fernschreiber 7 825 909 Redaktion: Sibylle Haberditzl, Frigga Haug, Dr. W. F. Haug, Dieter Krause, Bernd Schüngel, Prof. Dr. Friedrich Tomberg, Gerhard Voigt Redaktion dieses Bandes: Lars Lambrecht, Hans-Otto Riethus, Prof. Dr. Friedrich Tomberg, Gerhard Voigt Sekretariat: Rolf Nemitz Redaktionsanschrift: 1 Berlin 33, Altensteinstraße 48 a Telefon: (0311) 7 69 2615

Copyright © Argument-Verlag GmbH Berlin 1972. Alle Rechte — auch das der Obersetzung — vorbehalten. Gesamtherstellung: C. F. Müller, Großdruckerei und Verlag GmbH 75 Karlsruhe 21, Rheinstraße 122. 1. bis 12. Tausend: Oktober 1972 Gestaltung: Hans Fôrtsch und Sigrid von Baumgarten

Bellagenhinwels: Dieser Ausgabe liegt eine Bestellkarte des Argument-Verlages bei, sowie Je ein Prospekt des C. H. Beck Verlages, München, und Suhrkamp Verlages, Frankfurt/M.

DAS ARGUMENT Zeitschrift für Philosophie und Sozialwissenschaften Nr. 75 Sonderband

Kritik der bürgerlichen Geschichtswissenschaft II

Alfred Loesdau: Die Interpretation der Krise der bürgerlichen Geschichtsschreibung durch Georg G. Iggers

1

Heinz-Dieter Kittsteiner: Theorie und Geschichte

18

Bernhard Kroner: Psychologie und Präsentismus

33

Hans Schleier: Der traditionelle Historismus und die Strukturgeschichte

56

Reinhard Spree: Zur Kritik moderner bürgerlicher Krisengeschichtsschreibung

77

Volker Ullrich: Emanzipation durch Integration?

104

Walter Fischer: Geschichtswissenschaft als politische Waffe

148

Frank Niess: Das Bild der kubanischen Revolution in der bürgerlichen GeschichtsBassam Tibi:und Sozialwissenschaft Die Darstellung der Orientpolitik der Kolonialmächte in der bürgerlichen Geschichtswissenschaft

184 214

Hans-Joachim Bieber: Zur bürgerlichen Geschichtsschreibung und Publizistik über Antisemitismus, Zionismus und den Staat Israel

231

*

*

*

Imanuel Geiss: Die historischen Voraussetzungen des Angela-Davis-Prozesses

275

Besprechungen Koselleck, Reinhart: Kritik und Krise (Riethus) White, Lynn: Die mittelalterliche Technik und der Wandel der Gesellschaft (Richter) Deuerlein, Ernst: Gesellschaft im Maschinenzeitalter (Kaiser) Kühnl, Reinhard: Formen bürgerlicher Herrschaft (M. Tjaden-Steinauer/K. H. Tjaden) Zmarzlik, Hans-Günter: Wieviel Zukunft hat unsere Vergangenheit? (Steinbach) Iggers, Georg G.: The German Conception of History (Loesdau) Iggers, Georg G.: Deutsche Geschichtswissenschaft (Loesdau) Streisand, Joachim (Hrsg.): Studien über die deutsche Geschichtswissenschaft (Westarp) Rein, Gustav A.: Der Deutsche und die Politik (Steinbach) Boldt, Werner: Die Anfänge des deutschen Parteiwesens (Steinbach) Stürmer, Michael (Hrsg.): Das kaiserliche Deutschland (Steinbach) Wehler, Hans-Ulrich: Krisenherde des Kaiserreichs (Fülberth) Boelcke, Willi A. (Hrsg.): Krupp und die Hohenzoilern (Hennig) Witt, Peter-Christian: Die Finanzpolitik des deutschen Reiches (Fülberth) Puhle, Hans-Jürgen: Agrarische Interessenpolitik und preußischer Konservativismus (Steinbach) Engelmann, Bernt: Krupp (Eichholtz) Myers, Gustavus: Die großen amerikanischen Vermögen (Gerstenberger) Esser, Jost: Die Geschichte der Düsseldorfer Textilindustrie (Lüdtke)

294 298 302 304 306 1 1 310 316 317 319 321 323 325 327 329 333 336

Schmitz, Heinrich K.: Anfänge und Entwicklung der Arbeiterbewegung im Raum Düsseldorf (Horster)

338

Pankoke, Eckart: Sociale Bewegung — Sociale Frage — Sociale Politik (Lüdtke)

339

Na'aman, Shlomo: Lassalle (Stirner)

341

Bartel, Horst, Rolf Dlubek, Gustav Seeber, Günter Wisotzki: Revolutionäre Sozialdemokratie und Reichsgründung (Fülberth)

343

Stegmann, Dirk: Die Erben Bismarcks (Ullrich) Grossmann, Henryk, u. Carl Grünberg: Anarchismus, Bolschewismus, Sozialismus (Frei)

344 346

Rammstedt, Otthein (Hrsg.): Anarchismus (Bock) von Borries, Achim, u. Ingeborg Brandies (Hrsg.): Anarchismus (Bock) Kalz, Wolf: Gustav Landauer (Bock)

347 347 351

Linse, Ulrich: Organisierter Anarchismus im deutschen Kaiserreich von 1871 (Bock)

351

Harich, Wolfgang: Zur Kritik der revolutionären Ungeduld (Bock)

354

Frei, Bruno: Die anarchistische Utopie (Bock) Colletti, Lucio: Bernstein und der Marxismus der Zweiten Internationale (Fülberth)

354 357

Schieder, Wolfgang (Hrsg.): Erster Weltkrieg (Ullrich)

358

Miller, Susanne, u. Heinrich Potthoff (Hrsg.): Die Regierung der Volksbeauftragten (Hartmann)

361

Matthias, Erich: Zwischen Räten und Geheimräten (H. Krause)

363

Döhn, Lothar: Politik und Interesse (Stegmann) Jenschke, Bernhard: Zur Kritik der konservativ-revolutionären Ideologie in der Weimarer Republik (Hennig)

366 368

Hoepke, Klaus-Peter: Die deutsche Rechte und der italienische Faschismus (Westarp)

371

Conze, Werner, ti. Hans Raupach (Hrsg.): Die Staats- und Wirtschaftskrise des deutschen Reiches 1929/33 (Westarp)

374

Petzina, Dieter: Autarkiepolitik im Dritten Reich (Fischer)

148

Thomas, Georg: Geschichte der deutschen Wehr- und Rüstungswirtschaft (Fischer)

148

Milward, Alan S.: Die deutsche Kriegswirtschaft 1939—1945 (Fischer)

148

Pfahlmann, Hans: Fremdarbeiter und Kriegsgefangene in der deutschen Kriegswirtschaft (Fischer)

148

Kannapin, Hans-Eckhardt: Wirtschaft unter Zwang (Fischer)

148

Seidenzahl, Fritz: Hundert Jahre Deutsche Bank (Fischer)

148

Klotzbach, Kurt: Gegen den Nationalsozialismus (Hebel-Kunze)

375

Steinberg, Hans-Josef: Widerstand und Verfolgung in Essen 1933-1945 (Hebel-Kunze)

375

Hochmuth, Ursel, u. Gertrud Meyer: Streiflichter aus dem Hamburger Widerstand (Hebel-Kunze)

379

Bohn, Willi: Stuttgart: Geheim! (Hebel-Kunze)

379

Oppenheimer, Max: Der Fall Vorbote (Hebel-Kunze)

379

Grossmann, Kurt R.: Emigration (Frei)

381

Röder, Werner: Die deutschen sozialistischen Exilgruppen In Großbritannien 1940-1945 (Hebel-Kunze)

382

Edinger, Lewis J.: Kurt Schumacher (Hebel-Kunze)

384

Krätschell, Hermann, u. Hans Reichhardt: Drei Jahrzehnte deutscher Geschichte 1918—1948 (Ashauer)

385

Williams, Ann: Britain and France in the Middle East and North Afrika (Tibi)

214

Kimche, Jon: Zeitbombe Nahost (Tibi)

214

Tibawi, Abdul L.: Modern History of Syria (Tibi)

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Grabill, Joseph L.: Protestant Diplomacy and the Near East (Tibi)

214

Hopwood, Derek: The Russian Presence in Syria and Palestine (Tibi)

214

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Alfred Loesdau

Die Interpretation der Krise der bürgerlichen Geschichtsschreibung durch Georg G. Iggers Standort und Stellenwert der Geschichtswissenschaft befinden sich gegenwärtig stärker denn je in der Diskussion. Es ist von „unbewältigter Vergangenheit" die Rede 1 . Auf dem Historikertag in Köln im April 1970 sprach Reinhart Koselleck zur Frage „Wozu noch Historie 2 ?" Er hatte behauptet: „Offensichtlich hängt die Krise der Historie von der Krise des Historismus so sehr ab, wie die Geschichtswissenschaft im Historismus gründet." 3 Gerade zu dieser Problematik liegt nun auch ein Beitrag aus den USA vor. Von den geschichtstheoretischen Arbeiten des amerikanischen Historikers Georg G. Iggers, der an der State University of New York in Buffalo Geschichte lehrt, ist besonders seine jüngste Arbeit, ein Buch über die „deutsche Geschichtswissenschaft", in mancher Hinsicht interessant und wirkt auf den wissenschaftlichen Meinungsstreit anregend 4 . Wenn es sich auch um eine Stimme aus dem bürgerlichen Lager handelt, so ist seine Analyse jedoch als Kritik angelegt. Gleichwohl gibt es eine Reihe von Momenten, die das Verhältnis von amerikanischer und westdeutscher Geschichtsschreibung betreffen und Beachtung finden dürften. Georg G. Iggers hat sich schon immer mit Vorliebe der Entwicklung der bürgerlichen — vornehmlich deutschen — Geschichtsschreibung gewidmet und sich nicht gescheut, wunde Punkte zu berühren. In seinem im Jahre 1962 erschienenen Beitrag über das Rankebild in der Historiographie hat er unumwunden das in angelsächsischen Ländern verbreitete Bild vom „positivistischen Ranke", der angeblich philosophisch niemals spekulativ und politisch stets neutral gewesen sei, widerlegt 5 . Drei Jahre später äußerte er 1 Vgl. Kritik der bürgerlichen Geschichtsschreibung. Handbuch, hrsg. v. Werner Berthold, G e r h a r d Lozek, Helmut Meier, Walter Schmidt, Köln 1970. 2 Koselleck, Reinhart, Wozu noch Historie?, in: Historische Zeitschrift, München, Bd. 212, 1971. 3 Ebenda, S. 1. 4 Iggers, Georg G., Deutsche Geschichtswissenschaft. Eine Kritik der traditionellen Geschichtsauffassung von Herde r bis zur Gegenwart. D e u t scher Taschenbuch-Verlag, München 1971 (398 S., TB, 7,80 DM). 5 Ders., T h e Image of R a n k e in American and German Historical Thought, in: History and Theory, Vol. II, 1962; vgl. auch Schilfert, G e r hard, Leopold von Ranke, in: Die deutsche Geschichtswissenschaft vom Beginn des 19. J a h r h u n d e r t s bis zur Reichseinigung von oben, hrsg. v. Joachim Streisand, Berlin 1963; Schleier, Hans, Die Ranke-Renaissance, in:

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Alfred

Loesdau

sich konstruktiv über die von konservativen Historikern befehdete Fortschrittsidee 6 . Jetzt liegt sein im Jahre 1968 in den USA erschienenes Buch „The German Conception of History" 7 in deutscher Übersetzung 8 vor. Die Thematik ist als eine Kritik der „traditionellen Geschichtsauffassung" angelegt. Mit ihr will der Autor die Grundlage f ü r ein größeres Werk über die Idee des Fortschritts gelegt haben. Das Buch dürfte aus mehreren Gründen das Interesse von Historikern, Philosophen, Soziologen finden: was ist von der amerikanischen Geschichtswissenschaft f ü r eine Position über die bürgerliche deutsche Historiographie zu erwarten, wieweit geht die Kritik, welche Grundlagen werden f ü r ein Fortschrittskonzept geboten? Zum Wesen des „deutschen Historismus" Der Verfasser gibt vor, „eine Interpretation und kritische Analyse der theoretischen Voraussetzungen und politischen Wertvorstellungen" der bürgerlichen deutschen Historiographie des 19. und 20. Jahrhunderts zu geben 9 . Iggers hat diese Zielstellung mit der Einschränkung versehen, daß die marxistischen Historiker von ihm nicht behandelt werden. Er konzentriert sich auf die „nationale akademische Tradition der Geschichtswissenschaft", worunter er die dominierende bürgerliche Historiographie des Deutschen Reiches bzw. der Bundesrepublik zur deutschen Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts versteht. Somit ist der bürgerliche „deutsche Historismus" Hauptgegenstand seiner Abhandlung. Dieses Interesse ist an und für sich nicht verwunderlich, ist doch die amerikanische Geschichtswissenschaft in ihrer Entstehungszeit, im 19. Jahrhundert, maßgeblich von der bürgerlichen Geschichtstheorie deutscher Historiker beeinflußt worden. Ging dieser Einfluß auch im 20. Jahrhundert erheblich zurück, so hat doch der Methodenstreit in der Historiographie auch der USA das Interesse am „deutschen Historismus" wachgehalten. Für die meisten amerikanischen Historiker war der Stammvater wissenschaftlicher Geschichtsschreibung stets Leopold von Ranke. Im Jahre 1936 konnte der Senior pseudoliberaler Historiographie im Deutschen Reich, der bürgerliche Historiker Friedrich Meinecke, seine Geschichtsauffassung in Vorträgen in den USA propagieren. Er hatte in Fortsetzung der Arbeit von Ranke und Burckhardt die Grundzüge des bürgerlichen Historismus unter den BeDie bürgerliche deutsche Geschichtsschreibung von der Reichseinigung von oben bis zur Befreiun g Deutschlands vom Faschismus, hrsg. v. J o achim Streisand, Berlin 1965. 6 Iggers, Georg G., T h e Idea of Progress: A Critical Re-Assessment, in: T h e American Historical Review, New York, Vol. LXXI, Oktober 1965, dt.: Der Fortschrittsgedanke noch einmal kritisch betrachtet, in: Saeculum, J a h r b u c h f ü r Universalgeschichte, Freiburg-München 4 1965. 7 Iggers, Georg G.: The G e r m a n Conception of History. The National Tradition of Historical Thought to th e Present. Wesleyan University Press, Middletown/Connecticut 1968 (363 S., geb., 10.00 $). 8 Ders., Deutsche Geschichtswissenschaft, a.a.O. 9 Ebenda, S. 7.

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dingungen des Imperialismus in Deutschland angewendet und abgewandelt 1 0 . Diese Abwandlungen waren nach dem Zweiten Weltkrieg von der politischen Konsequenz der „Westorientierung" des deutschen Imperialismus begleitet. Gerade das machte Meinecke f ü r die amerikanischen Geschichtsideologen — und nicht nur f ü r sie — so wertvoll. Im J a h r e 1947 wurde Meinecke zum Ehrenmitglied der American Historical Association ernannt. Richard W. Sterling bezeichnete ihn in seinem in den USA erschienenen Buch über die politischen Ideen Friedrich Meineckes als „den ausgezeichnetsten deutschen Historiker dieses Jahrhunderts 1 1 ". Er war schließlich der erste Rektor der im Jahre 1948 im amerikanischen Sektor Westberlins mit Hilfe der US-Militärregierung gebildeten „Freien Universität". Nach Sterling habe er zur Überwindung der Isolierung der Bundesrepublik von der „westlichen Zivilisation" beigetragen 12 . Auch f ü r den amerikanischen Historiker Klaus Epstein war Meinecke „ein standhafter Unterstützer der Integration der Deutschen in eine größere westeuropäische Gemeinschaft nach 194513". An diese politische Position dachten bürgerliche amerikanische Historiker, wenn sie — wie beispielsweise der 1934 in die USA emigrierte Meinecke-Schüler Hajo Holborn (1967 Präsident der American Historical Association) — ihre Fachkollegen in Deutschland auf Meinecke verwiesen. Sie sollten auf „die Stimme des verehrten und größten lebenden Meisters der deutschen Geschichtsforschung" hören 14 . Diese Berufungen auf Meinecke schließen eigenständige und dem „deutschen Historismus" entgegengesetzte geschichtswissenschaftliche Methoden in der amerikanischen Historiographie keineswegs aus. Der bürgerliche „deutsche Historismus", der objektive historische Gesetze verneint, Generalisierungen der geschichtlichen Entwicklung der menschlichen Gesellschaft ablehnend gegenübersteht, die „individualisierende Methode" praktiziert und in letzter Konsequenz in Subjektivismus und Relativismus endet, kann den Bedürfnissen bürgerlich-imperialistischer Geschichtsideologie der USA nicht genügen 15 .

10 Vgl. Lozek, Gerhard, Syrbe, Horst, Geschichtsschreibung contra Geschichte, Berlin 1964, S. 28; sowie Berthold, Werner, „ . . . großhungern und gehorchen". Zur Entstehung und politischen Funktion der Geschichtsideologie des westdeutschen Imperialismus, untersucht a m Beispiel von G e r h a r d Ritter un d Friedrich Meinecke, Berlin 1960; Lozek, Gerhard, Friedrich Meinecke, in: Die bürgerliche deutsche Geschichtsschreibung, a.a.O. 11 Sterling, Richard W., Ethics in a World of Power. The Political Ideas of Friedrich Meinecke, Princeton 1958, S. VIII. 12 Ebenda, S. 18. 13 Epstein, Klaus, in der Rezension des Buches von Sterling, in: History and Theory, Vol. II, 1962, S. 83. 14 Holborn, Hajo, Misfortune and Moral Decisions in German History, in: G e r m a n History. Some New German Views, hrsg. v. H a n s Kohn, London 1954, S. 207. 15 Vgl. Sachwörterbuch der Geschichte Deutschlands u n d der deutschen Arbeiterbewegung, Bd. 1, Berlin 1969, Stichwort Historismus, S. 792 f.

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Alfred

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Die vornehmlich von P r a g m a t i s m u s und Positivismus beeinflußte Geschichtsmethodologie der bürgerlichen Geschichtsschreibung in den USA h a t t e sich bereits zu Beginn des 20. J a h r h u n d e r t s von dem Einflu ß des „deutschen Historismus" gelöst. Selbst ein Historiker wie Holborn, der durch die Schule Meineckes gegangen war, k a m nicht u m h i n festzustellen: „Der Glaube, Geschichte n u r verstehen zu können, w e n n w i r versuchen, die Totalität des historischen Geschehens sichtbar zu machen, h a t mich veranlaßt, den Bereich dieser Geschichte Deutschlands ü b e r die politische u n d konstitutionelle Geschichte auf die soziale und ökonomische ebenso wie auf die religiöse u n d intellektuelle Geschichte auszudehnen 1 6 ." Iggers h a t darauf verwiesen, daß Meinecke in philosophischer Hinsicht nach dem Ersten Weltkrieg, in d e r Weimare r Republik, noch „ein ausgeprägter Gegner Westeuropas, insbesondere der angelsächsischen Strömungen, und ein A n h ä n g e r der deutschen Tradition" blieb 1 7 . Im Ergebnis der Niederlage des deutschen Imperialismus im Zweiten Weltkrieg vollzog Meinecke eine Wendung von der politischen und geschichtsphilosophischen Zweifrontenstellun g gegen Marxismus und westlichen Liberalismus zur ausschließlich antikommunistischen Orientierung im Bündnis mit dem Westen. Iggers zeichnete den geistigen Entwicklungsweg Meineckes nach und gelangte zu dem Ergebnis: „Er starb inmitten des geistigen T r ü m m e r f e l d es nach dem Zweiten Weltkrieg in d e r schmerzlichen Einsicht, daß Deutschland nicht n u r in politischer, sondern auch in philosophischer und geschichtswissenschaftlicher Hinsicht einen falschen Weg eingeschlagen hatte 1 8 ." — Es soll nicht gerechtet werden, inwieweit der Senior der westdeutschen Nachkriegshistoriographie von dieser Einsicht e r f ü l l t war. Wesentlicher ist, daß w i r hier den K e r n geschichtstheoretischer Kritik seitens der USA an der bürgerlichen deutschen Historiographie haben. Die bürgerlichen amerikanischen Ideologen bewegt immer wieder das Problem: welchen Standort wird die BRD im imperialistischen System auf die Dauer einnehmen — werden die herrschenden K r ä f t e den Sozialismus gemeinsam mit den USA b e k ä m p f e n oder ein erneutes Mal ihre spezifischen Hegemoniebestrebungen über die Interessen des Weltimperialismus stellen? Die Geschichte soll ihnen helfen, eine A n t w o r t auf diese strategische Frage zu finden. In amerikanischen Geschichtswerken n i m m t die Frage nach den Ursachen f ü r die wiederholte Expansion des deutschen Imperialismus in westlicher Richt u n g einen breiten R a u m ein. Sie ist im G r u n de auch der Angelpunkt d e r Fragestellungen von Georg G. Iggers. Die „Absonderung Deutschlands von Westeuropa und Amerika" wird von amerikanischen Historikern wie Holborn auf einen „deutschen Idealismus" in der Philosophie zurückgeführt, d e r sich bereits im 18. J a h r h u n d e r t herausgebildet hätte. E r w i r d angesehen als Schöpfung „einer bestimmten so16 Holborn, Hajo, A History of Modern Germany, Bd. 1, The Reformation, New York 1959, S. XI.

17 Iggers, Georg G., Deutsche Geschichtswissenschaft, a.a.O., S. 282. 18 Ebenda, S. 254.

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zialen Schicht, deren Lage durch die täglichen Ordnungen des d a m a ligen deutschen Lebens bestimmt werde 1 9 ". Jedoch handele es sich hier keineswegs u m eine „einseitige Kausal Wirkung der sozialen K r ä f t e 2 0 " . Auf der Grundlage des Idealismus h ä t t e sich der h e m mungslose deutsche Nationalismus entwickeln können u n d die Kontinuität der „westlichen Zivilisation" sei somit in Deutschland u n t e r brochen worden. Erst in den Nachkriegs j ä h r e n w ä r e diese Entwicklung durch eine „konstruktive Wendung" in der BRD korrigiert worden. Der „deutsche Historismus" wird als historiographische E r scheinungsform dieser Linie interpretiert. Der Beschäftigung amerikanischer Historiker und Philosophen m i t d e r bürgerlichen deutschen Geschichtswissenschaft liegen also äußerst pragmatische Absichten zugrunde. Auch Iggers hofft, daß seine A r beit „gerade in diesem Augenblick von Nutzen ist, da die deutschen Historiker nach den politischen Katastrophen des 20. J a h r h u n d e r t s mit der gründlichen Ü b e r p r ü f u n g sowohl ihrer nationalen Geschichte wie der methodischen und philosophischen Voraussetzungen i h r e r klassischen Vorgänger beschäftigt sind 2 1 ". Bereits hier w e r d e n illusionäre E r w a r t u n g e n ü b er den Grad einer derartigen „Überp r ü f u n g " und erst recht über deren Konsequenzen offenbart. Iggers' Kritik liegt die Absicht zugrunde, die bürgerliche westdeutsche Historiographie die Fehler des „deutschen Historismus" vermeiden zu lassen — im Interesse der bürgerlichen Gesellschaft. Antipathien ame rikanischer Historiker gegen J u n k e r t u m , P r e u ß e n t u m , „extremen Nationalismus" oder auch Faschismus erklären sich größtenteils n u r als historiographische Reflexion spezifischer ideologischer Interessen des staatsmonopolistischen Kapitalismus der USA und sind in erster Linie als Ausdruck taktischer Differenzen zu werten. Die Analyse von Iggers geht zwar ein Stück weiter. Aber auch sie stößt auf bestimmte Grenzen. Ausgangspunkt ist auch f ü r ihn die Durchsetzung der Philosophie des deutschen Idealismus (Kant, Hegel, Fichte) zur beherrschenden Theorie der bürgerlichen deutschen Geschichtsschreibung im 18. u n d 19. J a h r h u n d e r t . Diese Theorie h ä t t e die spezifischen Merkmale des „deutschen Historismus" bestimmt. U n t er Historismus versteht er „die Hauptströmung der deutschen Geschichtswissenschaft und des Geschichtsdenkens, wie sie in der deutschen Geschichtsschreibung, in den Kulturwissenschaften und im politischen Denken von der Zeit Wilhelm von Humboldts und Leopold von Rankes bis in die n a h e Vergangenheit vorgeherrscht hat 2 2 ". E r h e b t Staatslehre, Wertphilosophie und Erkenntnistheorie als die drei charakteristischen Ideenkomplexe hervor. Hier offenbart sich, daß eine vorwiegend ideengeschichtlich angelegte Analyse wesent19 Holborn, Hajo, Der deutsche Idealismus in sozialgeschichtlicher B e leuchtung, in: Moderne deutsche Sozialgeschichte, hrsg. v. Hans-Ulrich Wehler, Köln-Berlin 1966, S. 86 f. 20 Ebenda, S. 94.

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liehe Seiten des reaktionären bürgerlichen „deutschen Historismus" nicht zu erfassen vermag. Das Weitestgehende, wozu sich Iggers über die Anhänger des „deutschen Historismus" durchringt, ist: „Ihre engbrüstige Staatsvorstellung, deren Maßstab die preußische Monarchie der Restaurationszeit war, hinderte sie daran, die in der Geschichte wirksamen sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Kräfte richtig einzuschätzen 23 ." Hier handelt es sich nicht nur um Unzulänglichkeiten der wissenschaftlichen Erkenntnis, sondern der Historismus lieferte „das theoretische Fundament f ü r die während des 19. Jahrhunderts herrschenden politischen und sozialen Zustände in Preußen und in Deutschland 24 ". Iggers bescheinigt der bürgerlichen deutschen Geschichtswissenschaft des 19. Jahrhunderts die Unfähigkeit, „aus der veränderten gesellschaftlichen und geistigen Wirklichkeit die Konsequenzen zu ziehen 25 ". Hiermit ist zwar eine typische Seite des reaktionären Charakters des „deutschen Historismus" beschrieben worden. Jedoch die entscheidende Seite läßt er außer Betracht. Vor allem wird nicht genügend berücksichtigt, daß gerade die Lehre von der Staatsräson einer äußerst engen Verflechtung der deutschen Geschichtsschreibung mit der Politik der Ausbeuterklassen entsprach. Seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts überwogen aufgrund dessen die ausgesprochen reaktionären Seiten des bürgerlichen „deutschen Historismus". Weiterhin zeigt sich, daß Iggers die bürgerliche deutsche Historiographie mit der Elle der von Positivismus und Pragmatismus geprägten bürgerlichen Historiographie Westeuropas und der USA mißt und seine Kritik auch darum letzten Endes inkonsequent bleiben muß. Iggers hat an anderer Stelle von einer „Überlegenheit der vergleichsweise pragmatischen westlichen Historiographie der Gegenwart gegenüber dem klassischen Idealismus...", der in der BRD „zunächst noch fest verankert" war, gesprochen 26 . Was die geschichtsphilosophische Orientierung amerikanischer Historiker betrifft, so heben sich vor allem folgende Elemente ab: ein weitgehend zurückgedrängter traditioneller Einfluß des bürgerlichen „deutschen Historismus" und ein spezifischer Einfluß von Pragmatismus und Positivismus, der mehr oder weniger zur Praktizierung bürgerlicher sozialwissenschaftlicher Methoden in der Historiographie geführt hat. Was die Auswirkungen des Pragmatismus betrifft, so ist diese Tendenz seit der Jahrhundertwende von den Vertretern der „New History" (unter James H. Robinson und Charles A. Beard) forciert worden. Unter ihrem Einfluß ist die geschichtstheoretische Position der 23 Ebenda, S. 25. 24 Ebenda, S. 29. 25 Ebenda, S. 36. 26 Ders., Die westliche Geschichtswissenschaft der Gegenwart, Abschnitt A des Stichwortes Geschichtswissenschaft, in: Sowjetsystem und demokratische Gesellschaft. Eine vergleichende Enzyklopädie, Bd. II, Freiiburg-Basel-Wien 1968, Sp. 927 f. un d 924.

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bürgerlichen Historiographie in den USA immer stärker von der Philosophie des Pragmatismus erfaßt worden. Während die Historiker der New History einerseits sich besonders mit der Wirtschaftsund Sozialgeschichte der USA befaßten und sozialwissenschaftliche Methoden anwandten, lief ihr Bestreben jedoch andererseits darauf hinaus, die Geschichte zu einer Hilfswissenschaft der Social Sciences zu degradieren. Ihr Pragmatismus führte zu einer Vergegenwärtigung der Geschichte, d. h. zu einer skrupellosen Opferung der geschichtlichen Wahrheit f ü r tagespolitische Interessen der Regierung. Diese pragmatistischen Manipulationen sind in den USA mit dem Begriff „presentism" (Präsentismus) bezeichnet worden 27 . Vornehmlich mit den spekulativen Thesen des amerikanischen Historikers Charles A. Beard waren methodologische „Voraussetzungen" f ü r die Geschichtsklitterung extremer sogenannter geschichtsrevisionistischer Kreise geschaffen worden. Der historische Revisionismus ist eine ideologische Hauptströmung in der imperialistischen US-Historiographie, deren Wesen in einer extrem reaktionären Revision des über die Ursachen, den Verlauf und die Ergebnisse des Ersten und des Zweiten Weltkrieges von der vorherrschenden regierungsoffiziösen Richtung der Historiographie verbreiteten Geschichtsbildes besteht. Der extreme Subjektivismus und die zunehmend profaschistisch werdende historisch-politische Konzeption der Anhänger des historischen Revisionismus stieß (in den dreißiger und auch in den fünfziger Jahren) in der amerikanischen Historiographie auf Widerstand. Es wurden zwar in zunehmendem Maße sozialwissenschaftliche Methoden angewandt, die Sozialgeschichte gelangte zur Blüte, jedoch verschrieb sich die dominierende bürgerliche Historiographie der USA nicht dem militanten und primitiven Antikommunismus der geschichtsrevisionistischen Kräfte. Sie versuchte — zwar auch in der Manier des Pragmatismus, aber wissenschaftlicher drapiert — glaubwürdigere Geschichtskonzeptionen zu entwickeln. So ließen f ü r Holborn die Beziehungen der Lebensphilosophie mit dem angelsächsischen Pragmatismus und im besonderen ihre Berücksichtigung des sozialen Faktors in der Geschichte Wilhelm Dilthey f ü r eine geschichtstheoretische Profilierung und Modifizierung als Ideal erscheinen 28 . Dilthey sah im „sozialen Faktor" keine kausale Voraussetzung f ü r politische Ideen, sondern f ü r ihn war Sozialgeschichte das „Komplement" der Ideengeschichte. Ein derartiges Herangehen entsprach völlig dem Konzept Holborns. Er hatte seine „Sozialgeschichte" unmißverständlich von jeder materialistischen Geschichtsauffassung abgegrenzt: „Wenn ich auch die Notwendigkeit der Sozialgeschichte in Verbindung mit der Ideengeschichte vertrete, 27 Vgl. Loesdau, Alfred, Der Präsentismus in der bürgerlichen Historiographie der USA, in: Zeitschrift der Geschichtswissenschaft, Berlin 71966. 28 Holborn, Hajo, The History of Ideas, in: The American Historical Review, New York, Vol. LXXIII, H. 3, F e b r u a r 1968, S. 688 ff.

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so behaupte ich jedoch nicht, daß die Entwicklung der Ideen ökonomisch interpretiert werden muß, am allerwenigsten im marxistischen Sinn, der darauf beruht, daß Ideen durch bloße Superstruktur des ökonomisch bedingten Klassenkonflikts entstehen 29 ." Andere Historiker geben sich dem Marxismus gegenüber aufgeschlossener. Iggers hat derartige Verfahren mit der Feststellung kommentiert: „Die westliche Historie hat vielfach marxistische Hypothesen und Methoden übernommen, ohne (wenn man von einigen Beispielen absieht) den historischen Materialismus als eine integrale Geschichtsphilosophie zu rezipieren 30 ." Damit ist die Grenze geschichtsmethodologischer Experimente und Modifizierungen der bürgerlichen Historiographie genannt. Es geht auch der amerikanischen Historiographie absolut nicht um die wissenschaftliche Erkenntnis der Gesetzmäßigkeiten der gesellschaftlichen Entwicklung. Das Schlagwort vom „Methodenpluralismus" soll die gegenwärtige Historiographie im Unterschied zu Methoden, „die im 19. Jahrhundert entstanden und angesichts der sozialen und wissenschaftlichen Fortentwicklung der Gegenwart nur noch begrenzt relevant sind 31 ", als modern und weltoffen erscheinen lassen. Einen großen Einfluß auf das bürgerliche Geschichtsdenken in den USA übten besonders seit den dreißiger Jahren die Ansichten des bürgerlichen deutschen Soziologen Max Weber aus, einen Einfluß, der bis in die Gegenwart anhält 3 2 . Theodor Schieder hat erst auf dem jüngsten Internationalen Historikerkongreß in Moskau hervorgehoben, daß gerade Webers „Idealtypen" gedankliche Konstruktionen seien, die nicht der historischen Wirklichkeit entsprächen. Auf dieser Grundlage sei die Sozial^ geschichte — im Unterschied zur Geschichte als Hilfswissenschaft der Sozialwissenschaften — als Bestandteil der Historiographie zu akzeptieren. Der amerikanische Historiker Fritz Stern hat darauf aufmerksam gemacht, daß die „Spannung zwischen Geschichtswissenschaft und Sozialwissenschaft" überall existiert, aber doch „hauptsächlich ein deutsches Problem" sei. Die Bundesrepublik „könnte einen großen Sprung vorwärts machen, indem die älteren Disziplinen, wie die Geschichte, sich mit den neueren, wie Soziologie, f ü r spezielle Zwecke verbinden — um zusammen modernen Menschen die moderne Welt verständlich zu machen 33 ". Die Spezifik des politischen Konservatismus jener amerikanischen Historiker, deren historisch-politische Konzeptionen regierungs29 Ebenda, S. 694. 30 Iggers, Georg G., Die westliche Geschichtswissenschaft der Gegenwart, a.a.O., Sp. 927. 31 Ebenda. 32 Vgl. Streisand, Joachim, Max Weber: Politik, Soziologie und Geschichtsschreibung, in: Die bürgerliche deutsche Geschichtsschreibung, a.a.O. 33 Stern, Fritz, Rationalismus un d Irrationalismus in Deutschland (Arbeitsgruppenbericht), in: A u f k l ä r u n g heute — Probleme der deutschen Gesellschaft. Ein Tagungsbericht, Freiburg 1967, S. 57 ff.

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strategische B e d e u t u n g besitzen — weswegen sie von den Geschichtsrevisionisten „Hofhistoriker" genannt w u r d e n —, besteht objektiv in einer flexiblen pseudowissenschaftlichen V e r b r ä m u n g regierungspolitischer Konzepte. Damit soll Iggers weder m i t der geschichtstheoretischen Position etwa der „Sozialgeschichte" noch mit dem politischen Konservatismus der dominierenden bürgerlichen Historiographie der ÜSA identifiziert werden. Es geht u m die Kennzeichnung entscheidender S t r u k t u r e l e m e n te dieser Historiographie, wie sie bei Iggers als m e h r oder weniger verbindliche Norm f ü r die Geschichtsschreibung erscheinen und damit die Grenzen seiner K r i t i k fixieren. Iggers h a t die Wurzeln des „deutschen Historismus" („vom kosmopolitischen und kulturbezogenen Nationalismus Herders zum staatsbezogenen Nationalismus der Befreiungskriege 3 4 " analysiert und hervorgehoben, daß die zweifelsohne ursprünglich v o r h a n d e n e n progressiven Seiten des bürgerlichen „deutschen Historismus" durch konservative Ideenkomplexe (so besonders durch die Idee der „Staatsräson") ersetzt w u r d e n . Der Behauptung, daß der „deutsche Historism u s " dadurch „auch sein Wesen v e r ä n d e r t " 3 5 habe, k a n n schließlich ebenfalls nicht zugestimmt werden. Er w a r als bürgerliche Geschichtstheorie und -ideologie stets eng mit der Entwicklung seiner sozialen Basis, dem B ü r g e r t u m , v e r b u n d en — wodurch sich niemals sein Wesen, sondern eher analog der Verratspolitik der deutschen Bourgeoisie seine gesellschaftliche Funktion (von einer relativ progressiven in eine reaktionäre Geschichtstheorie) wandelte. Was die ideelle S t r u k t u r des bürgerlichen „deutschen Historismus" betrifft, so müssen w i r feststellen, daß er von Iggers in seinem engen Zus a m m e n h a n g mit der bürgerlichen deutschen Philosophie (als Reaktion auf die Naturrechtslehre) charakterisiert worden ist. Insbesondere die Machtstaat-Idee w a r theoretisch grundlegend f ü r die historisch-politische Konzipierung der bürgerlichen deutschen Historiographie. In dieser Hinsicht unterscheidet sie sich von der angelsächsischen Historiographie, deren geschichtstheoretische Voraussetzungen ein flexibleres und variableres Herangehen an die Geschichte ermöglichen und die sich d a r u m f ü r die bürgerliche Ordnung als effektive r erwiesen hat. Was jedoch das Wesen des bürgerlichen „deutschen Historismus" betrifft , so ist die Analyse in theoretischer und politischer Hinsicht unbedingt weiterzuführen. Die Ablehnung objektiver historischer Gesetzmäßigkeiten und das auf dem „deutschen Historismus" ber u h e n d e reaktionäre militaristische, volksfeindliche und antikommu nistische Geschichtsbild sind zwar spezifische Merkmale der bürger lich-imperialistischen deutschen Historiographie — jedoch ist die Wesensgleichheit mit der angelsächsischen Historiographie nicht von der H a n d zu weisen. Die bürgerliche Historiographie zeichnet sich generell durch eine Antiposition gegenüber dem Marxismus-Leninis34 Iggers, Georg G., Deutsche Geschichtswissenschaft, a.a.O., S. 43 ff. 35 Ebenda, S. 61.

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mus in Theorie und Praxis aus. Sie ist letztlich in philosophischer Hinsicht idealistisch, mehr oder weniger weitgehend Subjektivismus und Relativismus verfallen, sie verzerrt das dialektische Wechselverhältnis in der Entwicklung von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen, wobei insbesondere die gesellschaftlichen Haupttriebkräfte wenn überhaupt, dann sehr einseitig — oft strukturalistisch — betrachtet werden. Die bürgerliche Geschichtsschreibung ist als ideologiebildende Kraf t den Gesetzen der geistig-kulturellen Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft unterworfen und der imperialistischen Politik verhaftet. Der bürgerliche Historismus hat im Herrschaftssystem des staatsmonopolistischen Kapitalismus bestimmte Strategie- und bewußtseinsbildende Funktionen wahrzunehmen und ist darum f ü r die Bourgeoisie unentbehrlich. Das schließt jedoch Strukturänderungen, Funktionswandlungen und Widersprüchlichkeiten im Rahmen des bürgerlichen Historismus — und somit auch in der Entwicklung des „deutschen Historismus" — nicht aus. Zur Krise des „deutschen Historismus" Die Geschichtswissenschaft in der Krise? Mit dieser Frage beginnen gewöhnlich Analysen der bürgerlichen Historiographie der Gegenwart. Sie ist auch der Ausgangspunkt der Behandlung des Stichwortes „Geschichtswissenschaft" durch Georg G. Iggers in der vornehmlich amerikanisch-westdeutschen Enzyklopädie „Sowjetsystem und demokratische Gesellschaft" 38. Offensichtlich genügt die bürgerliche Geschichtswissenschaft nicht den Ansprüchen imperialistischer Ideologie und Politik in der Gegenwart. Es fehlt nicht an Kassandrarufen wie „Geschichte im Todeskampf" 37 . Auch Iggers hat vermerkt: „Es gibt keine gültige historische Methode m e h r . . . 38 ." Die bürgerlichen Ideologen führen diesen Zustand nicht auf die Krise des imperialistischen Systems zurück, sondern reduzieren sie lediglich auf einen Methodenstreit. Dabei sei — so Iggers — vor allem in Ländern wie Frankreich und den USA, in denen.dieser Streit zugunsten der Praktizierung sozialwissenschaftlicher Methoden geschlichtet worden ist, eine rasche Vorwärtsentwicklung der Historiographie zu verzeichnen. So erklärt sich die Kritik von Iggers gerade an der bürgerlichen deutschen Geschichtsschreibung, die eine derartige Effektivität nicht aufzuweisen habe: „Nicht eine Krise der Geschichtsschreibung als solcher ist eingetreten, sondern die theoretischen Voraussetzungen und die Methoden der klassischen idealistischen Tradition der Geschichtsschreibung sind zunehmend in Frage gestellt worden. In Deutschland, wo diese Tradition am tiefsten verwurzelt war, gab es den stärksten Widerstand gegen einen Bruch mit den klassischen For36 wart, 37 tober 38 wart,

Iggers, Georg G., Die westliche Geschichtswissenschaft der Gegena.a.O. Gerteis, Klaus, Geschichte im Todeskampf, in: Die Welt, v. 24. Ok1970. Iggers, Georg G., Die westliche Geschichtswissenschaft der Gegena.a.O., Sp. 914.

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men der Geschichtsschreibung, und hier kann man eher als anderswo von einer ,Krise des Historismus' sprechen 39 ." Also nicht die ganze Familie ist erkrankt, sondern lediglich ein ziemlich ungeratenes Kind dieser Familie ist noch nicht ganz gesund. Es spreche jedoch manches dafür, „daß die Wendung zu ausgeprägt sozialen Fragestellungen die traditionelle Orientierung der deutschen Geschichtswissenschaft in der BRD völlig in den Hintergrund drängen wird 4 0 ". Abgesehen davon, daß eine Betrachtung der Präsidentialadressen der American Historical Association genügend Krisenerscheinungen offenbart, so haben die amerikanischen Historiker höchstens einen gewissen Vorlauf erreicht, der ihr Fach in die Lage versetzt hat, den ihm von der bürgerlichen Gesellschaft übertragenen Funktionen besser zu entsprechen, als es den westdeutschen Geschichtsgelehrten gelungen war, die noch — einige mehr, andere weniger — dem „deutschen Historismus" anhingen 4 1 . Es geht immer wieder um die Wirksamkeit der bürgerlichen Geschichtsschreibung — das heißt objektiv um deren Befähigung zu Manipulation und Diversion — im Rahmen des imperialistischen Herrschaftssystems. Die Krise bürgerlicher Historiographie ist darum in erster Linie gesellschaftlicher und politischer Natur. Die Spezifik der Krise des „deutschen Historismus", von der die bürgerlichen Gelehrten so viel reden, ist nur aus den politischen und ökonomischen Besonderheiten der Entwicklung des Kapitalismus in Deutschland zu erklären. Im Zusammenhang mit der Analyse der „Preußischen Schule" in der bürgerlichen deutschen Geschichtsschreibung geht Iggers auf das „Versagen" des deutschen Liberalismus ein. Dabei konstatiert er die Möglichkeit, „daß die Historiker weder ihre Grundsätze opferten noch sich einer unausbleiblichen Notwendigkeit beugten", sondern „ihr Freiheitsbegriff... bereits vor 1848 von dem der westlichen Liberalen verschieden (war), daß sie bei der Unterordnung freiheitlicher unter nationalistische Interessen anno 1848 und später nicht gegen, sondern im Einklang mit ihren liberalen Prinzipien handelten 4 2 ". Es wird einmal mehr offensichtlich, daß f ü r Iggers' Interpretation der „westliche Liberale" Modell steht. Iggers steht auf dem Boden des bürgerlichen Liberalismus angelsächsischer Prägung, den er abstrakt als „Bejahung des absoluten Wertes menschlicher Persönlichkeit und Würde und der Rechte des einzelnen, seine Fähigkeit zu entfalten", definiert 4 3 . Er vertritt bestimmte liberalgefärbte, vom bürgerlichen Humanismus beeinflußte Demokratieauffassungen. Im Grunde bejaht er jedoch das bürgerliche System, wenn es seiner Meinung nach auch mit anderen Mitteln erhalten werden sollte, als sie 39 Ebenda, Sp. 916. 40 Ebenda, Sp. 924. 41 Ebenda. 42 Iggers, Georg G., Deutsche Geschichtswissenschaft, a.a.O., S. 123 (Hervorhebung von mir, A. L.). 43 Ebenda, S. 369; vgl. auch S o v r e m e n n a j a b u r s h u a z n a ja ideologija v SSA (nekotoryje socialjno-ideologiceskije problemy), Moskau 1967.

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beispielsweise von den Anhängern des „deutschen Historismus" gepriesen und praktiziert worden waren. Damit ist die Grenze seiner Kritik abgesteckt. Diese Grenze ist f ü r bestimmte bürgerliche Historiker — die in einer zu weitgehenden Kritik an der Historiographie des europäischen Hauptverbündeten der USA eine Gefahr sehen — zu weit gezogen. So hat der amerikanische Historiker W. M. Simon die von Iggers nachgewiesene Kontinuitätslinie in der bürgerlichen deutschen Historiographie ablehnend rezensiert 44 . Die politische Brisanz dieser Problematik wird an folgendem Beispiel deutlich. Die westdeutsche Fassung des Iggersbuches ist um eine detailliertere Darstellung der Entwicklung der bürgerlichen Historiographie im faschistischen Deutschland erweitert worden 45 . Iggers stellt dabei unter anderem fest — was die personelle Zusammensetzung betrifft — daß die west-„deutsche Historikerzunft . . . nach 1945 relativ unverändert (blieb) 48 ". Er polemisiert auch gegen Wolfgang Mommsens Auffassung, daß die faschistische Zeit entscheidendes Kriterium f ü r eine Zäsur des bürgerlichen Geschichtsdenkens in Deutschland im Sinne seiner Demokratisierung sei. Ein tieferer Bruch ist nach Iggers die Niederlage des Deutschen Reiches im Zweiten Weltkrieg. Er ist aber auch bereit, die Relativität und Unvollkommenheit dieses Bruches zuzugeben und geht so weit, einzugestehen: „Radikale Umschreibung der deutschen Geschichte gab es kaum; vor allem nicht außerhalb der DDR 47 ." Mit dieser Einschätzung ist Iggers wesentlich weiter gegangen als die herkömmliche bürgerliche Geschichte der Geschichtsschreibung. Meinecke und Ritter hätten lediglich versucht, „den deutschen Idealismus und die nationale politische Tradition zu rechtfertigen 48 ". Die in der BRD von Meinecke geprägte vorherrschende Richtung in der Historiographie „ist aber trotzdem konservativ und nationalistisch; sie steht in der traditionellen Linie des deutschen Historismus 49 ". Bürgerlichen Historikern geht diese Interpretation gewiß zu weit. Gleichwohl ist diese Analyse vom wissenschaftlich exakten Standpunkt inkonsequent. Iggers hat die spezifische Entwicklungslinie der bürgerlichen deutschen Historiographie auf den (sich auf die klassische deutsche Philosophie stützenden und dem deutschen Liberalismus entsprechenden) extremen bürgerlichen deutschen Nationalismus zurückgeführt. Dabei wird der Nationalismus zur Zeit der Befreiungskriege von ihm ebenfalls mit negativen Vorzeichen versehen. Eine derartige Einschätzung ist aber einseitig, denn sie geht nicht auf die progressive Bedeutung der bürgerlichen Nationsidee für 44 Vgl. The American Historical Review, New York, v. Februar 1969, S. 1019 u n d v. Oktober 1969, S. 330 f. 45 Iggers, Georg G., Deutsche Geschichtswissenschaft, a.a.O., 3. Abschnitt, S. 318 ff. 46 Ebenda, S. 327. 47 Ebenda, S. 339. 48 Ebenda, S. 341.

49 Ebenda, S. 350.

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den damaligen Kampf der Volksmassen um den gesellschaftlichen Fortschritt unter den Bedingungen der napoleonischen Fremdherrschaft und auch des Feudalabsolutismus in den deutschen Ländern ein. So kann Iggers auch der Rolle Wilhelm von Humboldts nicht gerecht werden, wenn er ihn lediglich als Vorläufer Rankes und Meineckes interpretiert. Dazu stand Humboldt doch zu sehr unter dem Einfluß der Ideen der Aufklärung und denen der Französischen Revolution, ganz zu schweigen von seinen Leistungen auf kulturpolitischem Gebiet. Die Herausbildung der bürgerlichen Nation im Kampf gegen die feudalabsolutistischen Zustände hat in der Geschichte generell eine progressive Rolle gespielt. Insofern kommt auch der bürgerlichen Nationsidee im geistigen Leben eines Volkes eine — den Bedingungen der damaligen Zeit entsprechende — positive Bedeutung zu. Der Hebel der Kritik an dieser Idee ist an einem anderen Punkt anzusetzen. Die bürgerliche Nation ist alles andere als eine widerspruchslose und harmonische ethische Gemeinschaft, wie sie Philosophen und Historiker oft darzustellen versuchen. Gerade der geschichtswissenschaftliche Nachweis, daß die bürgerliche Nation von Anbeginn an in Klassen und Klassengegensätze zerrissen war, ist f ü r die Widerlegung derartiger Darstellungen von Bedeutung. Die Entwicklung der bürgerlichen Nation wird von zwei Klassenlinien durchzogen, der bürgerlich-imperialistischen und der Linie der Volksmassen —• vornehmlich der Arbeiterklasse. Es ist nicht zuletzt f ü r die Auseinandersetzung mit dem Nationalismus imperialistischer deutscher Ideologen erforderlich, den Schleier einer angeblichen klassenindifferenten Einheit der Nation zu zerreißen, um jeglichen Illusionen einer baldigen „Wiedervereinigung" des 1945 untergegangenen Deutschen Reiches entgegenzutreten. Unter diesem Aspekt ist eben die positive Rolle der bürgerlichen Nationsidee Ausdruck der progressiven Funktion der bürgerlichen Klasse in ihrer revolutionären Aufstiegsphase. Mit der Bourgeoisie entstand jedoch gleichzeitig die Arbeiterklasse, der eine auf dem Boden des wissenschaftlichen Kommunismus erarbeitete Nationstheorie eigen ist. Im Kommunistischen Manifest ist diese Theorie von Karl Marx und Friedrich Engels kurz aber präzis umrissen worden: „Die Arbeiter haben kein Vaterland. Man kann ihnen nicht nehmen, was sie nicht haben. Indem das Proletariat zunächst sich die politische Herrschaft erobern, sich zur führenden Klasse der Nation erheben, sich selbst als Nation konstituieren muß, ist es selbst noch national, wenn auch keineswegs im Sinne der Bourgeoisie 50 ." Diese Linie kulminiert schließlich in der Herausbildung sozialistischer Nationen und — was die deutsche Geschichte betrifft — in der sich in der DDR entwickelnden sozialistischen Nation, die den Prinzipien des proletarischen Internationalismus und dem Charakter der modernen Epoche des Übergangs vom Kapitalismus zum Sozialismus 50 Karl Marx, Friedrich Engels, Manifest der Kommunistischen Partei, in: Karl Marx, Friedrich Engels, Werke, Bd. 4, Berlin 1969, S. 479.

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im Weltmaßstab gemäß fest in das sozialistische Weltsystem eingebettet ist. Von Iggers' Kritik am bürgerlichen deutschen Nationalismus, wie er vor allem seinen Ausdruck im bürgerlichen „deutschen Historismus" gefunden hatte, wird dieser Aspekt nicht erfaßt. Sie beschränkt sich auf die Verurteilung des in der amerikanischen Historiographie immer als „extremer Nationalismus" bezeichneten Spezifik der Ideologie der deutschen Bourgeoisie im Unterschied etwa zu den Nationsauffassungen der englischen oder amerikanischen Bourgeoisie und übersieht, daß es sich hier lediglich um zwei Formen einer Gesellschaftsideologie handelt. Ähnliche Unterschiede hat es auch auf anderen Gebieten der gesellschaftlichen Entwicklung gegeben, ohne daß sich am Charakter des Kapitalismus irgend etwas geändert hätte. So unterschied W. I. Lenin zwischen „den zwei Entwicklungswegen des Kapitalismus in der Landwirtschaft. Ich bezeichne sie als den preußischen und den amerikanischen Weg. Der erste ist dadurch gekennzeichnet, daß die mittelalterlichen Grundbesitzerverhältnisse nicht mit einem Schlage vernichtet werden, sondern daß sie sich langsam dem Kapitalismus anpassen, dem infolgedessen noch lange Zeit hindurch halbfeudale Züge a n h a f t e n . . . Dadurch wurde die soziale und politische Herrschaft der Junker nach der Revolution von 1848 auf Jahrzehnte hinaus gefestigt und die Produktivkräfte der Landwirtschaft in Deutschland entwickelten sich langsamer als in Amerika 5 1 ". Die Ideologie der deutschen Bourgeoisie — und mit ihr der „deutsche Historismus" — hat im Grunde genommen diese ökonomischen und politischen Verhältnisse reflektiert. Hier liegt eine der Wurzeln f ü r die besondere Aggressivität, wie sie dem deutschen Imperialismus, der international „zu spät kam", im 20. Jahrhundert eigen wurde. Von hier aus ist die Spezifik der „Krise des deutschen Historismus" zu klären. Karl Marx hat ebenfalls die preußisch-deutschen ökonomischen Verhältnisse und die ihnen entsprechenden Ideologien mit denen des fortgeschrittenen Kapitalismus verglichen und f ü r seine Zeit festgestellt: „Die englischen Verhältnisse sind die einzigen, worin sich das moderne Grundeigentum, das heißt, das durch die kapitalistische Produktion modifizierte Grundeigentum adäquat entwickelt hat. Die englische Anschauung ist hierfür die moderne, die kapitalistische Produktionsweise die klassische. Die pommersche dagegen beurteilt die entwickelten Verhältnisse nach einer historisch niedrigeren, noch nicht adäquaten Form 5 2 ." Auch der bürgerliche Historismus der deutschen Bourgeoisie war im Verhältnis zur amerikanischen auf dem Pragmatismus beruhenden Geschichtsauffassung eine noch nicht adäquate Form, ist gewissermaßen „pommersche" Geschichtsbetrachtung.

51 W. I. Lenin, Werke, Bd. 15, Berlin 1962, S. 131 f. 52 K a r l Marx, Theorien über d e n M e h r w e r t (Vierter Band des „Kapital"), 2. Teil, Berlin 1969, S. 231.

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Wenn nun nach Iggers gegenwärtig manches dafürspricht, daß eine Wendung zur Sozialgeschichte „die traditionelle Orientierung der deutschen Geschichtswissenschaft in der BRD 63 " verdrängen wird, erhebt sich die Frage, worauf sich seine Hoffnungen stützen und inwieweit diese Hoffnungen berechtigt sind. Zum „Methodenpluralismus" in der Geschichtsschreibung der Gegenwart Iggers erklärt sich außerstande, eine Alternative zum bürgerlichen „deutschen Historismus" zu entwickeln: „Die Frage kann nur aufgeworfen, nicht aber im Rahmen dieses Buches eine Antwort gewagt werden 5 4 ." Er spricht lediglich einer Verschmelzung von sozialer und politischer Geschichte das Wort 55 . In seinem Beitrag „Geschichtswissenschaft" in der Enzyklopädie „Sowjetsystem und demokratische Gesellschaft" sind seine Vorstellungen etwas deutlicher geworden, ohne daß jedoch auch hier ein Alternativkonzept dargelegt worden ist. Zunächst ist er sich der Frage nach dem Verhältnis zur marxistischen Geschichtsauffassung durchaus bewußt: „Die Entwicklung der gegenwärtigen historischen Forschung des Westens ist kaum zu verstehen, wenn man den Dialog außer acht läßt, der mit den Marxisten direkt und indirekt geführt worden ist 56 ." Für Iggers ist die marxistische Geschichtsauffassung keine Alternative. Dem Marxismus gegenüber ist er bei aller wissenschaftlichen Objektivität und politischen Toleranz befangen, was sich, nicht zuletzt in der Praktizierung der imperialistischen Totalitarismusdoktrin äußert. Dafür spricht auch seine Mitarbeit an der Enzyklopädie „Sowjetsystem und demokratische Gesellschaft", die eindeutig eine Art Kompendium antikommunistischer Ideologie darstellt. Iggers hilft damit objektiv, einen als wissenschaftlich ausgegebenen Antikommunismus zu verbreiten. Für ihn besteht der Marxismus-Leninismus aus „unveränderlich postulierten Axiomen", durch die die Methoden historischer Forschung „von vornherein" eingeschränkt werden. Das schließt nicht aus, daß der „orthodoxe Marxismus" ebenso wie der „klassische Idealismus" in der Historiographie „noch Gültiges beisteuern" könnten. Letztlich wären sie aber eben „nur noch begrenzt relevant" 57. Die „pragmatische westliche Historiographie" sei sowohl dem historischen Materialismus wie dem „deutschen Historismus" überlegen. Hier werden Inkonsequenz und Widersprüchlichkeit von Iggers am deutlichsten. Leider läßt er nicht genügend erkennen, welche 53 Iggers, Georg G., Die westliche Geschichtswissenschaft der Gegenwart, a.a.O., Sp. 924. 54 Ders., Deutsche Geschichtswissenschaft, a.a.O., S. 376. 55 Vgl. ebenda, S. 354. 56 Ders., Die westliche Geschichtswissenschaft der Gegenwart, a.a.O., Sp. 927.

57 Ebenda.

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Methoden durch den historischen Materialismus eliminiert worden wären. Offenbar kennt er ihn doch weniger in seiner wirklichen, sondern mehr in seiner „rezipierten" Form. Es bleibt eigentlich nur noch die Frage, wie aus der „traditionellen Geschichtsauffassung" der deutschen Bourgeoisie eine von ihm angeführte pragmatische Geschichtswissenschaft werden kann. Iggers hat sich hier in den „Methodenpluralismus" gerettet. Er hält sowohl „reine Diplomatiegeschichte" f ü r überholt und verweist auch auf „bestimmte Grenzen" der sozialgeschichtlichen Betrachtung wie der quantitativen Methode. Er gelangt unausbleiblich zur Bilanz: der historische Materialismus eine Methode neben anderen, der Einfluß des „deutschen Historismus" zurückgewichen, einzig die „pragmatische westliche Historiographie" als Orientierungsmaßstab. So wie er die Krise des „deutschen Historismus" nicht als Ergebnis der allgemeinen Krise des Kapitalismus auffaßt und auch nicht in erster Linie auf die systemimmanente reaktionäre und besonders aggressive Politik des preußisch-deutschen Staates zurückführt, sondern nur als eine unvermeidliche Begleiterscheinung der militärischen Niederlage im Ersten Weltkrieg ansieht, so wird auch das Wesen der nach 1945 herbeigeführten Modifikation der in der Bundesrepublik dominierenden Historiographie im Grunde nicht erfaßt. Aus Schieders und Conzes Seminaren seien demokratisch gesinnte Historiker hervorgegangen, die von der deutschen idealistischen Tradition unabhängig seien. Er hofft schließlich auf eine „Wachablösung" in der westdeutschen Historikerschaft 68 . Hier werden die Illusionen über die BRD-Historiographie besonders sichtbar, denn die in der BRD dominierende bürgerliche Historiographie hat weder ihr Wesen geändert noch ist der „deutsche Historismus" endgültig überholt 59 . Waldemar Besson — einer dieser Historiker aus Schieders und Conzes Seminaren — hat festgestellt, daß bestimmte Elemente des „deutschen Historismus" (besonders das Individualitätsprinzip) „unantastbar" und durchaus f ü r die „Zukunft der Geschichtswissenschaft" von Bedeutung seien 60 . Derartige Überlegungen spielen beispielsweise in der bürgerlichen Ideengeschichte immer wieder eine Rolle 61 . Selbstverständlich wird ein — vornehmlich sozialgeschicht58 Ders., Deutsche Geschichtswissenschaft, a.a.O., S. 354 u. 364. 59 Vgl. Lozek, Gerhard, Syrbe, Horst, Geschichtsschreibung contra Geschichte, a.a.O.; Kritik der bürgerlichen Geschichtsschreibung, a.a.O.; Schmidt, Walter, Zur historisch-politischen Konzeption des Heidelberger „Arbeitskreises f ü r moderne Sozialgeschichte", in: Beiträge zur Geschichte der Arbeiterbewegung, Berlin 4 1971. 60 Besson, Waldemar, Stichwort Historismus, in: Das Fischer Lexikon Geschichte, F r a n k f u r t am Main 1961, S. 116. 61 Vgl. Holborn, Hajo, T h e History of Ideas, a.a.O.; Schieder, Theodor, Politische Ideengeschichte, in: Historische Zeitschrift, München, Bd. 212, H. 3, S. 615 ff. ; Wittram, Reinhard, Anspruch und Fragwürdigkeit der Geschichte, Göttingen 1969; Hölzle, Erwin, Idee un d Ideologie. Eine Zeitkritik aus universalhistorischer Sicht, Bern-München 1969.

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lieh aufpolierter Historismus f ü r empfehlenswert gehalten. Wolfgang Mommsen, ebenfalls einer dieser Historiker — beschwört die Freiheit des Individuums, jedoch die moderne Geschichtswissenschaft „müßte schließlich die von der englischen und französischen Sozialgeschichtsschreibung entwickelten Methoden aufgreifen, um die Geschichte der heutigen Gesellschaft als einer individuellen Totalität schreiben zu können 6 2 ". Er hält diese Entwicklung f ü r erforderlich, um „der Herausforderung der Geschichtsschreibung der kommunistischen Welt erfolgreich entgegentreten (zu) können 6 3 ". Damit ist auch klar, daß die imperialistische Historiographie in der BRD vor allem modifiziert wird, um zu einer effektiveren antikommunistischen Ideologie zu gelangen, und daß damit Illusionen über derartige „Verbesserungen" äußerst gefährlich werden können.

Iggers sind derartige Illusionen eigen. Aber in einigen Punkten hebt er sich in seiner Sicht von der vorherrschenden Richtung der westdeutschen Historiographie, aber auch von führenden Darstellungen in den USA zu dieser Thematik ab. Sein Vorzug besteht darin, daß er den Finger auf wunde Stellen der bürgerlichen Geschichtsschreibung der BRD legt und ihr — wenn auch vorwiegend auf ideengeschichtlicher Ebene — wesentliche Schwächen und Widersprüche nachweist. Dabei hat er historiographische Interpretationen aus der Sowjetunion und der DDR ausgewertet 64 . Zudem sind bestimmte Differenzen zwischen der amerikanisch-westeuropäischen Historiographie und der der BRD sichtbarer geworden. Letztlich bleibt seine Darstellung jedoch eine Auseinandersetzung im Rahmen der bürgerlichen Geschichtsschreibung. Die Grenzen der Kritik sind ihm durch seinen bürgerlichen Klassenstandpunkt gesetzt worden. Aber dadurch, daß Iggers bestimmte Wahrheiten offen aussprach, lohnt sich die Analyse einiger Ergebnisse seines Buches. 62 Mommsen, Wolfgang, Stichwort Historisches Denken der Gegenwart, in: Das Fischer Lexikon Geschichte, a.a.O., S. 102. 63 Ebenda. 64 Vgl. Kon, I. S., Die Geschichtsphilosophie des 20. J a h r h u n d e r t s. Kritischer Abriß, Bd. I, Die Geschichtsphilosophie der Epoche des Imperialismus, Berlin 1964, Bd. II, Philosophie u n d Geschichtsschreibung. Geschichtsphilosophische Fragen der heutigen bürgerlichen Historiographie, Berlin 1964; Kritik der bürgerlichen Geschichtsschreibung, a.a.O.

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Theorie und Geschichte Zur Konzeption der modernen westdeutschen Sozialgeschichte Im folgenden soll der Versuch unternommen werden, Selbst Verständnis, Methode und Funktion einer Art von Geschichtstheorie darzustellen, die spätestens seit der Mitte der 60er Jahre in den Vordergrund der westdeutschen Geschichtswissenschaft gerückt ist. Ihr programmatischer Titel — „Moderne deutsche Sozialgeschichte" — so der einschlägige NWB-Band, veranlaßt zunächst zu untersuchen, wogegen sie sich abgrenzt und worin ihre Modernität besteht I. Selbstverständnis Der erste Teil der Fragestellung wird von den Historikern weitgehend einheitlich beantwortet: Man distanziert sich vom traditionellen deutschen Historismus; das sinnfälligste Beispiel für diesen Abschied von der bisherigen Geschichtswissenschaft bietet das Buch des Deutschamerikaners Georg G. Iggers, das den Historismus von seinen Ursprüngen bis zum „Verfall der deutschen Geschichtsidee" verfolgt 2. Definitionen des Historismus nennen zumeist: den Individualitätsgedanken, den Relativismus und das damit verbundene Werturteilsproblem; die mit der Frage des Wertens verknüpfte Übersteigerung der Staatsidee und schließlich die seit Droysen gegen die Soziologie gerichtete Frontstellung in der Differenzierung von Geistes- und Naturwissenschaften bzw. der individualisierenden und generalisierenden Methode 3 . Die Gesamteinschätzung des Historis1 Natürlich k a n n hier n u r die Richtung angedeutet werden, in die eine weitere Kritik gehen könnte. Hinzu kommt, daß n u r die zweite Phase der Rezeption der Soziologie behandelt wurde, der eigentlich eine Auseinandersetzung mit der A n n ä h e r u n g an die konservative Soziologie (Freyer, Spann, C. Schmitt, O. Brunner) vorauszugehen hätte. 2 Georg G. Iggers: Deutsche Geschichtswissenschaft. Eine Kritik der traditionellen Geschichtsauffassung von Herde r bis zur Gegenwart, M ü n chen 1971. 3 Vgl. dazu: Fritz Fischer: Aufgaben und Methoden der Geschichtswissenschaft, in: Geschichtsschreibung. Epochen, Methoden, Gestalten; Hrsg. J ü r g e n Scheschkewitz, Düsseldorf 1968, S. 9 f. — Waldemar Besson: Artikel: ,Historismus' in: Das Fischer-Lexikon der Geschichte, S. 103 — Hans-Ulrich Wehler: Moderne deutsche Sozialgeschichte, Köln—Berlin 1968®, NWB Bd. 10, S. 9 — Eckart K e h r : Neuere deutsche Geschichtsschreibung, in: Der P r i m a t der Innenpolitik. Ges. Aufsätze, Hrsg. H.-U. Wehler, Berlin 1965, S. 255 ff. — H a n s Mommsen: Sozialgeschichte, in: Moderne deutsche Sozialgeschichte, S. 27.

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mus ist durch eine pragmatisch-politische Argumentation und durch eine ihm noch selbst verpflichtete methodische Überlegung bestimmt: Man habe sich bei dem Ansatz, den historischen Prozeß als eine Abfolge geistiger Wesenheiten zu betrachten, so sehr an den preußischdeutschen Staat und dessen Institutionen fixiert, daß nach dem Untergang des Deutschen Reiches dieser Geschichtsauffassung der Boden entzogen sei. An die Stelle der bisherigen Kontinuität der deutschen Geschidite müsse man deren „Diskontinuität" setzen. Damit sei der Traditionszusammenhang zerrissen, der die Vergangenheit der verstehenden Interpretation zugänglich gemacht habe; dieses Resultat der deutschen Geschichte werde noch verschärft durch den Einbruch der „industriellen Welt", der die Gegenwart der Geschichte entfremde: „Geschichte wird nicht mehr von dem Hochgefühl getragen, daß der Zeitgeist mit ihr verbündet ist, ja daß sie selbst der Zeitgeist ist, sondern sie bildet ihr Bewußtsein aus der tiefen Betroffenheit durch eine der Geschichte widerstrebende Gegenwart" 4. Ähnlich urteilen Werner Conze und Hans Mommsen; beide beziehen sich auf einen Vortrag Huizingas aus dem Jahre 1941 5 : „Über eine Formveränderung der Geschichte seit der Mitte des 19. Jahrhunderts." Geschichte, so wird dort ausgeführt, könne nicht mehr als Handlung einzelner „dramatis personae" aufgefaßt werden; das wachsende Übergewicht der wirtschaftlichen Faktoren habe eine objektive Veränderung des historischen Prozesses hervorgebracht, eben jene Formlosigkeit, die mit den Mitteln der traditionellen Geschichtsschreibung nicht mehr zu bewältigen sei; beide kommen zu dem Schluß, die Veränderung des historischen Prozesses selbst erzwinge eine Änderung der historischen Methode 6. Diese neue Wissenschaft ist die Struktur- oder Sozialgeschichte. Conze definiert sie — zugleich unter Entlehnung einiger Termini der französischen „Annales"-Schule (Braudel) — als eine Art Synthese zwischen der „histoire événementielle" und der „histoire des structures": Auf jeden Fall soll jetzt sowohl individualisierend als auch generalisierend gearbeitet werden. Ähnlich nimmt Mommsen den „Bewegungsrhythmus" der gesellschaftlichen Strukturen aus der „politischen, allgemeinen" Geschichte heraus und weist ihn der Sozialgeschichte als Gegenstand zu 7 . Schließlich habe man eine sozialgeschichtliche Tradition vorzuweisen und weiterzuführen, als 4 Theodor Schieder: G r u n d f r a g e n der neuere n deutschen Geschichte, in: Probleme der Reichsgründungszeit 1848—1879, Hrsg. Helmut Böhme, KölnBerlin 1968, NWB Bd. 26, S. 23. 5 J. Huizinga: I m B a n n der Geschichte. Betrachtungen un d Gestaltungen, Nijmegen 1942. 6 Werner Conze: Die Strukturgeschichte des technisch-industriellen Zeitalters als A u f g a be f ü r Forschung und Unterricht; Arbeitsg. f. F o r schung des Landes Nordrhein-Westfalen, Geisteswissenschaften, Heft 66, 1957, S. 6; Hans Mommsen, Sozialgeschichte, in: Moderne deutsche Sozialgeschichte, S. 31 ff. 7 Conze, Strukturgeschichte des technisch-industriellen Zeitalters, S. 18 ff.; Mommsen, Moderne deutsche Sozialgeschichte S. 33 f.

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deren Hauptvertreter Max Weber, Otto Hintze, Eckart Kehr und Hans Rosenberg fungieren — sogar der arme Lamprecht wird exhumiert 8. Stand bei Conze und Mommsen noch das Interesse im Vordergrund, die Notwendigkeit der Sozialgeschichte überhaupt zu begründen, so ist Hans-Ulrich Wehler neben Hans Rosenberg einer der ersten, die versuchen, nun wirklich in Anlehnung an die Soziologie und ihre Theoriebildung Geschichte zu schreiben. Die methodische Forderung, wie sie von dem Außenseiter Norbert Elias noch vorsichtig formuliert wurde, der Historiker müsse, um einen „festen Halt" zu haben, wie der Forscher der „reiferen Wissenschaften" Modelle, Hypothesen und Theorien bilden und an ihnen das Zusammenfügen der Quellen kontrollieren 9 , hat sich f ü r Wehler bereits erfüllt: „Theorie" ist sein Schlag- und Zauberwort, mit der er die traditionelle Geschichtsschreibung aus dem Felde weist. Exemplarisch zitierte er Helmut Böhmes „Deutschlands Weg zur Großmacht" vor den Richterstuhl jener Theorien und befand: „Böhme besitzt augenscheinlich keine präzisen wissenschaftstheoretischen Vorstellungen . . . Böhme arbeitet nicht explizit mit politischen Theorien . . . Der Verfasser arbeitet nicht explizit mit wirtschaftswissenschaftlichen Theorien . . . " 10. Das genügte. Hier wird noch schärfer als bei Conze und Mommsen die Hinwendung zur Soziologie betont. Die Modernität der Sozialgeschichte scheint sich in einer neuen Qualität von Wissenschaftlichkeit niederzuschlagen; dieses Verfahren, „Theorien" bewußt zu verwenden, ist bereits in die Geschichte der Geschichtswissenschaft eingegangen: Iggers kommentiert es als den Beginn der großen „Wachablösung" in der deutschen Historiographie u . II. Methode Offensichtlich begreifen die Vertreter der Sozialgeschichtsschreibung ihren Schritt über den Historismus hinaus als einen Beitrag zu dem alten Problem, die Historie in den Rang einer Wissenschaft zu erheben. Sie setzen diese neu errungene Verwissenschaftlichung der Geschichtsschreibung mit der Verwendung von „Theorien" gleich. Es muß also untersucht werden, um welche Theorien es sich handelt, in welchem methodischen Gesamtkonzept sie angewendet werden und was sie leisten bzw. nicht leisten können. Es muß weiterhin gefragt werden, ob nicht auch in die Voraussetzungen der modernen Sozialgeschichtsschreibung eine Auffassung von der Geschichte eingegangen ist, die ein adäquates Erfassen der Bewegungsweise des historischen Prozesses unmöglich macht und ob die Sozialgeschichte diese Prämissen mit dem Historismus teilt, so daß neben den sicherlich vor8 Z. B. durch Gerhar d Oestreich: Die Fachhistorie und die A n f ä n ge der sozialgeschichtlichen Forschung in Deutschland. HZ 208. 9 Norbert Elias: Die höfische Gesellschaft, Neuwied 1969, S. 16. 10 Wehler, Sozialökonomie und Geschichtswissenschaft, in: Neue politische Literatur, XIV. Jg. 1969, H. 3, S. 355 ff. 11 Iggers, Deutsche Geschichtswissenschaft, S. 363 ff.

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h a n d e n e n Differenzen zugleich die Kontinuität dieser beiden Arten bürgerlicher Geschichtsschreibung beachtet w e r d en m u ß 12. Als p a r a digmatischer Untersuchungsgegenstand soll ein neuerer Aufsatz Hans-Ulrich Wehlers dienen: „Theorieprobleme der modernen deutschen Wirtschaftsgeschichte (1800—1945). Prolegomena zu einer kritischen B e s t a n d s a u f n a h me der Forschung und Diskussion seit 1945." Der schon b e k a n n t e Tenor lautet: „Es scheint keinen Zweifel zu leiden, daß mit der F o r d e r u n g: Theorie und Geschichte bewuß t wieder s t ä r k e r zu verbinden, das keineswegs neue Generalthema auch der deutschen Wirtschaftsgeschichte der Moderne angeschlagen ist" 1S. Zu diesem Generalthema liest Wehler seine Ansichten von überall h e r zusammen: Die F r a g e der Forschungsschwerpunkte löst er f r e i nach Max Weber, das V e r f a h r e n der Ü b e r p r ü f u n g von Theorien möchte er im Sinne von K. R. Popper behandelt sehen, und schließlich hat er bei Marx auch noch ein „weiterführendes Orientierungsschema" gefunden. Sein Aufsatz endet mit einem Plädoyer f ü r die V e r w e n d u n g „moderner Wachstumstheorien". Zwei Eindrücke vorweg: dem sofort sich einstellenden Vorwurf des Eklektizismus 14 h a t Wehler nichts entgegenzusetzen; er n i m m t den Einwand auf und v e r sucht sich u n t e r Hinweis auf die Erfordernisse der Forschungspraxis — ein gewisser Eklektizismus w e r de eher normal als die Ausnahme sein 1 5 — an einer Immunisierungsstrategie. Zum andern fällt das Verhältnis zwischen der doch recht einfachen Bewegung der Gedanken und den Massen von mitgeschleppten Literaturnachweisen auf: Falls n u r beabsichtigt ist, vor der staunenden Z u n f t auszubreiten, was es alles gibt, m a g es noch angehen — Wehlers Zitierweise müßte aber als unseriös bezeichnet werden, wollte er den Eindruck erwecken, dies alles sei tatsächlich verarbeitet. Eine gewisse O r d n u n g dieses Theorieangebots ist n u r insofern erreicht, als alle Ansätze in das methodische Gesamtkonzept der Weberschen Wissenschaftslehre eingebracht werden sollen; es wird daher sinnvoll sein, vom zentralen Verhältnis der Sozialgeschichtsschreibung zu Max Weber auszugehen. Von hier aus wird sich auch Wehlers Verhältnis zu Popper und M a r x charakterisieren lassen. Auf die F r a g e nach der Legitimation einer „Leitperspektive" f ü r die sozial- und wirtschaftsgeschichtliche Forschung antwortet Wehler: „Deshalb wird m a n an Max Webers u n v e r ä n d e r t gültige Erkenntnis — in seinem b e r ü h m t e n Aufsatz über die ,Objektivität' sozialwissenschaftlicher Erkenntnis — a n k n ü p f e n können, daß auch die moderne wissenschaftliche Forschung a n gewissen ,letzten Wertideen' ver12 Zur Betonung der Kontinuität kommen auch Lozek/Meier in: Kritik der bürgerlichen Geschichtsschreibung. Handbuch, Köln 1970, S. 77, ohne indes ihre These näher zu begründen. 13 Wehler, Theorieprobleme, in: Entstehung und Wandel der modernen Gesellschaft. Festschrift f ü r Hans Rosenberg z. 65. Geburtstag, Berlin 1970, S. 78. 14 Vgl. mit Bezug auf die gesamte Sozialgeschichtsschreibung: Lozek/ Meier, Kritik der bürgerlichen Geschichtsschreibung, S. 76.

53 Wehler, Theorieprobleme, S. 101.

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ankert ist; von dort her werden ihre Probleme und das theoretische Instrumentarium zu ihrer Bearbeitung bestimmt. Wenn im Laufe der historischen Entwicklung ,das Licht der großen Kulturprobleme' weiterziehe, sagt Weber, dann ,rüstet sich auch die Wissenschaft, ihren Standort und ihren Begriffsapparat zu wechseln . . . Sie zieht jenen Gestirnen nach, welche allein ihrer Arbeit Sinn und Richtung zu weisen vermögen.' Im Sinne einer solchen normativen Vorentscheidung, die bei Weber zugunsten des individualistisch-liberalkapitalistischen Systems und bestimmter okzidentaler Kulturwerte gefällt worden war, wird man heute vom Fernziel des massendemokratischen Sozialstaats, in dem aber auch der Absolutheitsanspruch der Gesellschaft gegenüber den Individuen abgewehrt und die industrielle Welt humanisiert, mithin auch planrationaler Kontrolle unterworfen wird, ausgehen dürfen" 16. Die Austauschbarkeit der Inhalte dieses Ansatzes zeigt, daß man nicht bei einer bloßen Ideologiekritik an den Wehlerschen Wertvorstellungen stehenbleiben darf, sondern daß die Form einer Wissenschaft, die eine solche Anpassung gestattet, selbst zum Gegenstand der Kritik werden muß, daß es also nicht nur um die jeweilige Werthaltung, sondern um die Methode der Wertbeziehung als Methode der bürgerlichen Geschichtswissenschaft überhaupt geht. 1. Wertbeziehung In der Wertbeziehung als dem Ausgangspunkt der historischen Forschung drückt sich das Verhältnis der bürgerlichen Geschichtswissenschaft zum historischen Prozeß aus. Das Verfahren der Wertbeziehung antwortet in einer spezifischen Weise auf Fragen nach der Erkennbarkeit und der Bewegungsweise des historischen Prozesses in seiner Totalität. Im Gegensatz zu der unter Gesetzen stehenden Natur, der sich der Forscher mit den Prinzipien der Vernunft und dem Experiment nähert, erscheint dem Bürgertum das Historische als das bloß Faktische, das aller Wissenschaft spottet: „Vernunfterkenntnisse werden den historischen Erkenntnissen entgegengesetzt. Jene sind Erkenntnisse aus Prinzipien (ex principiis); diese Erkenntnisse aus Daten (ex datis)" 17. Dieser Trennung liegt die Erfahrung des historischen Prozesses als eines planlosen Aggregats menschlicher Handlungen zugrunde, die von der Geschichtsschreibung deskriptiv-chronologisch aufzureihen sind. Ob und wie aus diesem Aufeinandertreffen der Individuen eine Gesetzmäßigkeit hervorgeht, kann nicht eingesehen werden; die Konstruktion einer „Naturabsicht" 18 ist nur die spekulative Vorwegnahme einer Aufgabe, die der praktischen Vernunft gestellt wird: Kant und Fichte nehmen den historischen Prozeß zum Material f ü r das sittliche Handeln. Damit ist aber nur die Forderung erhoben, die Geschichte mit den Mitteln der bürgerlichen Gesetzgebung — sozusagen von außen — zu ordnen; 16 Wehler, Theorieprobleme, S. 80. 17 Kant, Logik, Akademie-Ausgabe, Bd. IX, S. 22. 18 Kant, Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Ab-

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über die inneren Mechanismen der Vergesellschaftung, nach denen aus dem sittlichen Wollen der Individuen ein sittliches Ganzes hervorgehen soll, kann nichts ausgemacht werden. Droysens folgenreiche Lehre vom Verstehen basiert auf diesem Nichtwissen. Er übernimmt die gängige Vorstellung von einer dem Individuum innewohnenden Kraft 1 9 , die sich dem widerstrebenden Material aufprägt, die sich „Abdruck und Ausdruck" in den gesellschaftlichen und staatlichen Institutionen schafft. Indem der Historiker erkennt, was sich im historisch Gewordenen hat ausdrücken wollen, „versteht" er die Geschichte 20 . In diesem Verstehensbegriff ist die Abkehr der bürgerlichen Geschichtswissenschaft von der wirklichen Erforschung der Bewegungsweise des historischen Prozesses angelegt. Droysen reflektiert die Geschichte als die Welt des Wollens, und er sieht zugleich den Widerstand, den die Geschichte diesem Wollen entgegensetzt. Da er die Entäußerung des Menschen in die Geschichte aber idealistisch faßt, ist er nicht in der Lage, die historischen Formen von ihrer Basis her, dem Produktions- und Reproduktionsprozeß zu entwickeln, ebensowenig wie er die in diesen Formen begründete Verkehrung des Verhältnisses von Subjekt und Objekt begreifen kann. Gerade f ü r Droysen gilt: „Die ganze bisherige Geschichtsauffassung hat diese wirkliche Basis ganz und gar unberücksichtigt gelassen, oder sie nur als Nebensache betrachtet, die mit dem geschichtlichen Verlauf außer allem Zusammenhang steht. Die Geschichte muß daher immer nach einem außer ihr liegenden Maßstab geschrieben werden; die wirkliche Lebensproduktion erscheint als urgeschichtlich, während das Geschichtliche als das vom gemeinen Leben Getrennte, Extra-Uberweltliche erscheint" 21. Droysen entlehnt von Hegel die spekulative Konstruktion der Geschichte nach den „Sittlichen Mächten"; die Ethik bleibt das „Gesetz" des historischen Prozesses 22 , unter das das Handeln der Individuen nachträglich subsumiert wird. Indem die Geschichtsschreibung „versteht", ist ihr Gegenstand nicht mehr der wirkliche historische Prozeß, sondern eine Konstruktion des Forschers, der aus dem historischen Material als dem Resultat der individuellen Handlungsstränge die geistigen Gehalte zu einem partiellen Sinngebilde deutend vereinigt: „Was der einzelne tut und schafft, ist sein Geschäft und auf die Gegenwart gerichtet, ist nicht Geschichte, sondern wird erst Geschichte durch die Art der Betrachtung, in die wir es stellen" 2S. Ausgangspunkt der so konstruierten „Geschichte" ist nun die Auffassungsweise des Historikers und seiner Zeit geworden; es ging in der Folge nur noch darum, einen festen Maßstab zu entwickeln, sieht, Akademie-Ausgabe, Bd. VIII, S. 29. 19 Vgl. dazu: Hans-Georg Gadamer, Wahrheit un d Methode, Tübingen 1965!, S. 192 ff. 20 Droysen, Historik, D a r m s t a dt I9604, S. 22. 21 K a r l Marx, Friedrich Engels: Die Deutsche Ideologie, MEW Bd. 3, S. 39. 22 Droysen, Historik, S. 270. 23 Droysen, Historik, S. 183.

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der „Objektivität" verbürgen sollte. Man fand ihn in der Beziehung des historischen Materials auf „schlechthin geltende" Werte. Max Weber, der über Rickert dem südwestdeutschen Neukantianismus verbunden war, stellte diese Logik der bürgerlichen Geschichtswissenschaft am schärfsten heraus: „Was Gegenstand der Untersuchung wird, und wie weit diese Untersuchung sich in die Unendlichkeit der Kausalzusammenhänge erstreckt, das bestimmen die den Forscher und seine Zeit beherrschenden Wertideen" 24. Die Differenzen zwischen Historismus und Sozialgeschichtsschreibung brachen erst an der Frage nach der Verwendbarkeit von Generalisierungen und Theorien auf. Hier aber liegt ihr gemeinsamer Ausgangspunkt: Beide erforschen nicht die Bewegungsweise und die Gesetzmäßigkeit des historischen Prozesses in seiner Totalität. Beide gehen vom Handeln der Individuen aus, das sich in einem Gewirr von individuellen Kausalreihen verliert, deren innerer Zusammenhang mit dem Ganzen nicht aufgezeigt werden kann, so daß eine Wertbeziehung nach einem vorgegebenen Maßstab äußere Verknüpfungen setzen bzw. partielle Strukturen aus dem chaotischen Ganzen herausheben muß. Ob die Werte, unter denen sie ihre Arbeit antreten, als „schlechthin gültige" legitimiert werden wie noch bei Rickert, oder ob sie als veränderlich gelten, ist in diesem Zusammenhang ein sekundäres Problem; inhaltlich erweisen sie sich ohnehin als die gerade gängigen Kulturwerte. In der Wertbeziehung macht die Geschichtswissenschaft den Versuch, den historischen Prozeß, dessen Bewegungsweise hinter dem Rücken der „Subjekte" sie ahnt, aber doch nicht zeigen kann, im Sinne der jeweiligen Gegenwart zu stabilisieren; ihre wesentliche Aufgabe ist Ideologieproduktion. Sie bleibt beschreibend vor den Erscheinungsformen des vom Kapitalverhältnis geprägten historischen Prozesses stehen, den Marx folgendermaßen charakterisiert hat: „So sehr nun das Ganze dieser Bewegung als gesellschaftlicher Prozeß erscheint, und so sehr die einzelnen Momente dieser Bewegung vom bewußten Willen und besonderen Zwecken der Individuen ausgehn, so sehr erscheint die Totalität des Prozesses als ein objektiver Zusammenhang, der naturwüchsig entsteht; zwar aus dem Aufeinanderwirken der bewußten Individuen hervorgeht, aber weder in ihrem Bewußtsein liegt, noch als Ganzes unter sie subsumiert wird. Ihr eignes Aufeinanderstoßen produziert ihnen eine über ihnen stehende, fremde gesellschaftliche Macht; ihre Wechselwirkung als von ihnen unabhängigen Prozeß und Gewalt. (. . .) Die gesellschaftliche Beziehung der Individuen aufeinander als verselbständigte Macht über den Individuen, werde sie nun vorgestellt als Naturmacht, Zufall oder in sonst beliebiger Form, ist notwendiges Resultat dessen, daß der Ausgangspunkt nicht das Freie gesellschaftliche Individuum ist" 25. 24 Max Weber: Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre, Tübingen 19683, S. 184. 25 Karl Marx, Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie (Rohentwurf), Berlin 1953, S. 111. Es w ä r e in diesem Zusammenhang von I n t e r -

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Marx entschleiert im Kapital die „fremde Macht" hinter dem Rücken der Individuen als den realen Grund der Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft und löst damit das Problem des Zusammenhangs von Individuen und historischem Prozeß, das in allen Konzeptionen der bürgerlichen Geschichtswissenschaft zwar angedeutet war, aber nicht geklärt werden konnte 20. Allerdings zerstört diese Lösung alle Voraussetzungen des bürgerlichen Selbstverständnisses: nicht die Individuen, sondern ihre Produkte handeln; die bürgerliche Person ist nur „ökonomische Charaktermaske", deren Wille in den Waren haust 2 7 . Nicht sie unterwirft sich den historischen Prozeß, sondern ist einem Verhältnis unterworfen, dessen Bewegungsgesetze sowohl die Verkehrung von Subjekt und Objekt als auch die Möglichkeit der Aufhebung der Verkehrung durch das revolutionäre Proletariat hervorbringen. Somit war die wirkliche Analyse des historischen Prozesses f ü r die bürgerliche Geschichtswissenschaft unannehmbar, weil sie zu Konsequenzen führte, die den bürgerlichen Standpunkt aufhoben. Im Verfahren der Wertbeziehung arbeitet sie sich seither daran ab, diese Einsicht in die inneren Zusammenhänge des historischen Prozesses durch immer neu konstruierte äußere Zusammenhänge nach ihren jeweiligen Erkenntnisinteressen zu überdecken. 2. Theorie In diese nach dem bürgerlichen Klasseninteresse geordnete Geschichte f ü h r t die „verstehende Soziologie" das Verfahren der Idealtypenbildung ein. Weber will nicht nur „deutend verstehen", sondern esse, die Chaos- un d Schicksalsmetaphern der bürgerlichen Geschichtswissenschaft in ihrer Funktion zur Verschleierung un d Abwehr der E r f o r schung der Bestimmung des jeweiligen historischen Ereignisses durch das Kapitalverhältnis zu untersuchen. 26 Popper f a ß t dieses Verhältnis in seinem unglücklichen Sammelbegriff ,Historizismus': „Jede Spielart des Historizismus drückt das Gefühl aus, durch unwiderstehliche K r ä f t e in die Z u k u n f t getrieben zu werden". — Das Elend des Historizismus, Tübingen 19692, S. 125. — Daß dieses ,Gefühl' einen realen G r u n d zunächst in der Subsumtion des Menschen u n t er die Natur, später u n t e r ein von ihm selbst geschaffenes gesellschaftliches Verhältnis haben k ö n n te (vgl. dazu: Grundrisse, S. 75), reflektiert er nicht mit; ebensowenig, daß sein Verfahre n des ,trial and error' sich selbst in einer bestimmten Weise mit diesem Verhältnis auseinandersetzt : „Wenn wir die Welt nicht wieder ins Unglück stürzen wollen, müssen wir unsere T r ä u m e der Weltbeglückung aufgeben. Dennoch können und sollen wir Weltverbesserer bleiben — aber bescheidene Weltverbesserer. Wir müssen uns mit der nie endenden Aufgabe begnügen, Leiden zu lindern, vermeidbare Übel zu bekämpfen , Mißstände abzustellen, immer eingedenk der unvermeidbaren ungewollten Folgen unseres Eingreifens, die wir nie ganz voraussehen können un d die n u r allzuoft die Bilanz unserer Verbesserungen zu einer Passivbilanz machen." (Hervorhebg. v. mir.) - Elend des Historizismus, S. VIII. — In den „ungewollten Folgen" macht sich die Verk e h r u n g von S u b j e kt und Objekt wiederum bemerkbar, sie wird sogar zur historisch nicht v e r ä n d e r b a r e n Konstante stilisiert. 27 K a r l Marx, Das Kapital, Bd. 1, MEW Bd. 23, S. 99 f.

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zugleich „ursächlich erklären" 2 S ; er sucht begrifflich „eindeutige Ausdruckmittel" 29 f ü r das exaktere Bestimmen von Kausalitäten, w ä h rend der Historismus dem Geflecht von Handlungsstränge n völlig hilflos ausgeliefert w a r 3 0 . Natürlich bleibt die Wertbeziehung nach wie vor Ausgangspunkt der Untersuchung: sie grenzt das „Wesentliche" als das „Wissenswerte" 3 1 aus dem prinzipiell unendlichen Chaos der Kausalitäten ab, indem sie „jene Elemente der Wirklichkeit" selektiert, die der Idealtypenbildung u n t e r w o r f e n werden. Sie bestimmt auch den Charakte r der Begriffe u n d „Gesetze". Webers Begriffsbildung ist nominalistisch, die Idealtypen erheben die der Analyse in ihrer Totalität nicht zugängliche Wirklichkeit zum Gegenstand der E r k e n n t n i s u m den Preis einer subjektivistischen Konstruktion. Damit reproduziert sich das durch die Wertbeziehung gep r ä g t e Verhältnis der bürgerlichen Geschichtswissenschaft zum historischen Prozeß auf einer höheren Stufe: Z w a r sollen jetzt allgemeine Aussagen zur exakteren Bestimmung der individuellen Kausalreihen f o r m u l i e rt werden, die Theorie ist aber nicht Ausdruck der w i r k lichen Bewegungsweise des historischen Prozesses, sondern sie besteht in einem Netz von Begriffen u n d Hypothesen, das versuchsweise über ausgewähltes historisches Material geworfen wird: „Er (der Idealtypus) ist ein Gedankenbild, welches nicht die historische Wirklichkeit oder gar ihre .eigentliche' Wirklichkeit ist, (. . .) sondern welches die Bedeutung eines rein idealen Grenzbegriffes hat, an welchem die Wirklichkeit zur Verdeutlichung bestimmter bedeutsamer Bestandteile ihres empirischen Gehaltes gemessen, mit dem sie verglichen w i r d " 32. Die Polemik gegen M a r x macht diesen Zusamm e n h a n g noch deutlicher: Weber hält die Marxschen Begriffe im G r u n d e f ü r Idealtypen, kritisiert d a n n aber, M a r x h a b e der Ver28 Weber, Wirtschaft und Gesellschaft, Köln-Berlin 1964, § 1. 29 Weber, Wissenschaftslehre, S. 190. 30 Die Unfähigkeit des Historismus, überhaupt irgend etwas zu erkennen, demonstrierte Gerhard Ritter anläßlich seiner 1955 gehaltenen Apologie der traditionellen Geschichtswissenschaft: „Der Historiker vermag zwar keine Tatsachen im Sinne der Naturwissenschaften .kausal' zu e r klären; denn die .Ursachen' des historischen Geschehens entziehen sich meistens unserer exakten Kenntnis, da es sich in der Hauptsache um geistige Zusammenhänge handelt, die m a n nicht unmittelbar beobachten, sondern nur auf Grund gewisser Analogien erschließen kann; sie sind überdies unendlich kompliziert, und schließlich spielt recht häufig das Moment des äußern Zufalls oder irrationaler Willensentschlüsse eine Rolle, die jeder Erklärung spotten. Aber das berührt nicht die oberste Pflicht des Historikers, das historische Geschehen so zu deuten, daß es v e r stehbar wird, historische Zusammenhänge, wenn nicht beweisbar, so doch einleuchtend (!) zu machen. Geschichte ist keine Kausalwissenschaft, aber sie ist ein immer erneuter Versuch zu einleuchtender Sinndeutung." Gerhard Ritter: Zur Problematik gegenwärtiger Geschichtsschreibung, in: Lebendige Vergangenheit. Beiträge zur historisch-politischen Selbstbesinnung, München 1958, S. 265. 31 Weber, Wissenschaftslehre, S. 170. 32 Weber, Wissenschaftslehre, S. 194.

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suchung nicht widerstehen können, sie als „wirkende Kräfte", als Realitäten auszugeben 3S . Der Vorwurf des Begriffsrealismus und der Metaphysik zielt im Kern auf die objektive Wertlehre 3 4 als der Basis der Bestimmung der inneren Zusammenhänge des historischen Prozesses. Marx begreift den Wert als den Ausdruck eines objektiv existierenden gesellschaftlichen Verhältnisses, als ein aus dem Tauschverhältnis hervorgehendes „Drittes" 3S, das in der Bewegung der Pole dieses „Wertausdrucks" seine Gegenständlichkeit findet. Der Begriff erfaßt hier ein inneres Verhältnis, dem ebensosehr Realität zukommt als den Formen, zu denen dieses Verhältnis sich entfaltet 3 6 , dem sogar wesentliche Realität zukommt, im Gegensatz zu den sich mehr und mehr mystifizierenden Erscheinungsformen des Kapital Verhältnisses: „Die fertige Gestalt der ökonomischen Verhältnisse, wie sie sich auf der Oberfläche zeigt, in ihrer realen Existenz, und daher auch in den Vorstellungen, worin die Träger und Agenten dieser Verhältnisse sich über dieselben klarzuwerden suchen, sind sehr verschieden von, und in der Tat verkehrt, gegensätzlich zu ihrer inneren, wesentlichen, aber verhüllten Kerngestalt und dem ihr entsprechenden Begriff" 37. Anders Weber; er analysiert nicht das sich verselbständigende gesellschaftliche Verhältnis der Produzenten zueinander, sondern bleibt beim Verhältnis von Individuum und Ding stehen, ebenso wie die subjektive Wertlehre im Wert nur ein Urteil des Individuums über den Gebrauchswert eines Gegenstandes sieht. Indem der Maßstab f ü r dieses Urteil idealtypisch „gesteigert", d. h. das Verhalten der Individuen rigoros normiert wird, sind Gesetze formulierbar, die partiellen Kausalitäten einen reinen Ausdruck verschaffen sollen: „Die allgemeinen Lehrsätze, welche die ökonomische Theorie aufstellt, sind lediglich Konstruktionen, welche aussagen, welche Konsequenz das Handeln des einzelnen Menschen in seiner Verschlingung mit dem aller anderen erzeugen müßte, wenn jeder Einzelne sein Verhalten zur Umwelt ausschließlich nach den Grundsätzen kaufmännischer Buchführung, also in diesem Sinn .rational' gestalten würde"39. In der Weberschen Wissenschaftslehre bleiben Theorie und Geschichte getrennt; der historische Prozeß bleibt ein unbegriffenes Ineinander von Handlungen wirtschaftender „Subjekte", das sich zu einem unentwirrbaren Ganzen verschlingt und das als diese Totalität nicht Gegenstand der Wissenschaft sein kann. Nur Teilbereiche der Wirklichkeit können zum Zweck der Erkenntnis rein gesteigert, „rationalisiert" werden. Ebenso wie für Droysen sich die Geschichte 33 Weber, Wissenschaftslehre, S. 205. 34 Weber, Wissenschaftslehre, S. 196. 35 Marx, Grundrisse, S. 61. 36 Gemeint ist nicht die historische Entwicklung, sondern die Bewegung der gedanklichen Reproduktion der Wirklichkeit. Vgl. Marx, Grundrisse, S. 22. 37 Marx, Das Kapital, Bd. 3, MEW Bd. 25, S. 219. 38 Entfällt. 39 Weber, Wissenschaftslehre, S. 395 (Hervorhebung v. Weber).

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erst durch die Arbeit des Historikers formt, existieren f ü r Weber ihre Gesetzmäßigkeiten nur im ordnenden Eingriff auf Grund zuvor explizierter Annahmen, die ihrerseits auf aspekthafte Problemstellungen und letztlich vorwissenschaftliche Wertbeziehungen zurückverweisen. Die Totalität des historischen Prozesses wird zum Gegenstand einer ebenso partiellen wie pluralistischen Hypothesenbildung. 3. Bewährung Da nun Idealtypen von der Realität abgehobene Konstruktionen sind, taucht die Frage nach ihrem empirischen Gehalt auf: man muß prüfen, „wie nahe oder fern die Wirklichkeit jenem Idealbilde steht" 40. Weber verweist die Aufgabe dieser Überprüfung in die Forschungspraxis der Historiker, ohne näher auf die methodische Durchführung einzugehen. Von vornherein scheint aber festzustehen, daß es nur sinnvoll ist, einen Idealtypus auf die Grenzen seiner Verwendbarkeit zu befragen, da ihm, weil er als gedankliche Steigerung bestimmter Elemente der Wirklichkeit konstruiert ist, ein bestimmter Bereich von Fakten immer korrespondieren wird. Das Verfahren seiner Überprüfung wäre also der Versuch seiner Falsifikation; f ü r ihn gilt: „Von fast jeder Theorie kann man sagen, daß sie mit vielen Tatsachen übereinstimmt: dies ist einer der Gründe dafür, daß eine Theorie nur dann als bewährt bezeichnet werden kann, wenn man keine sie widerlegenden Tatsachen finden kann, nicht aber, wenn man Tatsachen findet, die sie stützen" 41. In diesem Sinne nimmt Conze das Problem auf: „Die Arbeitsweise der Sozialgeschichte ist durch die in der Geschichtswissenschaft allgemein gültige historisch-kritische und historisch verstehende Methode gekennzeichnet. Dabei darf und muß typologisierend verfahren werden. Das führ t gewiß zu Generalisierungen, jedoch stets unter dem Vorbehalt der Revidierung durch den unbefangenen Blick auf die Quellen sowie des Versuchs, auch und gerade Typen historisch zu konkretisieren" 42. Die Selbstverständlichkeit, mit der Conze in die historistische Verstehenslehre zurückfällt, verdeckt nur die Problematik; zwar ist in der Betonung des „unbefangenen Blicks" die Theoriebildung richtig als „befangen" eingeschätzt, zugleich wird aber die Fiktion aufrechterhalten, als sei zumindest die Tatsachenfeststellung eine sichere Basis, an der die Theoriebildung kontrolliert werden könne. Dagegen ist einzuwenden, daß sich in der Geschichtswissenschaft die Frage etwaiger „Basissätze" erheblich komplizieren würde, da selbst die einfachsten „Fakten" schon das Resultat einer Interpretation der Quellen sind 4 *. 40 Weber, Wissenschaftslehre, S. 191. 41 Popper, Das Elend des Historizismus, S. 87 f., Anm. 69. 42 Conze, in: Moderne deutsche Sozialgeschichte, S. 25. 43 Vgl. dazu: H. P. Dreitzel: Uber die historische Methode in der Soziologie, in: Zivilisation und Fortschritt als Kategorien d e r soziologischen Theorie, Neuwied 1967, S. 441.

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Das eigentliche P r o b l e m scheint aber darin zu liegen, — die Möglichkeit einer relativ sicheren Feststellung von F a k t e n einmal u n t e r stellt — daß der W e r t der Falsifikation einer Hypothese durch einige solcher „Tatsachen" zweifelhaft bleibt. Denn Generalisierungen und Theorien im Weberschen Sinn gehen auf Heraushebung bestimmter Z u s a m m e n h ä n ge zwischen den Dingen; soll dieser Zusammenhang ü b e r p r ü f t werden, so ist ein anderer zu konstruieren, der die Kausalv e r k n ü p f u n g e n des Materials seinerseits ordnet, w a s bei der prinzipiellen Aspekthaftigkeit j e n e r ersten Theorie auch gar nicht schwierig ist. Das Problem der B e w ä h r u n g von Theorien, das zunächst vorrangig auf das Verhältnis einer einzelnen Theorie zur Empirie zu zielen schien, verlagert sich damit auf die F r a g e nach der K o n k u r renz m e h r e r e r Theorien untereinander. Auf diesen Popperschen Weg der Wissenschaft begibt sich Wehler: „Und es wird n u n darauf ankommen, wie m a n zunächst sehr allgemein sagen kann, inwieweit sozialökonomisch fundierte, mit möglichst vielen Prämissen explizit dargelegte, wissenschaftstheoretisch reflektiert e Erklärungsmodelle (oder, w e n n m a n so will: Kategorien, Hypothesen, spezielle Theorien) in die wirtschaftsgeschichtliche Forschung eingeführt werden und sich dort b e w ä h r e n (oder nach dem vorsichtigeren ,Popperschen K r i terium': zur Zeit nicht falsifizierbar sind), bzw. modifiziert oder aufgegeben w e r d e n müssen" 44. Nach welchen Kriterien soll sich die „Bewährung" von Theorien in den wertbeziehenden Wissenschaften — und Wehler wie P o p p e r 4 5 rechnen ja die Geschichtswissenschaft ausdrücklich dazu — vollziehen? Die Ü b e r p r ü f u n g am einzelnen F a k t u m ist problematisch und zudem nicht hinreichend, die Ü b e r p r ü f u n g von theoretisch f o r m u lierten Zusammenhängen f ü h r t zur Konkurrenz u n t e r den Theorien selbst und diese w i e d e r um zieht eine Konkurrenz u n t e r den eingenommenen „ S t a n d p u n k t e n " nach sich, die schließlich in, der Regel nicht m e h r p r ü f b a r sind 4 B . Damit wiederholt sich bei Popper das schon bei Weber angelegte Dilemma: Da die Wissenschaften durch die gedanklichen Zusammenhänge der Probleme und nicht durch die sachlichen Zusammenhänge der Dinge konstituiert werden, verweisen die gern gebrauchten modischen Ausdrücke wie „Erklärungsw e r t " u n d „Informationsgehalt" 47 auch nicht auf die wirklichen Zusammenhänge des historischen Prozesses, sondern n u r auf die an der Wertsetzung v e r a n k e r t e Problemstellung zurück. Die „Bewährung" einer Theorie vollzieht sich an ihrer Brauchbarkeit f ü r eine außerwissenschaftliche Fragestellung — wobei natürlich verschiedene sachliche Lösungsmöglichkeiten innerhalb des vorgegebenen Rahmens nicht ausgeschlossen sind. 44 Wehler, Theorieprobleme, S. 78. 45 „Der einzige Ausweg aus dieser Schwierigkeit ist meiner Auffassung nach die bewußte Einführun g eines vorgefaßten selektiven Standpunkts in die historische Forschung, d. h. wir schreiben die Geschichte, die uns interessiert." K. R. Popper, Das Elend des Historizismus, S. 117. 46 Popper, Das Elend des Historizismus, S. 118.

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Erst eine neue Wertbeziehung als Ausdruck einer neuen Stufe der Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft vermag die vorhergegangenen Forschungsinhalte und -methoden zu kritisieren, eben in jenem begrenzten Sinn, in dem heute die moderne Sozialgeschichtsschreibung den alten Historismus kritisiert 4 8 . Einen Ausweg aus dieser schlechten Unendlichkeit der historischen Forschung kann nur eine Methode eröffnen, die nicht das nur Oberflächenerscheinungen aufbewahrende Quellenmaterial deduktiv unter den gerade relevant erscheinenden Gesichtspunkten anordnet, sondern die von der Erscheinungsform auf die inneren Zusammenhänge des historischen Prozesses zurückgeht. Es ist dann nicht mehr Aufgabe der Geschichtswissenschaft, den historischen Prozeß unter den aus den jeweils neuen Erscheinungsformen des Kapitalverhältnisses abgezogenen Wertbeziehungen immer wieder umzuschreiben, sondern umgekehrt die sich neu entfaltenden historischen Erscheinungsformen durch Vermittlung mit ihrem verborgenen inneren Zusammenhang begreiflich zu machen. III. Funktion Mit der Charakterisierung der Methode ist die Frage nach der Funktion der Sozialgeschichtsschreibung eigentlich schon beantwortet: sie stellt der bürgerlichen Gesellschaft den historischen Prozeß unter den heute relevanten Problemstellungen und Werthaltungen zur Verfügung. Sie reagiert damit auf veränderte Bedürfnisse, die zuerst im Schulsektor, dem Praxisfeld und der Legitimationsbasis der Geschichtswissenschaft, sichtbar wurden. In der Restaurationsphase des westdeutschen Schulsystems hatte sich zunächst der traditionelle Geschichtsunterricht wieder etabliert, wenn auch mit einigen Reedukationsideologien und Anläufen zur „Bewältigung" der Vergangenheit versetzt. Erst mit der Effektivierung des Schulwesens 48 , die sich f ü r die Historiker in der KMK-Vereinbarung über die Reform des Geschichtsunterrichts vom September 1960 bemerkbar machte, gingen die Anforderungen der bürgerlichen Gesellschaft über die Leistungsfähigkeit des Historismus hinaus. Es war nicht mehr Aufgabe, eine an „abendländischen" Kulturwerten ausgerichtete Elite in die Staatsraison einzuweisen, sondern der zur Gemeinschaftskunde erweiterte Geschichtsunterricht sollte eine „Orientierungshilfe" im sich verwissenschaftlichenden Reproduktionsprozeß des Kapitals geben 5 0 . Im Verlauf der 60er Jahre wirkten die Anfor48 Aus dieser Not einer endlosen Folge von jeweils auf der Höhe ihrer Zeit stehenden Ideologien macht die Geschichtswissenschaft inzwischen die Tugend einer ,Ideologiekritik' durch den „Wechsel der Bezugsrahmen". So K a r l Georg F a b e r : Theorie der Geschichtswissenschaft, München 1971, S. 173. 49 Z u r Periodisierung vgl.: Altvater/Huisken, Hrsg.: Materialien zur politischen Ökonomie des Ausbildungssektors, Erlangen 1971, S. 162. 50 Vgl. dazu die Verteidigung des traditionellen Geschichtsunterrichts durch Gerhar d Ritter: Geschichtsunterricht oder .Gemeinschaftskunde', in: Geschichte in Wissenschaft u n d Unterricht (GWU), Bd. 13, 1962, un d die Replik von Karlludwig Rintelen, ebd.

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derungen aus der Schulpraxis in die Universitätswissenschaft zurück und begründete n den endgültigen Durchbruch der Sozialgeschichtsschreibung 5 1 . Der Schwerpunkt der Studiengänge begann sich von der Geistes- u n d politischen Ereignisgeschichte auf die Untersuchung der gesellschaftlichen Institutionen u n d Verbände zu verlagern; daneben t r a t in immer s t ä r k e r em Maße die Integration wirtschaftsgeschichtlicher Problemstellungen. Im K o n t e x t dieser Tendenz ist die eingangs zitierte Wertbeziehung Wehlers zu sehen, die ja das k ü n f t i g e Forschungsfeld der Sozial- und Wirtschaftsgeschichte abstecken soll: Wehler begnügt sich nicht m e h r mit einem Bekenntnis zur westlichen Demokratie, wie es zur Zeit der „Totalitarismustheorie" üblich war, sondern er ü b e r n i m m t den „planrational kontrollierten, massendemokratischen Sozialstaat" in toto. Seine Formulierun g zeigt, daß die Geschichtswissenschaft heute keine allgemeinen, philosophisch begründeten „ K u l t u r w e r t e " m e h r als Ausgangspunkt ihrer Untersuchungen gebrauchen kann, sondern sich die Inhalte der Wertbeziehung von jenen Wissenschaften vorgeben lassen muß, die sich mit der Aufrechterhaltun g der kapitalistischen Gesellschaftsordnung befassen. Sie ü b e r n i m mt deren Resultate unkritisch, indem sie sich zu ihnen als „Werten" verhält. In diesem Z u s a m m e n h a n g w i r d der Stellenwert der Rezeption der „modernen Wachstumstheorien" deutlich: sie scheinen eine Reorganisation der Geschichtswissenschaft u n t e r Fragestellungen zu gestatten, die u n m i t t e l b a r von den Problemen der Kapitalverwertun g abgezogen sind. Der ganze historische Prozeß wird bei Wehler zum Be Währungsfeld f ü r Wachstums- und Konjunkturtheorien degradiert: „Eine Schlüsselstellung gewinnen dagegen die endogenen, vom makroökonomischen Entwicklungsprozeß ausgehenden Theorien des disproportionalen Wachstums, die dem f u n d a m e n t a l e n Einfluß von Überinvestition, Überkapazität und Überproduktion vollauf Rechn u n g tragen" 52. Diese Theorien — als Historiker greift Wehler vor allem auf die älteren K o n j u n k t u r t h e o r i e n zurück — behandeln einige isolierte Erscheinungsformen des Akkumulationsprozesses; sie geben keine Einsicht in den Gesamtprozeß der kapitalistischen Produktionsweise. Offensichtlich geht es Wehler auch gar nicht u m die verschiedenen Erklärungsversuche, sondern p r i m ä r darum, wieweit sich unter bestimmten Ansätzen die Erscheinungsformen auf der historischen Oberfläche ordnen lassen, z. B. nach Konjunkturzyklen. Hieran glaubt er ein Orientierungsschema zu haben, mit dem dann auch nichtökonomische P h ä n o m e n e korreliert werden können 5 S . N u r so ist auch erklärlich, daß er nicht n u r mit einer, sondern gleich mit 51 Symptomatisch d a f ü r ist der Aufsatz Gerhard Schoebes: Geschichte und Gemeinschaftskunde: Das Problem der Modifizierung des Geschichtsstudiums. Nachbesinnung eines Lehrers auf den Freiburger Historikertag 1967, GWU Bd. 19, 1968. 52 Wehler, Theorieprobleme, S. 100.

53 Wehler, Theorieprobleme, S. 101.

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einer ganzen „Batterie" von Theorien gegen den historischen Prozeß marschiertM. Ein besonders ergiebiges Einteilungsschema scheint ihm die M a r x sche „Theorie" zu liefern; Wehler h a t sie in sieben einzelne „Einsichten" zerlegt u n d danach das historische Material von 1800—1945 angeordnet. Diese Marxrezeption ist a n sich ein Kuriosum, zumal sich Wehler ausdrücklich des Verzichts auf die „anti-Marxsche F r a gestellung" 55 r ü h m t ; sie zeigt aber zugleich am deutlichsten die ideologischen Implikationen der Sozialgeschichtsschreibung. Aus der „Kritik d e r politischen Ökonomie" macht Wehler sogleich eine „umfassende Analyse des Kapitalismus als stetig wachsendes System" (Hervorhbg. v. mir) 6 6 u n d damit aus M a r x einen dynamischen Wachstumstheoretiker. Auf methodische Fragen (wie sie hier erörtert w u r den: daß die Marxsche Analyse den Ansatz der Weberschen Wissenschaftslehre sprengt und deshalb nicht als „Theorie" innerhalb dieses Rahmens angewendet w e r d en kann) läßt er sich gar nicht erst ein; ebenso übergeht er die Resultate der im „Kapital" vorgelegten Analyse kommentarlos. Es heißt schon auf die Unwissenheit der Historikerzunft zu spekulieren, w e n n m a n folgende Einsicht mit M a r x in Verbindung bringt: „Mit dem Durchbruch der Industriellen Revolution im engeren Sinn (s. u.) entsteht ein p e r m a n e n t expandierendes industriewirtschaftliches System, dessen wichtigster Säkulartren d ein stetiges, auch von Kriegen u n d Katastrophen auf die Dauer nicht u n t e r b r o chenes Wachstum darstellt. Diese kontinuierliche Expansion konstituiert das eigentlich historisch Neue am Industriekapitalismus" 57. Die Marxsche Analyse der grundsätzlichen Widersprüche der Kapitalbewegung erschöpft sich f ü r Wehler in „Störungen" des permanenten Wachstums; da er überdies das Problem des „modernen Interventionsstaates" f ü r prinzipiell gelöst hält 5 8 , bestand und besteht der historische Prozeß f ü r seine Sozialgeschichtsschreibung aus einer zwar zeitweilig disproportionalen, insgesamt aber kontinuierlichen Kapitalakkumulation ad infinitum. Indem er die apologetischen Gehalte bürgerlicher ökonomischer Theorie auf den historischen Prozeß proji*ziert, erbringt er einen Scheinbeweis f ü r die Dauerhaftigkeit des kapitalistischen Systems. Damit rückt die Sozialgeschichtsschreib u n g wieder in die Reihen der zeitgemäßen Ideologiespender der bürgerlichen Gesellschaft ein u n d versucht die Stellung zurückzuerobern, die der alte Historismus einmal innehatte. Alle Widersprüche und revolutionären Möglichkeiten sind aus der Geschichte vertrieben, übriggeblieben ist eine A r t wachstumstheoretisches „posthistoire", f ü r das die Kollegen vom Fach die Integration der Arbeiterklasse liefern: „Somit h a t es eine Geschichte gegeben, aber es gibt keine mehr". 54 Wehler, Theorieprobleme, 55 Wehler, Theorieprobleme, 56 Wehler, Theorieprobleme, 57 Wehler, Theorieprobleme,

S. S. S. S.

79. 81, Anm. 16. 82. 81.

58 Wehler, Theorieprobleme, S. 100.

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Psychologie und Präsentismus Drei Anmerkungen Absicht dieses Beitrags ist es, einige wissenschaftstheoretische Argumente, wie sie Stegmüller (1969) darlegt, und Holzkamps Kritik an der nomothetischen Psychologie (1972), wie sie von Herrmann (1971) vertreten wird, an einer Frage des Verhältnisses von Psychologie und Geschichtswissenschaft zu explizieren, um Schaffs Sichtweise des Präsentismus' (1970) mit Inhalten von seiten der Psychologie zu stützen. Die Frage lautet, inwieweit die Psychologie Antwort geben kann auf die Frage, warum etwas geschehen sei, präziser: inwieweit sie mit den allgemeingültigen Gesetzen, die sie formuliert, historisch einmalige Einzelereignisse erklären könne. Das Thema wird wie folgt begründet: Da sich die Psychologie als eine bedingungsanalytische Wissenschaft darstellt, können von ihr Erklärungshypothesen über das Verhalten von Individuen erwartet werden. Da die Psychologie zu einer Wissenschaft entwickelt wurde, die sich nicht mehr nur die „großen Männer", die Genies und Künstler, zum Thema nimmt, sondern „den Menschen" schlechthin — genauer, Aspekte von ihm: Verhalten und Erleben —, kann von ihr erwartet werden, daß sie Aussagen auch über den Angehörigen der besitzlosen Klassen machen kann. Da dieser in der Formaldemokratie zum Bewußtsein erzogen wird, sein eigener Souverän zu sein, was objektiv nicht der Fall ist, liegt es nahe, im Verbund mit der Kapitaldienlichkeit anderer Forschungsbereiche der Psychologie anzunehmen, daß auch die Koalition von Psychologie und Geschichtswissenschaft politischen Zielrichtungen ausgeliefert ist. Um dieser Vermutung nachzugehen, wurden die einzelnen Argumente, die sich aus der Lektüre ergeben hatten, in der verschiedensten Reihenfolge miteinander kombiniert, bis sich eine konkrete Hypothese in einen größeren Zusammenhang kohärent einfügen lassen konnte. Die Entstehung dieser Hypothese wird in der Reihenfolge der Anmerkungen 1—3 wiedergegeben; es bleibt zu vermuten, daß sich in Wirklichkeit die Entwicklung in der umgekehrten Reihenfolge abgespielt haben wird. Es fällt schwer, in diesem Zusammenhang von der Psychologie zu reden, da sich die Psychologie als ein pluralistisches System begreift. Zum zweiten liegen recht wenige psychologische Untersuchungen vor, von den nominellen abgesehen, in denen mehr Vulgärpsychologie denn eine naturwissenschaftliche betrieben wird, und von den Untersuchungen abgesehen, die von Soziologen oder Psy-

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choanalytikern durchgeführt werden und die — zum Teil mit Recht — von Psychologen okkupiert sind. Aus beiden Gründen scheint es daher günstiger, auf die mehr oder weniger allgemein praktizierte Methodologie einzugehen, von der anzunehmen ist, daß sie benutzt wird, sobald sich in Zukunft mehr Psychologen an Fragestellungen über historische Sachverhalte heranwagen oder zu ihnen herangezogen werden. Zu diesem Zweck müssen die wenigen Untersuchungen über Gebühr strapaziert werden, wodurch eine gewisse Einseitigkeit ins Spiel kommt. Dies gilt u. a. f ü r die Untersuchung McClellands, da sie die einzige ist, in der ein Konstrukt, wie es nur die Psychologie entwickeln kann, zur Vergangenheitsbewältigung verwendet wird. So gesehen, können die folgenden Anmerkungen nur die Funktion einer Prophylaxe ausüben und weniger eine inhaltliche Bestandsaufnahme der bisher geleisteten Arbeit sein. — Die folgenden Anmerkungen sollen zu folgenden Ergebnissen führen: (1) Die wissenschaftstheoretischen Erklärungsmodelle — sowohl das H-OSchema, das günstigenfalls den psychologischen Aspekt erklären kann, wie auch das historisch-genetische Erklärungsmodell — stellen nicht die Frage nach der Relevanz des psychologischen Gegenstandes f ü r das Gesamtphänomen. (2) Diese Frage läßt sich innerhalb eines objektiven Bezugsrahmens dergestalt beantworten, daß die Psychologie die Auswirkungen der materiellen Vorgänge auf das Bewußtsein, auf Verhaltensbereitschaften oder Erlebnisweisen beschreiben, damit aber die materiellen Vorgänge nicht erklären kann. (3) Die Erlebnisweisen selbst sind der heutigen Begriffs- und Theoriesprache entnommen, so daß die Vergangenheit nur gegenwartsbezogen betrachtet werden kann. Auf die Anfälligkeit bzw. Notwendigkeit dieses Ansatzes f ü r Ideologiebildung wird hingewiesen. 1. Erklärungsmodelle 1.1. Die empirische Basis: Die Methodik des Psychologen Wenn historische Ereignisse von der Psychologie erklärt werden sollen, benötigt der Psychologe eine seiner Theorie entsprechende empirische Basis. Bei Fragen der Geschichtswissenschaft wird es die Regel sein, daß er sich nicht wie gewohnt seine Datenbank selbst einrichten kann, sondern daß sie ihm vom Historiker in Form von Dokumenten zur Verfügung gestellt wird. Der Psychologe sieht sich nicht mit der Realität konfrontiert, sondern mit einem Ausschnitt derselben, mit einem Ausschnitt, der bereits nach Interessengesichtspunkten zusammengestellt wurde. Es ist weiterhin anzunehmen, daß der Historiker sein Material nach Gesichtspunkten geordnet hat, die er f ü r wichtig hält. Diejenigen Informationen, die f ü r den Psychologen von Interesse sein dürften, wird er unberücksichtigt gelassen haben. Da psychologische Theorien nur psychologische Daten erklären können, müssen an den Einzelereignissen psychologische Aspekte erkannt bzw. konstruiert werden; mit dieser nachträglichen Konstruktion ist der Ansatzpunkt zu methodischen Ungenauigkeiten wie gezielten Interpretationen der Geschichte ge-

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geben. Konstruktion ist nur dadurch möglich, daß Theorien eingesetzt werden, von denen angenommen werden darf, daß sie — auch — historische Ereignisse erklären können; das Gefühl der Tauglichkeit von Theorien muß nicht nur mit der persönlichen Überzeugung des Wissenschaftlers verknüpft sein (s. dazu Anmerkung [3]). — Im Detail verläuft die Konstruktion derart, daß das historische Material in eine theoriespezifische deskriptive Sprache übersetzt wird. Dadurch werden die historischen Ereignisse in jene Aspekte zergliedert, f ü r die eine Theorie zuständig gemacht werden kann. Ein Psychoanalytiker z. B. sieht die Geschichte immer unter psychoanalytischen Gesichtspunkten, weil es ihm nur so gelingt, sein Wissen als Erklärung anzubieten. Da eine Theorie Wissen systematisiert, d. h. Beziehungen zwischen den Gesetzen herstellt, belegt der Psychologe die historischen Sachverhalte nicht nur mit neuen Namen, er stiftet zusätzlich bisher unbekannte Zusammenhänge, wie sie in seiner Theorie vorformuliert sind. Diese Vorgehensweise soll an 2 Beispielen illustriert werden. Das erste Beispiel steht f ü r die experimentelle Psychologie: die Darstellung der amerikanischen, englischen, französischen und russischen Revolutionen im Licht der Koalitionsforschung (Caplow 1968). In der Koalitionsforschung werden hauptsächlich Dreier-Gruppen, sog. Triaden, danach beobachtet, unter welchen Bedingungen zwei Partner ein Bündnis miteinander eingehen. Die Triadenpartner (A, B, C) werden mit Machtkennziffern symbolisiert (einfachen ganzen Zahlen wie 2, 3, 4); die verschiedenen Machtkombinationen (z. B. alle Partner sind gleichstark oder A ist stärker als B und C zusammen) werden miteinander verglichen, so daß anhand einer Reihe von Axiomen Koalitionen vorausgesagt werden können. Diese Rahmenvorstellung eignet sich zur Beschreibung von solchen politischen Vorgängen, die drei Kräfte oder Interessenrichtungen beinhalten. Caplow wendet seine Theorie auf die Ergebnisse eines anderen Wissenschaftlers an, der die oben angeführten Revolutionen miteinander verglichen und festgestellt hat, daß alle Revolutionen mit drei Fraktionen beginnen, einer konservativen ( = A), einer gemäßigt-reformerischen (B) und einer radikal-revolutionären (C). Vor einer Revolution ist A stärker als B und C, wobei das Kräfteverhältnis zwischen B und C ungeklärt bleibt. Fest steht weiterhin, daß B und C miteinander koalieren, sobald sie zusammen stärker als A werden. Dieser Sachverhalt läßt sich in der Theoriesprache folgendermaßen und zwar in Gewichtwerten darstellen: A = 4, B = 3 und C - 2, so daß A < B + C; möglich wäre eine andere Gewichtung: A = 4, B = 2 und C = 3, so daß auch hier die Koalition stärker ist als A. Sobald die Koalition ihr Machtübergewicht einsetzt, wird A entmachtet. — Die weitere Entwicklung: In der Koalition sind Interesse, Organisation, Strategie u. a. m. nach den Partnern B und C unterschiedlich strukturiert. Bei der 3-2-Gewichtung ist — nach Caplow — damit zu rechnen, daß sich allmählich die reformerischen Tendenzen ausbreiten, bei der 2-3-Gewichtung, daß sich die radikalen Kräfte durchsetzen.

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Was ist gewonnen? Die Koalitionsforschung stellt eine äußerst abstrakte, eindimensionale Technik zur Verfügung, mit der sich komplexe und historisch völlig unterschiedliche Entwicklungen in einer einfachen Sprache symbolisieren lassen. Mit ihr ist ein vertrauter Sachverhalt in einer bestimmten Sprache neu geschrieben worden. Selbst wenn irgendjemand eine solche Vergewaltigung von Geschichte akzeptieren sollte, wird er bezweifeln, daß der historische Prozeß in einem Zahlentripel voll eingefangen oder gar erklärt wäre. Daß jedoch diese methodisch zu rechtfertigende Vereinfachung als rationales Erklärungskonzept Verwendung finden kann, wird weiter unten dargestellt werden. Das zweite Beispiel steht f ü r die Psychoanalyse. Eine leicht zugängliche Psychografie liegt in dem Versuch Mitscherlichs (1969) über Friedrich den Großen vor. Der Psychoanalytiker geht von Daten aus (Dokumenten, Biografien, Autobiografien, Tagebüchern, Anekdoten u. a. m.), verbindet sie mit Konstrukten (z. B. Rationalisierung), er verbindet Konstrukte untereinander (z. B. Rationalisierung und Isolierung mit Verdrängung), bis er letztendlich ein Syndrom oder eine Charakterstruktur formulieren kann. In diesem Sinn bringt Mitscherlich eine Reihe von Eigenschaften Friedrichs II. — wie Eigensinn, Selbstbezogenheit, Besserwisserei, Zähigkeit, Unduldsamkeit, Grausamkeit, Sarkasmus, Undankbarkeit, Rücksichtslosigkeit, Ruhmsucht, brutale Sentimentalität, allesamt Eigenschaften, die nichts mit Politik zu tun haben — in Beziehung zu einer Reihe von psychodynamischen Begriffen, mit denen die Eigenschaften miteinander verbunden werden — wie affektiv gespannte Beziehung zum Vater, komplizierte Identifikationsproblematik, geringe Strafangst, infantile Rache, quälerische Lustbefriedigung, verspäteter Gehorsam, Identifikation mit dem übermächtigen Vater. Kontinuierlich werden psychodynamische Begriffe miteinander verbunden, bis schließlich im Kontext der unzureichenden und festgefahrenen Konfliktbewältigung der zwanghaft anale Charakter Friedrichs II. gleichsam als Quintessenz formuliert wird. Was ist erreicht? Sobald die Charakterstruktur voraussetzungsexplizit, widerspruchsfrei, logisch einheitlich und empirisch beobachtbar gewonnen wird, lassen sich alle Informationen anhand von Ableitungsregeln aus der Charakterstruktur ableiten. Allerdings können nur Verhaltensmerkmale abgeleitet werden, über deren Beziehung zu den politischen Vorgängen keine Aussage getroffen wird. Deswegen läßt sich mit der Diagnose etwa des verspäteten Gehorsams herzlich wenig anfangen, da sie eine rein private Angelegenheit Friedrichs II. ist. — Daß dieses privatistische Ergebnis Ausdruck der Psychologisierung ist, wird in Anmerkung [2] diskutiert. 1.2. Das H-O-Schema Können historische Einzelergebnisse mit dergestalt gewonnenen Erkenntnissen erklärt werden? Die Antwort wird in 2 Richtungen erteilt: in eine wissenschafts- und eine gegenstandstheoretische. Zu-

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nächst zur wissenschaftstheoretischen. — Wir gehen von der Idealgestalt des deduktiven Erklärungsmodells aus, das zum Einsatz kommen kann, weil die erklärenden Prinzipien nicht empirisch oder induktiv, sondern per Analogie mit psychologischen Theorien, damit deduktiv, gewonnen werden. Das anzuwendende Erklärungsmodell ist das logisch-systematische, wie es von Hempel und Oppenheim entwickelt wurde; daher auch H-O-Schema. Das H-O-Schema argumentiert mit folgenden Begriffen: (1)

Was e r k l ä r t w e r d e n soll — hier ein historisches Ereignis —, w i r d E x p l a n a n d u m E genannt.

(2) Womit e r k l ä r t wird, heißt Explanans. (2a) Das E x p l a n a ns besteht aus einem Gesetz G und/oder einer Theorie T u n d einer Anfangsbedingung A. (2b) G besteht aus einem Vordersatz (wenn a) u n d einem Nachsatz (dann b). G beinhaltet eine i m m e r wieder zu beobachtende Reihenfolge von Sachverhalten der A r t : Wenn a, dan n b. (2c) Wird ein Vordersatz auf ein konkretes Einzelereignis angewandt, n e n n t m a n ihn A.

Unter einer Erklärung wird die logische Ableitung von E aus G und A verstanden. Idealerweise ist ein Sachverhalt dann erklärt, wenn ein G bekannt wird und der Vordersatz von G so zu A konkretisiert werden kann, daß E als Nachsatz in G einbezogen werden kann/muß. — Beispiel. E: Warum leitet Kupfer elektrischen Strom? — G: Jedes Metall ist ein elektrischer Leiter; A: Kupfer ist ein Metall; also leitet Kupfer elektrischen Strom. Wenn wir das H-O-Schema anwenden wollen, stellt sich die Frage, welche Gesetze zu verwenden wären. — Die Antwort fällt leicht, da G in jenen Theorien enthalten ist, mit denen die historische Realität zu psychologischen Daten umgearbeitet wurde. Dazu als Beispiel ein Erklärungsversuch von Homans: Homans (1969) faßt das Verhalten in Begriffe der elementaren Ökonomie. Verhalten ist eine Funktion von Energieaufwand und Ergebnis. Diejenige Tätigkeit, die bei weniger Mühe den größeren Profit einbringt, wird einer anderen vorgezogen, bei der die Verhältnisse umgekehrt liegen. Die so ausgewählte Tätigkeit verfestigt sich zum Verhaltensrepertoire f ü r gleiche oder ähnliche Situationen. Diese Konzeption entlehnt Homans der Skinnerschen Lerntheorie, in der das Verhalten auf dem Austausch von Belohnung und Strafe beruht. Wenn eine Handlungsweise belohnt wird, wird sie öfter getätigt als eine andere, die bestraft oder ignoriert wird, d. h. keinen Effekt nach sich zieht. Diesen ersten Grundsatz der Verhaltenspsychologie macht Homans zum generellen Erklärungssatz der Sozialwissenschaften. Er beantwortet mit ihm die Frage, warum Wilhelm der Eroberer niemals in Schottland eingefallen sei. In knapper Form schreibt Homans:

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1. „Je größer der Wert einer Belohnung f ü r einen Menschen ist, u m so wahrscheinlicher wird er so handeln, daß er diese Belohnung bekommt. 2. U n t e r d e n gegebenen U m s t ä n d e n hielt Wilhelm der Eroberer (...) die Eroberung Schottlands ü b e r h a u p t nicht f ü r wertvoll. 3. D a h e r w a r es unwahrscheinlich, daß er seine H a n d l u n g a u s f ü h r e n würde, welche die Eroberung Schottlands zum Ziel h a t t e (p. 49)."

Formal entspricht der Homanssche Erklärungsversuch dem H-OSchema. Sein Satz (1) ist G, (2) ist die Anwendung des Vordersatzes von G auf einen in der bisherigen Form von G nicht enthaltenen Einzelfall, aus dem auf (3) geschlossen werden kann. Ein anderes Beispiel wäre die logische Präzisierung der Grundidee Caplows, die bisher nur verbal formuliert worden ist. Sein Gesetz: Wenn 4-3-2, dann 3-2; da 4-3-2, also 3-2. In Worten: Bisher hat sich immer wieder bewahrheitet: Wenn in einer Triade die Gewichte unter den Partnern nach dem 4-3-2-Schlüssel verteilt werden, koalieren die Partner mit den Gewichten 3 und 2 gegen den Partner mit 4. In revolutionären Zeiten lassen sich fast immer drei Fraktionen feststellen, die unterschiedlich stark sind, so daß ihnen auf Grund einiger objektiver Informationen die Gewichte 4, 3 und 2 zugeschrieben werden können. Da der Lauf der Geschichte die Koalition aus 3 und 2 zeigt, erklärt die Koalitionsforschung deduktiv die historischen Phänomene. Man müßte jetzt sagen können: Revolutionen nehmen den bekannten Verlauf, weil bei einer 4-3-2-Gewichtung von Interessen die 3-2-Koalition auftritt, die später zugunsten der Herrschaft von 3 aufgekündigt wird. Das H-O-Schema gilt als Idealmodell. Da es in fast allen konkreten Forschungsvorhaben schwer möglich ist, die Anzahl an Voraussetzungen, die der Idealgestalt zugrunde liegen, zu erfüllen, sind Spielarten als rudimentäre Erklärungen wissenschaftstheoretisch zugelassen und legitimiert. So spricht man von einer Erklärungsskizze, wenn das Explanans — T oder G, damit automatisch A — ungenau oder unvollständig formuliert ist, so daß der Schluß auf E nicht mehr zwingend erscheint. Die Voraussetzung, die hier ausgesprochen wurde — G muß die logische Struktur von G haben —, ist in Grenzen bei Homans gegeben; sie kann nachträglich Caplows Ansatz als erfüllbar unterstellt werden, aber nicht mehr den psychoanalytischen Erklärungsversuchen. Psychoanalytische Theorien genügen nicht den hier geforderten Ansprüchen. Derartige Erklärungen erschöpfen sich in einem groben Umriß, in dem die Einzelinformationen „gefühlsmäßig" miteinander verbunden werden, so daß die Richtigkeit der Erklärung nur mit Plausibilität oder Evidenz gestützt werden kann. V. a. mit der Psychoanalyse läßt sich eine andere Variante illustrieren. Man spricht von einer partiellen Erklärung, wenn das Explanans nicht ausreicht, um alle Aspekte von E zu erklären. Beispiel: Eine Person trägt statt des 10. 5. den 10. 4. in ihren Terminkalender ein. Der Psychoanalytiker vermutet, daß die Person den Monat April herbeiwünscht, etwa aus Vorfreude auf ein be-

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stimmtes Ereignis, welches am Aprilanfang stattfinden wird. G wäre: „,Wenn immer eine Person einen starken bewußten oder unbewußten Wunsch hegt, dann wird, sofern sie eine Fehlleistung beim Schreiben, Sprechen oder in bezug auf ihre Erinnerung begeht, diese Fehlleistung immer (bzw. mit großer Wahrscheinlichkeit) eine Form annehmen, welche diesen Wunsch ausdrückt oder symbolisch erfüllt.' Selbst wenn man diese ursprüngliche Fassung in dieser Weise ergänzt, wird damit nicht die ganz bestimmte Fehlleistung [das Niederschreiben vom ,10. April'] erklärt, sondern nur der allgemeine Sachverhalt, daß die Fehlleistung irgendeine Form annimmt, die den unbewußten Wunsch des Schreibers ausdrückt." (Stegmüller 1969, S. 109). Die Struktur dieses Beispiels ließe sich leicht an der f ü r historische Fragen verwerteten Psychoanalyse nachweisen. Daß sich das Verhalten Friedrichs II. mit „verspätetem Gehorsam" formelhaft beschreiben läßt und ein solches Syndrom gesetzesähnlichen Charakter tragen kann, wäre vielleicht von wissenschaftstheoretisch geschulten Analytikern zu erreichen. Jedoch wird es ihnen gemäß der eher strukturellen Orientierung, die ihren Hauptakzent nicht auf Einzelereignisse legt, nur schwer gelingen, die Brücke von der Theorie zu den historischen Phänomenen zu schlagen, um sie als A oder E umzuformulieren. Diese Arbeit ist noch nicht geleistet worden. Eine zweite Voraussetzung f ü r die Idealgestalt des H-O-Schemas lautet, daß G und A nicht das Explanans f ü r jedes beliebige E bilden dürfen. Diese Voraussetzung ist bereits implizit im Begriff 2b gegeben, in dem E (sprich: möglicher Nachsatz von G) mit A (sprich: Anwendung des Vordersatzes von G auf einen Einzelfall) und G als möglicherweise zusammenhängend verbunden sind. Sobald diese Voraussetzung explizit gemacht wird, zeigt sich, daß Homans Erklärungsversuch im Gegensatz zu oben zu „nicht gültig" uminterpretiert werden muß. Sein Gesetz ist zu allgemein formuliert; es fehlen detaillierte Angaben, wie konkret Belohnung und Handlung zu verstehen sind. Weil Homans dies unterläßt, kann sein Explanans f ü r die genau entgegengesetzte Verhaltensweise eingesetzt werden: Unter anderen Umständen, wenn sie Wilhelm dem Eroberer erfolgversprechend erschienen wären, wäre er in Schottland eingefallen. Wenn mit einer Theorie gleichsam alles erklärt werden kann, dann schreibt man ihr nur ungern den Wert eines Erklärungsreservoirs zu. Im Homans-Beispiel und ebenso im letzten Einwand gegen die Psychoanalyse wurde eine weitere Voraussetzung mitbenützt: E muß intersubjektiv überprüfbar benannt werden, d. h. es muß eine spezifizierte Fragestellung vorliegen. Gegen diese Forderung wird am sichtbarsten verstoßen. Was soll mit Psychografien erklärt werden? Oder was an den Hexenprozessen und Kinderkreuzzügen (s. dazu Bitter 1965)? Oder an den psychischen Prozessen um den Ausbruch des 1. Weltkrieges (s. Holsti und North 1966)? — Psychografien werden erarbeitet, um die Biografie der großen Männer zu rekonstruieren (s. dazu den Sammelband von Wehler 1971), ohne sie jedoch auf

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einzelne Ereignisse hin anzulegen. Caplow wendet seine Ergebnisse, man muß sagen, „nur so" auf die Theorie der Revolutionen an, ohne detailliert darzulegen, wie die historischen Fakten zu operationalisieren und zu gewichten wären, um die Stärke der Fraktionen in seine koalitionstheoretische Sprache übertragen zu können. — Sobald derartige Konkretisierungen von E unterbleiben, ist der Begriff der Pseudoerklärung vorzuziehen, bei der E einen empirischen, aber keinen solchermaßen operationalisierten Gehalt aufweist, daß E als Nachsatz von A f ü r G anzuführen wäre. Zwischenergebnis: Kaum eine der angebotenen Erklärungen genügt den Maßstäben des H-O-Schemas. Sie können bei gutwilliger Auslegung zu seinen Spielarten verbessert werden, um auf mehr oder weniger nachholbare Mängel aufmerksam zu machen. Insofern lassen sich die bisherigen Ergebnisse als Erklärungsversuche einstufen, die den potentiellen Anreiz f ü r künftige Forschungen abgeben sollen, Gesetze und Theorien präziser zu formulieren. 1.3. Das historisch-genetische Erklärungsmodell Daß dem logisch-systematischen Erklärungsmodell nicht entsprochen werden kann, mag an der Fragestellung liegen. Damit muß einiges von dem Hintergrund sichtbar gemacht v/erden, vor dem die bisherige Diskussion geführt wurde. Bisher wurde stillschweigend daran gedacht, Einzelereignisse kausal zu erklären, was heißt: Das Ereignis hat auf Grund von Gesetzmäßigkeiten notwendigerweise so und nicht anders eintreten müssen. Zusätzlich wurde daran gedacht, das Ereignis mit Gesetzen über nur einen einzigen Aspekt, eine einzige Dimension des Ereignisses erklären zu können. Diese allzu enge Fragestellung leitet sich aus derjenigen Auffassung ab, die Geschichte als Summe von isolierten Ereignissen begreift, so daß Geschichte erklärbar werden kann, sobald die einzelnen Ereignisse erklärt sind. Diese Orientierung hätte f ü r jene Forschungen Gültigkeit, bei denen nachträglich psychische Komponenten an historischen Sachverhalten konstruiert werden, um diese dann mit dem H-OSchema aus der einen angewandten Theorie deduzieren zu können — wie etwa bei Caplow geschehen. Revolutionen mit der Koalitionsforschung erklären zu wollen, stellt das absurde Schlußergebnis der Präzisierung des Caplowschen Ansatzes dar. Das eindimensionale Erklärungsmodell wird weitere Anhänger verlieren, wenn ihm eine genetische Auffassung gegenübergestellt ist, mit der sich historische Sachverhalte schon eher darstellen lassen. Dieser Auffassung zufolge hat ein Ereignis S n seinen Platz in einer Abfolge von anderen Ereignissen Si-Sn -1. Kann die Abfolge kohärent nach dem Modell der stetigen Reihe konstruiert werden, ohne Lücken oder Argumentationssprünge zu hinterlassen, gilt ein Ereignis als erklärt. Schematisch: S t -> S 2

...

S„-i ^

Sn

Eine solche analytische Erklärung der Entwicklungsgeschichte eines Ereignisses kann einmal als Reihenfolge von Gesetzen aufge-

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baut werden. In dem dann „systematisch-genetisch" genannten Erklärungsmodell werden mehrere H-O-Schemata derart zu einer Erklärungskette zusammengeschlossen, daß das Ereignis Ei, das auf der Entwicklungsstufe 1 erklärt werden konnte, zu A2 f ü r die Erklärung des nachfolgenden Ereignisses E2 wird, usw. — Dazu ein Beispiel, das der Technik entnommen werden muß, da das systematisch-genetische Erklärungsmodell nur in ihr Geltung beanspruchen kann. Ein Motorschaden S n kann durch ein Leck in der ölwanne ( = Si) verursacht sein. S n kann folgendermaßen auf Si zurückgef ü h r t werden: „Der Motor läuft nur auf Grund einer Bewegung der Kolben im Zylinder; wenn nun in der ölwanne ein Leck ist, so rinnt das öl, welches sonst durch eine Pumpe von der Wanne in den Zylinder befördert wird, heraus, und Zylinder und Kolben fehlt die Schmierung; Zylinderwände und Kolben bleiben trocken; es entsteht eine Reibungsh*tze, die zu einer Ausdehnung von Kolben und Zylinderwänden führt, so daß die Bewegung des Kolbens blockiert wird; der Motor bleibt stehen." (Stegmüller 1969, 353.) Wer diesen komplexen Ablauf kennt, kann verkürzenderweise S n ( = Motorschaden) durch Si ( = Leck in der ölwanne) erklären; umgekehrt: S„ ist in Si in einer versteckten Weise bereits enthalten. Genau diese Stetigkeit der Ereignisse, die erlaubt, das Ereignis S n vom Anfangsereignis Si her gleichsam zu ahnen, ist bei historischen Prozessen nicht gegeben. Hier f ü h r t ein Ereignis nicht immer zwangsläufig, sprich: gesetzmäßig, zu einem anderen Ereignis weiter, da im Lauf der Entwicklung immer wieder neue Faktoren auf nicht voraussehbare Weise ins Spiel kommen. Der Übergang zwischen den Ereignissen kann nur rudimentär erklärt werden, meist nur partiell. Die Erklärungskette wird brüchig, da S2 nicht mehr vollwertig aus Si abzuleiten ist. Um diese Lücke zu schließen, werden Zusatzinformationen D eingeschoben, die in einer vernünftig erscheinenden Beziehung zur Argumentation stehen. „Passen" sie in die bisherige Argumentation, dann werden solche D-Informationen als Stütze f ü r die Korrektheit der Verbindung zwischen den einzelnen Ereignissen angesehen. Schematisch: «'•

+Dj

^

s 8

'

^

+D. ^

So-••1

s. +D

»

In dieses historisch-genetisch genannte Erklärungsmodell kann die Psychologie als Lieferant der D-Information eingesetzt werden, während der Geschichtswissenschaftler f ü r die S-Informationen zuständig ist. Geschichte wird dann aus der Entwicklung heraus begriffen, so daß sich die Psychologie damit bescheiden kann, historische Einzelereignisse mit-erklären zu helfen. Sie kann mit ihrem Wissen die sog. „missing links", die noch fehlenden Zwischenglieder, f ü r eine schrittweise Argumentation des Geschichtswissenschaftlers liefern. Wahrscheinlich denkt Wehler (1971) an dieses Modell, wenn er die Rolle der Psychologie damit charakterisiert, daß

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sie das Bild der Geschichte verfeinern, vertiefen oder bereichern könne. So kann etwa die Untersuchung von Holsti und North (1966) die allgemeine Unsicherheit und die feindselige Atmosphäre, die dem 1. Weltkrieg vorausgingen, psychologisch illustrieren und damit den Ausbruch des Kriegs umfassender als bisher erklären. Damit wird übrigens die Forderung erhoben, daß nur der Geschichtswissenschaftler erklären kann, nicht aber der Psychologe, da dieser nur die Zusatzinformationen liefert. Mit diesem Erklärungsmodell werden psychologische Gesetze nicht mehr über Gebühr strapaziert. Unsinnige Antworten werden unmöglich, da die Fragestellung als unsinnig erkannt ist; unsinnig wäre die Aussage, Revolutionen nähmen den geschilderten Verlauf, weil bei einer 4-3-2-Verteilung der Machtverhältnisse eine Revolution eintreten muß; unsinnig wäre zu sagen, Friedrich II. baute den Preußenstaat auf, um seinem Vater den einst verweigerten Gehorsam symbolhaft zu erweisen; oder die Formel Lasswells (1960) kann zurückgewiesen werden, derzufolge das politische Verhalten eine Funktion der persönlichen Motive sei, die auf öffentliche Angelegenheiten rationalisiert verschoben würden. — Stattdessen wird sich die Psychologie an dieses Modell zu halten haben, wenn sie sich daran beteiligen sollte, Geschichtliches zu beschreiben oder zu erklären. Diese forschungsstrategische Orientierung gilt m. E. f ü r bürgerliche wie f ü r materialistisch zu konzipierende Psychologien. Allerdings ist nicht nur zu vermuten, sondern auch zu belegen, daß Korrektheit und Zielrichtung der Argumentation abhängig zu machen sind von ihrem wissenschaftsintern zu bestimmenden Erklärungswert und von der Art, der Reihenfolge und dem dialektischen Wechselverhältnis aller D-Informationen untereinander. Damit ist bereits auf die gegenstandstheoretische Diskussion übergeleitet worden: auf die „Art" der D-Information. 2. Gegenstandstheoretische Anmerkung Wie in 1.1. gezeigt, ist der psychologische Gegenstand von der historischen Realität weit entfernt. Die Entfernung von der Realität darf nicht überraschen. Sie ist gegeben einmal dadurch, daß Sachverhalte wissenschaftlich immer nur in Aspekten gesehen werden und nie in ihrer Gesamtheit, wenn Theorien zu ihrer Erklärung bemüht werden. — Und einmal gegeben durch die spezifische Strategie der Psychologie selbst, die sich mit bestimmten Seiten des Individuums befaßt. Daher sind Zwischenschritte notwendig, um vom Individuum zu historischen, gesellschaftlichen oder politischen Phänomenen vorzustoßen. Schlechterdings falsch ist ein in den Anfänger jähren der angewandten Psychologie praktiziertes Verfahren, mit dem gesellschaftliche Phänomene dem Individuum analog aufgezogen wurden. Fromm (1970, 20) nennt dieses Verfahren daher auch „Analogisieren" statt „Analysieren". So faßte Laforgue (in Reich 1968) das Proletariat als Es und die Bourgeoisie als Überich der Gesamtpsyche Gesellschaft, um die

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Polizei mit dem Strafbedürfnis des Proletariats legitimieren zu können. Üblicherweise wird der Zugang zu gesellschaftlichen Phänomenen dadurch eingeleitet, daß am Sachverhalt psychologische Aspekte gesucht oder konstruiert werden bzw. dadurch, daß der Sachverhalt zu Verhaltensweisen, Verhaltensbereitschaften u. dgl. von Individuen analytisch reduziert wird. Diese Reduzierung wurde bereits in Anmerkung [1] dargestellt und auf ihre systemimmannente Erklärungstauglichkeit geprüft. — Damit erweist sich das dortige Verfahren als nicht mehr zufällig, sondern als notwendig innerhalb der psychologischen Methodologie; auf ein Moment der Notwendigkeit der Methodologie selbst wird in Anmerkung [3] eingegangen. Wenn historische Ereignisse als reduzierte verarbeitet werden, stellt sich die Frage nach der Relevanz des psychologischen Aspekts f ü r das Gesamtphänomen: In welcher Effizienz kann die Psychologie mit ihrem Wissen auf den Lauf der Geschichte einwirken? In welchem Ausmaß kann Geschichte durch das Individuum miterklärt werden 1 ? — Auf unzulässige Art wird die Frage in der psychologisierenden Betrachtungsweise beantwortet, bei der eine psychologische Komponente (Eigenschaft, Motivationsstruktur u. ä.) mehr oder weniger explizit zur Ursache oder Bedingung eines Ereignisses wird. Wie Psychologisierung betrieben wird, soll die Argumentationsstrategie Grunbergers (1962) illustrieren: (1) Grunberger registriert, daß der Faschismus gegen Ende der Weimarer Republik mehr an Boden gewinnt als der Kommunismus. (2) Er reduziert diese Entwicklung zu einem psychischen Sachverhalt, daß mehr Deutsche mit dem Faschismus sympathisieren als mit dem Kommunismus. Er konstruiert damit eine individuelle Bereitschaft f ü r den Faschismus, die er anschließend psychoanalytisch begründet. Innerhalb dieser Begründung wird (3) aus der bisherigen analysierenden Beschreibung eine Bedingungsaussage: „Derjenige, der sich auf ein derartiges primitives Überich stützt, hat nur die Macht, die ihn zu den Dressaten zwang, introji*ziert, unabhängig von ihrem Inhalt und ihren inneren Werten. Dies erklärt (Hervorhebung von mir, B. K.), warum die große Masse der Deutschen ein Hitler-Überich 1 Sachgerechterweise m ü ß t e die anschließende Diskussion nach dem Grad der Beteiligung von Einzelpersonen an politischen Entscheidungsprozessen aufgefächert werden. Wie Holsti und North zeigen, fallen die Bewältigungstechniken bei den sog. großen M ä n n e r n persönlichkeitsgefärbter aus, als dem „Mann von der Straße" in ähnlichen Situationen zugestanden wird. — Eine différentielle Argumentation w ä r e weiter hin f ü r die Wertung der verschiedenen Möglichkeiten der Ideologiebildung durch Psychologie notwendig; bei der Funktionsanalyse der großen M ä n n e r w ä r e d a n n etwa einzugehen auf die personalisierende Geschichtsdarstellung, auf Dämonologien, auf „human touch" in der Geschichte, auf die Rolle der großen Männer als Sozialisationsagenten (Leitbilder). Hier soll m e h r vom Angehörigen der besitzlosen Klassen die Rede sein.

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(statt etwa eines kommunistischen Überichs) aufgenommen hat, sobald dies f ü r sie eine größere Macht bedeutet (S. 258)." Und dieses Überich bewirkt, daß die Masse der Deutschen sich den Befehlen der Faschisten beugt und sie mit den bekannten politischen Folgen ausführt. — Daß es sich eher um einen Zirkelschluß denn um eine Erklärung handelt, sei nur angedeutet: Grunberger erklärt den Sieg des Faschismus mit dem Überich des Faschisten, dessen Wirkungsweise er aus dem Sieg des Faschismus gewonnen hat. Wer psychologisierend arbeitet, übersieht, daß psychologische Theorien nur psychologische Sachverhalte erklären können und daß die Rolle des Individuums in unbestimmbarer Weise eingef ü h r t wird. Der Kontrastierung halber ließe sich die psychologische Strategie dergestalt charakterisieren, daß sie sich in einem subjektiven Bezugsrahmen abspielt. Unter einem Bezugsrahmen versteht Parsons (z. B. 1964) eine grobe Absteckung jenes Themenbereichs, in dem bestimmte Fragen als wissenschaftlich sinnvoll bzw. andere als unsinnig definiert werden; dem subjektiven Bezugsrahmen kann man die Einheiten Person, Situation und Verhalten zugrunde legen, und des weiteren kann man als gültig annehmen, daß es sich bei den Verhaltensweisen um sog. „private" Verhaltensweisen handelt (vgl. dazu die Eigenschaften, die Mitscherlich bei seiner Psychografie Friedrichs II. verwendet). Der historische Gehalt wird dadurch gewonnen, daß diese subjektiv-privaten Verhaltensweisen in einen historischen Kontext gestellt werden, ohne daß die Logik des Vorgehens näher erläutert würde. Dem subjektiven wird ein objektiver Bezugsrahmen gegenübergestellt. In den objektiven wird zusätzlich zu den bereits vorhandenen Einheiten die Einheit „Gesellschaft" eingeführt, die mit den Techniken der Subsistenzwirtschaft, dem Stand der Entwicklung der Produktivkräfte, dem Antagonismus zwischen Klassen u. dgl. expliziert wird. Mit dieser neuen Einheit wird ein anderes Verhältnis zwischen den Einheiten hergestellt. Die Gesellschaft formt ihre Persönlichkeiten, die Verhaltensweisen sind nicht eigentlich typisch f ü r die Person, sondern f ü r die Gesellschaft 2 . Person und Verhalten sind damit allesamt Eigenschaften oder Funktionen der Gesellschaft. — Dieser Bezugsrahmen orientiert sich an W. Reich (1968) und E. Fromm (1970). Die Psychologie kann damit „nur" zeigen, wie sich nicht-individuelle Vorgänge in Bewußtsein und Erlebnisstruktur von Einzelpersonen niederschlagen und wie sie zu Verhaltensbereitschaften verarbeitet werden. Sie kann darstellen, wie sich Individuen in bestimmten Situationen verhalten, nicht aber, wie es zur Situation selbst gekommen ist. Damit ist der Bogen zur „Art der D-Information" geschlossen: Die Psychologie vermag den Entwicklungsstand, den der Historiker beschreibt, zusätzlich mit Erkenntnissen über dessen Wirkungsweise auf das Individuum zu ver2 Wulff (1969) etwa zeigt den unterschiedlichen Einfluß d e r vietnamesischen u n d mitteleuropäischen Familienstruktur auf Symptomatik un d Genese der Schizophrenie.

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deutlichen oder zu beschreiben. Die Tragweite der psychologischen Einsicht bestimmt sich danach, daß das Psychische als Folgeerscheinung der ökonomischen Vorgänge verstanden wird, daß die geschichtliche Entwicklung eher durch die Dynamik innerhalb der Ökonomie vorangetrieben wird als durch die Erlebnisweisen der betroffenen Individuen. Der weitreichende Unterschied zwischen beiden Bezugsrahmen soll an einem Beispiel illustriert werden. •— Eine amerikanische Gruppe um McClelland (1961) hat Konzeption und Methodik der Leistungsmotivation f ü r die Analyse des Leistungsgehalts des Griechenlands des klassischen Altertums, des Spaniens des 16. Jhdt., des Englands von 1400—1830, der USA von 1900—1950 und des Inkareichs modifiziert, um die Hypothese zu prüfen, ob verschiedene Werte der Leistungsmotivation f ü r den unterschiedlichen Reichtum eines Landes verantwortlich (orig.: responsible) seien, d. h. ob ein höherer Wert an Leistungsmotivation einem volkswirtschaftlichen Aufschwung vorausgehe3. Die Indizes f ü r Leistungsmotivation gewinnt McClelland, indem er die philosophische und belletristische Literatur aus verschiedenen Epochen in verschiedene leistungsbezogene Gruppen aufteilt. Bei den alten Griechen benützt er u. a. Homer, Äschylos, Xenophon, Aristoteles; als Indikatoren die jeweiligen Aussagen über Menschen und Götter, Leitung von Wirtschaft und Staat, Propaganda, Begräbnisriten u. a.; die ökonomische Lage wird in der Verbreitung von Tonkrügen im Mittelmeerraum indiziert. Damit wird dem Autor möglich, Leistungsmotivation und wirtschaftlichen Entwicklungsstand zueinander in Beziehung zu setzen. Die Daten werden einer statistischen Analyse unterzogen, deren Ergebnisse im Sinn der Hypothese interpretiert werden. „Dabei zeigte sich, daß dem wirtschaftlichen Aufstieg stets eine Periode erhöhter Leistungs3 Heckhausen, der die Leistung,smotivation in der BRD bekannt gemacht hat, definiert sie „als das Bestreben, die eigene Tüchtigkeit in all jenen Tätigkeiten zu steigern oder möglichst hoch zu halten, in denen m a n einen Gütemaßsta b f ü r verbindlich hält un d deren A u s f ü h rung d a h e r gelingen oder mißlingen k a n n " (1965, 604). Sie wird an anderer Stelle definiert als die Tendenz, ein Ziel konsequent zu ver folgen solange, bis sich Erfolg einstellt. Sie wird gemessen, indem Versuchspersonen Bilder vorgelegt w e r d e n mit der Instruktion, zu berichten, wer was mache, wie es zur dargestellten Situation gekommen sei u n d wie es weitergehen könne. Die von den Versuchspersonen erzählten Geschichten werden nach ihrem Bezug zu Leistungszielen, nach Erfolgs- un d Mißerfolgsqualitäten ausgewertet. Bemerkenswert an diesen Definitionen ist die Ausklammerun g des Inhalts von Leistung. Es liegt d a h e r nahe, eine Verbindung zwischen dem partialgesellschaftlichen Interesse der Kapitalakkumulation u m seiner selbst und einem Leistungsstreben in einer zielentfremdeten Arbeitssituation herzustellen. Leistungsmotivation w ä r e somit der psychologische Ausdruck der Gesellschaftsstruktur, w ä r e Teil des in die Köpfe umgesetzten Materiellen.

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motivation und dem Niedergang eine anhaltende Periode abfallender Leistungsmotivation vorangeht. Hohe Leistung f ü h r t also zu wirtschaftlichem Aufstieg und nicht umgekehrt" (Heckhausen 1965, 621). Ganz im Sinn des subjektiven Bezugsrahmens ändert sich zuerst die Leistungsmotivation und dann die wirtschaftliche Produktivität. Daran ändert auch der Verweis nichts, daß „das Anwachsen der Leistungsmotivation selbst fast immer eine Folge religiöser oder weltanschaulicher Strömungen zu sein" (621) scheint, wie sie in Max Webers These des Zusammenhangs von Protestantismus mit Kapitalismus und wirtschaftlichem Aufschwung ausgedrückt wird; und zwar solange nichts, solange nicht das „führt zu" aus dem ersten Zitat getilgt ist. Wer dagegen den objektiven Bezugsrahmen f ü r adäquater hält, denkt anders. Er vermutet, daß in bestimmten Zeitabschnitten bestimmte Interessen vorgelegen haben müssen, die ein Mehr oder Weniger an Leistungsanstrengung, welche sich dann in höheren oder niedrigeren Werten zu Buche schlägt, zur Folge hatten. Er stellt das Ergebnis des subjektiven Psychologen auf den Kopf, indem er behauptet, daß verschiedene ökonomische Verhältnisse zu verschiedenen Werten der Leistungsmotivation führen. Diese Annahme soll auf die griechische Gesellschaft bezogen ökonomisch fundierter begründet werden (nach Thalheimer 1927). Die Untersuchung McClellands bezieht sich auf einen Zeitraum, in dem der Grundstein zur griechischen Gesellschaftsordnung, der Sklavenwirtschaft, gelegt wird, diese sich ausbildet und schließlich aufgelöst wird. J e schärfer die Sklavenwirtschaft Struktur gewinnt, desto weniger arbeitet die Klasse, die Sklaven besitzt und sich von ihnen den Lebensunterhalt sichern läßt. Wer nicht arbeitet, befaßt sich auch gedanklich nicht mit Arbeit; je weniger Arbeit fester Bewußtseinsinhalt ist, desto weniger schlägt sie sich in den Objektivationen der herrschenden Klasse, den Büchern z. B., nieder. Die griechische Elite wird also nicht „von sich aus"—monadologisch, wie es gerne der subjektive Psychologe sähe — immer weniger leistungsmotiviert, sondern ihr Leistungsindex sinkt, da die Arbeit von anderen verrichtet wird. Die Elite wird schlicht desinteressiert, da sie mit keinen Schwierigkeiten der Existenzsicherung konfrontiert wird. Es paßt recht gut in dieses Bild, daß die technischen Wissenschaften — sofern von ihnen im alten Griechenland überhaupt die Rede sein kann — darniederlagen, während allerlei nutzloses Spielwerk f ü r die Elite ausgetüftelt wurde (Lilley 1948), und weiter, daß sich in diesem Zeitraum die Wende von der materialistischen Philosophie zur idealistischen vollzieht. — 3. Methodologische Anmerkung Mit der Untersuchung McClellands ist die Verbindung zu einer Thematik hergestellt worden, die im Kontext des historisch-genetischen Erklärungsmodells bereits aufgeworfen worden war, zur Frage nämlich, ob die Art der D-Information den Verlauf der ana-

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lytischen Argumentation und damit die Rekonstruktion der chronologischen Abläufe steuere. — Die Vermutung, daß dem so sei, kann theoretisch abgeleitet und schon heute partiell bestätigt werden. Iii letzter Schlüssigkeit allerdings ist sie ebenso unbewiesen, wie ihre Zurückweisung wissenschaftslogisch möglich wäre. 3.1. Der Charakter psychologischer Theorien In 1.1. wurde aufgezeigt, wie der Psychologe in Anlehnung an eine Theorie historische Ereignisse in psychologische Begriffe übersetzt. Aus wissenschaftstheoretischen und wissenssoziologischen Gründen wird es notwendig, dieses Verfahren genauer zu betrachten. Die Theorie, an der sich der Psychologe orientiert, kann einmal mangelhaft formuliert sein (s. o.), so daß sie als D-Information an Stichhaltigkeit einbüßt. Zum anderen — und dieser Einwand ist ungleich wichtiger — ist sie nicht an den historischen Ereignissen selbst gewonnen worden, sondern am Verhalten von Versuchspersonen unserer Zeit. Wenn mit solchen Theorien Aspekte der Vergangenheit beschrieben und nicht erklärt werden, so ist damit vorläufig nur eine Als-ob-Struktur, ein Modell, zwischen dem Verhalten von den Versuchspersonen der Gegenwart und dem Verhalten von Menschen der Vergangenheit hergestellt worden. Es läßt sich nur spekulieren, daß sich die Menschen der Vergangenheit wie die Menschen der Gegenwart verhalten haben könnten. Insofern das Verhalten der Menschen der Vergangenheit nicht die Basis darstellt, mit der die Theorie konstruiert worden war, kann die Theorie in diesem Stadium wissenschaftslogisch nicht für Erklärungen zuständig sein. Sie kann allerdings innerhalb der Heuristik zuständig gemacht werden, indem sie zunächst als Modell, d. h. nicht als Abbild, definiert und anschließend forschungstechnisch wie eine Theorie behandelt wird. Das Modell wird dann auf seine Brauchbarkeit hin getestet, wie Theorien empirisch geprüft werden. Dies kann dadurch erfolgen, daß die Relationen zwischen den Gesetzen der Theorie zu Relationen zwischen den historischen Ereignissen umdefiniert werden — wie in 1.1. dargestellt. Praktisch sieht dieses Verfahren vor, daß aus der Theorie Hypothesen abgeleitet und diese dann in der Konfrontation mit historischen Daten getestet werden. Auf diese Art und Weise wird aus den historischen Tatsachen die empirische Basis f ü r eine Theorie. Die Als-ob-Struktur des Modells kann mithin Hypothese f ü r Hypothese zu einer Theorie, damit zu einem Abbild der Historie und damit zu einer Erklärungsstruktur, ausgebaut werden. Aus dem Modell kann eine Theorie werden. Wie der empirische Sozialforscher weiß, birgt dieses Verfahren eine Vielfalt an Schwierigkeiten in sich. Der nomothetische Wissenschaftler z. B. setzt seine „Theorien dem Risiko des Scheiterns an den Tatsachen" aus (Albert zit. n. Herrmann 1971), er überläßt es der Realität, seine Theorien zu korrigieren. „Realität" bedeutet für die Psychologie das Verhalten von Menschen, die von der Theorie keine Kenntnis haben und die sich daher nicht willentlich an ihr

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orientieren oder sich so verhalten, wie es der Theoretiker gerne sähe. Innerhalb des psychologischen Beitrags zur Geschichtswissenschaft liegt die Bestimmung dessen, was Realität sei, in den Händen des Wissenschaftlers bzw. der gesellschaftlichen Interessen, denen er unterliegt. „Subjekt und Objekt bilden bei der historischen Erkenntnis ein organisches Ganzes und stehen in Wechselbeziehung . . . Die Erkenntnisrelation ist niemals passiv, kontemplativ, sondern aktivistisch, weil in ihr das Subjekt zu Worte kommt" (Schaff 1970, 88). Und dieses Subjekt wendet eine Theorie an, mit der es unter den historischen Ereignissen eine Auswahl trifft; im Gegensatz zum empirischen Vorgehen kann die „Realität" nicht korrigierend wirken, da sie mit einer Theorie konstruiert wird, die ihrerseits wieder von der Realität verifiziert oder falsifiziert werden soll. Der Zirkelstruktur zufolge muß der Psychologe bei historischen Ereignissen nur das erkennen, was in seiner Theorie bereits enthalten ist. (Mir ist keine psychoanalytische Biografie bekannt, in der die Psychoanalyse als Theorie versagt hätte; und mir ist keine Untersuchung bekannt, in der sich der Zusammenhang von Leistungsmotiv und wirtschaftlicher Situation hätte widerlegen lassen.) Und dies muß so sein, da Hypothesenprüfung immer ein theoriegeleitetes Vorgehen darstellt; an der Vergangenheit werden theoretisch erwartete Aspekte wahrgenommen. Daher kann These (1) lauten: Anwendung einer Theorie bedeutet, daß zeitgebundene Begriffe der Vergangenheit übergestülpt werden. Paradoxerweise werden damit historische Ereignisse anhand heutiger Begriffe und Theorien beschrieben. Die Paradoxie vergrößert sich, sobald erkannt ist, daß diese Theorien nicht nur gegenwartsgebunden, sondern daß sie ahistorisch konzipiert sind, weil innerhalb der nomothetischen Psychologie Theorien nur als ahistorische Bestand haben können. „In den theoretischen Sätzen, die empirisch zu prüfen sind, wird der Anspruch erhoben, daß diese Sätze — . . . — streng ,immer und überall' gelten sollen. Allein dieser Anspruch ist — da er aus den Naturwissenschaften herstammt, die mit Gegenständen befaßt sind, die keinen geschichtlichen Prozessen unterliegen — essentiell Ausdruck einer ahistorischen Wissenschaftsvorstellung" (Holzkamp 1972, 109). Folge einer solchen Konzeption von wissenschaftlicher Zielsetzung ist die zeitliche Neutralisierung nicht nur des Geltungsbereiches von Gesetzen und Theorien, sondern auch die des Gegenstandes, dessen Merkmale zu Gesetzen und Theorien verarbeitet werden. Der Gegenstand selbst muß ahistorisch werden. Wie aufgezeigt, wird er zwangsläufig ahistorisch dadurch, daß er aus einer Theorie abgeleitet wird und daß er, während er empirisch geprüft wird, wegen der Zirkelstruktur des Prüfverfahrens bei historischen Fragestellungen immer beobachtbar bleibt. „Immer beobachtbar" bedeutet Konstanz. Konstanz der Dinge drückt die Psychologie in dem aus, was Boesch und Eckensberger in der kulturvergleichenden Psychologie die „transkulturelle Invarianz psychologischer Konstrukte" nennen (1969, 538 f.), die sich hier als „transzendentale Invarianz" einfüh-

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ren läßt. Da die Vorstellung der Invarianz vorerst nur eine Setzung ist, muß sie geprüft werden, und dazu hat die Psychologie das Verfahren der Konstruktvalidierung entwickelt: Ein psychologisches Konstrukt ist dann als valide (gültig) anzusehen, wenn es möglichst repräsentativ erfaßt ist, d. h. wenn es bei verschiedenen Personen, bei gleichen Personen in verschiedenen Situationen, zu verschiedenen Zeitpunkten, bei verschiedenen Aufgaben, in verschiedenen Kulturen, in verschiedenen Epochen u. dgl. gemessen werden und wenn von den Messungen anhand bestimmter methodischer Richtlinien auf den gleichen Begriff geschlossen werden kann. Aus der Zielsetzung heraus, dem Konstrukt „Leistungsmotiv" Allgemeingültigkeit bescheinigen zu können, wurden nach der Interpretation von Kornadt und Münkel (1971) die historischen Untersuchungen durchgeführt; in Anmerkung (2) wurde von dem positiven Ergebnis berichtet. Daher kann These (2) lauten: Da die Zielsetzung der Psychologie ahistorisch ist, müssen ihre Ergebnisse ahistorisch ausfallen. Paradoxerweise werden damit historische Ereignisse anhand ahistorischer Begriffe beschrieben. Geschichtsschreibung erfolgt mit der Psychologie nicht nur in gegenwartsbezogenen, sondern auch, da die Theorien ahistorisch sind, in ahistorischen Begriffen. Ein solches Verständnis der Zeitlosigkeit psychischer Sachverhalte fügt sich in eine Konzeption von Geschichtswissenschaft ein, die Schaff (1970) als Präsentismus abhandelt. 3.2. Psychologie und Präsentismus Der Präsentismus versteht sich als Absage an eine Geschichtswissenschaft, die Geschichte als unparteiische Chronik des „so war es" betreiben will. Da auch der Historiker — objektiv — den gesellschaftlichen Bedingungen unterworfen ist, ist zum einen eine interessenneutrale Geschichtsschreibung nicht nur unmöglich, sondern sie wäre — falls subjektiv f ü r möglich erachtet — „Camouflage, um gewisse gesellschaftliche Ziele zu erreichen" (110). So lautet denn auch die oberste These des Präsentismus, daß die Geschichte ein auf die Vergangenheit proji*ziertes Denken der Gegenwart sei, „was man so zu verstehen hat, daß die Interessen und Bedürfnisse von heute das Blickfeld und den Gesichtswinkel des Historikers determinieren" (110). Damit ist auch das zweite Kennzeichen des Historismus widerlegt: Geschichte ist eine Konstruktion, die von den Bedürfnissen geleitet ist, und keine Chronik. Geschichte ist keine Chronik, die, als ob sie ohne Wirkung geblieben wäre, zu den Akten gelegt werden kann. „Die Geschichte muß urteilen und interpretieren" (110). Geschichte dient wie jede menschliche Erfahrung dem Zweck, zu lernen, Fehler zu vermeiden und Erfolgreiches zu wiederholen. Soll aus der Geschichte gelernt werden, so muß sie in Begriffen dargestellt werden, die f ü r die gesellschaftliche Praxis relevant sind. Der Präsentismus verfolgt also keine Erkenntnissammlung um ihrer selbst. Geschichte wird unter pragmatischen

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Gesichtspunkten betrieben. Ihr Wahrheitskriterium heißt Nützlichkeit: „Wahr ist, was nützlich ist, in dem Sinne, daß es bestimmten Bedürfnissen und Interessen entspricht" (113). Exemplarisch liest sich seine Grundhaltung so: Was ist zu gewinnen, wenn man sich vorstellt, daß Friedrich der Große aus verspätetem Gehorsam den Preußenstaat aufgebaut hat? Was ist gewonnen, wenn man darstellt, daß seit jeher wirtschaftliche Entwicklung und subjektive Lagebefindlichkeit den Fortschritt der Menschheit beeinflußt haben? Wer im objektiven Bezugsrahmen (s. o.) argumentiert, wird in Fragen dieser Art keinen Erkenntnisnutzen wahrnehmen können. Da f ü r ihn jede Gesellschaft die ihr nötigen Funktionen entwickelt, die sich dem Psychologen als Vorurteile, Erziehungspraktiken, Sozialcharaktere u. dgl. zu erkennen geben, kann ein Konzept, welches in einer konkret-historischen Situation entwickelt worden war, nicht unreflektiert auf eine andere Gesellschaft in einer anderen Zeitepoche übertragen werden. Wer sich dem objektiven Bezugsrahmen verpflichtet fühlt, muß sich mithin dem Präsentismus verweigern. Der Präsentismus verkürzt, indem er den Einwand des objektiven Wissenschaftlers nicht zur Kenntnis nimmt oder nehmen will, reale Geschichte zu Bewußtseinsgeschichte. Er setzt reale Geschichte mit dem Denken über und mit dem Konstruieren von Geschichte gleich. Im Denken „ . . . verschwindet faktisch der objektiv historische Prozeß . . . Das Denken wird souverän, die Frage nach der Übereinstimmung mit dem objektiven Prozeß, also das Problem der Objektivität der historischen Erkenntnis, fesselt ihre Aufmerksamkeit nicht" (112). Der Präsentismus bezieht wie auch die Psychologie einen ausgeprägt agnostischen Standpunkt: Geschichte dort, Verhalten hier — beide werden nicht entdeckt oder erkannt, sondern konstruiert. Die Gegenwart wird konstruiert und mit einer konstruierten Gegenwart wird anschließend die Vergangenheit konstruiert. Als Funktion des Zusammengehens von Psychologie und Präsentismus kann daher These (3) lauten: Psychologie und Präsentismus bauen ein Geschichtsbild auf, ein Bewußtsein von Geschichte, das mit Inhalten gefüllt wird, die von heute sind, die als historischobjektive nicht belegbar sind, sondern als historische mit der Perspektive der Gegenwart konstruiert werden. Ob sich die Psychologie allerdings der Erfordernisse, die ihr zur Rolle im Präsentismus verholfen haben könnten, bewußt ist, ist zu bezweifeln. Näher liegt die Vermutung, daß sie sich an historischen Fragen beteiligt oder in Zukunft häufiger beteiligen wird, weil sie sich ihnen methodisch gewachsen sieht. Psychologen definieren ihre Wissenschaft nicht vom Gegenstand her, sie definieren sie methodal. Sie forschen in dem Bewußtsein, wissenschaftlich zu sein dann, wenn sie die objektive Methodologie der Naturwissenschaften anwenden. „Im Zuge der Lösung der Psychologie von der Philosophie und ihrer gleichzeitigen Entwicklung zu einer empirischen Wissen-

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schaft mußten zunächst nur alle die Fragenbereiche f ü r den Forscher besonderen Anreiz haben, die sich mit dem methodischen Ansatz der Naturwissenschaften — vor allem der Physik — bearbeiten und lösen ließen. Allein, diese Entwicklung ist gerade wissenschaftlich sehr fragwürdig, denn sie impliziert ja, daß nicht die Methode nach dem Problem, der Fragestellung, entwickelt oder ausgesucht wird, sondern umgekehrt nur auf die Fragen bearbeitet werden, f ü r die bereits Methoden vorhanden sind oder vorhandene Methoden nur angepaßt werden müssen. Willems (1967) zieht in diesem Zusammenhang einen boshaften Vergleich. Er meint, solches Vorgehen verlaufe nach dem ,Gesetz des Hammers' (Boesch und Eckensberger 1969, 515)." Das „Gesetz des Hammers" besagt folgendes: Wenn man einem Kind einen Hammer in die Hand drückt, beginnt es alle Gegenstände zu beklopfen; den Hammer auszuprobieren, wird Lebensinhalt; die Welt wird nur noch als zu behämmernde wahrgenommen; das Werkzeug bestimmt das Weltbild und nicht umgekehrt: die Weltauffassung bestimmt, auf welche Gegenstände es sich lohnt einzuschlagen; der Hammer wird gegenstandsneutral. Auch wenn der Vergleich „boshaft" ist, der Psychologe verhält sich nicht anders als das Kind. Da seine wissenschaftliche Methode Werkzeug ist und sich der Psychologe in Ermangelung einer Gegenstandskonzeption an den Verwendungsmöglichkeiten seiner Methoden orientiert, wird diese seine Methode f ü r ihn gegenstandsneutral, so daß mit ihr jeder Gegenstand untersucht werden kann, ohne daß die Gegenstandsadäquatheit der Methode theoretischen Vorüberlegungen zugeführt zu werden bräuchte. Er wendet seine Methode an, weil er mit ihr Erkenntnisse gewinnt. Daß er welche gewinnt, ist das Kriterium und nicht ihre Qualität, ihr Grad an Widerspiegelung der objektiven Realität, in unserem Kontex: der Geschichte. So löst Caplow die Revolutionen aus den verschiedensten historischen Kontexten, um sie in seiner Koalitionssprache ausdrücken zu können (s. o.), ohne jedoch diese Reduktion zu legitimieren; es sei denn, der oberflächliche Verweis, zu revolutionären Zeiten seien immer drei Gruppierungen zu beobachten gewesen, erfülle diese Funktion. — Daher versichert sich McClelland nicht, ob das Leistungsmotiv in der Vergangenheit psychisch repräsentiert war; ich komme darauf zurück. — Daher fragt Mitscherlich nicht nach den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen des Verhaltens von Friedrich dem Großen. Er prüft nicht, ob die Normen der Triebregelung, die seit den ersten Arbeiten Freuds bekannt geworden sind, bereits in der Vergangenheit institutionalisiert gewesen waren, so daß es jetzt möglich wird, die psychoanalytisch faßbaren Symptome mit den heute sich bewährenden Konstrukten zu erklären. Denn nur wenn feststünde, daß im preußischen Staat, f ü r dessen Charakterisierung als autoritärer Friedrich der Große allerdings erst verantwortlich gemacht wird, jene Familienstruktur bereits gang und gäbe gewesen wäre, die bestimmte Gehorsamsnormen zu ihrem festen Inventar gezählt hätte, nur dann wäre der „verspätete Gehorsam" zu diagnostizieren. Und diese Prüfung könnte möglich sein.

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3.3. Die psychologische Analyse der Funktion des Präsentismus Bis hierher mag die Funktion des ahistorischen Charakters der Ergebnisse: die Vergangenheit in der Terminologie gegenwärtig partial-gesellschaftlicher Interessen und Bedürfnisse darzustellen, in den Köpfen, dem Bewußtsein der Wissenschaftler repräsentiert sein. Für die Psychologie bleibt sie Mutmaßung solange, als sie ihre Wirkungsweise nicht am Individuum verankert sieht. So ist es gesellschaftstheoretisch zwar logisch festzustellen, daß in einer leistungsorientierten Gesellschaft das Konzept der Leistungsmotivation nicht nur entwickelt (s. Fußn. 3), sondern zusätzlich mit ihr die Vergangenheit beschrieben, gar erklärt wird; in diese Hypothese paßt dann auch der Hinweis, daß die Analyse nicht zufälligerweise bei den Urvätern der abendländischen Zivilisation, den alten Griechen, einsetzt. Der Zusammenhang jedoch kann selbst wieder Ideologie werden, wenn nicht nachgewiesen ist, daß er in irgendeiner Erscheinungsweise das Bewußtsein derer erreicht hat, die von den Ergebnissen ahistorischer Geschichtsforschung Kenntnis erhalten (sollen). Die Psychologie muß sich folgendes fragen: Wenn wissenschaftliche Aussagen dem Ideologie-Verdacht ausgesetzt sind, müssen es Aussagen sein, die sich als psychische Tatbestände manifestieren und die sich nach dem Grad ihrer Widerspiegelung der Realität beurteilen lassen. Unter „psychischer Manifestierung" wird in diesem Kontext die Tatsache verstanden, daß die objektive Realität zu subjektiv verständlichen, d. h. von jedem an sich selbst erfahrbaren Termini übersetzt wird. Wie in Anmerkung [2] gezeigt, geschieht dies dadurch, daß die politischen und sozialen Vorgänge zu individuellen Erfahrungstatsachen reduziert werden und den Charakter des Letzten, nicht weiter Befragbaren erhalten (s. dazu auch Hahn 1968, 90 ff.). Die individuell erfahrbare Anschauung, die individuelle Betroffenheit und die eigenständige Einflußnahme werden so subjektiv zum Abbild der gesellschaftlichen Prozesse. Wie in 1.1. dargelegt, wissen wir über die psychische Konstitution der Menschen vergangener Zeiten, mit der die polit-ökonomische Entwicklung individuell erfahrbar gemacht werden soll, wenig bis nichts. Diese Informationslücke wird von der Methodologie geschlossen und zwar dadurch, daß die psychischen Merkmale aus der heutigen Theorie deduziert und am Verhalten der Menschen der Vergangenheit f ü r theoretisch möglich, wenn nicht ontisch gegeben angesehen werden. Daher kann These (4) lauten: Die psychologische Theorie liefert das individuell Erfahrbare, wenn sie in der Geschichtswissenschaft angewandt wird. Das individuell Erfahrbare wird einer Prüfung nach dem Grad seiner Widerspiegelung der objektiven Geschichte entzogen, weil der Präsentismus darauf verzichtet (s. o.) und er diesen Verzicht mit der Notwendigkeit begründet, daß Vergangenheit nur gegenwartsbezogen betrachtet werden könne bzw. aus pädagogischen Erwägungen heraus so betrachtet werden müsse.

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Daher kann These (5) lauten: Die Psychologie vermittelt als DInformationen diejenigen individuell erfahrbaren Bewußtseinsinhalte, mit denen sich der einzelne Geschichte f ü r sich, von sich her begreiflich machen kann. Dem ist so vor allem dann, wenn psychologische Aussagen im Kontext einer psychologisierenden Betrachtungsweise verbreitet und' nicht in einen objektiven Bezugsrahmen eingebaut werden. Im ersten Fall wird — wie in Anmerkung [2] bereits dargestellt — Geschichte durch die individuell erfahrbaren Sachverhalte erklärt: Wenn sich f ü r den theoretisch möglichen Grad an Leistungsmotivation Hinweise finden lassen und wenn sich ein Zusammenhang mit ökonomischen Indizes bestätigen läßt, dann wird die Vorstellung vom Leistungsmotiv in der Geschichte zur wirklichen, f ü r das Verhalten wirksamen Motivation. So wird der wirtschaftliche Niedergang der Griechen u. a. durch ihr Verhalten erklärlich, weil es ab einem gewissen Stadium Zielstrebigkeit, die Auseinandersetzung mit Standards u. dgl. vermissen ließ. Wenn somit festgestellt wird, daß psychische Inhalte deduziert werden und bewußtseinsbildende Funktionen übernehmen können, so muß gleichzeitig eingeräumt werden, daß von diesen Funktionen berechtigterweise nur dann gesprochen werden kann, wenn die psychischen Inhalte, die theoretisch vermuteten Ideologeme, diejenigen erreichen, deren Bewußtsein gezielt aufgebaut werden soll. Informationsmedien zur Vermittlung von Aussagen sind populärwissenschaftliche Zeitschriften, Fernsehsendungen, Abendschulkurse u. ä. Obwohl über den Prozeß der Wirksamkeit wissenschaftlicher Veröffentlichungen wenig bekannt ist, läßt sich — von einigen lerntheoretischen Hypothesen und der Eigendynamik sozialwissenschaftlicher Gesetze (vor allem der self-fulfilling-prophecy) abgesehen — das, was Stegmüller (1969, 138 ff.) unter der Kategorie „pragmatische Erklärungsbegriffe" zusammenfaßt, als Erklärungsmöglichkeiten f ü r Wirksamkeit vermuten. Bei den pragmatischen Erklärungsbegriffen wird eine Relativierung der Aussage auf das Wissen, die intellektuellen Fähigkeiten, der Aufnahmekapazität usw. der beteiligten Personen vorgenommen. Die einfachste Vorstellung ist die dreistellige Relation: A erklärt B einen Sachverhalt; die nächst komplizierte: A (ein Wissenschaftler) erklärt B (einem Laien), der A wissensmäßig unterlegen ist, einen Sachverhalt (einen historischen Vorfall). Eine pragmatische Erklärung wird in solchen Fällen diagnostiziert, in denen A eine Mitteilung, eine Beschreibung, abgeben möchte, die von B wider As Absicht als Erklärung gedeutet wird. Erleichtert werden Mißverständnisse dieser Art dann, wenn sich A nicht eindeutig genug ausdrückt. So vermeidet etwa Heckhausen in seiner Einschätzung der Untersuchungen McClellands, die Frage zu klären, ob die Leistungsmotivation die ökonomischen Verhältnisse erkläre oder ob in dem oft zitierten Zusammenhang lediglich eine zeitliche Reihenfolge festgehalten sei, die wegen der Fragwürdigkeit des

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„post hoc, ergo propter hoc"-Prinzips nicht in eine Kausalfolge umgedacht werden könne. Eine pragmatische Erklärung ist dann brauchbar, wenn sie von B verstanden wird und wenn sie trotz des Wissensgefälles zwischen A und B sachlich korrekt und adäquat ist (Passmore zit. nach Stegmüller 1969, 140). B hat Kontrolle nur über das Kriterium „Verständlichkeit"; eine Erklärung ist verständlich, wenn sie an der Person B bekannten Sachverhalten anknüpft. Im Kontext der Leistungsmotivation ist als Anknüpfungspunkt das Bewußtsein wohl eines jeden gegeben, daß wir in einer Leistungsgesellschaft leben, die von „Machern" und „Schaffern" „dynamisch" und „kreativ" verwaltet wird, wie die umgangssprachlichen Ausdrücke für den Bedeutungshof von Leistungsmotivation lauten. So ist der Boden für die ideologische Funktion in ihrer primitivsten, weil f ü r alle verständlichen Gestalt bereitet: Die Vergangenheit wird leistungsthematisch dargestellt, um Geschichtsschreibung mit einem Appell verbinden zu können: Jeder möge sich leistungsorientiert verhalten, weil nur so dem Fortschritt der Menschheit, wie er sich z. Z. zum Wohl aller darstellt, auch fürderhin gedient werden könne — egal in welche Richtung und zu wessen Nutzen. Diese Aussage mag trivial erscheinen, weswegen sie dennoch wahr sein kann. Daher kann These (6) lauten: Psychologie wird innerhalb des Präsentismus angewandt, um das individuell Erfahrbare zu induzieren f ü r die Zielsetzung, Geschichte vom Individuum her erklären zu können. Im gleichen Atemzug muß ihr These (7) entgegengesetzt werden: Es ist fraglich, ob die ideologischen Aussagen das angezielte individuelle Bewußtsein erreichen. Der Ideologieverdacht dem Präsentismus gegenüber ist empirisch fragwürdig, wenn auch logisch möglich. Fast alle Momente der Behandlung der Ausgangsfrage, die in den beiden ersten Anmerkungen getrennt voneinander dargestellt wurden, scheinen sich somit zu einem einheitlichen System zusammenführen zu lassen: der Funktion von Wissenschaft in einer Klassengesellschaft. Die Integrationsarbeit, die in der dritten Anmerkung ansatzweise aufgenommen wurde, muß wegen der allzu geringen empirischen Grundlage f ü r dieses Thema an anderer Stelle weiter vorangetrieben werden. Aus dem Wissen um die noch schmächtige Beweiskraft heraus wurde daher eingangs auf den prophylaktischen Charakter dieses Beitrags verwiesen. Literatur Bitter, W. (Ed.) 1965. Massenwahn in Geschichte und Gegenwart. Stuttgart. Boesch, E. E., und L. Eckensberger, 1969. Methodische Probleme des interkulturellen Vergleichs. In: Graumann, C. F. (Ed.): Handbuch der Psychologie, Sozialpsychologie, Bd. 7/1. Göttingen. S. 515—566.

Psychologie und

Präsentismus

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Der traditionelle Historismus und die Strukturgeschichte „Das neue Wort heißt Strukturgeschichte" 1 , verkündete die „Frankfurter Allgemeine Zeitung" in ihrem Bericht über die Kölner Historikertagung vom April 1970 und kennzeichnete damit den gegenwärtigen Trend in der Geschichtsschreibung der BRD. Im Zuge der allgemeinen Umorientierung der Gesellschaftstheorien sind auch die Historiker seit einem Jahrzehnt in verstärktem Maße darum bemüht, das theoretisch-methodologische Arsenal der bürgerlichen Geschichtsforschung zu modernisieren. Denn nach einer treffenden Einschätzung von Albert Mirgeler 2 befindet si chdas bürgerliche deutsche Geschichtsdenken und -schreiben seit den 1880er Jahren in einer „permanenten Krise". Dieser Feststellung auf der Freiburger Historikerversammlung vom Oktober 1967 widersprach niemand, im Gegenteil, das „Dilemma" — wie Knut Borchardt sagte 3 — wurde von mehreren Rednern ausdrücklich bekräftigt und zum Ausgangspunkt ihrer Debatten gemacht. Und der Verlauf des Kölner Historikertages war f ü r Dirk Bavendamm Anlaß zu der Klage — gewissermaßen in fortissimo, aber keineswegs unrealistisch: „Die deutsche Historikerzunft plagt Existenzangst. Des eigenen Selbstverständnisses ungewiß, der erkenntnistheoretischen Grundlagen unsicher, über Forschungsziele und didaktische Methoden uneinig, sieht sie sich schon als Opfer fremder Mächte: der Sozialwissenschaften an den Universitäten, der Gemeinschaftskunde an den Schulen, einer Leistungsgesellschaft, der praktischer Nutzeffekt mehr gilt als kontem1 Gillesen, Günther, Nicht m e h r im letzten Wagen. Der Historikertag in Köln, in: F r a n k f u r t e r Allgemeine Zeitung, 7. 4.1970. 2 Mirgeler, Albert, Staat, Nation, industrielle Gesellschaft und die Geschichtswissenschaft, in: Geschichte in Wissenschaft un d Unterricht (im folg. zit.: GWU), Jg. 19, 1968, H. 1, S. 21. — Diese Krise analysiert ausführlich un d u n t e r umfassenden Gesichtspunkten: Kon, I.S., Die Geschichtsphilosophie des 20. Jhs. Kritischer Abriß, Bd. 1, Berlin 1964, S. 7 ff.; vgl. auch: Kritik der bürgerlichen Geschichtsschreibung, Handbuch, hrsg. v. Werner Berthold / Gerhar d Lozek / Helmut Meier / Walter Schmidt, Köln 1970. 3 Bericht über die 27. Versammlung deutscher Historiker in Freiburg! Breisgau, 10—15. Okt. 1967 (im folg. zit.: Bericht Freiburg), Stuttgart 1969, S. 21 (Beiheft zu GWU, 1969). — Zum Verlauf der Tagung vgl. auch: Becker, Gerhard, Historie in der Krise. Der westdeutsche Historikertag 1967 in Freiburg im Br., in: Zeitschrift f ü r Geschichtswissenschaft (im folg. zit.: ZfG), Jg. 16, 1968, H. 2, S. 206 ff.

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plative Nabelschau, und einer stürmischen Jugend, die das Morgen über das Gestern stellt" 4. Die umfassende Skala der Krisenerscheinungen, die von den Weltanschauungs- bis zu den schulischen Unterrichtsfragen reicht, ist damit angesprochen. Auf der Suche nach den entscheidenden Ursachen dieser vielberufenen Krise der bürgerlichen Geschichtsforschung kann man nicht auf dem sozusagen inneren Hofe der Geschichtswissenschaft stehen bleiben, sind doch diese Ursachen letzten Endes politischer Natur. Sie sind ein Produkt der sich entfaltenden Klassenwidersprüche innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft und der 1917 einsetzenden weltgeschichtlichen Übergangsepoche mit ihrer Rückwirkung von der sozialistischen auf die kapitalistische Gesellschaft. Diese politisch-ideologischen Antriebe sind auch die eigentliche Ursache f ü r die „Explosion der Sozialwissenschaften" 5 und deren führende Rolle innerhalb der bürgerlichen Gesellschaftswissenschaften. Die Beweggründe, die derart auf eine „engagierte Wissenschaft" drängen, hat schon 1962 der von der Geschichte zur Politologie übergewechselte Waldemar Besson in einer Offenheit enthüllt, die nichts zu wünschen übrig läßt. Die Gefährdung der kapitalistischen Welt von außen (durch die sog. totalitären Systeme) und von innen (durch eine „Strukturkrise der modernen Massendemokratie") bedinge ein „neues Bedürfnis" nach Wissenschaft, erfordere eine Ratio sozialwissenschaftlichen Denkens, um diesen Gefährdungen standhalten zu können. Die „engagierte Wissenschaft" ist — Besson fährt hier den Vertretern „wertfreier" Wissenschaft in die Parade — „elementar an einem sozialen Zustand interessiert", d. h. eben dem des kapitalistischen Herrschaftssystems. Besson formulierte das auf seine Weise: „Wenn man in der freiheitlichen Demokratie das innere Organisationsprinzip der atlantischen Gemeinschaft sieht, dann wird die Sozial Wissenschaft insgesamt gleichsam zur Hilfswissenschaft (sie!) der Demokratie werden müssen" 6. Sowohl Besson, der bis zu seinem plötzlichen Tod der CDU angehörte, als auch der sozialdemokratische Wirtschaftshistoriker Knut Borchardt stimmen trotz ihrer sonstigen politischen Divergenzen darin überein, daß die Sozialwissenschaften „ein im strengen Sinne des Wortes konservatives Element der jeweiligen Gesellschaft geworden sind" 7. Besson schrieb, im gegenwärtigen Zeitalter gebe es „keinen spezifisch Konservativen mehr, nachdem die gesamte westliche Welt vor der ungeheuren Herausforderung des Totalitären wie der Revolution in Asien und Afrika konservativ geworden ist. Es geht in der westlichen Welt heute in erster Linie um das Erhalten 4 Bavendamm, Dirk, Treitschkes Zeiten sind vorbei. Geschichtswissenschaft, kritisch gemustert — Historikertag in Köln, in: Die Welt, 6. 4.1970. 5 Borchardt, Knut, Wie gefährlich ist die Explosion der Sozialwissenschaften? in: Die Welt, 21. 10. 1967. 6 Besson, Waldemar, Engagierte Wissenschaft. Die Gegenwartsaufgaben der Sozialwissenschaft, Köln-Opladen 1962, S. 4 f., 11. 7 Borchardt, Knut, a.a.O.

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und Bewahren" 8 . Daher betrachtet Besson auch die „engagierte Wissenschaft" ohne Umschweife als eine Verbündete „der strukturell gefährdeten Staatsautorität" 9! Und es ist durchaus keine Alternative dazu, wenn der Sozialdemokrat Borchardt die Aufgaben der Sozialwissenschaften folgendermaßen definiert: „Das sozialwissenschaftliche ,Laboratorium' wird ausgebaut werden. ... Die menschliche Organisationsphantasie reicht nicht mehr aus, angesichts der Kompliziertheit der Sozialgebilde Sozialerfindungen gleichsam spontan zu konzipieren und durchzusetzen. Die Sozialwissenschaften treten in die Rolle der Grundlagenwissenschaften f ü r gesteuerten sozialen Wandel, f ü r Sozialtechnik, ein" 10 . Auch hier überwiegt das „konservative Element", es ist mitnichten an einen revolutionären Schnitt gedacht, um die hundertfachen Mängel und unheilbaren Gebresten der kapitalistischen Gesellschaft zu überwinden. Die Historiker der BRD haben indes trotz des von ihnen gezeigten Engagements f ü r den Bonner Staat mit der Entwicklung der Sozialwissenschaften und der geforderten Behandlung der Herrschafts-, Programmierungs- und Sozialtechniken nicht recht Schritt gehalten. Deshalb ist natürlich der gesellschaftliche Stellenwert der Historie im Vergleich zu den sozialwissenschaftlichen Disziplinen weiter gesunken. Das veranlaßte ein so maßgebliches großbürgerliches Blatt wie die „Frankfurter Allgemeine Zeitung" erst wieder anläßlich des Kölner Historikertages zu der scharfen und zugespitzten Kritik: „Die Historie, so scheint es, ist eine ausgehöhlte, eine bedeutungslose Wissenschaft geworden. . . . Wenn man Geschichte an ihrer öffentlichen Wirkung messen will, kann der gegenwärtige Zustand nur als desolat beschrieben werden" 11. Daß dies f ü r die bürgerlichen Historiker zu einer Existenzfrage geworden ist, beweisen die zahlreichen Erörterungen, die sich mit dem gesunkenen „Bildungswert" der Geschichte in allen gesellschaftlichen Bereichen, dem sog. „Verlust der Geschichte" (Alfred Heuß) beschäftigen. 1967 bekräftigte der gegenwärtige Vorsitzende des Historikerverbandes der BRD, Theodor Schieder, einmal mehr, daß man dies zwar als augenblicklichen Tatbestand zur Kenntnis nehmen müsse, aber sich damit auf die Dauer nicht abfinden könne. Nicht zufällig stellte er von den Wirkungen der Geschichtsschreibung, „politisches Erlebnis und politische Erziehung, literarische Bildung, philosophische Einsicht oder wissenschaftliche Erkenntnis" zu vermitteln, die politische Funktion als erstrangige 8 Besson, Waldemar, Zur gegenwärtigen Krise der deutschen Geschichtswissenschaft, in: Gesellschaft Staat Erziehung. Blätter f ü r politische Bildung u n d Erziehung, Jg. 8, 1963, H. 3, S. 167. 9 Derselbe, Engagierte Wissenschaft, a.a.O., S. 13. — Vgl. die grundsätzlichen Bemerkunge n ü b e r die Funktion der bürgerlichen Historiker in der kapitalistischen Gesellschaft bei Engelberg, Ernst, Die deutsche bürger liche Geschichtsschreibung zur Großen Sozialistischen Oktoberrevolution, Berlin 1967, S. 9 ff. 10 Borchardt, Knut, a.a.O. 11 Gillesen, Günther, a.a.O.

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Aufgabe der Historiker voran, weil sie „wohl den beachtlichsten Wirkungsgrad in der Öffentlichkeit hervorruft" 12. Es fehlte, wie gesagt, den Historikern beileibe nicht am Bekenntnis zum Bonner Staat; aber die reaktionären politisch-historischen Traditionen, die im Bekenntnis zum preußisch-deutschen Machtstaat, zur risikovollen Weltmachtpolitik, zum Nationalismus und zum unverhüllten Antidemokratismus gipfelten, sind hartnäckig und erschwerten (nicht erst seitdem die SPD die Bundesregierung führt) die genügend schnelle Umstellung vor allem der älteren Generation auf die Erfordernisse moderner kapitalistischer, staatsmonopolistischer Herrschaftsformen und -methoden. Seitdem sich zahlreiche Historiker auf flexiblere politisch-ideologische Konzeptionen umstellten, ist auch die Geschichtsschreibung wieder maßgeblich, wie die sog. neue Ostpolitik demonstriert 1 3 , an der Ausarbeitung der politischen Strategie und der Meinungsbildung beteiligt. Doch die fortgesetzten Kritiken an der Historikerzunft durch tonangebende Gazetten zeigen, daß den herrschenden Kreisen diese Umstellung noch nicht ausreicht. Das Hinterherhinken der Geschichte hinter den Sozialwissenschaften ist nicht nur politisch-ideologisch, sondern auch geschichtstheoretisch bedingt. Der altmodische Zuschnitt der idealistisch-reaktionären Historismus-Auffassung und der auf ihr beruhenden Methoden 14 stand in besonderem Maße der Einbeziehung nichtstaatlicher, gesellschaftlicher Strukturen und Triebkräfte in die Gesamtinterpretation des historischen Prozesses entgegen. Diese Einstellung war bekanntlich in dem ersten Jahrzehnt nach 1945 durch Meinecke, Gerhard Ritter, Walter Goetz, Hans Herzfeld, S. A. Kaehler, Walther Hofer und andere sogar noch einmal konserviert worden 1 5 . 12 Schieder, Theodor, Angewiesen auf zufällig Bewahrtes. Die Geschichte und die Sozialwissenschaften, in: F r a n k f u r t e r Allgemeine Zeitung, 21.11.1967. 13 Vgl. J a h r b u c h f ü r Geschichte der sozialistischen Lände r Europas, Bd. 14/2, Berlin 1970, in dem Historiker aus der DDR, der UdSSR und der Volksrepublik Polen einen Überblick über die gegenwärtigen Konzeptionen un d wichtige Institutionen der Ostforschung der BRD geben. 14 Es geht u n s hier nicht u m eine Polemik gegen den rationellen K e rn des bürgerlichen Historismus, die Erkenntnis des Besonderen im Allgemeinen u n d die Rolle des Besonderen in der Geschichte, sondern wir wenden uns gegen die Verabsolutierung dieses Prinzips, die sich gegen den wissenschaftlichen Entwicklungsbegriff, gegen die Erkenntnis des gesetzmäßigen Zusammenhanges der historischen Erscheinung richtet. Zur Rolle des Historismus im Marxismus vgl. Bob inska, Ce Una, Historiker und historische Wahrheit. Zu erkenntnistheoretischen Problemen der Geschichtswissenschaft, Berlin 1967, bes. S. 156 ff. 15 Ausführlicher wird darauf eingegangen in: Schleier, Hans, Zum Verhältnis von Historismus, Strukturgeschichte und sozialwissenschaftlichen Methoden in der gegenwärtigen Geschichtsschreibung der BRD, in: Probleme der Geschichtsmethodologie. Hrsg. Ernst Engelberg, Berlin 1972, bes. S. 307 ff.

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Der moderne Kapitalismus verlangt aber gewisse reale Erkenntnisse und Einsichten der gesellschaftlichen Kräfte sowohl innerhalb der einzelnen Staaten wie der Staatensysteme untereinander — auch in historischer Dimension. Eine idiographisch betriebene, rein individuell aufgefaßte Ereignisgeschichte, die noch dazu teilweise durch Intuition gewonnen wird, läßt sich nun einmal schwer mit einer Sehweise vereinbaren, auf die sich langfristige Strategien f ü r die Klassenauseinandersetzungen und Steuerungsprogramme f ü r die „Sozialtechnik" gründen lassen. Ebenso war das agnostizistische und skeptizistische Geschichtsbild, das sich im bürgerlichen deutschen Historismus nach 1945 — in mehrfacher Reaktion auf den Faschismus — durchsetzte und noch vom Duisburger Historikertag 1962 sanktioniert wurde, jetzt nicht mehr gefragt. Gesucht wurde eine Perspektive f ü r die kapitalistische Gesellschaft und eine Alternative zur sozialistischen Staatenwelt. Daher konnte sich die Lehre von der sog. Industriegesellschaft 16 , die ihren Ursprung in den Sozialwissenschaften der westlichen Staaten hat, seit Ende der 50er, Anfang der 60er Jahre auch in der Geschichtsschreibung überraschend schnell durchsetzen. Analog dazu wird der Ausweg aus der Krise auf dem Gebiete der Geschichtstheorie und der historischen Methoden in einer verstärkten Hinwendung zur Struktur- bzw. Sozialgeschichte sowie in der Übernahme soziologischer bzw. sozialwissenschaftlicher Methoden gesucht. 1967 verkündete Theodor Schieder den in Freiburg versammelten Historikern: „Die vielfältig differenzierten Bemühungen der Geschichtswissenschaft, die in Form, Tendenz und Antrieben divergieren, werden nicht mehr durch den Historismus zusammengehalten. . . . Der Historismus in seiner alten Form ist untergegangen" 17. Auf der Kölner Historikertagung wurde dieser Entwicklungstrend ausdrücklich bestätigt und darauf hingewiesen: „Bloße Verlaufsgeschichte . . . führe nur dazu, daß die Geschichte in der lächerlichen Rolle des letzten Wagens im Zug der anderen Sozialwissenschaften bleibe" 18. Gegenwärtig ist diejenige Richtung, die den traditionellen Historismus gewissermaßen modernisieren will, eindeutig tonangebend. Daneben hält jedoch eine Strömung unverwandt an der alten Historismus-Auffassung fest. Doch fällt auf, daß die in den 50er Jahren noch häufigen Polemiken gegen besagte Modernisierung der bürgerlichen Geschichtsschreibung stark zurückgegangen sind. Man sollte aber andererseits nicht übersehen, daß beispielsweise auf der Freiburger Historikerversammlung noch mehrere Universitätsprofessoren demonstrativ aussprachen, sich lieber am „Lagerfeuer" der Ge16 Vgl. hierzu Lozek, Gerhard / Syrbe, Horst, Geschichtsschreibung contra Geschichte, Berlin 1964, S. 89 ff.; Rose, Günther, „Industriegesellschaft" und Konvergenztheorie. Genesis, S t r u k t u r e n, Funktionen, Berlin 1971. 17 Bericht Freiburg, S. 19. 18 Zit. nach Gillesen, Günther, a.a.O.

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schehensdarstellung niederlassen zu wollen als an der trockenen „Ölheizung" strukturgeschichtlicher Vergleiche 19! Zu den Mentoren der modernen Richtung zählen vor allem Otto Brunner, Theodor Schieder, Werner Conze, Karl Bosl, Fritz Wagner, unterstützt von Hans Rothfels, Dietrich Gerhard, Gerhard Oestreich, Friedrich Lütge, Waldemar Besson, Hans Mommsen und zahlreichen anderen. Seit dem Freiburger Historikertag 1967 ist besonders augenfällig, daß die genannten Historiker durch eine vornehmlich jüngere Generation unterstützt werden, die teilweise über deren Ziel- und Problemstellungen noch erheblich hinausgreift. So kam es bereits in Freiburg zu deutlichen Meinungsverschiedenheiten zwischen der — sagen wir: — verhalten reformerischen und der stark sozial wissenschaftlich orientierten Strömung innerhalb der modernen Richtung. Letztere, getragen von flexibleren Gesellschaftskonzeptionen, praktiziert eine entschiedenere Kritik am traditionellen Historismus und setzt sich f ü r eine weitergehende Übernahme sozialwissenschaftlicher Theoreme und Verfahren in die Geschichtsforschung ein. Sie orientiert sich in starkem Maße an den entsprechenden Tendenzen in den USA und anderen westlichen Staaten. Außer den bereits genannten Knut Borchardt, Werner Conze, Hans Mommsen traten in diesem Sinne hervor: Karl Erich Born, Dietrich Geyer, Reinhart Koselleck, Hans Maier, Ernst Nolte, Thomas Nipperdey, Rudolf Vierhaus, Hans-Ulrich Wehler, Reinhard Wittram, Hans Günter Zmarzlik und andere. Man muß natürlich beachten, daß diese Unterscheidung sich hauptsächlich auf die geschichtstheoretisch-methodischen Ansichten bezieht, das heißt f ü r die anderen Strukturelemente der Geschichtsschreibung, also die historisch-politische Konzeption und das Geschichtsbild 20, nur in bedingtem Maße zuzutreffen braucht. So beinhaltet z. B. das Bekenntnis zum traditionellen Historismus nicht in jedem Falle auch eine politisch besonders aggressive, autoritäre oder revanchistische Position, sie kann durchaus (wie z. B. im Falle Alfred Heuß) mit einer kontemplativen Haltung verbunden sein. Andererseits sind aber auch strukturgeschichtliche und sozialwissenschaftliche Vorstellungen an sich noch kein Beweis für eine politisch progressive Haltung, wie die bereits erwähnten politischen Demonstrationen f ü r das kapitalistische Establishment, sei es auf Bessons oder Borchardts Weise, zum Ausdruck brachten. Eine auffallende Tendenz der letzten Jahre ist die wachsende Kritik bzw. Teilkritik am traditionellen Historismus, die in zahlreichen Abhandlungen zur Geschichte der deutschen Geschichtsschreibung geübt wird. Während die gemäßigtere Strömung vornehmlich die sog. Einseitigkeiten des reaktionären Historismus anmerkt und ihn durch Struktur- bzw. Sozialgeschichte „ergänzen" bzw. modifizieren will, erhebt die weitergehende Strömung sogar 19 Bericht Freiburg, S. 42. 20 Vgl. hierzu Kritik der bürgerlichen S. 18 ff.

Geschichtsschreibung,

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die Forderung, „daß die Geschichte der deutschen Geschichtswissenschaft neu geschrieben werden muß. Dabei kann es nicht mehr nur um die Behandlung einzelner historischer Werke und historiographischer Vorgänge gehen, sondern auch und vor allem um die Analyse der Gesamtentwicklung. Auch eine vorwiegend geistes- und ideengeschichtliche oder institutionengeschichtliche Betrachtungsweise genügt nicht mehr. Zu fragen ist vielmehr nach der Abhängigkeit der Geschichtswissenschaft von der allgemeinen kulturellen und sozialen Entwicklung . . . " 2l . So sehr man dieser Forderung von Rudolf Vierhaus, oberflächlich betrachtet, zustimmen kann, werden wir noch zu prüfen haben, ob die von Vierhaus diesen Bestrebungen zugrundegelegte Konzeption, die Lehre von der Industriegesellschaft, dafür tragfähig ist, wieweit sich erkenntnistheoretisch und geschichtsmethodologisch die moderne Richtung von dem kritisierten Historismus unterscheidet. Es können im folgenden diejenigen Punkte nur aufgezählt werden, die man als Mängel an dem traditionellen Historismus herausstellt. Darunter befinden sich zahlreiche nur zu berechtigte Ausstellungen. Da ist erstens die einseitige Ausrichtung des Historismus auf die Dimensionen der Staaten- und Personengeschichte, auf politische, Rechts- und Kirchengeschichte, während die Wirtschaft und die Sphäre der Gesellschaft vernachlässigt oder lediglich als „Hintergrund" der „eigentlichen" historischen Geschehnisse angesehen wurden. Entsprechend wird heute das methodologische Reservoir der sog. politischen Geschichte als unzureichend eingeschätzt. Die Mißachtung der gesellschaftlichen Strukturen habe zu einer „Situationsdeterminiertheit" geführt. Zweitens wird die dem reaktionären Historismus zugrunde liegende „Verstehenslehre" kritisiert, weil sie vor allem auf die Intuition des Geschichtsschreibers und die Selbstauslegung der Handelnden ausgerichtet gewesen sei. In ihrer Abneigung gegen die Geschichtsphilosophie und den Soziologismus habe sich die ältere Geschichtsschreibung zu ausschließlich auf die Deskription und die Anschaulichkeit der Schilderung beschränkt und sei geradezu von einer „Angst" besessen gewesen, „auf Begriffe zu kommen" 22! Hierunter werden vor allem Strukturbegriffe verstanden. Wehler hegt sogar generelle Zweifel, ob der Verstehens-Begriff „strengen wissenschaftstheoretischen Ansprüchen weiterhin voll genügen kann". Wegen seiner „individualistischen Zuspitzung" habe er „zudem zum Verständnis von Kollektivphänomenen insgesamt nidit nur wenig beigetragen, sondern trotz Droysens Betonung der ,sittlichen Mächte' oft geradezu deren historische Erfassung gehemmt" 23. 21 Bericht Freiburg, S. 23. 22 Nipperdey, Thomas, Bemerkungen zum Problem einer historischen Anthropologie, in: Die Philosophie und die Wissenschaften. Simon Moser zum 65. Geb., Meisenheim/Glan 1967, S. 353. 23 Wehler, Hans-Ulrich, Zum Verhältnis von Geschichtswissenschaft u n d Psychoanalyse, in: HZ, Bd. 208, 1969, H. 3, S. 533 ff.

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Drittens wird die Auseinanderentwicklung, die im 19. Jahrhundert zwischen der Geschichte und anderen Gesellschaftswissenschaften einsetzte, bedauert sowie als Abkapselung und Verarmung der Fragestellung und Erkenntnisse vorangegangener historischer Forschungen gewertet. Darüber hinaus wird negativ vermerkt, daß neben der politischen und Ideengeschichte solche Zweige wie die Sozial-, Wirtschafts- und Kulturgeschichte nur eine Sonderentwicklung nehmen konnten und ihnen daher in der Gesamtinterpretation des historischen Prozesses nur eine bescheidene Nebenrolle zukam. Trifft diese Kritik durchaus zu, wird doch die Pionierrolle der modernen Richtung, das „absolute Neuland", auf dem man sich sozialgeschichtlich bewege,, nicht selten stark überzogen, die bisherigen Ergebnisse der bürgerlichen deutschen Wirtschafts- und Kulturgeschichte werden dabei oft unterschätzt, nicht zu reden davon, daß man die marxistische deutsche Geschichtswissenschaft meist ungebührlich vernachlässigt. Viertens: Eine weitere Teilkritik am Historismus zielt dahin, daß er sich etwa seit der Jahrhundertwende in starkem Maße zur Geistesgeschichte verengt und dadurch noch stärker von den ökonomischen und sozialen Tendenzen des Industriezeitalters und der Mittel zu seiner Erforschung abgewendet habe. In diesem Zusammenhang wurde auf dem Freiburger Historikerkongreß sogar die Rolle Friedrich Meineckes offen kritisiert, was bisher in der Einschätzung der Geschichte der Geschichtsschreibung großen Seltenheitswert besaß. Die Debatten auf dem Freiburger Historikerkongreß offenbarten aber auch, daß man sich vorerst nicht in der Beurteilung der Geschichte der Geschichtsschreibung und des Historismus einigen kann. Ebenso uneinig ist man sich gegenwärtig auch darüber, inwieweit die Elemente des idealistischen Historismus „modernisiert" werden können und sollen. Wir wollen uns im folgenden aber nicht den Differenzen innerhalb der modernen Richtung, sondern dem Verhältnis von Strukturgeschichte und reaktionärem Historismus zuwenden. Damit glauben wir auch einige wesentliche Seiten der Strukturgeschichte zu charakterisieren. Zunächst wird von allen Vertretern der modernen Strukturgeschichte, auch von denjenigen, die verbal am weitesten in der Teilkritik am Historismus und seiner subjektivistischen Verstehenslehre gehen, übereinstimmend betont, daß man am „Grundprinzip der Individualität" 2 4 , wie Thomas Nipperdey sagt, festhalte. Theodor Schieder erklärt apodiktisch, „daß die individuelle Struktur des historischen Geschehens eine durch die Wirklichkeit des historischen Erkenntnisobjekts gegebene Grundtatsache ist. . . . Wer dies bestreitet, hat einfach die Aufgaben der historischen Forschung nicht begriffen" 25. Historische Persönlichkeiten sind nach Schieders Auffas24 Nipperdey, Thomas, Kulturgeschichte, Sozialgeschichte, historische Anthropologie, in: Vierteljahrschrift f ü r Sozial- un d Wirtschaftsgeschichte, Bd. 55, 1968, H. 2, S. 147. 25 Schieder, Theodor, Geschichte als Wissenschaft. Eine Einführung, 2., Überarb. Aufl., München—Wien 1968, S. 151.

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sung auch in der Lage, historische Strukturen zu verändern, ja zu zerstören: Der schöpferische Mensch in der Geschichte stößt über Interessengebundenheit hinaus und setzt sich durch Gestaltung der ihn als Stoff bedingenden Materie frei" 26. Dies Argument dient vor allem dazu, die Dialektik des Allgemeinen und Besonderen im historischen Geschehen einzuengen und eine primäre Rolle des Besonderen, der einzelnen gegenüber den sozialen Strukturen zu postulieren. Auch Hans-Ulrich Wehler, der sich von allen wohl am stärksten dafür einsetzte, die „gesellschaftlich-politischen Antriebskräfte, ja Zwänge" der historischen Entwicklung anstelle der „individuellen Motive" in das „Zentrum des Interesses" zu rücken 27 , betont ausdrücklich, daß die von ihm empfohlene Betrachtungsweise „intuitives Nachempfinden" und „Einfühlungsvermögen" als „Werkzeug des Historikers" nicht unentbehrlich mache. Die von ihm besonders angepriesenen neuen Verfahrensweisen sollen „die bisher entwickelte Verstehenslehre keineswegs verdrängen, wohl aber dort partiell ergänzen, wo sie f ü r ein bestimmtes Forschungsfeld bewährte Theorien und Untersuchungstechniken zur Verfügung stellen können. Sie geben einige zusätzliche und manchmal bessere Erklärungsmöglichkeiten, bieten aber keineswegs Ersatz f ü r alle anderen" 2S. Karl Bosl hat die irrationalistischen Konsequenzen einer derartigen Haltung offen ausgesprochen: „ . . . Geschichte grenzt darum weiter einen bedeutenden Bereich der Imponderabilia aus, die sich rationaler und methodischer Diagnose entziehen, deren Schleier sie nur dann und wann lüften kann . . . " 29. Aus dem beibehaltenen Individualitätsprinzip ergibt sich, daß es in eklektischer Weise nach wie vor dem Ermessensspielraum des einzelnen Historikers überlassen bleibt, welche von diesen modernen Verfahrensweisen er dem jeweiligen Forschungsgegenstand f ü r angemessen erachtet und auf welche Art er sie mit den individualisierenden Auffassungen kombiniert. Etwas ähnliches gilt f ü r die Definition des Strukturbegriffes. Es ist überdies charakteristisch f ü r die Situation, daß eine verbindliche und allgemein anerkannte Definition über den Begriff der historischen Struktur und der Strukturgeschichte noch immer fehlt 3 0 . Auch eine exakte Abgrenzung der Begriffe Struktur- und Sozialgeschichte ist 26 Ebenda, S. 60. 27 Wehler, Hans-Ulrich, Psychoanalyse, a.a.O., S. 549. 28 Ebenda, S. 537. 29 Bosl, Karl, Geschichte un d Soziologie. G r u n d f r a g e n ihrer Begegnung, in: Logik der Sozialwissenschaften, hrsg. v. Ernst Topitsch, Köln— Berlin 1965, S. 491. 30 Zu demselben Ergebnis k o m m t auch Zwahr, Hartmut, Die S t r u k t u r des sich als Klasse konstituierenden Proletariats als Gegenstand der historischen Forschung, in: Probleme der Geschichtsmethodologie, a.a.O., S. 242 ff. — Vgl. zum marxistischen S t r u k t u r b e g r i f f : Küttler, Wolf gang/ Lozek, Gerhard, Die historische Gesetzmäßigkeit der Gesellschaftsformationen als Dialektik von Ereignis, S t r u k t u r un d Entwicklung, in: ZfG, Jg. 18, 1970, H. 9, S. 1117 ff.

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nicht zu finden. Des öfteren wird der Gegenstand der Sozialgeschichte in der Erforschung der sozialen Strukturen gesehen 31 . Häufig werden beide Begriffe synonym gebraucht. Eine der verbreitetsten Definitionen der Strukturgeschichte stammt von Theodor Schieder. Dieser weitet den Begriff der Struktur in einer Weise aus, daß ihm die objektive, d. h. die auf materiellen Erscheinungen basierende und sozialökonomisch bestimmte Bedingtheit verlorengeht. An die Stelle der grundlegenden Sozialstruktur, die das jeweilige historische Gesellschaftssystem bestimmt und in dialektischer Einheit die Vielheit der sozialen Beziehungen und Wechselwirkungen zusammenfaßt, tritt ein Pluralismus von sozialen, politischen, geistigen und nationalen, von räumlichen und zeitlichen Strukturen, ein Pluralismus, in dem die althergebrachten Faktoren individueller und ideeller Natur weiterhin ein großes Gewicht besitzen 32 . In diesem Sinne folgert Schieder denn auch, „daß historische Epochen nicht einfach aus ihrer sozialen Verfassung abzuleiten sind, sondern eine besondere geistige Struktur zeigen, deren Züge der Historiker von jeher unter dem Begriff des Zeitgeistes zu fassen versucht hat" 33. Nun hat aber, muß man einwenden, gerade die Interpretation des sog. Zeitgeistes von jeher auf einer weitgehenden Negierung der Sozialstruktur und der nur auf Grund ihrer Kenntnis exakt zu erfassenden Klassenkämpfe beruht. Doch kommt es in unserem Zusammenhang gerade darauf an,, die primäre Rolle der Sozialstruktur für die exakte Bestimmung und Einordnung aller übrigen Teilstrukturen zu erfassen. Der Pluralismus in Schieders idealistischen Version kommt noch drastischer in der Einordnung der Strukturgeschichte in die historische Gesamtkonzeption zum Ausdruck, einer Einordnung, durch die der Vorrang der sogenannten Ereignisgeschichte erhalten bleibt und der Einfluß der sozialökonomischen Sphäre entscheidend abgeschwächt wird. Schieder geht nicht davon aus, daß die Sozialstruktur jeweils ein in dialektischer Einheit verbundenes System sozialer Beziehungen und Wechselwirkungen zur politischen Geschichte bildet, sondern er setzt die qualitative Eigenständigkeit und Dynamik der Strukturen und der Ereignisse voraus. Demzufolge wenden sich seiner Ansicht nach Ereignis- bzw. Strukturgeschichte verschiedenen Bereichen des historischen Geschehens zu, wobei die Ereignisgeschichte „eine oberste Region der Geschichte, in der Einzelne Ergebnisse bewirken", behandele, und die Strukturgeschichte sich einer „unteren" Region widme, „in der sich diese Ereignisse in die Tiefe auswirken oder sie unbewegt lassen" 34 . Damit ist natürlich das Prinzip des 31 Z.B. Conze, Werner, Sozialgeschichte, in: Moderne deutsche Sozialgeschichte, hrsg. v. H.-U. Wehler, Köln 1966, S. 19, 23 ff.; Mommsen, Hans, Sozialgeschichte, in: ebenda, S. 33. 32 Schieder, Theodor, Strukture n und Persönlichkeiten in der Geschichte, in: HZ, Bd. 195, 1962, H. 2, S. 279, (Dieser Artikel ist kaum verändert übernommen in den Band „Geschichte als Wissenschaft", a.a.O.) 33 Ebenda, S. 279.

34 Ebenda, S. 296.

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reaktionären Historismus von der Rolle der großen Persönlichkeiten nur eingeschränkt, nicht aber aufgegeben. Auch Historiker wie Conze, Wittram oder Wehler, die in der Sozialgeschichte im Unterschied zu Schieder oder auch Brunner mehr als lediglich eine Betrachtungsweise in dieser beschränkten Art sehen, die in Form und Darstellung soziale und politische Geschichte verbinden wollen, fußen auf der, wie sie sagen, „prinzipiellen Offenheit" der Methodologie. Sie erstreben daher nicht mehr als eine, um mit Wehler zu reden, „unter anderem auch (sie!) soziale Interpretation des gesamtgeschichtlichen Prozesses", die „ohne jeden Kausalmonismus oder irgendwelche Kausalprioritäten gleichberechtigt neben eine politische, ideengeschichtliche oder ökonomische Interpretation" treten solle 35 . Wie sich die einzelnen Elemente dieser pluralistischen Methode, die verschiedenen Interpretationsweisen jeweils integrieren, welche Zusammenhänge man durch sie kombinieren oder auch zerreißen kann, das bleibt weiterhin dem subjektiven Erkenntnisvermögen überlassen. Es geht im Grunde um eine Polemik gegen die zentrale Kategorie des historischen Materialismus, die auf der Erkenntnis historischer Entwicklungsstufen (ökonomischer Gesellschaftsformationen) beruht, die jeweils durch bestimmte Produktionsverhältnisse charakterisiert werden. Ein flacher Ökonomismus oder Kausalmonismus, wie man dem historischen Materialismus immer wieder vorwirft, ist das nicht. Denn schon Marx und Engels haben immer nur von der letztlich bestimmenden sozialökonomischen Grundlage des historischen Entwicklungsprozesses gesprochen. Sie führten keineswegs alle Erscheinungen des politischen Geschehens, des politischen und ideellen Überbaus direkt auf die sozialökonomische Basis zurück, sondern sie erfaßten mit dem Klassenkampf das entscheidende Mittelglied, die geschichtliche Triebkraft der Klassengesellschaften, das dem Historiker ein äußerst differenziertes methodologisches Instrumentarium in die Hand gibt. Auch mit dieser Einordnung der Struktur- oder Sozialgeschichte sind die Mängel des traditionellen Historismus keineswegs überwunden. Das wird vielleicht noch deutlicher, wenn man einige weitere, mit der Strukturgeschichte verbundene theoretisch-methodologische Fragen und Problemkomplexe betrachtet. 1. Die Strukturgeschichte wird im bewußten Gegensatz zum historischen Materialismus, den sie vorrangig bekämpfen will 3li , und in 35 Wehler, Hans-XJlrich, Einleitung zu: Moderne deutsche Sozialgeschichte, a.a.O., S. 13 f. Dies wird zudem noch als zukünftige, gegenwärtig noch nicht verwirklichte Aufgabe verstanden. 36 Wolfgang J. Mommsen glaubt mit der modernen Sozialgeschichte das Mittel g e f u n d e n zu haben, u m der „Herausforderung der Geschichtsschreibung der kommunistischen Welt erfolgreich entgegentreten (zu) könn e n " (Geschichte, hrsg. von W. Besson, F r a n k f u r t / M . 1969, S. 102). Und Theodor Schieder gedachte mit der Lehre von der Industriegesellschaft einen Standort zu gewinnen, „von dem aus sich der historische Mate-

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Anlehnung an die moderne bürgerliche Philosophie auf den Pluralismus gegründet. Dabei setzt man voraus: „Der Geschichtsverlauf ist so komplex, daß keine einzige Methode ihm ganz gerecht wird" 37. Bosl versuchte das auch „anthropologisch" zu begründen: „Pluralismus in Vielheit ist entsprechend der Grundanlage des Menschen viel naturgemäßer als Einheit, Kosmos." Was bedeutet dies f ü r die historische Erkenntnis? Bosl folgert, „daß die Gültigkeit jeder historischen Erkenntnis und Aussage auf ihren eigentümlichen geschichtlich-statistischen Ort festgelegt ist, daß sie zwingend nur f ü r den konkreten Gegenstand und seine Problematik, f ü r die allgemeine Wahrheitserkenntnis aber nur statistisch vergleich- und deutbar ist" 38. Obwohl man ausdrücklich und im Widerspruch zur HistorismusAuffassung auch das „Erklären", die Erkenntnis historischer Strukturen und gewisser Regelmäßigkeiten als legitime Methoden des Historikers anerkennt und gewissermaßen als Nachholbedarf f ü r besonders dringlich ansieht, an dem „Verstehen", so zeigt der Methodenpluralismus, wird weiterhin festgehalten. Damit können aber gerade die idiographischen, individualistischen, intuitiv-irrationalistischen Elemente des traditionellen Geschichtsdenkens nicht entscheidend korrigiert werden. Theodor Schieder hält denn auch die „Abbildungstheorie" allein f ü r unzureichend. Der Historiker sei zwar an das Objekt der Erkenntnis gebunden, er sei zugleich aber auch „Erschaffer", er schaffe Vorstellungen von einer Vergangenheit aus den Überresten der Vergangenheit. Das hat Auswirkungen sowohl auf die Methode als auch das Ergebnis, das Produkt der historischen Erkenntnis. Deshalb, so schließt Schieder, gebe es „kein endgültiges Bild der Geschichte, sondern immer nur ein stets wechselndes..." 3 9 . Dieser Subjektivismus historischer Deutungen, noch immer eng mit dem Historismus verhaftet, setzt sich über die Objektivität des gesellschaftlichen Seins hinweg, obwohl gerade die Erkenntnis der objektiven, gesetzmäßigen Struktur- und Entwicklungszusammenhänge ihre adäquate Widerspiegelung, die zunehmend umfassendere und exaktere Erfassung des historischen Prozesses ermöglicht. Die durch den Pluralismus hervorgerufene Buntscheckigkeit und natürlich auch Unsicherheit sowohl der Theorie als auch der Methoden suchte Waldemar Besson durch eine kuriose Theorie zu legitimieren. Da nach seiner Ansicht eine wesentliche Identität von Subjekt und Objekt in der historischen Erkenntnis besteht, widersprächen sich verschiedene Deutunrialismus mit seinen eigenen W a f f en schlagen läßt" (Schieder, Theodor, G r u n d f r a g e n der neueren deutschen Geschichte. Zum Problem der historischen Urteilsbildung, in: HZ, Bd. 192, 1961, H. 1, S. 3). 37 Wittram, Reinhard, Anspruch u n d Fragwürdigkeit der Geschichte. Sechs Vorlesungen zur Methodik der Geschichtswissenschaft un d zur Ortsbestimmung der Historie, Göttingen 1969, S. 59. 38 Bosl, Karl, Pluralismus und pluralistische Gesellschaft. Bauprinzip, Zerfallserscheinung, Mode, München—Salzburg 1967, S. 24, 19. 39 Schieder, Theodor, Geschichte als Wissenschaft, a.a.O., S. 35 f.

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gen derselben Sache nicht, sondern umkreisten den historischen Gehalt nur von verschiedenen Standpunkten, bildeten zusammen eine „Hierarchie der Tiefendimensionen" 40 ! 2. Mit dem Historismus verbindet die Strukturgeschichte auch die traditionelle Frontstellung gegen die Existenz und Erkenntnismöglichkeit gesellschaftlicher bzw. historischer Gesetze, damit zusammenhängend auch gegen den Begriff des historischen Fortschritts 41 . Strukturen und historische Typen, Idealtypen usw. gelten weiterhin (wie schon bei Max Weber) lediglich als heuristische Kategorien 4 2 . Das trifft auch auf diejenigen Historiker zu, die auf eine relativ weitgehende Berücksichtigung des Sozialen neben dem Politischen drängen, weil sie erkannt haben, daß „tatsächlich gesellschaftliche und ökonomisch-technologische Entwicklungen in hohem Maße die treibende Ursache der Veränderungen sind" 43. Da man aber weiterhin leugnet, daß sich Geschichte als ein naturhistorischer, einheitlicher dialektischer Prozeß in einem gesetzmäßigen Zusammenhang vollzieht, ist man gezwungen, anstelle „allumfassender Theorien des sozialen Wandels", wie Wehler einmal sagte, „begrenzte, aber dafür überschau- und verifizierbare Theorien in die Sozialgeschichte einzuführen" 44. Aus der Not eine Tugend machend, hebt der mit Wehler in vielen Ansichten übereinstimmende Thomas Nipperdey als neuen Trend (der im Grunde der alte des Historismus ist) lobend hervor, „daß die begriffliche Analyse im allgemeinen nicht mehr intendiert, einen systematischen Gang der Weltgeschichte oder geschichtlicher Gesetzmäßigkeiten zu konstruieren und damit das Individualitätsprinzip als Bindung des geschichtlichen Phänomens an Zeit und Ort aufzulösen" 45. Ohne Widerspruch zu erregen, bezeichnete in diesem Sinne Alfred Heuß auf dem Freiburger Historikerkongreß die Weltgeschichte als eine „zutiefst fragwürdige Größe . . . Wer glaubt heute eigentlich noch an ,Weltgeschichte' im Sinne eines präzisen wissenschaftlichen Begriffes" «? Aus politischen Gründen bedarf aber dieser grundsätzliche Skeptizismus der Ergänzung durch besagte „begrenzte Theorien", durch 40 Besson, Waldemar, Zur gegenwärtigen Krise . . ., a.a.O., S. 158. 41 Vgl. hierzu Bollhagen, Peter, Gesetzmäßigkeit und Gesellschaft. Zur Theorie gesellschaftlicher Gesetze, Berlin 1967; Müller, Werner, Gesellschaft und Fortschritt. Eine philosophische Untersuchung, Berlin 1966; Klaus, Georg / Schulze, Hans, Sinn, Gesetz und Fortschritt in der Geschichte, Berlin 1967. 42 Vgl. Korf, Gertraud, Der Idealtypus Max Webers und die historischgesellschaftlichen Gesetzmäßigkeiten, in: Deutsche Zeitschrift f ü r Philosophie, Jg. 12, 1964, H. 11, S. 1328 ff. 43 Wehler, Hans-Ulrich, Einleitung, a.a.O., S. 14. 44 Moderne deutsche Sozialgeschichte, S. 285, Vorbemerkung des Hrsgs. zu Abschnitt VI. 45 Nipperdey, Thomas, Anthropologie, a.a.O., S. 361. 46 Heuß, Alfred, Möglichkeiten einer Weltgeschichte heute, in: Zur Theorie der Weltgeschichte, Berlin 1968, S. 1.

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praktisch handhabbare historische Leitbilder und Perspektiven. Am Schema der „Industriegesellschaft" kommt das deutlich zum Ausdruck. Einerseits wird damit der Spielraum nicht überschritten, über den hinaus historische Erkenntnisse über den weltgeschichtlichen Prozeß und seine Gesetzmäßigkeiten in der gegenwärtigen weltgeschichtlichen Übergangsepoche f ü r die kapitalistische Gesellschaft gefährlich werden, andererseits versucht die Lehre von der „Industriegesellschaft" eine Scheinperspektive f ü r den staatsmonopolistischen Kapitalismus aufzurichten. Unter Umgehung der Erkenntnis der objektiven historischen Entwicklungsstufen, die auf der zentralen Kategorie der ökonomischen Gesellschaftsformationen beruhen, wird die „Industriegesellschaft" zur Organisationsform der Gesellschaft an sich im Zeitalter der Industrie und Technik erhoben. Das ist nur möglich, weil man die Technik primär als Haupttriebkraft der Geschichte wertet und die damit unlöslich verbundenen Eigentums- und Klassenverhältnisse weitgehend ausklammert: ein methodologisch unzulässiges Verfahren, das hauptsächlich dazu dient, den Klassenkampf zu eliminieren. Indem man ferner die Gegensätze zwischen Kapitalismus und Sozialismus in ganz unhistorischer Weise ignoriert bzw. zu zweitrangigen Erscheinungen abwertet, bemüht man sich, beide Gesellschaftsordnungen unter den Begriff der „Industriegesellschaft" zu subsumieren, die fernere Entwicklung über die kapitalistische Gesellschaft hinaus mehr oder weniger agnostizistisch außerhalb des Blickwinkels zu rücken 47. Eine derartige Geschichtsdeutung ist statisch in methodologischer und konservativ in politisch-ideologischer Beziehung. Der von Besson und Borchardt beschworene „Konservatismus" der Sozialwissenschaften ist nur unter rigoroser Beschneidung des Entwicklungsgedankens möglich. Der unter der Losung von den „begrenzten Theorien" geführte Kampf gegen die gesellschaftlichen Gesetzmäßigkeiten widerspiegelt sich auch im historischen Begriffsarsenal. Zwei Beispiele seien angeführt: Anstelle gesellschaftlicher Gesetzmäßigkeiten begnügt man sich mit dem unverbindlichen und subjektiv ausdeutbaren Terminus der „Sachzwänge", anstelle sozialer Revolutionen setzt bzw. überhöht man den Begriff des „sozialen Wandels", der der Dialektik von Evolution und Revolution in der Weltgeschichte 48 ausweicht und den Revolutionsbegriff gleichfalls individueller Wertung überläßt. 3. Die Erkenntnisse über die Struktur und Dynamik der Gesellschaft, der Klassen, der Einwirkung der wirtschaftlichen Faktoren auf die politische Geschichte, die die bürgerlichen Historiker jetzt gegenüber dem historischen Materialismus mit hundertjähriger Verspätung zugestehen und f ü r die Neuzeit teilweise mit wertvollem neuen Faktenmaterial belegen, werden von Conze, Brunner, Hans Mommsen u. a. gleichzeitig wieder auf einen historisch begrenzten Zeitraum (den sog. Klassenstaat des 19. Jahrhunderts) einge47 Vgl. Rose, Günther, a.a.O., S. 105 ff., bes. S. 120 ff. 48 Vgl. Engelberg, Ernst, Fragen der Evolution un d Revolution in der Weltgeschichte, in: ZfG, Jg. 13, 1965, Sonderheft, S. 9 ff.

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schränkt 4 9 . Eine allgemeine geschichtstheoretische Geltung dieser Kategorien lehnt man vielfach ab. Sie werden lediglich als spezifische Kategorien des sogenannten Industriezeitalters anerkannt, nicht aber darüberhinaus als Grundlage f ü r die Erkenntnis konkreter historischer Entwicklungsstufen und gesellschaftlicher Formationen der menschlichen Geschichte. Die erstmals von Johann Huizinga aufgestellte, von zahlreichen Historikern aufgegriffene These von der „Formverwandlung" der Geschichte 50 soll dieser Relativierung der Kategorien den Schein der Anpassung der historischen Deutung an die historische Erfahrung verleihen. 4. wird nach dem Vorbilde der empirischen Sozialwissenschaften gegenwärtig durch die Strukturgeschichte die Zerfaserung der Gesellschaftsgeschichte enorm gefördert. Eines der Hauptanliegen der bürgerlichen Historiker besteht in der Illustrierung der Behauptung, die kapitalistische Gesellschaft von heute werde nicht mehr von Klassen bzw. vom Klassenkampf bestimmt, ebenso wie die Vorformen der „Industriegesellschaft" nicht von ihnen bestimmt gewesen seien. In den historischen Untersuchungen beherrschen Termini wie gesellschaftliche Schichtungen, Interessengruppen, soziale Verbände usw. das Feld, die die entscheidenden Klassenfragen überwuchern. Wir beobachten eine bewußte Ausklammerung der Klassenbeziehungen, der Produktionsverhältnisse und der Klassenkämpfe. Gerade der Klassenkampf ist aber „als nächste treibende Macht der Geschichte" 51 entscheidendes Mittelglied in der „Dialektik der objektiven gesellschaftlichen Gesetze und der subjektiven Triebkräfte ihrer Verwirklichung" 52. Durch derartige willkürliche Interpretationen der sozialen Struktur und ihre Zerfaserung wird der Prozeß der Polarisierung der Klassenkämpfe in den modernen imperialistischen Staaten verdeckt. Auf den eigentlichen aktuellen politischen Kern dieser Tendenzen lenkt Theodor Schieder mit der These, „staatsmännisches Handeln" vermöge sich über die ursprüngliche soziale Interessengebundenheit hinwegzusetzen, indem es sich, und jetzt wird die politische Linie ganz deutlich, „an einem Ganzen orientiert, das andere soziale Gruppen einschließt" 53. Im Interesse der herrschenden Klasse und ihrer 49 Vgl. Brunner, Otto, Das Problem einer europäischen Sozialgeschichte, in: Neue Wege der Sozialgeschichte. Vorträge un d Aufsätze, Göttingen 1953, S. 9; Conze, Werner, Sozialgeschichte, a.a.O., S. 19 ff.; Mommsen, Hans, Sozialgeschichte, a.a.O., S. 31 ff. 50 Huizinga, Johan, Über eine F o r m v e r w a n d l u ng der Geschichte seit der Mitte des 19. Jhs., in: Im Banne der Geschichte. Betrachtungen und Gestalten, A m s t e r d a m 1942, S. 107 ff., bes. S. 116 ff. 51 Marx, Karl / Engels, Friedrich (Zirkularbrief an Bebel, Liebknecht, Bracke u. a.), in: MEW, Bd. 19, Berlin 1962, S. 165. 52 Engelberg, Ernst, Uber Gegenstand un d Ziel der marxistisch-leninistischen Geschichtswissenschaft, in: ZfG, Jg. 16, 1968, H. 9, S. 1128. 53 Schieder, Theodor, Geschichte als Wissenschaft, a.a.O., S. 61. Vgl. allgemein: Winkler, Arno, Zum Wesen der bürgerlichen Konzeption vom „politischen Pluralismus", in: Staat und Recht, Jg. 18, 1969, H. 7, S. 1084 ff.

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modernen Vorstellungen vom staatlichen Regulierungsmechanismus wird der Staat auf diese Weise als stabilisierendes Element des sogenannten Gemeinwesens hingestellt, der das fair play zwischen den rivalisierenden Interessenverbänden sichert bzw. den Kompromiß zwischen ihnen erzwingt. Man versucht den Eindruck zu erwecken, daß die sozialen Konflikte prinzipiell regulierbar seien. Der pluralistische Gesellschafts- und Staatsbegriff soll ferner suggerieren, daß innerhalb des Staates die sozialen Machtgruppen gleichberechtigt sind, die gemeinsam an der Ausübung der Staatsgewalt teilnehmen sollen. Die Zergliederung des gesellschaftlichen Prozesses in einzelne politisch-staatliche, gesellschaftliche, ideologisch-geistige, wirtschaftlich-technische Entwicklungsstränge wurde bereits erwähnt. Der Funktionalismus der hierbei geübten Betrachtungsweise dient der bewußten Zurückstufung der sozialökonomischen Strukturen und Triebkräfte. Die Zerfaserung der Geschichte wird nicht nur in sachlicher und räumlicher, sondern auch in zeitlicher Beziehung betrieben. Man operiert mit sogenannten Phasenverschiebungen zwischen den einzelnen Bereichen der historischen Entwicklung, etwa im Verhältnis von politisch-staatlichem Geschehen zu den Bereichen der wirtschaftlichen, sozialen oder kulturellen Sphäre. Es bestehe, versichert Schieder, keine Gleichwertigkeit der Zeiteinheiten; es existiere eine Pluralität verschiedener nebeneinander laufender Zeiten mit verschiedenen Zeitmaßen. Die Vielfalt der Erscheinungen zwinge, und darauf kommt es der modernen Richtung bei der Deutung an, die Ordnungsprinzipien aus ganz verschiedenen Bereichen zu holen 54 . Eine an sich richtige Beobachtung wird damit übersteigert und verabsolutiert. Der gesetzmäßige Zusammenhang der Erscheinungen in Struktur und Entwicklung der einzelnen Gesellschaftsordnungen wird damit in ein zeitliches, individuell zu wertendes Nebeneinander einzelner gesellschaftlicher Bereiche aufgelöst. Die gesetzmäßige Aufeinanderfolge der Gesellschaftsformationen soll auch von dieser Seite her angezweifelt werden. Was bei Schieder theoretisch noch vorsichtig formuliert ist, wird in der Praxis weitaus rigoroser betrieben. Das veranlaßte Gerhard Oestreich immerhin vor dem Historiker-Forum in Freiburg dagegen Einspruch zu erheben 55. 5. Das zwingende Bedürfnis, über das Individuelle hinaus das Allgemeine bzw. bestimmte Zusammenhänge der historischen Erscheinungen zu erfassen, zu werten und f ü r das staatsmonopolistische Herrschaftssystem wirksam zu machen, zwingt die bürgerlichen Historiker, sich im verstärkten Maße der Methode des Vergleichs und der historischen Typologie zuzuwenden. Besonders die Arbeiten von Max Weber und Otto Hintze gelten in dieser Hinsicht als Tradition. 54 Schieder, Theodor, Geschichte als Wissenschaft, a.a.O., S. 78, 89. 55 Vgl. Bericht Freiburg, S. 35.

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Gemäßigt reformerische und stärker sozialwissenschaftlich orientierte Vorstellungen gehen hierbei freilich oft erheblich in Theorie und Praxis auseinander. Gegen den abstrakten Strukturalismus gewandt, betonte daher Alfred Heuß mit großem Nachdruck, daß Max Weber „sich radikal auf den Boden des Historismus" gestellt und soziale Phänomene nur in ihrem konkreten Dasein für erfahrbar gehalten habe 5 6 . Diese einseitige undialektische Bindung der Typologie wie auch des Vergleichs an das Konkrete und Individuelle wird auch von den meisten anderen bürgerlichen Historikern anerkannt, selbst wenn gleichzeitig die Akzente gegenüber dem bisher vorherrschenden Individualitätsprinzip verschoben werden. In diesem Sinne unterstrich ein den sozialwissenschaftlichen Methoden aufgeschlossener Historiker wie Thomas Nipperdey „die Versuche, Kollektivphänomene oder die Charakteristika von größeren Zeiträumen oder von Sozial- oder Kultursystemen zu erfassen oder durch historischen Vergleich Typen herauszuarbeiten, widerstreiten dem individualisierenden Ansatz der Geschichtswissenschaften nicht mehr und gewinnen an Bedeutung" 57. Durch die Typologisierung wird letzten Endes das Individualitätsprinzip des reaktionären Historismus nur auf eine allgemeinere Ebene übertragen. Die subjektivistische Auswahl wie Auslegung der Ereignisse und Strukturen ist damit — Hans Mommsen oder Waldemar Besson geben das offen zu 68 — nicht nur nicht überwunden, sondern wird im Gegenteil, wenn auch in veränderter Form, weiterhin gepflegt. 6. Überhaupt wird, so will es uns scheinen, der idealistische Grundzug der Strukturgeschichte in zweierlei Richtung, aber durchaus in miteinander korrespondierender Weise, ausgebaut. In den theoretischen Verlautbarungen insbesondere der älteren Historiker wird Strukturgeschichte eng mit der sogenannten Geistesgeschichte verbunden. Strukturgeschichte stößt nach Auffassung Conzes „sinngemäß bis zum Umriß der geistigen Physiognomik einer Epoche vor und greift damit herüber zur ,Geistesgeschichte'..." 59. Auf dem Freiburger Historikerkongreß vertrat Gerhard Oestreich in Anlehnung an die „ältere synthetische Betrachtungsweise" die Auffassung, die „spezielle Erkenntnisfunktion" der Geistesgeschichte sei „trotz der inzwischen erfolgten Durchsetzung sozialgeschichtlicher Gesichtspunkte innerhalb der historischen Forschung auch heute noch unentbehrlich" 60. Und es war auch kein Zufall, daß eben auf diesem Kon56 Heuß, Alfred, Max Weber und das Problem der Universalgeschichte, in: Zur Theorie der Weltgeschichte, a.a.O., S. 58, 62. 57 Nipperdey, Thomas, Anthropologie, a.a.O., S. 361. 58 Mommsen, Hans, Historische Methode, in: Geschichte, Fischer Lexikon, a.a.O., S. 88; Besson, Waldemar, Zur gegenwärtigen Krise, a.a.O., S. 169 f. 59 Conze, Werner, Die Stellung der Sozialgeschichte in Forschung und Unterricht, in: GWU, Jg. 3,1952, S. 656. 60 Bericht Freiburg, S. 35.

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greß die Sektion Wirtschafts- und Sozialgeschichte sich „methodologischen Problemen einer Geistesgeschichte der Technik" zuwandte. In der Diskussion wurde der Stellenwert der Geistesgeschichte gegenüber allgemeinen Sozialtheorien kräftig verteidigt f l l . Geistesgeschichtliche Deutungsversuche spielen auch eine wesentliche Rolle bei den sogenannten begriffsgeschichtlichen Untersuchungen, die beispielsweise Conze als eine vorrangige und besonders fruchtbare Methode der Sozialgeschichte ansieht 62 . Die zweite Form, um die subjektiven Tendenzen der Strukturgeschichte zu verstärken, wird gegenwärtig mit Hilfe sozialwissenschaftlicher Methoden empfohlen und praktiziert. Besonders von der Psychoanalyse, der Anthropologie und der soziologischen Verhaltensforschung erhofft man sich wesentliche Impulse. Thomas Nipperdey z. B. dehnt den Begriff der sozialen Strukturen noch weiter aus, indem er hierin auch Verhaltens-, Erwartens- und Reaktionsweisen der Menschen, sogenannte Attitüden, einbegreift. Eine „soziale Korrelation" ist nach seiner Meinung erst durch die Analyse der „sozialpsychischen oder anthropologischen Strukturen" wirklich voll zu verstehen. Für dieses Verständnis sei man auf die Untersuchungen der Kultur-, Geistes- und Ideengeschichte angewiesen 63. Ganz ähnlich fordert Hans-Ulrich Wehler, man solle „eine Art Sozial Charakter anvisieren, wie er im Grunde schon von den älteren Studien über die sogenannten Nationalcharaktere beschrieben werden sollte" 64. Nun weiß man aber aus der Geschichte der bürgerlichen deutschen Geschichtsschreibung, welcher Mißbrauch namentlich seit 1871 mit diesen „Nationalcharakteren" getrieben wurde, auf welch unsauberer methodischer Basis sie fußten. Auch diese Ausweitung der Sozialstruktur zielt darauf ab, die Forschung weiter zu verlagern von den ökonomischen und klassenmäßigen Grundlagen der Sozialstruktur auf davon abhängige sozialpsychologische und ideologische Bereiche, die gleichzeitig als eigentlicher Schlüssel f ü r die Interpretation der einzelnen Zeitalter und Epochen hochgespielt werden. Fassen wir zusammen: Trotz der Teilkritiken an der traditionellen Historismus-Auffassung sind auch in der Strukturgeschichte wesentliche und entscheidende Grundelemente des Historismus erhalten geblieben. In der Struktur- und Sozialgeschichte fließen in weltanschaulich-theoretischer Beziehung reaktionärer Historismus und neopositivistische Vorstellungen immer enger zusammen. Obwohl zur Zeit noch das Anknüpfen an den Neopositivismus selten genug offen eingestanden wird — zu verrufen war und ist der ältere westeuro61 Vgl. ebenda, S. 89 ff. — Ü b e r h a u p t findet der in den bürgerlichen Sozialwissenschaften grassierende abstrakt e un d unhistorische S t r u k turalismus, der u n t er Mißachtung der konkreten historischen Geschehnisse nach allgemeinen Gesellschaftsmodellen un d ihren „Gesetzlichkeiten" sucht, bei den Historikern weitgehende Ablehnung. 62 Conze, Werner, Sozialgeschichte, a.a.O., S. 25. 63 Nipperdey, Thomas, Kulturgeschichte . . . , a.a.O., S. 156 f. 64 Wehler, Hans-Ulrich, Psychoanalyse, a.a.O., S. 546.

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päische Positivismus in der bürgerlichen deutschen Historie 6 5 —, so lehnt man sich in der Wissenschaftspraxis mit dem Pluralismus und der rein funktionalen Betrachtungsweise immer stärker an diese philosophische Richtung an. Noch immer sind in der bürgerlichen Geschichtsschreibung so ziemlich alle wesentlichen Grundfragen der Theorie und Methodologie ungeklärt. Daran haben auch die neuerdings beherrschenden Gesellschafts- und Geschichtskonzeptionen von der „Industriegesellschaft" nichts wesentliches geändert. Daran ändern auch nichts wertvolle Teilerkenntnisse einzelner strukturgeschichtlicher Arbeiten. Die moderne Richtung liegt zudem untereinander im Streit um zahlreiche Probleme, die von der Anwendung quantifizierender Methoden und sozialwissenschaftlicher Modelle über die Verwendung sogenannter expliziter Theorien als vorgegebener Leitfäden f ü r die Forschung bis zum Gegenstand der Geschichtswissenschaft und der Handhabung der Prognose durch den Historiker reichen. Das Gefühl des Hinterherhinkens hinter den Ereignissen hat wohl auch Waldemar Besson geplagt, als er — diesen für die akademische Zunft unbefriedigenden Zustand generalisierend — behauptete, die historische Erkenntnis befinde sich angeblich „naturnotwendig" stets in der Krise, in einem Übergangszustand von Altem zu Neuem. Die „Dauerkrise" ist nach Auffassung Bessons für die bürgerliche Historiographie das „Normale" 66 ! Wird damit nicht die Kalamität des bürgerlichen Geschichtsdenkens in der Phase des Spätkapitalismus offen eingestanden? In krassem Widerspruch zu besagter „Dauerkrise" wie zu den zahlreichen Diskussionen unter den bürgerlichen Historikern steht der von Besson gleichfalls an den Tag gelegte Optimismus, daß bereits „mit Typologisierung und historischer Theoriebildung, mit der Erarbeitung von Modellen und Strukturen, methodologisch die Krise des Historismus und seines ursprünglichen Individualitätsprinzips überwunden ist" 67. Der Subjektivismus der pluralistischen Methodologie und der Strukturgeschichte überwindet die Mängel des traditionellen Historismus nicht entscheidend, höchstens in Teilbereichen. Welch zwiespältige Situation, daß die bürgerliche Geschichtsschreibung heute bereits unumwunden auf den Eklektizismus setzen muß! In einem bekannten Handbuch heißt es: „Aber die prinzipielle Offenheit und der methodisch gegebene Eklektizismus der gegenwärtigen Historiographie sind vielleicht eine wesentliche Voraussetzung dafür, daß sie einen breiteren Zugang zur Geschichte selbst findet" 68. Ein Zugang findet sich auf diesem Willkürlich-subjektivistischen Wege keinesfalls zu einer gesamthistorischen und gesamtgesellschaftlichen 65 Vgl. Schleier, Hans, Die Stellung der bürgerlichen deutschen Geschichtsforschung zur Soziologie in der Zeit der Weimarer Republik, in: J a h r b u c h f ü r Geschichte, Bd. 5, 1971, S. 209 ff. 66 Besson, Waldemar, Zur gegenwärtigen Krise . . ., a.a.O., S. 156 f., 158. 67 Ebenda, S. 170 f. 68 Sowjetsystem und demokratische Gesellschaft, Bd. 2, Freiburg— Basel—Wien 1968, S. 927.

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Strukturforschung. Eine auf solchen Grundlagen beruhende Strukturgeschichte ist in Wahrheit nur eine „deformierte Anwendung" 69 der wissenschaftlich durchaus berechtigten und vom historischen Materialismus schon seit langem entwickelten Strukturmethode. Wenn hier vornehmlich von dem Zusammenhang von Historismus und Strukturgeschichte die Rede war, so soll natürlich nicht abgeschwächt werden, daß sich mit der Hinwendung zum Bereich der Gesellschaft bzw. zu gesellschaftlichen und sozialen Triebkräften und Strukturen gegenüber der älteren, vorwiegend einseitig auf die Staatsaktionen oder die Ideengeschichte ausgerichteten Historie erhebliche Schwerpunktverlagerungen in der Praxis der bürgerlichen Geschichtsschreibung vollzogen haben. Struktur- und sozialgeschichtliche Untersuchungen sind geradezu der bestimmende Trend geworden. Auch das ist übrigens eine Reaktion auf den historischen Materialismus, kennzeichnet das den bürgerlichen Historikern aufgezwungene Reagieren im Rahmen der ideologischen Klassenauseinandersetzungen. Es bedarf noch eingehender Untersuchungen, wie sich Strukturgeschichte und sozialwissenschaftliche Methoden in der historiographischen Praxis, in den einzelnen Bereichen historischer Forschung niedergeschlagen haben, zu welchen Ergebnissen sie im einzelnen führten. Bleiben die Historiker der BRD auch noch hinter der angelsächsisch-französischen Historiographie zurück, so werden doch die Arbeiten, die von verschiedenen Ansätzen und Gesichtspunkten her sich diesen Konzeptionen und Methoden nähern und sich ihrer bedienen, immer zahlreicher. Die Gesellschaftskonzeption von der „Industriegesellschaft" führte zu einem auffälligen Interesse f ü r Fragen der Wirtschafts- und Sozialgeschichte und brachte nicht zuletzt auch die Integration der Geschichte der Arbeiterbewegung in die sogenannte politische Geschichte. Es soll auch nicht verkannt werden, daß durch verschiedene strukturgeschichtliche Studien das historische Wissen erweitert wurde. In ihnen wurden u. a. viele Zersetzungserscheinungen der spätbürgerlichen Gesellschaft detailliert beschrieben, die Wirkung der ökonomischen und sozialen Faktoren in zurückliegenden Epochen verdeutlicht, erste interessante Ergebnisse bei der Anwendung quantitativer Methoden erzielt 70 . Manche bürgerliche Historiker, vorerst noch eher in anderen kapitalistischen Ländern als in der BRD, wollen auch nicht länger unbedingte Gefolgsleute des Imperialismus und seiner antihumanistischen politischen Praktiken sein. Das Bekenntnis zu Struktur- und Sozialgeschichte, so zeigten wir bereits, ist jedoch allein noch kein Krite69 Rüttler, Wolf gang / Lozek, Gerhard, a.a.O., S. 1137. 70 Vgl. Kachk, J., Brauchen wir eine neue Geschichtswissenschaft?, in: Sowjetwissenschaft. Gesellschaftswissenschaftliche Beiträge, 1970, H. 1, S. 96 ff. — Diese Problematik spielte auf dem Historikerkongreß in Moskau (August 1970) eine wichtige Rolle. Vgl. Becker, Gerhard / Krause, Manfred / Lange, Dieter, Der XIII. Internationale Historikertag in Moskau, in: ZfG, Jg. 19, 1971, H. 2, S. 169 f.

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rium f ü r eine progressive politische Haltung. Man wird die Arbeiten der bürgerlichen Historiker nicht zuletzt danach zu beurteilen haben, ob ihre Konzeptionen und Methoden nur der Festigung des staatsmonopolistischen Kapitalismus bzw. der oberflächlichen Reformierung des Establishments dienen, um es funktionsfähiger und elastischer zu machen, oder ob sie in realer Widerspiegelung des weltgeschichtlichen Prozesses den Interessen der Werktätigen aller Länder f ü r die Sicherung des Friedens nützen und diese auf dem Weg zum sozialen Fortschritt unterstützen.

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Zur Kritik moderner bürgerlicher Krisengeschichl sschreibung i. Analysen, ja selbst reine Verlaufsbeschreibungen der kapitalis t i s c h en W i r t s c h a f t s k r i s e n i n D e u t s c h l a n d b i e t e t die b ü r g e r l i c h e historische L i t e r a t u r sehr selten. Das gilt insbesondere f ü r die groß e n f r ü h i n d u s t r i e l l e n K r i s e n v o n 1857—59 u n d 1873—79 ( „ G r ü n d e r krise"). Abgesehe n von zeitgenössischen Darstellungen u n d I n t e r p r e t a t i o n s v e r s u c h e n s o w i e o b e r f l ä c h l i c h e n H i n w e i s e n in d e n h i storisch orientierten k o n j u n k t u r t h e o r e t i s c h e n Monographien von S p i e t h o f f u n d S c h u m p e t e r l a g e n b i s v o r k u r z e m n u r w e n i g e , auf p a r t i e l l e A s p e k t e b e s c h r ä n k t e B e i t r ä g e v o r (z. B. v o n R o s e n b e r g , T r e u t i e r u n d W ä t j e n ) 2 . E r s t in d e n l e t z t e n J a h r e n w u r d e d a s P r o 1 Der Begriff b ü r g e r l i c he Wissenschaft' wird hier nicht in einem diffa mierenden Sinne verwandt, sondern als globale Kennzeichnung nichtmarxistischer Gesellschaftswissenschaft. Deren verbindendes Element ist in der expliziten oder impliziten Verpflichtung auf eine S t r u k t u r - und Entwicklungstheorie der Gesellschaft zu sehen, die sich gegenüber dem kapitalistischen System letzten Endes a f f i r m a t i v verhält. Die tendenziell systemtranszendierende Potentiale freisetzenden sozialen Prozesse sowie deren strukturelle Grundbedingunge n w e r d e n entweder ignoriert oder partiell un d zusammenhanglos analysiert oder sogar bewußt verdeckt. Da dies sich auch in einer entsprechenden Erkenntnistheorie un d Methodologie ausdrückende Merkmal im übrigen möglicherweise stark differierender approaches gerade bei der Krisenanalyse in wesentlichen Punkte n die Ergebnisse determiniert, erscheint es gerechtfertigt, f ü r die derart angelegten Untersuchungen die problematische Pauschalbezeichnung .bürgerlich' zu verwenden. Vgl. auch F. Tomberg, Was heißt bürgerliche Wissenschaft? in: Das Argument, 66, 13. Jg. 1971, H. 6/7. 2 Die zahlreichen zeitgenössischen Krisendarstellungen sind überwiegend theorielos, willkürlich, bleiben oft anekdotenhaft, so auch M. Wirth, Geschichte der Handelskrisen, 4. Aufl., F r a n k f u r t / M a in 1890, S. 245—614, passim. Vgl. im übrigen H. Rosenberg, Die Weltwirtschaftskrisis von 1857—1859 (Beiheft 30 d. VSWG), Stuttgart/Berlin 1934; H. T r e u ü e r , Die Wirtschaftskrise von 1857, in: H a m b u r g e r Überseejahrbuch 1927; H. W ä t jen, Die Weltwirtschaftskrisis des J a h r e s 1857, in: Weltwirtschaftliches Archiv, 38, 1933; A. Spiethoff, Die wirtschaftlichen Wechsellagen, Bd. 1, Tübingen/Zürich 1955, S. 114—126; J. A. Schumpeter, Konjunkturzyklen, Bd. 1, Göttingen 1961, S. 357—408. Große Aufmerksamkei t hat das Krisenproblem stets in der sozialistischen Literatur gefunden. Wichtige ältere Arbeit: E. Varga (Hrsg.), World Economic Crises, 1848 (1821) — 1935 (1938), Bd. 1—3, Moskau 1937—39. Neuere Arbeiten: F. Oelssner, Die Wirtschaftskrisen, Bd. 1, Berlin 1949, S. 229—263; J. Kuczynski, Studien zur Geschichte

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blera der Krisen in der 2. Hälfte des vorigen Jahrhunderts (Stichwort: Große Depression, 1873—96) wieder aktualisiert durch die Bedeutung, die ihnen in den Monographien von Böhme, Rosenberg und Wehler beigemessen wird s . Interessanterweise handelt es sich in allen drei Fällen um Arbeiten von Sozialhistorikern, die weniger an der ökonomischen Seite der Krise als an den mit ihr verschränkten sozialen und politischen Entwicklungen interessiert sind. Die Autoren enthalten sich weitgehend des expliziten Versuchs, die Krise als wirtschaftliches Ereignis zu erklären, dennoch enthält die Form der Darstellung immer schon interpretatorische Elemente (schließt z. B. bestimmte Erklärungsansätze aus, verweist auf andere). Außerdem wird ein theoretisch nicht ausgewiesener Zusammenhang zwischen ökonomischer und gesellschaftlicher Krise unterstellt. Deshalb erscheint es sinnvoll, zu prüfen, welche krisentheoretischen Aussagen insbesondere Rosenberg und Wehler implizite oder explizite ihren Krisenszenarios zugrunde gelegt haben. In welcher Richtung sind diese zu kritisieren? Welche gesellschaftstheoretischen Implikationen haben sie? Inwiefern unterstützt oder verzerrt die spezifische Deutung der Krise die angestrebte historische Analyse der Gesellschaft? Hier wird keine Auseinandersetzung um historische Fakten angestrebt, um die historische Verifikation einzelner Details und Aussagenzusammenhänge. Die Datenlage ist anerkanntermaßen schlecht, und in dieser Situation um die eine oder andere Statistik zu rechten bringt nur dann etwas, wenn dadurch völlig neue Aspekte einder zyklischen Überproduktionskrisen in Deutschland, 1825 bis 1866, Berlin 1961, S. 110—141; ders., Studien . . . , 1873 bis 1914, Berlin 1961, S. 1—50 (Die Geschichte der Lage der Arbeiter u n t e r dem Kapitalismus, Bd. 11 u. 12; vgl. auch die Bde. 2 u. 3 dieser Reihe); H. Mottek, Wirtschaftsgeschichte Deutschlands, Bd. 2, 2. Aufl., Berlin 1969, S. 199 ff.; ders., Die G r ü n d e r krise, in: J a h r b u c h f ü r Wirtschaftsgeschichte, 1966, Teil I. Auf diese K r i senanalysen marxistischer Autoren k a n n hier nicht eingegangen werden ; das m ü ß t e Gegenstand einer besonderen Arbeit sein. 3 Vgl. H. Böhme, Deutschlands Weg zur Großmacht, 1848—1881, Köln 1966; ders., Wirtschaftskrise, Merchant B a n k e rs un d Verfassungsreform, in: Zeitschrift des Vereins f ü r Hamburgische Geschichte, Bd. 54, 1968; H. Rosenberg, Große Depression un d Bismarckzeit. Veröffentlichungen der Historischen Kommission zu B e r l i n . . . , Bd. 24, Berlin 1967; ders., Wirtschaftskonjunktur, Gesellschaft und Politik in Mitteleuropa, 1873 bis 1896, in: Moderne deutsche Sozialgeschichte, Hrsg. H.-U. Wehler, Köln/ Berlin 1966; H.-U. Wehler, Bismarck u n d der Imperialismus, Köln/Berlin 1969. Vgl. auch W. Fischer, K o n j u n k t u r e n und Krisen im Ruhrgebiet seit 1840 u n d die wirtschaftspolitische Willensbildung der Unternehmer, in: Westfälische Forschungen, 21. Bd., 1968. Im übrigen sei darauf hingewiesen, daß beispielsweise in England, Frankreich u n d den USA seit längerer Zeit Fragen des zyklischen Wachstums, damit auch der Krisen von Historikern un d Ökonomen gründlich untersucht w u r d e n un d daß es etwa über Phänomene wie die ,Große Depression' eine breite Diskussion gegeben hat. Die bundesrepublikanischen Historiker h a b e n (auch) in der Hinsicht ein wenig den Anschluß verpaßt.

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gebracht würden. Dazu sieht sich der Verfasser zur Zeit nicht in der Lage. Darüber hinaus hält er eine vorab zu leistende Analyse und Kritik methodischer und theoretischer Gesichtspunkte f ü r wichtiger, da diese die Suche nach neuem Material wie auch die Auswertung des vorliegenden entscheidend strukturieren und die abzuleitenden Ergebnisse mitbestimmen. Im übrigen ist die Betonung dieser Aspekte den zu behandelnden Autoren angemessen, denn Wehler und Rosenberg betonen die Bedeutung von Theorie und Methodologie f ü r die Geschichtswissenschaft. Nach ihrer Auffassung dienen theoretische Sätze zur Ableitung von Fragestellungen, zur Systematisierung des Faktenmaterials, als Bezugspunkte f ü r die Interpretation der Ergebnisse; sie können auch Gegenstand empirischer Überprüfung sein, wodurch die Geschichtsforschung als kritische Disziplin einen unmittelbaren Beitrag zur Theorieentwicklung leistet (Verifikation und Falsifikation von Hypothesen) 4. Da Wehler krisentheoretische Hypothesen expliziert, lassen sie sich konkret inhaltlich kritisieren. (Darin besteht die relative Fortschrittlichkeit des Wehlerschen Vorgehens.) Auch die Positionen Rosenbergs können ohne allzu große Schwierigkeiten aus seiner Behandlung der Krisen herausgearbeitet werden. II. Wehler geht davon aus, daß der Kapitalismus ein permanent expandierendes System sei, dessen Wachstum aber ,seiner Natur nach' ungleichmäßig bzw. ungleichgewichtig verlaufe: Es „schreitet sprunghaft voran, zaudert, stagniert sogar manchmal, prellt wieder vorwärts —, kurzum, es ist Konjunkturschwankungen und Wachstumsstörungen . . . unterworfen 5 ". Die konstatierte ,inhärente Labilität' des kapitalistischen Wachstums wird auf nicht weiter erklärte strukturelle Eigenschaften des Systems zurückgeführt, die sich in einem „chronischen Mißverhältnis zwischen seiner entfesselten Produktionskraft und seiner beschränkten Konsumkraft . . . , der Spannung mithin zwischen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen a " resümieren. Die wichtigste Erscheinungsform dieses Systemwiderspruchs, die nicht nur wesentliche Elemente der Krisen in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts in Deutschland beschreiben, sondern auch erklären soll, wird in der Überproduktion' gesehen: In bestimmten Leitsektoren der Wirtschaft, „wo gewöhnlich auch die 4 Vgl. insbesondere H.-U. Wehler, Theorieprobleme der modernen deutschen Wirtschaftsgeschichte (1800—1945), in: Entstehung und Wandel der modernen Gesellschaft. Festschrift f ü r Hans Rosenberg zum 65. Geburtstag, Hrsg. G. A. Ritter, Berlin 1970, S. 66—80, sowie W. Fischer, ökonomische und soziologische Aspekte der f r ü h e n Industrialisierung, in: Wirtschafts- und sozialgeschichtliche Probleme der f r ü h e n Industrialisierung, Hrsg. W. Fischer, Berlin 1968, S. 1—20. 5 H.-U. Wehler, Bismarck . . . , S. 17 f. (Hervorhebung durch den Verfasser; R. S.).

6 Ebenda, S. 18.

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meisten technologischen Innovationen eingeführt werden 7 ", ballt sich Produktivkraft. „Da einerseits die Unüberschaubarkeit der neuen Marktverhältnisse der Industriewirtschaft eine sichere Kalkulation der Chancen gemäß dem Prinzip der Gewinnmaximierung erschwert und andererseits die Dynamik des Wachstums Ergiebigkeit der Investitionen suggeriert, kommt es — wie man meist erst rückblickend sagen kann — zu Überinvestitionen in bestimmten Sektoren mit dem Ausbau von Überkapazitäten und nachfolgender partieller Uberproduktion. Durch diese forcierten Vorstöße wird zwar die Entwicklung vorangetrieben, aber zugleich der Grund f ü r spätere Krisen gelegt 8 ". Die gegebene politische und soziale Machtstruktur verhindere die gebotenen Abwehrmaßnahmen, nämlich Erhöhung der Flexibilität und Ausweitung des Binnenmarktes im Zusammenhang mit Einkommensumverteilungsmaßnahmen, bzw. lasse diese erst zu spät wirksam werden. Es bestehe eine „weitverbreitete Unfähigkeit und Abneigung, die Produktionsanarchie rational zu steuern 9 ". Krise und Depression stellten „einen schmerzhaften Prozeß der Anpassung an die Aufnahmefähigkeit des Markts, der Mobilisierung neuer Nachfrage und oft des Übergangs zu neuen Leitsektoren 10" dar. Relativ fortschrittlich an dieser Auffassung ist die Tatsache, daß ein Zusammenhang zwischen Krise und Produktionssphäre angedeutet wird, eine Einsicht, die allerdings dadurch tendenziell entwertet erscheint, daß die eigentliche Zuspitzung erst in der Zirkulationssphäre stattfinden soll. Immerhin kommen rein monetäre oder exogene Krisenerklärungen nicht in Betracht 11 . Dennoch sind zwei neuralgische Punkte zu konstatieren, in denen Wehlers Sichtweise mit der einer Vielzahl bürgerlicher Autoren übereinstimmt, soweit diese nicht die Krisen grundsätzlich als Zufälle, singuläre Ereignisse ohne systematische Erklärungsmöglichkeit, begreifen. Erstens wird behauptet, die Krisen resultierten vor allem aus der mangelnden Überschaubarkeit der Marktprozesse; darin drücke sich die f ü r die .liberal-kapitalistische' Wirtschaft typische ,Produktionsanarchie' aus, die in einem Mangel an zentraler Planung bestehe. Den noch zu erläuternden Implikationen dieser Auffassung entspricht, daß zweitens die Krisen als Überproduktionsphänomene in einem vulgären Sinne begriffen werden (Produktion über die Aufnahmefähigkeit der Märkte hinaus). 7 Ebenda, S. 18. Die Formulierung ist irreführend, denn bestimmte Sektoren haben gerade deshalb eine Leitfunktion, weil in ihnen ü b e r durchschnittliche Investitions- un d Innovationsraten erzielt werden. Zur Bedeutung, die Wehler dem sectoral overshooting als Krisenursache beimißt, vgl. auch ebenda, S. 51. 8 H.-U. Wehler, Bismarck . . . , S. 18. 9 Ebenda, S. 43; vgl. auch ebenda, S. 18. 10 Ebenda, S. 18. 11 Vgl. dazu a b e r auch unten S. 92.

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Auf diese Weise wird suggeriert, daß mit der Überwindung der ,Unfähigkeit und Abneigung' gegenüber zentraler Planung bzw. schon bei zunehmender Integration der Märkte, Konzentration des Angebots und Verbindlichkeit von Produktionsabsprachen etc. zusammen mit einer Stabilisierung oder fallweisen Ausweitung der Nachfrage durch systematische Einkommenspolitik und Staatsaufträge die Krisen Ursachen unter Aufrechterhaltung der kapitalistischen Produktionsverhältnisse beseitigt werden könnten. Zu dieser Argumentation ist folgendes zu bemerken: ad 1: Die Unübersichtlichkeit der Märkte findet ihre Entsprechung in der ,Produktionsanarchie'. Beide Erscheinungen resultieren aus strukturellen Eigenschaften des kapitalistischen Systems: aus dem Privateigentum an den Produktionsmitteln und der unter den gegebenen Bedingungen notwendigen Orientierung der Produktions- und Investitionsentscheidungen an individuellen Profitchancen. Die Konkurrenz schafft f ü r das Einzelkapital einen existentiellen Zwang zu erfolgreicher und reibungsloser Verwertung. Da sich der Produktion von Mehrwert durch Verlängerung des Arbeitstages bei gleichem oder unterproportional wachsendem Lohn nach einiger Zeit stets sowohl physische wie gesellschaftliche Schranken entgegenstellen, müssen insbesondere die verschiedenen Methoden zur — im Verhältnis zum eingesetzten variablen Kapital — relativen Erhöhung des Mehrwerts (Steigerung der Produktivität und Intensität der Arbeit durch Mechanisierung und Rationalisierung) angewandt und ständig verbessert werden 12. Diese zeitigen aber Wirkungen, die sich einerseits im tendenziellen Fall der Profitrate (wenn vielleicht auch nicht langfristig, so doch zumindest im Verlauf jeweils eines Zyklus) resümieren 13 , andererseits ein mehr oder weniger starkes Wachstum des Outputs implizieren. Jeder einzelne Kapitalist kann sich einen Extramehrwert sichern, solange er nur zeitiger bzw. rascher innoviert (im Sinne der Anwendung der genannten Methoden zur Produktion relativen Mehrwerts) als seine Konkurrenten; deshalb ist die Jagd nach Extramehrwert der Kern sogenannter Innovationstätigkeit. Früher oder später aber verallgemeinert die Konkurrenz die fortschrittlichen Produktionsbedingungen, so daß auch sein Kapital vom tendenziellen Fall der Profitrate betroffen wird, wenn er nicht wiederum innoviert. Daraus resultiert die Notwendigkeit der ständigen Fortsetzung des fehlerhaften Kreislaufs. 12 Vgl. im übrigen die krisentheoretischen Hypothesen unten S. 96—102. 13 Vgl. zur Theorie K. Marx, Das Kapital, Bd. 3, Kap. 13—15. Um das ,Gesetz' gibt es eine noch anhaltende Kontroverse; vgl. Kapitalismus und Krise, Hrsg. C. Roishausen, Frankfurt/M. und Wien 1970. Hier wird das Problem der langfristigen Niveauveränderung der Profitrate ausgeklammert. Daß die Profitrate eine zyklische Bewegung vollzieht, dürfte dagegen außer Frage stehen. Die diese Entwicklung bestimmenden Faktoren werden als wesentliche Krisendeterminanten angesehen.

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Die Jagd nach Extramehrwert ist aus dem Widerspruch zwischen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen herzuleiten oder, was noch abstrakter das gleiche besagt, aus dem Widerspruch zwischen Gebrauchswert und Tauschwert der Ware. Diese Widersprüche des Kapitalismus also sind die letzten Ursachen sowohl der .Produktionsanarchie' als auch der Krisen. Sieht man die Erscheinungsform der .Produktionsanarchie' vor allem in den Disproportionalitäten der kapitalistischen Entwicklung (mangelnde Synchronität der Wachstumsraten der einzelnen Komponenten von Angebot und Nachfrage), so hat die Krise die Funktion, diese vorübergehend gewaltsam auszugleichen. Das Ausmaß der Disproportionalitäten — durch Geld- und Kreditwesen längere Zeit vertieft und verschleiert — bedingt Schwere und Dauer einer Krise bzw. Depression, ist aber nicht deren Ursache. Das gleiche gilt f ü r die Kehrseite der Medaille, die Unübersichtlichkeit der Märkte. Erkennt man die strukturell bedingten widersprüchlichen Entfaltungstendenzen als die eigentlichen Krisenursachen unter kapitalistischen Produktionsverhältnissen, dann müßte man also von den wesentlichen Bestimmungen absehen und nur die Relation zwischen Unübersichtlichkeit der Märkte bzw.,Produktionsanarchie' einerseits, den Wachstumsstörungen andererseits betrachten, um das Planungsargument überhaupt plausibel zu finden. Aber selbst unter dieser methodisch äußerst fragwürdigen Prämisse (sie isoliert ein Systemproblem willkürlich aus dem Zusammenhang — ein typischer Fehler bürgerlicher Sozialwissenschaft) erweist es sich als wenig relevant. Allein schon die Planung der Angebotsseite verlangt, daß im Interesse der Vermeidung von disproportionaler Akkumulation Produktionsund Investitionsauflagen verbindlich gemacht und Gewinne und Verluste gesellschaftlich umverteilt werden. Außerdem wäre der Außenhandelseinfluß auf das Wachstum auszuschalten. Nur dann sind die ökonomischen Konsequenzen unterschiedlicher Produktionstechnik und organischer Zusammensetzung des Kapitals sowie unterschiedlicher Wertgröße desselben, nämlich differierende Profit- und Akkumulationsraten, unter Kontrolle zu bringen, nur so läßt sich die Jagd nach Extramehrwert unterbinden. Damit verzichteten die Kapitalisten aber auf die Verfügungsgewalt über ihr Kapital und deren ,Früchte'. Sie würden zu Funktionären der Planungsbehörden sowie zu Rentnern, die einen vorgegebenen. Zills auf ihr Kapital erhalten. Warum die Kapitalisten zu derartigen Zugeständnissen bereit sein sollten, ist völlig unklar. Zwar triff t die Krise mit Wertverfall und Kapitalzerstörung die gesamte Gesellschaft, jedoch nicht alle Kapitalisten gleichmäßig, im, Gegenteil, einzelne Kapitalisten(gruppen) gehen regelmäßig gestärkt aus der Depression hervor. Erst wenn die Existenz der Kapitalistenklasse als ganzer auf dem Spiel steht, erscheint eine freiwillige Abdankung' des individuellen Kapitalisten möglich mit dem Ziel, das privatkapitalistische in ein staatskapitalistisches System umuzuwan-

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dein und auf diese Weise wenigstens die Herrschaft der Klasse zu erhalten. Diese Hinweise sollen genügen, um deutlich zu machen, daß die von Wehler zum Ausdruck gebrachte Hoffnung auf die wundertätigen Wirkungen von Planung und Globalsteuerung der Wirtschaft unter Beibehaltung der kapitalistischen Produktionsverhältnisse Illusion ist. Sie wird durch die Formveränderung der ökonomischen Krisen im Spätkapitalismus genährt, die begründet ist in verstärktem Kapitalexport sowie vom Staat inszenierter und gedeckter systematischer Kapitalvernichtung (Rüstung, Kriege, Weltraumforschung und ,-eroberung'). Obwohl auch andere Formen der ,Stillegung' von Kapital die Realisierungsschwierigkeiten beseitigen, den Druck auf die Profitrate vermindern könnten (Sozialinvestitionen), ist die Kapitalvernichtung am besten mit den Herrschaftsinteressen des Kapitals vereinbar. Sie bringt allerdings erhebliche soziale Belastungen mit sich und erfordert die Anwendung vielfältiger sozialer und politischer Krisenvermeidungsstrategien mit dem Ziel der Sicherung von Massenloyalität. Aber selbst mit Hilfe der entwickelten Instrumente des Spätkapitalismus lassen sich die Wirtschaftskrisen im traditionellen Sinne nicht gänzlich eliminieren Im Gegenteil: Die permanenten Versuche, vor allem mit Hilfe von fiscal policy, Einkommenspolitik und Rahmenplanung mehr oder weniger erfolgreich gegenzusteuern, setzen schon begrifflich die Tatsache des Krisenzyklus und damit der Wirksamkeit der selbstnegatorischen Tendenzen des Kapitalismus voraus. Unübersichtlichkeit der Märkte, ,Produktionsanarchie', Disproportionalitäten sind Erscheinungsformen des kapitalistischen Wachstumsprozesses. Sie tragen zum Ausbruch von Krisen bei, modifizieren Umfang und Dauer derselben, können sie aber nicht erklären. Deshalb läßt sich die ,Produktionsanarchie' nicht durch verstärkte kapitalistische Planung und Wirtschaftssteuerung beseitigen, sondern nur durch Aufhebung ihrer Ursachen, damit auch derjenigen der Krisen, nämlich durch Umwandlung der Produktionsverhältnisse. ad 2: Die falsche Betonung der Marktbedingungen (Unübersichtlichkeit, Disproportionalitäten, ,Produktionsanarchie') bedeutet, daß nicht nur bestimmte modifizierende Momente der Krise den Stellenwert von Kausalfaktoren bekommen, sondern eine Fehldeutung schon auf der Ebene der Erscheinungsformen vorliegt: Die Krise wird im wesentlichen als Realisierungskrise erfaßt. Wehler vernachlässigt deshalb wesentliche Krisenerscheinungen in der Produktionssphäre, die in bezug auf die Realisationsprobleme als vorgelagerte Determinanten gelten müssen. Zu denken ist dabei an die Tendenzen, die sich im Fall der Profitrate zusammenfassen. Diese sinkt in jedem Zyklus notwendig. Rückläufige Auftragseingänge oder sinkende Auftragsbestände sind wichtige Indikatoren für das Ende des Aufschwungs, der zunehmende Druck auf die Profitrate aber ist der kritische Punkt.

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Zwar wird die Krise meist erst manifest, wenn Realisierungsschwierigkeiten auftreten (d. h. sich der Mehrwert nicht mehr realisieren läßt, weil die Waren zu gegebenen Preisen nicht absetzbar sind). Diese erhalten jedoch ihre Bedeutung im wesentlichen dadurch, daß die Profitrate bereits erheblich gesunken ist. Dieser Umstand macht z. B. die von frühindustriellen Unternehmern häufig angewandte Strategie der Krisenbekämpfung untauglich, bei relativ konstanter monetärer Nachfrage den Absatz unter Inkaufnahme sinkender Preise zu vergrößern (dadurch steigen nur die Verluste); ebensowenig kommt die Wehler vorschwebende Lösung in Frage, die Massenkauf kraft durch Lohnerhöhungen auszuweiten: Beide Maßnahmen würden den Druck auf die Profitrate verstärken und die Krise beschleunigen. Um einerseits alle wesentlichen Aspekte der Erscheinungsform der Krise, andererseits die sich darin ausdrückenden eigentlichen Krisenursachen richtig erfassen zu können, müssen die Krisenbedingungen in der Produktionssphäre von den Erscheinungsformen und Krisendeterminanten in der Zirkulationssphäre analytisch isoliert werden. Marx unterscheidet deshalb den ersten Komplex von Krisenmomenten als ,relative Überproduktion' (Produktion bei sinkender Profitrate) von den aus der Beschränkung der Massenkaufkraft resultierenden Realisierungsproblemen (dem Aspekt der Unterkonsumtion) 15 . Da Wehler die relative Überproduktion im eben genannten Sinne nicht kennt, bezieht sich seine ,Krisenanalyse' im Grunde nur auf Absatzprobleme. Daraus erklärt sich die kritisierte Reduktion der Krisenursachen auf Marktphänomene mit der Konsequenz, daß die theoretische und historische Bedeutung von Staatseingriffen und Außenhandel überschätzt wird. Damit hat aber auch die Imperialismus-Theorie von Wehler von vornherein einen bias: Ihr fehlt die Ableitung aus den eigentlichen ökonomischen Strukturproblemen der ,Großen Depression'. Mit seinem Kleben an Erscheinungsformen, ab und zu garniert mit Leerformeln, die auf das abstrakt bleibende Wesen des Kapitalismus verweisen sollen (.Widerspruch zwischen Produkutivkräften und Produktionsverhältnissen'), gerät Wehler als bürgerlicher Autor in gefährliche Nähe eines Vulgärmarxismus. III. Während in den meisten vorliegenden Arbeiten bürgerlicher Historiker auf eine Orientierung der Krisendarstellung und -analyse an explizierten Theorien verzichtet wird, macht auch Rosenberg hier eine Ausnahme. Seine Schrift über die Weltwirtschaftskrise 1857—59 enthält zwar nur einige recht allgemeine, teilweise wider15 Vgl. K. Marx, Das Kapital, Bd. 3 . . . , Kap. 15, insbes. S. 261 f. (wg. rel. Uberproduktion) sowie auch S. 501 (wg. rel. ,Unterkonsumtion'; K r i senfakto r antagonistische Distributionsverhältnisse').

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sprüchliche methodische Vorbemerkungen 16. In der neueren Arbeit über .Große Depression und Bismarckzeit' dagegen stellt er ausführlich ein Theoriekonstrukt vor und betont dessen analytischen Wert: das Modell der .langen Wellen' 17 . Diese von Kondratieff in den 1920er Jahren popularisierten und von Schumpeter nach ihm benannten Schwingungen bestimmter Zeitreihen wirtschaftlicher Variabler von 30—50jähriger Länge stellen sich Rosenberg als .dynamisches Entwicklungsmodell' dar, das er f ü r die historische Gesellschaftsanalyse in verschiedener Hinsicht gebrauchen zu können glaubt: Erstens wird ihm der Charakter eines heuristischen Periodisierungs- und .Integrationsinstruments' zugewiesen 1S, zweitens vermag es „fruchtbare Ansatzpunkte und Fragestellungen bei dem Bemühen um vertieftes Verständnis der außerökonomischen Geschichte zu liefern 1 9 ", drittens erschließt es „einen faszinierenden Gesichtswinkel und Betrachtungsrahmen", der die Klärung der „strukturellen, kausalen und funktionalen Zusammenhänge zwischen ökonomischen, sozialen und politischen Kräften 20" nennenswert fördert, und viertens faßt es eine Reihe von Faktoren zusammen, die kausale Bedeutung f ü r andere gesellschaftliche Prozesse und Ereignisse haben 2 1 . Ohne daß die logische Struktur dieses .Modells' der langen Wellen an irgendeiner Stelle verdeutlicht würde, schwankt die Bedeutungszumessung von der einer unproblematischen Periodisierungsfunktion bis zu der einer Basistheorie wirtschaftlicher bzw. gesellschaftlicher Phänomene. Diese Unklarheit ist Rosenberg offenbar teilweise bewußt geworden, denn er beschließt die methodolo16 Vgl. H. Rosenberg, Weltwirtschaftskrisis . . . , S. 1—9. 17 Vgl. H. Rosenberg, Große Depression . . . , S. 1—25. Das .Modell' setzt eine Analyse von Zeitreihen wirtschaftlicher Variabler voraus, die sich auf Perioden von 100 und m e h r J a h r e n Länge beziehen. Betrachtet m a n derar t lange Zeiträume, dan n lassen sich bei bestimmten Variablen, z. B. bei Großhandelspreisen, Schwingungen der Wachstumstrends erkennen, die eine gewisse Regelmäßigkeit aufweisen: auf 30—50 ,fette' J a h r e folgen oft ebenso viele .magere' J a h r e . Anders ausgedrückt : In bestimmten Perioden weisen Wachstumsindikatoren häufiger positive jährliche Wachstumsr a t e n auf, in anderen Perioden häufiger negative. Ob diese .langen Wellen' nicht n u r ein Zufallsprodukt oder auch statistisches A r t e f a k t sind, ist immer noch umstritten. Die systematischen Beziehungen zwischen den .langen Wellen' un d verschiedenen Typen k u r z - bis mittelfristiger Schwingungen sind theoretisch fast gänzlich ungeklärt. Da auch die Theorien über wahrscheinliche Determinante n des Phänomens bisher höchst unbefriedigend bleiben, d ü r f t e der E r k l ä r u n g s w e r t des .Modells der langen Wellen' gering einzuschätzen sein. Vgl. im übrigen als Uberblick ü b e r die Literatur U. Weinstock, Das Problem der Kondratieff-Zyklen. Schriftenreihe des Ifo-Instituts f ü r Wirtschaftsforschung, Nr. 58, Berlin/München 1964. 18 Vgl. H. Rosenberg, Große Depression . . . , z. B. S. VII f. und 19. 19 H. Rosenberg, Wirtschaftskonjunktur . . . , S. 228. 20 H. Rosenberg, W i r t s c h a f t s k o n j u n k t u r . . . , S. 229. 21 Vgl. H. Rosenberg, W i r t s c h a f t s k o n j u n k t u r . . . . S. 230, sowie ders., Große Depression . . . , z. B. S. VII f. u. 38.

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gischen Erörterungen mit dem bemerkenswerten Hinweis, daß zwar zwischen der .Kausalbedeutung wirtschaftlicher Entwicklungsfaktoren einerseits und ihrer heuristischen Hilfsdienstrolle' andererseits ein fundamentaler Unterschied bestehe, er diesen aber nicht immer deutlich herausarbeiten könne, „zumal sich im Denken des Historikers, der es ständig mit den immanenten Widersprüchen und Kompliziertheiten der geschichtlichen Wirklichkeit zu tun hat, diese Linien oft verwischen 22". Wird von den wissenschaftstheoretischen Unklarheiten, die diese Aussage enthält, abgesehen, so kann konstatiert werden, daß der Blickwinkel der ,langen Wellen' zwar das Interesse auf säkulare Entwicklungstrends und die große Zeitperspektive zu lenken vermag. Da aber das ,Modell' der Kondratieff-Zyklen zunächst tatsächlich nur ein Periodisierungsschema ist, das sich ausschließlich auf Ähnlichkeiten der Erscheinungsformen des Wachstumsprozesses im Zeitvergleich bezieht, impliziert es keinerlei Hinweise auf die Determinanten des Zyklus, obwohl es Erklärungsgehalt suggeriert. Die Ursachen der Zyklizität, die in der Krise in jeweils spezifischer Form eklatierenden antagonistischen Entfaltungstendenzen des kapitalistischen Wachstums, erschließen sich, vom statistischen Phänomen der ,langen Welle' aus anvisiert, eher schlechter als vom Faktum der periodischen Wachstumsstörungen ganz allgemein her. Im Gegenteil: Die ,lange Welle' als Realität genommen, wird die historische Kausalanalyse zur Behauptung und Verifizierung besonderer, wenn auch langfristig wirksamer, so doch einmaliger Bedingungskonstellationen gedrängt. Damit wird von der eigentlichen analytischen Aufgabe, die singulare Form eines bestimmten Zyklus durch Ermittlung der konkreten Verbindungsglieder auf seine generellen, systemischen Voraussetzungen zu beziehen, abgelenkt. Solange Modelle bzw. Theorien, denen Erklärungsgehalt zugeschrieben wird, die sich in den Erscheinungsformen des Zyklus ausdrückenden strukturellen Grundzüge des Gesamtsystems ignorieren, können sie angesichts der widersprüchlichen und chaotischen empirischen Erfahrung nur zur willkürlichen Behauptung von Zusammenhängen führen. Dennoch wirken sie aufgrund einer entsprechenden, durch ein meist nicht expliziertes theoretisches Vorverständnis gesteuerten Fakten- und Aspektauswahl oft durchaus plausibel 23 . Obwohl Rosenberg und Wehler den gleichen Zeitraum, in groben Zügen den gleichen Gegenstand behandeln und einen insofern ähnlichen Ansatz verwenden, als sie soziale und politische Prozesse vor dem Hintergrund der ökonomischen Entwicklung analysieren 22 H. Rosenberg, Große Depression . . . , S. 21. Ein ähnlich ambivalentes Verhältnis zur Theorie und zum Problem der Kausalität zeigt sich in der f r ü h e n Arbeit Rosenbergs, vgl. ders., Weltwirtschaftskrisis . . . , S. 5. 23 Es ist deshalb n u r konsequent, w e n n sich Rosenberg von Theorien distanziert, die das Problem der Zyklizität u n d der Krise inhaltlich und nicht n u r f o r m a l angehen. Vgl. auch u n t e n die A u s f ü h r u n g e n zu .Multifeausalitätsvorstellung' u n d .Theorienpluralismus', S. 90—94.

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wollen, besteht ein wesentlicher Unterschied im theoretischen Vorverständnis. Während sich Wehler einer ,kritischen Theorie der Gesellschaft' verpflichtet fühlt (deren ökonomische Fundierung, soweit Wehler sie andeutet, allerdings unzulänglich ist), geht Rosenberg von einem rein formalen, aber dennoch f ü r die Rezeption und Interpretation der Empirie nicht belanglosen Bezugsrahmen aus. Wehlers Ausgangspunkt könnte ihm erlauben, hier und da von den Erscheinungsformen (der bürgerlich verkürzten Empirie) zu wesentlicheren Bestimmungen vorzudringen, damit auch den systemischen Zusammenhang zwischen wirtschaftlichen und sozialen bzw. politischen Prozessen zu begreifen. Seine Imperialismus-Theorie ist ein Ansatz dazu, wenn auch durch die kritisierte Schwäche seiner ,Krisentheorie' von vornherein belastet. Rosenberg dagegen muß sich schon vom Ansatz her auf Erscheinungsformen, die willkürliche oder auch zufällige Rezeption isolierter Fakten und Aspekte der Realität beschränken. Eine Vertiefung der Krisenanalyse auf die Determinanten hin, die gleichzeitig die ihn hauptsächlich interessierenden sozialen und politischen Phänomene zu erklären vermögen, ist f ü r ihn ausgeschlossen. Während bei Wehler eine einseitige, tendenziell falsche Erklärung der Krise von 1873—79 bzw. der ,Großen Depression' erfolgt, bietet Rosenberg — konsequenterweise — gar keine an. IV. Es entspricht dem Rosenbergschen Ansatz, wenn er zur Charakterisierung der wirtschaftlichen Entwicklung eine relativ kleine Zahl von Indikatoren verwendet, deren Auswahl nicht näher begründet wird 2 4 . Er vermittelt ein instruktives und dem Stand der empirischen Forschung angemessenes Bild der Krise, ohne Bezug auf deren Systembedingungen 25 . Im Gegensatz zu seiner Behandlung der Krise von 1857—59, die er offenbar fast ausschließlich als monetäres Phänomen begriff, dominieren bei der Darstellung der ,Großen Depression' nicht die Indikatoren f ü r den Geld- und Kreditsektor, obwohl ihnen im Kontext größerer Erklärungswert beigemessen wird als den Indikatoren f ü r die reale Entwicklung im industriellen und gewerblichen Bereich (Sozialprodukt, Ausstoßziffern, Investitionen etc.). Erstaunlich ist, daß Wehlers Krisendarstellung, auch was die Implikationen angeht, der Rosenbergschen durchaus ähnelt, allerdings fällt sie differenzierter aus. Analog zur theoretischen Über24' Rosenbergs Indikatoren sind: Wachstum des Outputs (gesamte Volkswirtschaft, Industrie, Landwirtschaft ; pro Kopf; Investitionsgüterun d Konsumgüterindustrien); der Investitionen (produktiv; unproduktiv); der Preise; der Profite; der Produktivität; der Rentabilität un d der Löhne (real; nominal). 25 Im R a h m e n dieses Aufsatzes ist es nicht möglich, die empirische Darstellung der Krise wiederzugeben un d im Detail zu diskutieren. Im übrigen w e r d e n diese Informationen f ü r die vorgetragene Richtung der Kritik nicht benötigt.

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betonung der Realisierungsprobleme und zur Vernachlässigung der relativen Überproduktion fehlt eine Analyse der Produktions- und Kostenstruktur, was nicht einmal als — u. U. durch den Stand der Forschung entschuldbares — Manko empfunden wird. Hinweise auf die Profitentwicklung bleiben deshalb rein illustrativ und haben keinen Erklärungswert (reflektieren nicht die Entwicklung der Profitrate und deren Bedeutung f ü r den Zyklus). Außerdem sind die Gliederungskriterien der Darstellung nicht aus den theoretischen Hypothesen stringent hergeleitet 2 6 . Die Vermittlung zwischen den theoretischen Sätzen und den teilweise recht detaillierten empirischen Informationen fehlt weitgehend, so daß die oben noch als möglich konstatierte Erklärung der Krise auch bei Wehler letzten Endes nicht erfolgt. Daß nicht stärker auf die empirischen Aussagen beider Autoren eingegangen wird, rechtfertigt sich aus der methodologischen (wissenschaftstheoretischen) Fragestellung des Aufsatzes. Die Bedeutung der bisherigen Befunde liegt darin, daß die kritisierten Ansätze bzw. Analysen von Rosenberg und Wehler immerhin weit über dem üblichen Niveau bürgerlicher Krisengeschichtsschreibung liegen. Abgesehen davon, daß überhaupt sehr wenig umfassende Untersuchungen von dieser Seite vorliegen, verhindert in den meisten Fällen das Defizit an theoretischer und methodologischer Reflexion eine befriedigende Darstellung und Erklärung der Wirtschaftskrisen. Die relative Fortschrittlichkeit der hier behandelten Autoren zu konstatieren verlangt aber gleichzeitig das weitergehende Urteil, daß auch sie letzten Endes die selbstgestellte Aufgabe einer Kausalbeziehungen herausarbeitenden, politökonomischen Krisenanalyse verfehlen. Diese Konsequenz ist nicht zufällig, sondern resultiert aus bestimmten erkenntnis- und wissenschaftstheoretischen Grundpositionen. Unter diesem Gesichtspunkt betrachtet, treten die auf der Ebene der krisentheoretischen Hypothesen noch sehr deutlichen Differenzen zwischen Rosenberg und Wehler ganz in den Hintergrund: Beide erweisen sich als Vertreter bürgerlicher Sozialwissenschaft. Wenn die Kritik hier auch verkürzt und abstrakt bleiben muß, soll im folgenden doch immerhin ihre Richtung angedeutet werden 2 6 a . V. Moderne Sozialwissenschaftler betonen die Komplexität ihres jeweiligen Erkenntnisobjekts und die Schwierigkeiten der Konzipie26 Z. B. berichtet Wehler ü b e r die Entwicklung der Preise, der Gewinne, Dividenden un d Renditen sowie der Zins- und Diskontsätze, ohne daß die systematische Beziehung zwischen diesen Indikatoren und denen der Produktion problematisiert würde. I h r e theoretische und empirische Bedeutung bleibt unklar. 26a Vgl. zum folgenden Abschnitt auch E. Altvater, Zur Kritik der bürgerlichen Konjunkturtheorie , v e r v i e l f ä l t i g t e Seminarunterlage, FU Berlin, WS 1970/71, S. 1—9.

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rung von Erklärungsansätzen und Theorien, die Deutungspotenz (Komplexitätsreduzierung bei hohem innerem Differenzierungsgrad und maximaler Reichweite) und Faktenverpflichtung miteinander verbinden 27. Nachdem die Versuche einer Erhöhung der Deutungspotenz bei radikaler und willkürlicher Komplexitätsreduzierung bis zur Konsequenz eines völlig irrelevanten und informationsleeren Modellplatonismus verfolgt wurden (von rein spekulativen, metaphysisch ausgerichteten ,Deutungen' abgesehen) und z. B. in der ökonomischen Theorie auch heute noch dominieren, breitet sich seit den 1920er Jahren, ausgehend von den angelsächsischen Ländern, die Gegenrichtung aus, die auf Deutungspotenz von vornherein weitgehend verzichtet zugunsten möglichst umfangreicher und detaillierter empirischer Partialinformation (ungenügende Komplexitätsreduzierung bei hohem Differenzierungsgrad und minimaler oder unbestimmter Reichweite). In der Geschichtsforschung hat die Faktenverpflichtung stets den Vorrang, doch will der Historiker auf Interpretation, Erklärung etc. nicht prinzipiell verzichten; er will Zusammenhänge aufzeigen, womöglich sogar generalisieren. Zumindest beruft er sich — meist ohne das zu bemerken — bei seinen Interpretationsversuchen häufig auf empirische Verallgemeinerungen, auf alle möglichen im Alltagsbewußtsein akzeptierten Vorstellungen von gesellschaftlichen Regelmäßigkeiten. Allerdings können sich Historiker selten dazu entschließen, die methodologischen, wissenschafts- und erkenntnistheoretischen Voraussetzungen und Implikationen eines derartigen Vorgehens zu klären 2 8 . Entsprechend reflektieren auch moderne Wirtschafts- und Sozialhistoriker in Deutschland nur in Ausnahmefällen die genannten Implikationen ihres Ansatzes. Da sie durchweg die Erscheinungsformen der historischen Realität für das Wesen nehmen und glauben, sich der nicht unmittelbar erfahrbaren, tieferliegenden Antriebskräfte und Relationen durch die Anwendung fortgeschrittener empirischer Aufbereitungs- und Analysemethoden (Korrelations-, Varianz-, Assoziations- bzw. Faktorenanalyse) oder durch Zugrundelegung von Modellen (etwa in der ökonometrischen Wirtschaftsgeschichte), schließlich in ganz seltenen Fällen kapriziös Veranlagter durch Rekurs auf einen ideologiekritischen Ansatz im 27 Ein Ausweg wird z. B. in der B e m ü h u n g der Speicherkapazitäten moderner Großrechenanlagen gesehen, die mit großen Mengen von Zeitreihen- oder Querschnittsdaten (social indicators) ,gefüttert' werden, u m dann mit Hilfe von faktorenanalytischen Verfahren empirische Regelmäßigkeiten ,neuen Typs' gewinnen zu können, dadurch die Theoriebildung scheinbar aus dem Widerspruch zwischen Komplexität und generalisierender Vereinfachung der S t r u k t u r e n der Realität befreiend; vgl. als prägnantes Beispiel H. Klages, Computer-Simulation des sozialen W a n dels, in: Zur soziologischen Theorie un d Analyse des 19. J a h r h u n d e r t s , Hrsg. W. Rüegg u. a., Göttingen 1971. 28 Vgl. die prononciert überspitzte, deshalb teilweise doch sehr erhellende Kritik in K. R. Popper, Das Elend des Historizismus, Tübingen 1965, passim; sowie H.-U. Wehler, Theorieprobleme . . . , S. 66—80.

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Sinne der Wissenssoziologie ausreichend versichern zu können, bleiben alle angewandten Verfahren der Komplexitätsbewältigung dem Gegenstand äußerlich. Man beschränkt sich auf Partial- und Mikroanalysen, definiert willkürlich, Realitätsausschnitte und reduziert Komplexität vor allem durch Ermittlung empirischer Regelmäßigkeiten, durch Subsumierung großer Datenmengen unter bestimmte Kategorien oder ,Quasi-Gesetze'. Die zunehmende Spezialisierung innerhalb der Sozialwissenschaften bis hinein in die angewandten Methoden und Kategorien trägt dazu bei, die aus der Struktur des Systems resultierenden, seine Entwicklungsdynamik determinierenden Widersprüche in den Erscheinungsformen zu verdecken. Weitgehend unabhängig voneinander und wechselseitig ungenügend informiert, bosselt jede Disziplin an Teilerkenntnissen, wobei die ,gegenstandsspezifische' Methodologie den Ansatz prägt und die Integration der Ergebnisse mehr oder weniger verhindert. Die auf diese Weise nicht zu bewältigende Heterogenität der empirischen Informationen scheint einen zusammenhangsanalytischen, auf die konkrete Totalität zielenden Erklärungsansatz auszuschließen und provoziert die Vorstellung einer entsprechenden Vielfalt nebeneinanderstehender, a priori zusammenhangloser Ursachenkomplexe. Erst Wissenschaft ,stiftet' übergreifende Strukturen, von denen kein vorgängiges Verständnis vorhanden ist und deren Realität bezweifelt wird. Für moderne Historiker wie Fischer, Rosenberg und Wehler ist diese Multikausalitätsvorstellung keineswegs befremdlich 2 9 . Ubersehen wird allerdings, daß die zu recht abgelehnte monokausale Betrachtungsweise nur der Grenzfall einer — so verstandenen — multikausalen ist. In beiden Fällen wird die Abstraktion von der strukturierten Totalität dessen, was Gesellschaft ausmacht, und ihre Reduzierung auf das unverbundene Nebeneinander prinzipiell logisch gleichrangiger Aspekte und Fakten vorausgesetzt. Außerdem impliziert die Multikausalitätsvorstellung — was oft nicht beachtet wird —, daß „alles Wissen . . . Wissen von abstrakten Aspekten sein muß, und . . . man die ,konkrete Struktur der sozialen Realität selbst' niemals erfassen kann 30 ". Mit dieser Konsequenz wären aber die genannten Autoren wohl kaum einverstanden, da sie ihren Erkenntnisanspruch dann doch erheblich einschränken müßten. Die Ignorierung der erfaßbaren Differenz zwischen Wesen und Erscheinung sowie der Verlust eines Begriffs von Gesellschaft als konkreter Totalität, also die Befangenheit in der ,Pseudokonkretheit' partieller und von pragmatischen, antagonistischen sozialen Bezügen strukturierter Erfahrungen 3 1 , nimmt dem Wirtschafts- und 29 Vgl. W. Fischer, K o n j u n k t u r e n . . . , S. 46; H. Rosenberg, Weltwirtschaf tskrisis . . . , S. 4 f., sowie ders., Wirtschaftskonjunktur . . . , S. 230;H.-U. Wehler, Theorieprobleme . . . , S. 78 ., sowie ders., Bismarck . . . , S. 50 f. 30 K. R. Popper, Das Elend ... , S. 63. Vgl. im übrigen K. Kosfk, Die Dialektik des Konkreten, F r a n k f u r t / M a i n 1967, S. 7—59. 31 Vgl. K. Kosik, Dialektik . . . , S. 9.

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Sozialhistoriker die Chance, Erkenntnisziele aus dem gesellschaftlichen Kontext heraus zu bestimmen, zwingt ihn zur Behauptung der Relevanz von begrenzten Fragestellungen unter Vernachlässigung des widersprüchlichen Interessenzusammenhanges, aus dem heraus sich diese praktisch konstituieren. Sie hindert ihn, die Berechtigung und Relativität von Abstraktionen und Generalisierungen einzuschätzen, die auseinanderstrebenden Realitätsaspekte zu vermitteln, ohne sie im Verfahren der direkten Subsumtion zu vergewaltigen. Fortschreitende und von partikularistischen, nicht aufgedeckten Interessen freie Realitätserkenntnis erscheint demnach unmöglich. [Im Gegensatz dazu ist der Prozeß dialektischer Erkenntnisgewinnung vor allem dadurch positiv gekennzeichnet, daß sich die vorläufigen Begriffe und Bestimmungen — einem umgangssprachlich und durch gruppenspezifische Kommunikation im Rahmen des jeweils relevanten Teils der scientific community' vermittelten Vorverständnis der Sache, um die es geht, entlehnt — im Verlauf der Analyse wechselseitig kritisieren und konkretisieren. Wissenschaft wird als gesellschaftliche Praxis begriffen, deren Ziele sozialstrukturell geprägt sind, was insbesondere die ständige Reflexion der Ergebnisse im jeweiligen Herrschaftszusammenhang notwendig macht]. Eine Folge der Verbreitung immer neuer partieller, in keinen durch übergeordnete Kritierien bestimmbaren Zusammenhang integrierter Ergebnisse bürgerlicher Sozialwissenschaft ist nicht nur eine fortschreitende Chaotisierung der Erkenntnis, sondern — da Wissenschaft in immer engeren Zusammenhang mit der Produktivkraftentwicklung und der Generierung von Herrschaftstechniken gebracht wird — der Realität selbst. Eine Konsequenz im methodischen Bereich ist der Theorienpluralismus. Jede Theorie mit Realitätsbezug wird von den genannten Wirtschafts- und Sozialhistorikern offenbar als zu wenig komplex, tendenziell nur jeweils eine causa repräsentierend, betrachtet. Deshalb kann ein halbwegs der Vielfalt der Fakten und Aspekte gerecht werdender Ansatz nach dieser Auffassung nur gewonnen werden, wenn er aus dem Angebot konkurrierender Theorien einen set auswählt und durch semantische Manipulation verbindet, zugrunde liegende methodologische und inhaltliche Voraussetzungen bzw. den allgemeinen Kontext dabei vernachlässigend. Dieser Eklektizismus kann sich nur auf Plausibilitätskriterien stützen, die mehr oder weniger zufällig sind, nicht aus dem Begründungszusammenhang der jeweiligen Theorien, sondern dem zum Untersuchungsgegenstand gewählten Realitätsausschnitt und dem weitgehend unreflektierten Vorverständnis des Forschers abgeleitet werden. So ist erklärlich, daß gerade Historiker die methodologische Regel hochhalten, wonach sich die Methoden und zu bemühenden Theoriefragmente vom Gegenstand herleiten sollten. Am deutlichsten zeigen sich die eben dargestellten und kritisierten Positionen bei Wehler, der dafür plädiert, ,Batterien von Theorien' auf historische Probleme anzusetzen: „Ein gewisser theoreti-

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scher Eklektizismus wird eher normal als die Ausnahme sein 8 8 ". Jedoch auch die Anwendung von Theorien in dieser Weise wird die .Aspekthaftigkeit' historischer Forschung nicht aufheben können. Er zitiert Habermas, der schon den Anspruch auf vollständige Erfassung' der Wirklichkeit (.integrale Geschichtsschreibung') f ü r ,illegitim' hält. Wehler bemerkt nicht, daß diese Aussagen keineswegs ein Plädoyer f ü r .Theorienpluralismus' und .Eklektizismus' implizieren, sondern ihren Stellenwert von einer .kritischen Theorie' der Gesellschaft her bekommen, die sich um eine dialektische Erfassung der gesellschaftlichen Totalität bemüht. In diesem Sinne aber lassen sich Wehlers schriftliche Äußerungen nicht interpretieren. Das ergibt z. B. ganz klar seine Haltung gegenüber dem Angebot vorliegender Konjunktur- und Krisentheorien 3 3 : Vor die Wahl zwischen alternativen Theorien zur Erklärung der Krisen gestellt, gilt ihm als Kriterium einzig die unmittelbare empirische Relevanz. Z. B. einseitig monetäre Krisentheorien scheiden nicht deshalb aus, weil ihr Erklärungsgehalt grundsätzlich gering ist, sondern weil in der .Großen Depression' kein Geld- oder Kapitalmangel zu beobachten war. Ebenso verwirft er ,exogene Theorien' (die Krisen durch Kriege, Seuchen etc. erklären wollen) nicht deshalb, weil sie die kapitalistische Entwicklungsdynamik und die von ihm selbst erwähnte fundamentale ,Labilität des Systems' in keiner Weise erfassen, sondern weil keine Kriege stattfanden und die Medizin in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts gewaltige Fortschritte machte, Seuchen erheblich zurückdrängte. Damit wird die Möglichkeit eingeräumt, daß derartigen Theorien unter anderen Umständen durchaus ein Erklärungswert beigemessen werden könne. Die Konsequenz eines solchen krisentheoretischen Verständnisses, besser: Mißverständnisse ist, daß je nach dem Vorherrschen bestimmter Erscheinungsformen (was u. a. auch eine Frage des jeweiligen Standes der Forschung ist) die eine oder andere .Krisentheorie' bemüht bzw. eine .Batterie' locker verbundener, nach Plausibilitätskriterien gewichteter Theorien so gebastelt wird, daß alle beobachteten Aspekte abgedeckt werden — eine Illustration der These, daß .Monokausalität' nur der Grenzfall von .Multikausalität' ist. Zu klären bleibt, welche Bedeutung die dargestellten erkenntnistheoretischen und methodologischen Positionen f ü r die Aufarbeitung (Analyse) der Krisen durch die hier behandelten Autoren haben. Eine notwendige Folge ist zunächst, daß es f ü r nicht vertretbar und vom Anspruch her nicht leistbar gehalten wird, die tieferen Ursachen der Krisen in ihrem systemischen Zusammenhang analysieren zu wollen. Man glaubt, einen theoretischen Ansatz ignorieren zu können, der die strukturell bedingten, allgemeinen Entwicklungstendenzen des Wirtschaftssystems und die daraus resultierenden Instabilitätsbedingungen von den jeweils singular en Determinanten 32 H.-U. Wehler, Theorieprobleme . . . , D. 79. Vgl. auch W. Fischer, ökonomische u n d soziologische Aspekte . . . , S. 4 u n d 20. 33 Vgl. H.-U. Wehler, Bismarck . . . , S. 50 f.

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einer bestimmten historischen Form des Zyklus bzw. der Krise abhebt. Ein Ansatz wie der dialektisch-materialistische wird abgelehnt, obwohl er eine Krisenforschung ermöglicht, die Komplexität zu bewältigen imstande ist, ohne auf einen hohen Differenzierungsgrad oder empirische Relevanz verzichten zu müssen 3 4 . Für den bürgerlichen Historiker stellt sich in Konsequenz seiner erkenntnis- und wissenschaftstheoretischen Position die Krise (der einzelne Zyklus) als jeweils singuläres Ereignis dar, zu dessen Erklärung Theorien wenig oder nichts beitragen, das vielmehr durch je besondere, nur selten identische Ursachenkomplexe bestimmt ist. Diese besonders prägnant von Schumpeter 3 5 als einem Theoretiker mit historischem Bewußtsein formulierte Ausgangshaltung wird modifiziert u. a. von Fischer und Rosenberg vertreten 3 6 . Beide motivieren ihre Abneigung gegenüber einem explizierten und inhaltlich bestimmten konjunkturtheoretischen Vorverständnis mit der Ablehnung eines ,Krisen-' bzw. ,Kausalmonismus' 37 . Rosenberg f ü h r t aus: Dem Historiker könne es nicht um ,theoretische Allgemeinlösungen' gehen, er habe nicht den Wahrheitsbeweis' bestimmter Theorien zu erbringen, vielmehr stehe er immer dem bestimmten historischen Ereignis und seiner jeweils besonderen ,Verursachung' gegenüber. Im übrigen aber — und damit bringt Rosenberg sein möglicherweise anders gemeintes Plädoyer f ü r eine, so muß man schließen, intuitionsund erfahrungsgesteuerte, verstehende Deutung historischer Phänomene auf einen diffusen Nenner — „bildet die das Wesen des dynamischen Geschichtsprozesses ausmachende Kausalitätenverknüpfung, das Ineinandergreifen verschiedenster Ursachen- und Wirkungsreihen, den sich von selbst verstehenden, theoretisch nicht weiter zu erklärenden Mittelpunkt seines (des Historikers, R. S.) empirischinduktiven Forschungsbemühens 38 ". Wehler scheint hier eine Ausnahme zu machen, denn er geht, wie oben gezeigt wurde, geht er zwar von theoretischen Sätzen aus, die einen gesamtgesellschaftlich orientierten, strukturanalytischen Er34 E r h a t die Erfassung der Vermittlungslieder zwischen allgemeinen Determinanten historischer Prozesse un d ihren konkreten Erscheinungsf o r m e n zum Ziel u n d gibt die Felder an, in denen diese zu suchen sind. 35 Vgl. J . A. Schumpeter, K o n j u n k t u r z y k l e n . . . , S. 40. 36 Vgl. W. Fischer, K o n j u n k t u r e n . . . , S. 46; H. Rosenberg, Große Depression . . . , z. B. S. 83 f. 37 Vgl. H. Rosenberg, Wirtschaftskrisis . . . , S. 4. 38 H. Rosenberg, Wirtschaftskrisis . . . , S. 5. In Kenntnis dieses Hintergrundes ist Rosenbergs Faszination durch die ,Theorie der langen Wellen' verständlich, denn diese ist so inhaltsleer, daß sie f ü r den heuristisch von ihr Gebrauch machenden Historiker letztlich unverbindlich bleibt. Sieht m a n vom speziellen Fall der Krisenanalyse ab, so entspricht Fischers generelle Haltung in dieser F r a g e der Rosenbergschen nicht. Er hält es durchaus f ü r eine sinnvolle A u f g a b e des Historikers, vorliegende sozialwissenschaftliche Theorien empirisch zu testen, insofern also doch etwas wie den .Wahrheitsbeweis' derselben anzutreten; vgl. W. Fischer, ökonomische und soziologische Aspekte . . . . S. 2 f.

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klärungsansatz andeuten. Aber er bringt schon auf dieser Abstraktionsebene den kritisierten bias hinein, der u. a. seiner eklektischen Grundhaltung zu verdanken ist, und leistet schließlich in der empirischen Darstellung und Analyse der Krisen so wenig Vermittlungsarbeit, daß auch bei ihm das Bild einer chaotischen Realität einem unstrukturierten Realitätsb egrijj, der den Bezug zur Totalität des Konkreten verloren hat, korrespondieren dürfte — allen gegenteiligen Indizien zum Trotz. Eine weitere Konsequenz f ü r die Krisengeschichtsschreibung folgt aus dem der Vorstellung einer atomisierten Realität angemessenen analytisch-summativen Erkenntnisverfahren: Die Masse des bearbeiteten Materials, die Vielzahl der Informationen sollen die fehlende Analyse und Konkretisierung der strukturellen Basiszusammenhänge ersetzen. Gleichzeitig begegnet man damit der Gefahr, daß die eigene Arbeit allzu rasch veraltet oder sich als in den Schlußfolgerungen falsch erweist. VI. Unter den kritisierten Voraussetzungen wird das unmöglich, was als Aufgabe einer methodisch und theoretisch reflektierten historischen Krisenforschung zu postulieren ist: Ausgehend vom historisch gegebenen Zyklus sind die konkreten Beziehungen zu den abstrakten Bestimmungen der Krise herzuleiten und in den empirischen Fakten aufzuzeigen. Gerade in der Aufarbeitung, Konkretisierung und Darstellung der Vermittlungsglieder unter verschiedenen Realitätsaspekten und auf differenzierten Abstraktionsstufen besteht die schwere Aufgabe des historischen Krisenforschers. Er muß überzeugend, d. h. empirisch fundiert darlegen können, daß sich die selbstnegatorischen Tendenzen der kapitalistischen Dynamik in der jeweiligen sozio-ökonomischen Entwicklungsphase notwendig in bestimmter Weise entfalten und in Verbindung mit einer Vielzahl konkreter, teilweise singulärer modifizierender Faktoren in der beobachteten Form darstellen mußten. Dabei geht er vom Beobachtungsergebnis als dem Chaos der Fakten und Aspekte aus, das er aber nur dann als geordnete Zusammenfassung der Mannigfaltigkeit der Bestimmungen und Relationen darstellen und damit das betreffende Ereignis im echten Sinne erklären kann, wenn er die empirischen Befunde auf die in ihnen erscheinenden, durch den Zusammenhang der gesellschaftlichen Lebenswelt als Totalität bestimmten grundlegenden Strukturen und Kräftefelder zurückf ü h r t 39. 39 U m Mißverständnissen vorzubeugen, sei angemerkt: Voraussetzung ist natürlich, daß Zyklus un d Krise in der zum Ausgangspunkt der Analyse gemachten F o r m tatsächlich vorliegen. Es geht u m Analyse der Realität, nicht u m die mit Zahlen oder sonstigen Informationen garnierte Illustration einer vorgefertigten Theorie, deren inhaltliche Konsequenzen nicht m e h r in F r a g e gestellt werden. Die Gefahr, scholastische Fingerübungen mit konkreter Analyse zu verwechseln, k a n n auch ein dialektisch-materiali-

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Solange die Anforderungen allerdings derart abstrakt bleiben, haben sie keinerlei unmittelbare Steuerungsfunktion f ü r die empirische Arbeit. Diesem Zweck sollen dagegen die folgenden Hypothesen dienen, die den Versuch darstellen, theoretisch abgeleitete Schwerpunkte f ü r die historische Krisenanalyse zu nennen und ihren Zusammenhang anzudeuten. Von den Marxschen Aussagen über die Grundlagen der kapitalistischen Entwicklungsdynamik ausgehend, werden die Hypothesen auf einer mittleren Abstraktionsebene zwischen den generellen Determinanten des zyklischen Prozesses und seinen typischen Erscheinungsformen konzipiert. Die Problematik eines solchen Vorgehens liegt auf der Hand und wird unten kurz erörtert. Mit den noch keineswegs zulänglichen, konkretistischen Hinweisen hofft der Verfasser, dennoch einen Beitrag zur Diskussion darüber leisten zu können, wie und wo eine den oben zitierten Anforderungen genügende historische Krisenforschung anzusetzen hätte. Die Hypothesen orientieren sich an der Einsicht, daß Zyklus und Krise Momente des kapitalistischen Akkumulations- und Reproduktionsprozesses und nur aus dem Zusammenhang der diesem zugrunde liegenden Gesetzmäßigkeiten zu erklären sind. Eine fundierte Konjunktur- und Krisentheorie muß deshalb als integraler Bestandteil einer allgemeinen Wachstumstheorie kapitalistischer Gesellschaften erarbeitet werden. Eine von dieser Bedingung abstrahierende Theorie des Zyklus wird notwendig einseitig, undifferenziert und mechanistisch. Dies ist der Grund, warum z. B. Marx, obwohl in starkem Maße am Phänomen der Zyklizität interessiert, keine isolierte Theorie des Zyklus entworfen hat. Er zeigte vielmehr bei der Analyse der die Entwicklungsdynamik des Kapitalismus bestimmenden Widersprüche und Entfaltungstendenzen die jeweiligen krisendeterminierenden Faktoren auf und gab die Bedingungen ihres notwendigen Auftretens an. Sein jeden modernen Konjunkturtheoretiker vom Anspruch her verschreckendes .Programm' bezüglich der theoretischen Erfassung der Krisenproblematik formulierte er wie folgt: „Die Weltmarktkrisen müssen als die reale Zusammenfassung und gewaltsame Ausgleichung aller Widersprüche der bürgerlichen Ökonomie gefaßt werden. Die einzelnen Momente, die sich . . . in diesen Krisen zusammenfassen, müssen also in jeder Sphäre der bürgerlichen Ökonomie hervortreten und entwickelt werden, und je weiter wir in ihr vordringen, müssen einerseits stischer Ansatz nicht bannen. E r b a u t ihr aber vor, d a er eine dialektische Methode der Erkenntnisgewinnun g impliziert bzw. fordert, mit dem Verfahre n der direkten Subsumtion der Informationen u n t er den Begriff dagegen, das dem analytisch-summativen Erkenntnisprozeß korrespondiert, u n v e r e i n b ar ist. Daß trotzdem gerade in jüngster Zeit häufig M a r x sche Kategorien un d ein entsprechender Ansatz insbesondere von den ,Studentenparteien' in der BRD zu dogmatischen Ableitungen, die sich als Analyse historischer Realität ausgeben, mißbraucht worden ist, spricht gegen die Akteure, nicht gegen den Ansatz un d die mit ihm verbundene Gesellschaftswissenschaft.

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neue Bestimmungen dieses Widerstreits entwickelt, andererseits die abstrakteren Formen desselben als wiederkehrend und enthalten in den konkreteren nachgewiesen werden 4 0 ". Entsprechend läßt sich bei Marx eine Vielzahl von krisentheoretisch relevanten Aussagen finden. Diese können nicht einfach herausgezogen und zusammengesetzt werden, um etwa auf diese Weise entgegen den Marxschen Intentionen und den methodischen Implikationen seines Ansatzes dennoch eine ,Marxsche Krisentheorie' zu gewinnen, da sie eine différente logische Reichweite haben und auf unterschiedliche ökonomische Dimensionen verweisen. Demjenigen, der den Marxschen Beitrag zur Erklärung der Zyklizität und der Krisen f ü r die eigene konkrete Analyse gesellschaftlicher Phänomene fruchtbar machen möchte, bleibt kein anderer Weg als der Versuch, von Fall zu Fall vom jeweiligen Gegenstandsbereich her die Verbindung zu den abstrakten und — solange der Ableitungszusammenhang vernachlässigt wird — disparaten Teilen der Marxschen Theorie mit unmittelbarem Krisenbezug herzustellen (Aufzeigen der konkreten Vermittlungsglieder zwischen allgemeiner Gesetzmäßigkeit und empirischem Befund). Trotz aller sich nach dem Gesagten aufdrängenden Zweifel werden im folgenden krisentheoretische Hypothesen formuliert, die die Marxsche Analyse voraussetzen. Die wichtigsten Bedenken gegen diesen Versuch richten sich darauf, daß die verschiedenen Momente der Zyklizität als logisch äquivalent und im Prozeß gleichgewichtig, unhistorisch nebeneinander gestellt werden. Die Nivellierung der unterschiedlichen Abstraktionsniveaus, auf denen die einzelnen Momente bestimmt wurden, und die f ü r Hypothesen typische verkürzte Darstellungsweise widersprechen dem dialektischen und historischen Charakter des Prozesses, auf den sie sich beziehen, und der Analyse, aus der sie extrahiert wurden. Sie dürfen deshalb nur als heuristisches Vehikel aufgefaßt werden, das einige wesentliche Krisendeterminanten bezeichnet und ihre Relationen andeutet, nicht aber die Realität des Zyklus und seiner Ursachen theoretisch adäquat wiedergibt. Diese Einschränkungen vorausgesetzt und berücksichtigend, müßte sich die Analyse von Krisen unter konkurrenzkapitalistischen Bedingungen mit folgenden Hypothesen über die den Erscheinungsformen ihres Gegenstandes zugrunde liegenden Ursachen und Bedingungen auseinandersetzen: 1. Der Zyklus ist die Form, in der sich das kapitalistische Wachstum durchsetzt. Das dominante, alle Zyklen prägende Moment ist der langfristig ansteigende Trend gesamtwirtschaftlicher Indikatoren wie Sozialprodukt, Beschäftigtenzahl, Anlagevermögen, Profitmasse, Lohnsumme usw. 40 K. Marx, Theorien ü b e r den Mehrwert, 2. Teil, Berlin (Ost) 1959, S. 506.

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2. Das Wachstum vollzieht sich zyklisch, weil es die immanenten Widersprüche der kapitalistischen Produktionsweise zur Entfaltung bringt, deren reale Zusammenfassung die Krise ist. 3. Die Widersprüche drücken sich in antagonistischen Tendenzen der Akkumulation aus. Diese führen zu Schwierigkeiten der Verwertung des Kapitals (Krisendeterminanten innerhalb der Produktionssphäre), der Realisierung von Mehrwert (Krisendeterminanten innerhalb der Zirkulationssphäre) und — daraus resultierend — der Akkumulation. 4. Die Verwertungsschwierigkeiten beruhen auf dem prinzipiell schrankenlosen Expansionsdrang des Kapitals. Er wird durch die nationale und internationale Konkurrenz vermittelt, die den einzelnen Kapitalisten zwingt, unabhängig von verschiedenen subjektiven (unternehmenspolitischen) Zielsetzungen allein schon als Mittel zur Erhaltung des gegebenen Werts die Produktion immer wieder auszuweiten und zu rationalisieren. Die entsprechenden Methoden der Mehrwertproduktion resümieren sich auf der Ebene des Gesamtkapitals in einem permanenten, mit den zyklischen Schwankungen variierenden Druck auf die Profitrate sowie einer — in Krise und Depression stattfindenden — Zerstörung existenter Werte. Dieses Phänomen konkretisiert sich in einigen teils historisch aufeinanderfolgenden, teils interagierenden und konfligierenden Prozessen: a) Historisch betrachtet, ist die erste und erfolgreichste Methode der Mehrwertproduktion in der möglichst weitgehenden Auslastung der sachlichen und menschlichen Ressourcen zu sehen (Produktion von absolutem Mehrwert). Solange die Reservearmee quasi unerschöpflich und die Arbeiterklasse gar nicht oder schlecht organisiert ist, kann das f ü r die einzelne Arbeitskraft psycho-physisch und sozial bestimmte Auslastungsoptimum nahezu beliebig überschritten werden (immer weitergehende Ausdehnung des Arbeitstages; Ersetzung der Männer- durch schlechter bezahlte Frauen- und Kinderarbeit; Minimierung des Kapitalaufwandes pro Arbeitsplatz, z. B. Verzicht auf Arbeitsschutzvorrichtungen etc.). Mit wachsender Stärke der Arbeiterklasse und relativer Verringerung der Reservearmee (zumindest in Phasen guter Konjunktur) beginnen sich diese Erscheinungsformen der Mehrwertproduktion beim Einzelkapital als Verminderung des Produktivitätszuwachses auszuwirken. Gleichzeitig verschärfen sich im gesellschaftlichen Maßstab die sozialen Spannungen, was insbesondere zu einer Häufung von die Produktivität absolut senkenden Arbeitskämpfen führt. Der Raubbau am lebendigen Arbeitsvermögen erweist sich als auch ökonomisch nicht vertretbar, ohne daß das Einzelkapital im Alleingang darauf verzichten könnte, weil es Konkurrenznachteile zu befürchten hat. Der sich andeutende Widerspruch zwischen einzel- und

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Reinhard, Spree gesamtwirtschaftlicher Rationalität kann nur dadurch gelöst werden, daß der Staat als ,ideeller Gesamtkapitalist' auftritt und unter dem Druck der Klassenkämpfe eine gesetzliche Regelung des Arbeitstages, Arbeitsschutzvorschriften, Sozialversicherung usw. verordnet. b) In der Ausschöpfung der Reservearmee sowie der wachsenden Widerstands- und Kampfbereitschaft der Arbeiterklasse kommen Schranken der Möglichkeit zur Produktion absoluten Mehrwerts zum Ausdruck, die sich im entwickelten Kapitalismus während der Boomphase eines jeden Zyklus erneut herstellen. Daraus resultieren unmittelbar weitere Formen der Verwertungsschwierigkeiten des Kapitals: Die phasentypische Erhöhung der Arbeitsnachfrage verstärkt die Konkurrenz um die Arbeitskräfte, macht die Aussetzung von ,Abwerbeprämien' notwendig, die Zahlung bzw. Erhöhung von Überstundengeldern etc., schwächt die Stellung der Kapitalisten in den sich belebenden Kämpfen der Arbeiterklasse um Zahlung eines dem Wert der Arbeitskräfte entsprechenden Lohns — kurz, als ,Sturmvogel der Krise' steigen die Löhne auf breiter Front. Gleichzeitig wächst durch die Realisierung der höchstmöglichen Auslastung das forcierte Arbeitstempo, der Verschleiß an fixem Kapital überproportional — die ,Kapitalkosten' pro Stück steigen. Alle diese Momente tendieren auf eine Senkung der Mehrwert- und Profitrate. Das Einzelkapital versucht die Beschränkung der Produktion von absolutem Mehrwert und den die Boomphase markierenden Druck auf die Profitrate durch ,Innovationen' (Einführung von technischen Fortschritt im weitesten Sinne: Rationalisierung, Entwicklung neuer und Differenzierung bekannter Produkte, Erschließung neuer Märkte usw.) und damit im allgemeinen verbundene Maßnahmen zur Intensivierung der Arbeit zu überwinden (Anwendung von Methoden zur Produktion relativen Mehrwerts). Auf diese Weise erhöht sich die organische Zusammensetzung des Kapitals. Der davon ausgehende Druck auf die Profitrate wird beim ,Innovator' solange durch die Steigerung der Mehrwertrate (eine relative Senkung des individuell angewandten variablen Kapitals) überkompensiert, wie sich die Innovation' nicht gesellschaftlich verallgemeinert hat. Das aber ist nur eine Frage der Zeit; und dann schlägt mit der Senkung des Werts der betreffenden Ware bzw. mit der wachsenden Konkurrenz auf dem neuen Markt die Erhöhung des vom ,Innovator' vorgeschossenen Kapitals in Form einer Senkung der Profitrate durch. Ohne die komplexen Zusammenhänge zwischen ,Innovation', gesellschaftlich notwendiger Arbeitszeit, Wertvariation und Entwicklung der Profitrate hier darstellen zu wollen, sei daran erinnert, daß die verschiedenen Methoden zur Produktion von relativem Mehrwert makroökonomisch gesehen eine Verringerung des vorhandenen Wertvolumens und eine Senkung der zu-

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künftigen Produktionswerte zur Folge haben, da die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit verkürzt wird. Ausdruck dafür ist ein Preisverfall, der die Konkurrenz verschärft, die .technologische Anpassung' der Einzelkapitale an den jeweils fortgeschrittendsten Stand zum permanenten Zwang macht und die allgemeine Profitrate senkt. c) Zwar bewirkt die Tendenz zur Konzentration und Zentralisation des Kapitals die Herausbildung von Monopolen, die den Druck auf die Profitrate kurz- und mittelfristig abzuschwächen vermögen, so daß — insbesondere wenn auch noch der Staat mit fiskalpolitischen Maßnahmen stützend eingreift — Krisen verzögert, abgeschwächt und verschleiert werden können, doch verschärfen sich dadurch langfristig und gesamtwirtschaftlich gesehen nur der Kampf um Mehrwertquoten zwischen den nationalen Kapitalblöcken sowie die internationale Konkurrenz. Der Zwang zur Anwendung der die Profitrate senkenden Methoden der Produktion relativen Mehrwerts wird gemildert, aber nicht aufgehoben. d) Produktion von relativem Mehrwert bedeutet aber auch vermehrte Freisetzung von Arbeitskräften (bezogen auf ein gegebenes Outputvolumen), also — ceteris paribus — eine Verringerung der Mehrwertmasse. e) Soll f ü r das Einzelkapital nicht an der Masse des Mehrwerts verlorengehen, was — kurzfristig — an der Mehrwertrate gewonnen wurde, so verlangt die Anwendung von Methoden zur Produktion relativen Mehrwerts gleichzeitig die Tätigung von Erweiterungsinvestitionen, die Ausdehnung der Produktion und damit zusätzliche Erhöhung der organischen Zusammensetzung des Kapitals. Der hieraus folgende Druck auf die Profitrate wird verstärkt durch die mit der Erschöpfung der Reservearmee notwendig werdenden Lohnerhöhungen, also Senkung der Mehrwertrate. Es zeigt sich der im Kapitalismus unaufhebbare Widerspruch zwischen der Tendenz des Kapitals, einerseits die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit zu minimieren, damit die Masse der produktiven Bevölkerung im Verhältnis zum Volumen des Gesamtprodukts zu senken, andererseits aber die Akkumulationsrate zu steigern, indem ein möglichst großes Quantum menschlicher Arbeitskraft zur Produktion einer möglichst großen Mehrwertmasse ausgebeutet wird 4 1 . 41 „Es liegt also in der A n w e n d u n g der Maschinerie zur Produktion von M e h r w e r t ein i m m a n e n t e r Widerspruch, indem sie von den beiden Faktoren des Mehrwerts, den ein Kapital von gegbener Größe liefert, den einen Faktor, die Rate des Mehrwerts, n u r dadurch vergrößert, daß sie den andren Faktor, die Arbeiterzahl, verkleinert . . . Es ist dieser Widerspruch, der w i e d e r um das Kapital, ohne daß es sich dessen bewußt wäre, zur gewaltsamsten Verlängrung des Arbeitstags treibt, u m die Abn a h m e in der verhältnismäßigen Anzahl der exploitierten Arbeiter durch

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f) Diese Tendenzen treten mehr oder weniger verschränkt in jedem Aufschwung hervor und determinieren eine sich zyklisch entwickelnde Verschlechterung der Verwertungsbedingungen des Kapitals, die sich im Anschluß an die Krise nur allmählich und unter erheblichen Wert- und Kapitalverlusten wieder verbessern, bis ein neuer Aufschwung induziert wird. g) Für das industrielle und Handelskapital verschärft sich der Druck auf die Profitrate im Boom noch zusätzlich durch die enormen Zinssteigerungen, was eine erhöhte Absorption von industriellem Mehrwert durch das Bankkapital bedeutet. Aus dem Kreditzusammenhang können deshalb weitere Krisendeterminanten resultieren. 5. Die unter 4. genannten Antriebsmomente begründen u. a. die Tendenz zur Ausdehnung der Produktion (im Aufschwung) ohne Rücksicht auf die Begrenztheit der Massenkaufkraft, die Nachfragerelationen zwischen Konsumgüter- und Produktionsmittelherstellern sowie die der letzteren untereinander. Die Konsequenz ist in den zyklisch auftretenden Realisierungsschwierigkeiten zu sehen. Konkrete Ausdrucksformen der ihnen zugrunde liegenden Widersprüche sind: a) Outputsteigerung durch Verlängerung des Arbeitstages und Intensivierung der Arbeit bei möglichst unverändertem Nominallohn. Dadurch verschärft sich die Gefahr der Produktion eines im Verhältnis zur monetären Nachfrage übermäßig vermehrten Güterangebots. Die unter konkurrenzkapitalistischen Bedingungen in diesem Fall notwendigen Preissenkungen drücken auf die Profitrate und bringen in vielen Fällen Verluste. Die Alternative bestünde in der Hinnahme des Anwachsens nicht absetzbarer Läger, in Produktionsstop bzw. -einschränkung, Verminderung des Auslastungsgrades, Entlassungen, Reduzierung der Massenkaufkraft. Diese in der Krise ,naturwüchsig' auftretenden Erscheinungen müßten bewußt herbeigeführt werden. Eine solche — quasi freiwillige — Senkung der Profitrate ist im Kapitalismus nicht möglich, denn jeder Einzelne kann am Ende des Booms hoffen, daß die Krise an ihm noch einmal vorbeigehen möge. Entsprechende Maßnahmen wären zudem politisch riskant. Umgekehrt kommen als zweite Alternative freiwillige und zusätzliche Lohnerhöhungen zur Ausweitung der kaufkräftigen Nachfrage solange nicht in Betracht, wie sie individuelle Kostensteigerungen bedeuten, da das eine weitere Senkung der ProfitZ u n a h m e nicht n u r d e r relativen, sondern auch der absoluten Mehrarbeit zu kompensieren." (K. Marx, Das Kapital, 1. Bd., Berlin (Ost) 1969, S. 429 f.). Ist diesen Versuchen der Verlängerung der Arbeitszeit eine Grenze gesetzt, die in rechtlichen Bestimmungen und/oder dem Widerstand der Arbeiter besteht, so m u ß der Weg der Erweiterungsinvestitionen beschritten werden.

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rate — die ja schon aus den unter 4. genannten Gründen gedrückt ist — implizieren würde. Staatliches deficit spending aber könnte in derartigen Situationen inflationär wirken. b) Vernachlässigung der Tatsache, daß auch zu Rationalisierungszwecken getätigte Investitionen faktisch meist einen Kapazitätseffekt haben, also den Output zumindest potentiell erhöhen und die Realisierungsschwierigkeiten verschärfen können. c) Erweiterung der Kapazitäten und Steigerung der Produktion in der Produktionsgüterindustrie ohne Rücksicht auf die aus der beschränkten Massenkaufkraft resultierenden Grenzen der Ausdehnungsfähigkeit der Konsumgüterindustrie. Folgen sind u. a. Disproportionalitäten im Wachstumstempo, in der Kapazitätsauslastung und im technologischen Niveau zwischen beiden Wirtschaftsbereichen. Diese sind geeignet, periodische Abschwächungen der Produktionsgüternachfrage der Konsumgüterindustrie zu induzieren und die sich in der Investitionsgüterindustrie anbahnenden Realisierungsschwierigkeiten zu verstärken. Merkmale dieser Entwicklung sind rückläufige Auftragseingänge und -bestände, plötzlich als zu hoch eingeschätzte Läger, Erlöseinbußen, Preisverfall. d) Ausrichtung der Absatzerwartungen bei Investitionsentscheidungen in der Produktionsgüterindustrie an den Wachstumsraten bestimmter leading sectors, ohne deren langfristige Entwicklungsmöglichkeiten und -bedingungen im Systemzusammenhang kennen zu können. Darin ist ein weiterer Grund f ü r das Entstehen von Disproportionalitäten angelegt, die sich vor allem in gestörten Input-Output-Beziehungen innerhalb der Produktionsgüterindustrie selbst zeigen. Sehr oft treten diese Disproportionalitäten im Boom als erste auf und leiten die allgemeine Abschwächung bzw. Krise ein. Der Ausstrahlungseffekt der leading sectors (forward and backward linkages) ist häufig in wachstumsgefährdender Richtung auch kurzfristig groß, d. h. sie sind im Auf- und Abschwung cycle leaders. e) Kreditfinanzierung von Investitionen und Produktionserweiterungen mit spekulativem Zuschnitt ohne Rücksicht auf steigende Zinsen und wachsende Läger (letzteres vor allem im Großund Zwischenhandel). Das Ergebnis ist ein ständig wachsender Finanzbedarf, eine Überschuldung vieler Unternehmen, insbesondere aber ein zeitweiliges Verschleiern der tatsächlichen Absatzschwierigkeiten, die schließlich auch noch durch die während der Krise einsetzenden Zwangsverkäufe, Konkurse usw. verstärkt werden. f) Vertrauen der Exporteure auf die Auslandsnachfrage, ohne dem internationalen Krisenzusammenhang, der sich mit dem Vordringen des Kapitalismus immer stärker herausbildet, ausweichen zu können.

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6. Das Auftreten von Verwertungsschwierigkeiten, ausgedrückt im Fallen der Profitrate, beeinträchtigt das Aufschwungsklima und kann zu einem Rückgang der Akkumulation führen. Notwendig wird die Drosselung der Investitions- und Produktionstätigkeit, wenn die Realisierungsprobleme hinzukommen und offen zutage treten. Die Akkumulationstätigkeit geht dann stark zurück, was die Krise manifest macht und die unmittelbare Ursache einer länger oder kürzer andauernden Depression ist. Innerhalb derselben finden die notwendigen Anpassungen statt, die eine zeitweilige Lösung (nicht Aufhebung) der Widersprüche der kapitalistischen Produktionsweise bewirken. Die Anpassung vollzieht sich in der Form materieller und wertmäßiger Zerstörung von Waren und Kapital in großem Stil (Konkurse, Preisverfall) ; Auffüllung der Reservearmee durch Entlassungen; Lohn- und Zinssenkungen; dadurch bewirkte Erhöhung der Mehrwert- und Profitrate; vorübergehende Verminderung der Konkurrenz u. a. auch durch verstärkte Zentralisation des Kapitals. Diese Momente verbessern die Verwertungsbedingungen und schaffen insofern die Voraussetzuungen f ü r einen neuen Aufschwung, der durch kumulative Prozesse massenhafter Anlage von konstantem fixem Kapital ausgelöst wird. Alle unter 4. und 5. aufgezählten Tendenzen des kapitalistischen Wachstumsprozesses sind Momente des realen Zyklus, die allerdings nie jedes f ü r sich allein eine Krise determinieren und erklären können, aber in ihrer Gesamtheit und im systematischen Zusammenhang ein Verständnis der Ursachen des Zyklus, insbesondere der Krise ermöglichen. Die dargestellten Hypothesen kennzeichnen notwendige Bedingungen und Momente des Zyklus resp. der Krisen im frühen und Konkurrenzkapitalismus. Unklar bleiben Funktion und Gewicht von Staatstätigkeit (-interventionismus), Außenhandel und Geld- und Kreditwesen (einschl. Börse). Diese Faktoren dürfen solange vernachlässigt werden, wie es darum geht, durch Herausarbeitung der den Erscheinungsformen der Krisen vorgelagerten Ursachen die grundsätzliche Krisenhaftigkeit des Kapitalismus sowie die Ansatzpunkte der selbstnegatorischen Tendenzen des Systems aufzuzeigen. Allerdings sind Staatseingriffe, Außenhandel sowie Geld- und Kreditwesen Kategorien, die die wichtigsten intervenierenden Variablen repräsentieren. Durch ihre Wirksamkeit können Krisen beschleunigt, vertieft, aber auch verzögert oder sogar weitgehend entschärft werden. Sie beeinflussen in erheblichem Maße die Erscheinungsformen des Zyklus. Für jede konkrete Analyse einer Krise haben diese Faktoren daher großes Gewicht, das im Spätkapitalismus ständig zunimmt. Ihre kausale Bedeutung läßt sich aber immer nur im Verhältnis zu den grundsätzlichen Krisenmomenten und -tendenzen bestimmen, wie sie in den obigen Hypothesen angedeutet wurden, d. h. mit Bezug auf die Struktur und generelle Funktionsgesetzlichkeit des Systems. Damit wird zugleich

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behauptet, daß jede historische Krise auf bestimmte Gesetzmäßigkeiten zurückgeführt und insofern erklärt werden kann, obwohl sie von der Erscheinungsform her ein singuläres Ereignis ist. Dies Verhältnis zwischen ständig variierender Zusammensetzung der die Erscheinungsform der Krise ausmachenden Aspekte und der relativen Konstanz oder Gleichförmigkeit des Musters der jeweiligen Triebkräfte erschließt sich erst, wenn das in der Empirie ,erscheinende Wesen' systematisch analysiert wird, d. h. beim Rückbezug auf die immanenten Widersprüche des Kapitalismus und ihre Entfaltungstendenzen. Eine auf die Ermittlung von Regelmäßigkeiten in den Erscheinungsformen fixierte bürgerliche Krisenforschung muß deshalb notwendig bei dem Versuch der Konzipierung einer allgemeinen und gleichzeitig statistisch gesicherten, informativen Krisentheorie scheitern. Der Vielfalt der Krisentypen (als empirischem Phänomen) entspricht folglich die Heterogenität und Widersprüchlichkeit der vorliegenden Erklärungsversuche. Will Geschichtswissenschaft (insbesondere auch die historische Analyse der Wachstumszyklen und -krisen) vermeiden, nur die Chaotisierung der Realitätserkenntnis weiter voranzutreiben, muß sie ihre erkenntnistheoretischen Grundpositionen revidieren. Eklektisch darf sie dann nicht beim Entwurf des Ansatzes, sondern nur auf instrumenteller Ebene sein. Dazu muß sie sich aber vorab einer Theorie versichern, die zumindest auf die Erfassung der Gesellschaft als konkreter Totalität zielt, d. h. des historischen und dialektischen Materialismus 42. 42 Daß in diesem Aufsatz der innere Z u s a m m e n h a n g zwischen ökonomischer un d politisch-sozialer Krise n u r gestreift wurde, ist bedauerlich, erschien aber im gegebenen R a h m e n unvermeidlich.

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Emanzipation durch Integration ? Zur Kritik der bürgerlichen Geschichtsschreibung über die Arbeiterbewegung bis 1914 I. Die Hinwendung der westdeutschen Geschichtsschreibung zur Geschichte der Arbeiterbewegung Die akademische Historiographie hat die Geschichte der Arbeiterbewegung lange Zeit schlicht ignoriert. Sie galt den überwiegend aus dem konservativ-nationalen Bildungsbürgertum stammenden Historikern des Kaiserreichs und der Weimarer Republik als ein gegenüber der bevorzugten exklusiven Diplomatie- und Staatengeschichte geradezu ordinärer, außerdem mit dem Stigma der „vaterlandslosen Gesellen" belasteter Gegenstand, der vorsichtig gemieden wurde. Der „totale Ausschluß der Sozial- und Wirtschaftsgeschichte von der deutschen Universität" 1 fand in der fast vollständigen Verdrängung der Geschichte der Arbeiterbewegung aus dem herrschenden Lehr- und Wissenschaftsbetrieb seine Entsprechung. Sie blieb im wesentlichen auf die historische Selbstdarstellung der Sozialdemokratie bzw. der kommunistischen Partei und der sich von ihnen abspaltenden Gruppierungen beschränkt. Symptomatisch dafür ist, daß der liberal-demokratische Historiker Gustav Mayer, der sich als einziger intensiv um die Einbeziehung der Geschichte der Arbeiterbewegung in den Exklusivkanon der professionellen bürgerlichen Historiographie bemühte, innerhalb der Historikerzunft der Weimarer Republik ein Außenseiter blieb Mit dem Sieg des Faschismus in Deutschland wurden auch die ohnehin spärlichen Ansätze einer bürgerlichen Geschichtsschreibung der Arbeiterbewegung unterbunden; sie wurden auch nach 1945 zunächst nicht wieder aufgenommen. Wie es scheint, hatten die Anstrengungen der faschistischen Propagandamaschinerie, die Traditionen der deutschen Arbeiterbewegung vollkommen auszulöschen, die traditionelle Geringschätzung bürgerlicher Historiker gegenüber der Geschichte der Arbeiterbewegung eher noch verstärkt. Seit Mitte der 50er Jahre, in verstärktem Maße seit Anfang der 60er 1 Eckart Kehr, Neuere deutsche Geschichtsschreibung, in: ders., Der P r i m a t der Innenpolitik. Gesammelte Aufsätze zur preußisch-deutschen Sozialgeschichte, hrsg. un d eingel. von Hans-Ulrich Wehler, Berlin 1965, S. 265. 2 Vgl. zu Gustav Mayer das Nachwort von Hans-Ulrich Wehler in: Gustav Mayer, Radikalismus, Sozialismus u n d bürgerliche Demokratie, F r a n k f u r t / M . 1969, S. 179 ff.

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J a h r e zeichnete sich jedoch ein Wandel in der Einstellung der westdeutschen Geschichtswissenschaft ab. Die bis dato selbstverständliche Ausklammerung der Geschichte der Arbeiterbewegung aus dem Themenkatalog der bürgerlichen Geschichtsschreibung wurde auf einmal problematisch. Selbstkritisch stellten sich westdeutsche Historiker die Frage, warum sie „einer der wesentlichsten Erscheinungen unserer modernen Geschichte" 3 bislang so wenig Aufmerksamkeit geschenkt hatten. Als Resultat dieser verspäteten Selbstbefragung ergab sich der Befund, daß „die politische Bewußtseinsspaltung des Kaiserreichs zwischen ,bürgerlich-national' und proletarisch-sozialistisch' . . . noch immer im Geschichtsbewußtsein" nachwirkte 4. Diesen Zustand zu beseitigen, wurde als „eine wichtige Aufgabe" der westdeutschen Geschichtswissenschaft postuliert 5 . Fragt man nach den Gründen, die die westdeutschen Historiker bewogen haben, die Geschichte der Arbeiterbewegung zu einem wichtigen Bestandteil ihrer Forschungen zu erheben, so kann von der Feststellung Werner Conzes ausgegangen werden: „Sowohl die Lage im westlichen wie diejenige im östlichen Teil Deutschlands muß den Historiker dazu anregen, sich der Erforschung der Geschichte der Arbeiterbewegung neu und unbefangen zuzuwenden 6 ." Was die Situation in der BRD betrifft, ist zu konstatieren, daß die Hinwendung der westdeutschen Geschichtsschreibung zur Geschichte der Arbeiterbewegung eigentlich erst von dem Zeitpunkt des KPDVerbots an datiert. Dieses zeitliche Zusammentreffen scheint nicht zufällig zu sein. Die Eliminierung der KPD als Träger der revolutionären Traditionslinie in der deutschen Arbeiterbewegung aus dem legalen politischen Leben der Bundesrepublik signalisierte in den Augen westdeutscher Historiker den Abschluß eines Prozesses, in dessen Verlauf sich die organisierte Arbeiterbewegung zu einem integrierten Bestandteil des herrschenden Systems transformierte: „Ihre mehr politisch ausgerichtete Form hat sich heute zu einer Partei im parlamentarischen System und ihre gewerkschaftliche Form zu einem Interessenverband entwickelt. Sie verkörpern heute nicht mehr die Bewegung des vierten Standes 7 ." Ideologische Schützenhilfe leistete hier die bürgerliche Nachkriegssoziologie, die unter dem Schlagwort der „nivellierten Mittelstandsgesellschaft" oder „Wohlstandsgesellschaft" das Ende der Klassengegensätze und des Klassenkampfes propagierte. Von einer Arbeiterbewegung" kann denn auch nach Conze „angesichts der Wirklichkeit des Wohlfahrtsstaates nicht mehr gesprochen werden" 8. 3 So W e r n er Conze, Der Beginn der deutschen Arbeiterbewegung, in: Geschichte u n d Gegenwartsbewußtsein. Festschrift f ü r Hans Rothfels zum 70. Geburtstag, Göttingen 1963, S. 323. 4 Ebda. 5 Ebda. 6 Ebda., S. 324. 7 Dieter Groh, H u n d e r t J a h r e deutsche Arbeiterbewegung?, in: Der Staat 2 (1963), S. 351. 8 Conze, Der Beginn der deutschen Arbeiterbewegung, a.a.O., S. 323.

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Im Zuge der vermeintlichen Integration der Arbeiterbewegung in das spätkapitalistische System setzt die bürgerliche Beschäftigung mit ihrer Geschichte ein. Von dem Augenblick an, wo sie als Klassenbewegung scheinbar der Geschichte angehört, beginnt sie f ü r bürgerliche Historiker als Untersuchungsobjekt attraktiv zu werden. Ihre Historisierung hebt ihre Tabuierung auf. Indem sie „als historisches Phänomen auf das 19. und auf die erste Hälfte des 20. Jhs. beschränkt" wird, kann auch ihrer Geschichte „nur noch historisches Interesse" zugesprochen werden f l . Alle Versuche, ihre antiquarisch gewordenen Inhalte zu aktualisieren, sind nach Ansicht des Conze-Schülers Dieter Groh „Anzeichen f ü r ein Rückzugsgefecht, bei dem versucht wird, Positionen, die in der politischgesellschaftlichen Wirklichkeit nicht mehr zu halten sind, ideologisch zu zementieren" 10. Indessen stellt sich hier die Frage, ob sich die westdeutsche Geschichtsschreibung damit nicht, bewußt oder unbewußt in den Dienst der Bestrebungen stellt, die westdeutsche Arbeiterbewegung von ihren historischen Traditionen abzuschneiden und dadurch ihre Entpolitisierung und ideologische Entmündigung zu fördern. Einen wichtigen Hinweis liefert Groh selbst, wenn er der westdeutschen Geschichtswissenschaft im selben Zusammenhang „eine wichtige politische Funktion" zuweist: „Sie muß der deutschen Sozialdemokratie das gute Gewissen vor ihrer eigenen Vergangenheit geben und sie so von einer von ihr selbst verfälschten Tradition b e f r e i e n n . " Diese Aufforderung, ausgesprochen im J a hr 1963, beinhaltete das Versprechen westdeutscher Historiker, dem verstärkten historischen Legitimationsbedürfnis der SPDFührung nach der Verabschiedung des Godesberger Programms 1959 Rechnung zu tragen. Eine Vorstellung davon, wie sich diese Dienstleistung praktisch ausnehmen konnte, vermittelt das ganz auf Godesberg zugeschnittene Geschichtsbild, das die SPD-Führung aus Anlaß des 100. Jahrestages der Gründung des „Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins" 1963 unter maßgeblicher Beteiligung bürgerlicher Historiker entwerfen und propagieren ließ 12. Ein weiterer Anstoß f ü r die westdeutsche Geschichtsschreibung, sich der Geschichte der Arbeiterbewegung zuzuwenden, ging von der Beispielwirkung der DDR-Geschichtswissenschaft aus. Je intensiver sich diese der Geschichtsschreibung zur Arbeiterbewegung widmete, desto mehr begannen westdeutsche Historiker einzusehen, daß „die Erforschung der deutschen Arbeiterbewegung seit Kriegs9 Groh, H u n d e r t J a h r e deutsche Arbeiterbewegung?, a.a.O., S. 351. 10 Ebda. 11 Ebda. 12 Vgl. dazu: 1863—1963. H u n d e r t J a h r e deutsche Sozialdemokratie. Bilder un d Dokumente, Hannover 1963. — Zur Kritik der J u b i l ä u m sk a m p a g n e : G e r h a r d R o s s m a n n / L y a Rothe: Zu einigen Aspekten der Geschichtsdarstellung und Geschichtspropaganda der Sozialdemokratie un d der Gewerkschaften Westdeutschlands im J a h r e 1963, in: Beiträge zur Geschichte der Arbeiterbewegung (zit. BzG) 6 (1964), S. 474 ff.

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ende zu einem Politikum" geworden war 1 S . Angesichts der Tatsache, daß „in der Sowjetzonenrepublik wohl kein anderes geisteswissenschaftliches Forschungsgebiet derartig nachhaltig gefördert wird wie die Geschichte der Arbeiterbewegung" 14, schien der westdeutschen Geschichtswissenschaft die eigene Zurückhaltung auf diesem Gebiet nicht mehr opportun. Nachdrücklich forderte Werner Conze dazu auf, der DDR-Geschichtsschreibung den „Monopolanspruch der Deutung des Geschehens" streitig zu machen, der daraus resultiere, „daß die Kommunisten sich allein als die wahren Erben und Träger der sozialistischen Arbeiterbewegung ansehen" 1 5 . Fast alle programmatischen Äußerungen westdeutscher Historiker lassen — der behaupteten „Unbefangenheit" zum Trotz — erkennen, daß die Geschichte der Arbeiterbewegung verstanden wird als Teil des ideologisch-propagandistischen Kampfes zwischen Kapitalismus und Sozialismus auf deutschem Boden. Die Entwicklung der westdeutschen Geschichtsschreibung zur Arbeiterbewegung hat sich denn auch in ständiger Auseinandersetzung mit der DDR-Geschichtswissenschaft vollzogen. Besonders seit dem Erscheinen der achtbändigen „Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung" 1966 sieht sich die westdeutsche Geschichtswissenschaft vor die Aufgabe gestellt, der geschlossenen wissenschaftlichen Konzeption der marxistischen Geschichtsschreibung über den Weg der Arbeiterklasse in der Geschichte eine eigene Konzeption entgegenzustellen 19 . Der langfristig an sie gestellte Auftrag lautet, den Anspruch der DDR-Historiker „auf die gültige Darstellung und Interpretation der Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung zurückzuweisen" 17. Obwohl sich die westdeutsche Forschung zur Geschichte der Arbeiterbewegung in den 60er Jahren ständig intensiviert und — verglichen mit anderen Schwerpunktbereichen — auch stärker institutionalisiert hat 1 8 , ist es ihr bis heute nicht gelungen, eine umfassende 13 So Wolfgang Schieder, Zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung im 19. J a h r h u n d e r t , in: Neue Politische Literatur (zit. NPL) 9 (1964), S. 323. 14 Erich Matthias, Z u r Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, in: N P L 3 (1958), S. 341. 15 Conze, Der Beginn der deutschen Arbeiterbewegung, a.a.O., S. 324. 16 Vgl. K a t j a Haferkorn, Geschichte und Parteilichkeit in einigen westdeutschen Stimmen zur achtbändigen „Geschichte der deutschen A r beiterbewegung", in: BzG 8 (1966), S. 836 ff.; H e r m a n n Weber, Die SED un d die Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, in: N P L 12 (1967), S. 449 ff. 17 Willy Brandt, Erforschung der Geschichte der Arbeiterbewegung — A u f g a b e der Gegenwart, in: Archiv der sozialen Demokratie, Heilbronn 1968, S. 8. 18 Vgl. dazu: Walter Schmidt, Zur historisch-politischen Konzeption des Heidelberger „Arbeitskreises f ü r moderne Sozialgeschichte", in: BzG 9 (1967), S. 628 f.; M a n f r e d Teresiak, Die Friedrich-Ebert-Stiftun g — Zent r u m zur Verfälschung der Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, in: BzG 11 (1969), S. 1008 f f ; zur „Berliner Historischen Kommission beim Friedrich-Meinecke-Institu t der Freien Universität Berlin" u n d zur

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Gegendarstellung zum achtbändigen DDR-Werk zu erarbeiten. Dieser von westdeutschen Historikern selbst immer wieder beklagte Umstand hängt — sieht man einmal von dem großen Nachholbedarf der westdeutschen Geschichtsschreibung und der traditionellen Abneigung bürgerlicher Historiker gegenüber Teamarbeit ab — wohl auch mit der methodischen Unsicherheit in der Behandlung der Geschichte der Arbeiterbewegung zusammen. Die Hinwendung der westdeutschen Geschichtsschreibung zur Geschichte der Arbeiterbewegung stand von Anfang an in einem engen Zusammenhang mit dem Bemühen, der „Sozialgeschichte" aus der Rolle eines „vernachlässigten Stiefkindes der allgemeinen Geschichtswissenschaft" 19 herauszuverhelfen. So ist es kein Zufall, daß Werner Conze, der sich am nachdrücklichsten f ü r die theoretische Klärung der methodologischen Möglichkeiten einer Sozialgeschichtsschreibung eingesetzt hat, auch zum Promotor der westdeutschen Geschichtsschreibung zur Arbeiterbewegung geworden ist. Erst die Bereitstellung eines theoretisch-methodologischen Instrumentariums, das die „Gefahren der individualisierenden Historisierung" zugunsten einer verstärkten Orientierung auf die „sozialen Strukturen, Abläufe und Bewegungen" überwinden sollte 20 , bot nach Conze die Handhabe, um auch die Geschichte der Arbeiterbewegung auf ein breiteres Fundament stellen zu können. Allerdings werden gerade in den Arbeiten der Conze-Schule die Schwierigkeiten deutlich, die einer Umsetzung seines Konzepts in die Praxis der wissenschaftlichen Darstellung offenbar im Wege stehen. Sie leiten sich vor allem aus den „unscharfen Grenzen sozialgeschichtlicher Forschung" 21 selbst her, die die unterschiedlichsten methodischen Ansätze — Ereignis- und Strukturgeschichte, „Kommission f ü r Geschichte des P a r l a m e n t a r i s m u s un d der politischen P a r t e i e n" in Bonn vgl.: Kritik der bürgerlichen Geschichtsschreibung. Handbuch, hrsg. von Werner Berthold, Gerhar d Lozek, Helmut Meier, Walter Schmidt, Köln 1970, S. 503 f., 508 f. — Die seit 1965 erscheinende „Internationale wissenschaftliche Korrespondenz zur Geschichte der Deutschen Arbeiterbewegung" (zit. IWK) versucht, systematisch alle F o rschungs- und Publikationsvorhaben zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung zu erfassen u n d über vorhandene Archiv- und Bibliotheksbestände zu informieren. Das 1969 e r ö f f n e t e „Archiv f ü r soziale Demok r a t i e" in Bad Godesberg wird zu einer zentralen Stätte f ü r die S a m m lung un d Archivierung von Dokumenten und Materialien zur Geschichte der deutschen un d internationalen Arbeiterbewegung ausgebaut. Vgl. dazu den Bericht von J ü r g e n Jensen in: IWK H. 11/12 (1971), S. 53 f. 19 Moderne deutsche Sozialgeschichte, hrsg. von Hans-Ulrich Wehler, Köln-Berlin 1966, Einleitung, S. 9. 20 Werner Conze, Sozialgeschichte, in: ebda., S. 19. 21 So Frolinde Baiser, Sozial-Demokratie 1848/49—1863. Die erste deutsche Arbeiterorganisation. „Allgemeine Arbeiterverbrüderung" nach der Revolution, Klett-Verlag, Stuttgar t 1962, S. 18; vgl. auch das programmatische Vorwort von G e r h a r d Weisser in: Archiv f ü r Sozialgeschichte (zit. ASG) I (1961), S. 5 ff.

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Begriffsgeschichte, Geistesgeschichte, Biographie, Statistik — miteinander in Einklang zu bringen versucht. Der von Conze gepriesene „Reichtum der methodologischen Möglichkeiten des Sozialhistorikers" 22 überläßt es weitgehend dessen individuellem Ermessensspielraum, welcher der genannten „Methoden" er den Vorzug gibt oder wie er sie kombiniert. Frolinde Baisers Eingeständnis, daß „sozialgeschichtliche Betrachtungsweise . . . heute noch nicht durchgängig ihre methodisch einfach handhabbare Form gefunden" habe 23, spiegelt das daraus resultierende Dilemma wider und kennzeichnet dâs geringe theoretische Reflexionsniveau der Sozialgeschichtsschreibung im Anwendungsfeld der Geschichte der Arbeiterbewegung. So fungiert „Sozialgeschichte" in der bürgerlichen Geschichtsschreibung zur Arbeiterbewegung häufig nur als ein Alibi, das erlaubt, den herkömmlichen organisations-, geistes- oder personengeschichtlichen Ansatz, wenn auch „sozialgeschichtlich" drapiert, beizubehalten 2 4 . Im folgenden soll versucht werden, einige Grundzüge in der bürgerlichen Interpretation der Geschichte der Arbeiterbewegung aufzuzeigen, wobei zwei Aspekte im Vordergrund stehen: einmal soll geprüft werden, ob in dem Ausgangspunkt der bürgerlichen Geschichtsschreibung, der postulierten „Integration" der Arbeiterbewegung in das bürgerlich-kapitalistische Herrschaftssystem, ein bestimmtes Bild ihrer geschichtlichen Entwicklung vermittelt ist; zum anderen soll gezeigt werden, auf welchen Ebenen und mit welchen Argumenten die bürgerliche Auseinandersetzung mit der Interpretation der marxistischen Geschichtsschreibung geführt wird. Als obere zeitliche Grenze wurde das J a hr 1914 gewählt, das in der bürgerlichen Geschichtsschreibung zur Arbeiterbewegung in der Regel eine Zäsur markiert. Bemerkt sei noch, daß sich die Untersuchung nicht auf die zu offiziellen Zwecken verfertigten Propagandaschriften rechter SPD-Ideologen wie Willi Eichler, Karl Anders oder Carlo Schmid 25 stützt, sondern auf die Arbeiten westdeutscher Historiker, die mit wissenschaftlichem Anspruch auftreten und den neuesten Diskussionsstand in der westdeutschen Geschichtswissenschaft repräsentieren. 22 Conze, Sozialgeschichte, a.a.O., S. 25; vgl. auch Ursula Ratz, Zur Sozialgeschichte der deutschen Arbeiterbewegung, in: N P L 15 (1970), bes. S. 344, 346. 23 Baiser, a.a.O., S. 19. 24 Vgl. als typische Beispiele: Ursula Ratz, Georg Ledebour 1850 bis 1947. Weg u n d Wirken eines sozialistischen Politikers, Berlin 1969; Shloma Na'aman, Ferdinan d Lassalle. Deutscher u n d Jude. Eine sozialgeschichtliche Studie, Hannover o.J.; Peter Lösche, Der Bolschewismus im Urteil der deutschen Sozialdemokratie 1903—1920, Berlin 1967. 25 Willi Eichler, H u n d e r t J a h r e Sozialdemokratie, Bonn 1962; Karl Anders, Die ersten h u n d e r t J a h r e . Zur Geschichte einer demokratischen Partei, Hannover 1963; Carlo Schmid, H u n d e r t J a h r e Sozialdemokratische Partei, Hannover 1963.

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II. Die Anfänge der deutschen Arbeiterbewegung: Zur Konzeption der Conze-Schule Der Rekurs

auf den

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Die westdeutsche Forschung zur Frühgeschichte der deutschen Arbeiterbewegung wird fast ausschließlich vom „Heidelberger Arbeitskreis f ü r Sozialgeschichte" unter Leitung Werner Conzes getragen 2S. In einem programmatischen Artikel hat Conze 1963 selbst den Rahmen abgesteckt, in dem sich die Arbeiten seiner Sdiüler bewegen sollten. Er begründete darin, warum bei der Erforschung und Darstellung der Geschichte der Arbeiterbewegung „das Problem ihres Ursprungs . . . mit an erster Stelle" stehen sollte. „Denn dabei handelt es sich, verbunden mit der Datierung des Beginns, um den ersten Zugang zur Wesensbestimmung 27." So verbindet sich mit den Forschungen der Conze-Schule von vornherein ein forcierter Anspruch: Von den Anfängen der Arbeiterbewegung her soll versucht werden, zu Aussagen über ihren Gesamtcharakter zu gelangen. Dieses Verfahren scheint zunächst durchaus legitim zu sein. Denn auch Marx und Engels bestimmen ja das Ziel der proletarischen Bewegung aus dem Wesen ihres Ursprungs, d. h. der kapitalistischen Produktionsweise. Conze fragt freilich nicht nach den objektiven gesellschaftlichen Bedingungen, aus denen die Arbeiterbewegung entsprang und sich entwickelte. Den „Zugang" zum „Ursprung" verschafft er sich durch den Rückgriff auf die „Wort- und Begriffsgeschichte", der er im Rahmen seines sozialgeschichtlichen Konzepts einen hohen Stellenwert beimißt 2 8 . Wie er sie in diesem Zusammenhang anwendet, ist aufschlußreich: Er spürt in den historischen Dokumenten der Vormärzzeit nach, wo der Begriff „Arbeiter" und wo der Begriff „Bewegung" zum erstenmal aufgetaucht ist, und er findet auch beides. Von hier aus ist es zur „Arbeiterbewegung" nicht mehr weit. „Da sowohl .Arbeiter' wie ,Bewegung' etwas Neues in einer sich rasch wandelnden Gesellschaft bezeichneten, lag die Wortverbindung Arbeiterbewegung' nahe 2 9 ." Der Beginn der Arbeiterbewegung ist so identisch mit dem Auftauchen des Begriffs „Arbeiterbewegung". „So war die revolutionäre Situation der 40er J a h r e (des 19. Jahrhunderts) die Geburtsstunde der Arbeiterbewegung in Deutschland, sowohl des Wortes wie des sozialen Phänomens 3 0 ." Diese unreflektierte Ineinssetzung von Begriff und sozialer Erscheinung ist typisch f ü r die Arbeitsweise der Heidelberger. Für sie geht es darum, „von den geschichtlichen Quellen

26 Vgl. W. Schmidt, Zur historisch-politischen Konzeption . . . , a.a.O., S. 630. 27 Conze, Der Beginn der deutschen Arbeiterbewegung, a.a.O., S. 324. 28 Vgl. Conze, Sozialgeschichte, a.a.O., S. 25. 29 Conze, Der Beginn der deutschen Arbeiterbewegung, a.a.O., S. 326. 30 Ebda., S. 327.

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her zu adäquaten Begriffen von innen heraus zu gelangen" S1. Die so gewonnenen Begriffe brauchen aber offenbar nicht mehr durch den Rückbezug auf die gesellschaftlichen Verhältnisse, die sie bezeichneten, hinterfragt zu werden. Wenn Frolinde Baiser es als Sinn dieser begriffsgeschichtlichen Methode bezeichnet, der „terminologischen Verwirrung und Fixierung entgegenzuwirken, die mit der Tendenz vieler Arbeiten zur Geschichte der Arbeiterbewegung verknüpft ist" 32, so deutet sie damit ihre eigentliche Funktion an: Statt sich wie die marxistische Geschichtswissenschaft einer Begrifflichkeit zu bedienen, die objektive gesellschaftliche Tatbestände zum Ausdruck bringt, versuchen die Heidelberger, sich ein eigenes Begriffsinstrumentarium zu schaffen, das schon aufgrund seiner „Quellennähe" als legitimiert ausgewiesen gilt. So erklärt sich z. B., daß in den Arbeiten der Conze-Schule Begriffe wie „Klasse" und „Stand" fast beliebig austauschbar sind 3 8 , und der Begriff „Proletariat", seines Klasseninhalts beraubt, zu einer Bezeichnung verkommt, die die „neuartige Erscheinung des entfesselten Pöbels" sprachlich fixieren soll 34 . Auf diese Weise bleiben die objektiven gesellschaftlichen Voraussetzungen f ü r das Aufkommen der Arbeiterbewegung in Deutschland ungeklärt. Marx und Engels haben in ihren Analysen der gesellschaftlichen Zustände im Deutschland des Vormärz immer wieder auf die objektiv bedingten Grenzen hingewiesen, die der Entfaltung der Arbeiterbewegung gesetzt waren. Es fehlte dem „arbeitenden Volk . . . jener große Hebel, der es in Frankreich und England auf die Beine gebracht hatte — ausgedehnte Manufakturen — und seine Konsequenz, die Herrschaft des Bürgertums" 35. Eine industriell und kommerziell mächtige Bourgeoisie und, im Gegensatz zu ihr, ein zahlreiches industrielles Proletariat existierten „nur sehr stellenweise und embryonisch" 36. Dieser unausgereifte Zustand der Klassenverhältnisse im vormärzlichen Deutschland wird nun von der ConzeSchule dazu benutzt, den Klassenbegriff des Marxismus generell in Frage zu stellen, wobei der marxistischen Geschichtswissenschaft unterstellt wird, sie verlege den vollentwickelten Klassengegensatz bereits in die Frühphase der Industrialisierung: „Das Gesellschaf tsgefüge zu Beginn der Industrialisierung in Deutschland war unendlich komplizierter, als wir früher angenommen haben; es nach dem dichotomischen Klassenmodell begreifen zu wollen, hieße jedenfalls, 31 W e r n er Conze, Die Stellung der Sozialgeschichte in Forschung und Unterricht, in: Geschichte in Wissenschaft u n d Unterricht (zit. GWU) 3 (1952), S. 656. 32 Baiser, a.a.O., S. 19. 33 Vgl. z. B. Baiser, a.a.O., S. 50. 34 Werner Conze, Vom „Pöbel" zum „Proletariat". Sozialgeschichtliche Voraussetzungen f ü r den Sozialismus in Deutschland, in: Vierteljahrschrift f ü r Sozial- und Wirtschaftsgeschichte 41 (1954), S. 333 ff. 35 Friedrich Engels, Deutsche Zustände III, MEW, Bd. 2, S. 580. 36 Friedrich Engels, Die deutsche Reichsverfassungskampagne, MEW, Bd. 7, S. 116.

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eine schwierige Goldschmiedearbeit mit Kneifzangen vorzunehmen 37." Die „Entheroisierung" der frühen deutschen Arbeiterbewegung Wie stark das Interesse des Heidelberger Arbeitskreises an der Frühgeschichte der deutschen Arbeiterbewegung unter dem Signum der Auseinandersetzung mit der marxistischen Geschichtswissenschaft steht, läßt am deutlichsten die Forderung Wolfgang Schieders erkennen, die Geschichtsschreibung zur Arbeiterbewegung müsse endlich von den „Restbeständen jenes einseitig-heroisierenden Bildes der deutschen Arbeiterbewegung im 19. Jahrhundert" befreit werden, das von Franz Mehring herrühre und von der DDR-Geschichtswissenschaft „gehütet" werde 38. An seine Stelle sollte nach den Vorstellungen der Heidelberger ein Geschichtsbild treten, „das nicht bewußt oder unbewußt auf Marx und Engels fixiert ist" 39. Ohne hier des näheren nachzuprüfen, wie weit sich diese Forderung einer verzerrten Interpretation der marxistischen Geschichtsschreibung verdankt, soll im folgenden an zwei repräsentativen Darstellungen aus der Conze-Schule untersucht werden, wie das eigene Postulat in die Praxis umgesetzt wird. In seiner Studie „Anfänge der deutschen Arbeiterbewegung" behandelt Wolfgang Schieder die Entstehung und Entwicklung der deutschen „Auslandsvereine" in Frankreich, der Schweiz und in England 4 0 . Mit der an Conze anschließenden terminologischen Frage nach dem Beginn der Arbeiterbewegung thematisiert Schieder die Frage nach deren weiteren Verlauf: „Wir interessieren uns f ü r das erste frühe Jahrzehnt deutscher Arbeiterbewegung, um zugleich auch Aufschlüsse zu erhalten über die weitere Entwicklung dieser Bewegung, wenigstens im 19. Jahrhundert (301)." Die zeitliche Begrenzung auf das Jahrzehnt zwischen 1832 und 1842 — die J a h r e zwischen den ersten Vereinsgründungen und dem Höhepunkt von Weitlings Einfluß auf die Bewegung — macht bereits die Untersuchungsabsicht des Verfassers deutlich. Indem er diesen frühen Abschnitt deutscher Arbeiterbewegung als „Struktureinheit" (10) begreift und damit aus dem Gesamtprozeß der sich entfaltenden proletarischen Emanzipationsbewegung herausschneidet — die wichtige Entwicklungsstufe vom „Bund der Gerechten" zum „Bund der Kommunisten" bleibt dadurch ausgespart! —, kann er bestimmte rückständige Züge, die dem Handwerker-Kommunismus notwendig 37 H a n s - J ü r g e n Teuteberg, Die liberale Arbeiterbewegung in Deutschland, in: N P L 13 (1968), S. 123. 38 W. Schieder, Zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung im 19. J a h r h u n d e r t , a.a.O., S. 337. 39 Wolfgang Schieder, Auf dem Wege zu einer neuen Marx-Legende, in: N P L 10 (1965), S. 363; vgl. auch Groh, Hunder t J a h r e deutsche Arbeiterbewegung?, a.a.O., S. 353. 40 Wolfgang Schieder, A n f ä n g e der deutschen Arbeiterbewegung. Die Auslandsvereine im J a h r z e h n t nach der Julirevolution von 1830, KlettVerlag, Stuttgar t 1963. (Die folg. Seitenangaben sind in Klammern gesetzt).

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anhafteten 4 1 , als zukunftsweisend deklarieren. So wird z. B. das Verlangen der Handwerker nach „allgemeiner Bildung" stark herausgestellt und daraus verallgemeinernd die „Lehre" gezogen, „daß sich in der Arbeiterbewegung theoretisches Bildungsstreben und politisch-praktisches Aufklärungsbedürfnis ineinander verschränken" (308). So wichtig auch das Bildungsstreben f ü r den Handwerker-Kommunismus gewesen sein mag, so kann es doch nicht, von seinen materiellen Bedingungen losgetrennt, als konstitutives Merkmal auf die gesamte spätere Arbeiterbewegung übertragen werden, ohne daß der qualitative Unterschied verwischt würde, der zwischen dem Klassen„instinkt" der Handwerker und dem Klassenb e w u ß t s e i n " des späteren Industrieproletariats bestand. Einen verkürzten Rückschluß von der frühen Arbeiterbewegung auf ihre weitere Entwicklung zieht Schieder auch, wenn er in der „Entscheidung der frühen Arbeiterbewegung für die nationale Sammlung und gegen die internationale Verbrüderung" eine „viel spätere Entwicklung vorweggenommen" sieht (308 f.). Wo hingegen die Publizistik der Arbeitervereine eine „revolutionär-aktivistische Haltung" erkennen läßt, wird diese als eine von der „Isolierung durch das Exil" bedingte Ausnahmeerscheinung charakterisiert (307). Nur weil die in den Vereinen zusammengeschlossenen Handwerksgesellen und Intellektuellen „aus dem Wurzelboden der heimatlichen Lebensverhältnisse" herausgelöst worden seien, hätte bei ihnen die „Bereitschaft zu einer revolutionären Aktion" entstehen können (307). „Die Ferne von jenem Deutschland, dem die Veränderungswünsche der Deutschen im Ausland vorzüglich galten, trübte ihre Einsicht in die realen Gegebenheiten politisch erfolgreichen Handelns" (309). Der „normale Weg einer Arbeiterbewegung, d. h. einer freigelassenen Entwicklung im Deutschland des Vormärz" (309) verläuft, so macht Schieder klar, jenseits einer durch Exilblindheit bedingten Revolutionsbereitschaft. Kennzeichnend f ü r Schieders Gesamtinterpretation ist, daß er die christliche Verbrämung des frühproletarischen Kommunismus zum Anlaß nimmt, den gesamten späteren Sozialismus auf einen „quasireligiösen Ursprung" zurückzuführen 4 2 . „Auch der nicht mehr spezifisch religiöse Sozialismus der späteren Zeit, und nicht nur dieser, läßt sich im Kern auf ein quasireligiöses Glücks- und Erlösungsbedürfnis zurückführen (311)." Mit diesem als „wichtigstes Ergebnis" seiner Untersuchung bezeichneten Befund hat Schieder ein Instrument zur Hand, mit dem er den Marxismus als eine der „modernen politischen und sozialen Heilslehren" in das Feld der Utopien verweisen kann (311). 41 Vgl. dazu: Werner Kowalski, Vorgeschichte un d Entstehung des Bundes der Gerechten, Berlin 1962, bes. S. 32 ff.; Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung (zit. GdA), Bd. 1, Berlin 1966, S. 29 ff. 42 Vgl. die ausgezeichnete Detailkritik von Waltraud Seidel-Höppner, Frühproletarisches Denken oder erwachendes Klassenbewußtsein. Die A n f ä n g e der Arbeiterbewegung im Blickwinkel formierter Heidelberger Historiographie, in: J a h r b u c h f ü r Geschichte 3 (1969), S. 95 ff.

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Schieders Interpretationsansatz wird in Frolinde Baisers Untersuchung „Sozial-Demokratie 1848/49—1863" weitergeführt, die sich — entgegen dem vielversprechenden Titel — im wesentlichen auf die organisatorische Tätigkeit der „Allgemeinen Arbeiterverbrüderung" nach der Revolution 1848 beschränkt 4 3 . Statt einer an das „feststehende Schema des historischen Materialismus gebundenen und den Klassikern Wort f ü r Wort verpflichteten Forschung" (24) — als solche klassifiziert sie die DDR-Geschichtsschreibung — verspricht sie, ein objektives Bild von der „ersten deutschen Arbeiterorganisation" zu liefern. Freilich lassen schon die ersten Sätze ihrer Einleitung Zweifel an diesem Vorsatz aufkommen. Denn Baiser gibt hier eine Definition der Arbeiterbewegung, die den Verdacht nahelegen muß, daß sie selbst einem „feststehenden Schema" verpflichtet ist: „Die Arbeiterbewegung gehört zu den geschichtsmächtigen Kräften, die zur Herausbildung der in sich vielfältigen, jedoch auf gleiche Berechtigung aller gerichteten modernen Gesellschaft beigetragen haben (11)." In dieses Konzept, das die historische Aufgabe der Arbeiterbewegung darauf reduziert, als eine soziale Bewegung unter anderen an der Demokratisierung der bürgerlichkapitalistischen Herrschaftsordnung mitzuwirken, ordnet Baiser auch die „Arbeiterverbrüderung" ein. Ihr Ziel sei lediglich gewesen, „den arbeitenden Menschen einen angesehenen Platz und gerechte Behandlung in Staat und Gesellschaft" zu sichern (48). „Bereitschaft zu Toleranz und Miteinanderauskommen" (50), „gegenseitige Zugewandtheit" und „menschliche Wärme" (86), „Reformwille und Gemeinsinn" (87), „Nächstenliebe" (151), „weise Beschränkung" (248) — mit diesen und ähnlichen Charakterisierungen versucht Baiser den Eindruck zu erwecken, es habe sich bei der „Arbeiterverbrüderung" um eine ganz und gar zahme, friedliche, ungefährliche Bewegung gehandelt, deren Streben allein auf die Erreichung eines der Bourgeoisie ebenbürtigen Status gerichtet gewesen sei: „Ihr Verlangen zielte auf Eingliederung in die bürgerlichen Verhältnisse und Verhaltensweisen und auf die selbstverständliche Achtung der Mitbürger" (52). Diese Interpretation wird durch eine höchst einseitige Quellenbefragung gestützt: Alle in der „Arbeiterverbrüderung" vorhandenen kleinbürgerlich-demokratischen Auffassungen werden in aller Breite entfaltet, alle darüber hinaus erkennbaren Ansätze einer selbständigen proletarischen Entwicklung jedoch unterschlagen 4 4 . Typisch für Baisers Vorgehen ist, daß sie den Begriff der „Verbrüderung", der zunächst auf die Solidarität der Arbeiter untereinander zielt, umdeutet in einen klassenversöhnlerischen Gemeinwohlbegriff (48) und ihn scharf kontrastiert mit dem Marxschen Begriff des „Klassen43 Baiser, a.a..O. (Die folg. Seitenangaben sind in K l a m m e r n angegeben). 44 Vgl. dazu die Rezensionen von G e r h a r d Ziese in: BzG 5 (1963), S. 730ff.; Rolf Weber in: Zeitschrift f ü r Geschichtswissenschaft (zit. ZfG) 12 (1964), S. 513 ff.

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kampfs": .„Klassenkampf', die Lehre des unversöhnlichen Gegensatzes, u n d . V e r b r ü d e r u n g ' , d i e L e h r e d e s h a r m o n i s c h e n Z u s a m m e n w i r k e n s , w i d e r s p r e c h e n sich g r u n d s ä t z l i c h " (50). D a h e r ist es f ü r Baiser auch ausgemacht, daß der „Bund der Kommunisten " keinen E i n f l u ß auf d i e „ A r b e i t e r v e r b r ü d e r u n g " g e h a b t h a b e n k a n n 4 5 . D i e v o n d e r „ A r b e i t e r v e r b r ü d e r u n g " a n g e s t r e b t e „soziale R e f o r m " u n d d i e v o m „ B u n d d e r K o m m u n i s t e n " g e w o l l t e „soziale R e v o l u t i o n " h ä t t e n sich g e g e n s e i t i g a u s g e s c h l o s s e n (20 f.). D i e s e n G e g e n s a t z v e r s c h ä r f t B a i s e r noch, i n d e m sie d a s a u s d e r b ü r g e r l i c h e n L e n i n - K r i t i k abgeleitete D e m o k r a t i e - D i k t a t u r - S c h e m a in die F r ü h p h a s e der A r beiterbewegung hineinproji*ziert. „Bund der Kommunisten" und „ A r b e i t e r v e r b r ü d e r u n g " w e r d e n m i t e i n a n d e r k o n f r o n t i e r t als „geheime revolutionäre Kaderpartei und öffentlich gewerkschaftsartige R e f o r m b e w e g u n g " (201) 46 . A u f d i e s e W e i s e w i r d n i c h t n u r d a s Wechselverhältnis von bewußter marxistischer Vorhut und element a r e r A r b e i t e r b e w e g u n g , d a s f ü r m a r x i s t i s c h e H i s t o r i k e r ein m e thodologisches K e r n p r o b l e m darstellt47, in ein Gegeneinander verk e h r t , s o n d e r n zugleich d e m „ B u n d d e r K o m m u n i s t e n " e i n e t o t a l i t ä r e , a n t i d e m o k r a t i s c h e Z i e l s e t z u n g u n t e r s t e l l t . E r e r s c h e i n t als geh e i m e r V e r b ü n d e t e r der reaktionären deutschen Regierungen im K a m p f g e g e n die b ü r g e r l i c h e D e m o k r a t i e u n d die m i t i h r l i i e r t e 45 Diese These Baisers m u ß t e inzwischen, weil sie allzu offensichtlich mit den Tatsachen kollidierte, ein wenig modifiziert werden. Vgl. dazu vor allem: Wolf gang Schieder, Bund der Kommunisten, in: Sowjetsystem und Demokratische Gesellschaft, Bd. I, Freiburg-Basel-Wien 1966, Sp. 905, der den Fehler Baisers tadelt, „die Arbeiterverbrüderung u m jeden Preis (!) kommunistenfre i halten zu wollen". Vgl. auch: Andreas Dorpalen, Die Revolution von 1848 in der Geschichtsschreibung der DDR, in: Historische Zeitschrift, Bd. 210 (1970), S. 324 ff. — Statt den Einfluß des „Bundes der Kommunisten" schlechterdings zu leugnen, b e m ü h t sich die bürgerliche Historiographie neuerdings stärker darum, „die Rolle, die M a r x un d seine A n h ä n g e r innerhalb des Kommunistenbundes gespielt haben, auf das richtige Maß zurückzuführen". Ernst Schraepler, H a n d w e r k e r b ü n d e und Arbeitervereine 1830—1853. Die politische Tätigkeit deutscher Sozialisten von Wilhelm Weitling bis K a r l Marx, Berlin-New York 1972, S. 6. Bei Schraepler fällt dieser Versuch durchgängig so aus, daß er Meinungsverschiedenheiten in strategischen un d taktischen Fragen im „Bund der Kommunisten" auf persönliche Differenzen, vor allem auf das intolerante Wesen des „gebildeten hochmütigen Intellektuellen M a r x " (S. 156) zurückführt . Zu dieser neuen Variante der bürgerlichen Geschichtsschreibung vgl. auch Shlomo Na'aman, Zur Geschichte des Bundes der Kommunisten in der zweiten Phase seines Bestehens, in: Archiv f ü r Sozialgeschichte, Bd. V (1965), S. 5 ff. 46 Vgl. auch die beifällige Bemerkung Grohs, Hunder t J a h r e deutsche Arbeiterbewegung?, a.a.O., S. 356: „Man sieht daraus, wie sehr doch der Kommunistenbun d mutatis mutandis der später von Lenin geforderten u n d entwickelten geheimen revolutionären Kaderparte i entspricht un d die ,Arbeiterverbrüderung' einer offen a u f t r e t e n d e n Reformpartei." 47 Vgl. dazu: Walter Schmidt/Rolf Dlubek, Die Herausbildung der marxistischen P a r t e i der deutschen Arbeiterklasse, in: Z f G 14 (1966), S. 1300 f.

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erste deutsche Arbeiterbewegung: „Kaum hatte sich in den Revolutionsjahren 1848/49 erstmals in Deutschland eine demokratischparlamentarische Parteiorganisation formiert, so war sie auch schon den stärksten Angriffen von den konservativen Rechten und der äußersten Linken ausgesetzt (213)." Der Gegensatz von „Bund der Kommunisten" und „Arbeiterverbrüderung" wird von Baiser zugleich als Widerspruch zwischen emigrierter revolutionärer Theorie und nationaler sozialreformerischer Praxis begriffen. Wie Schieder deutet sie die revolutionäre Programmatik als Ausdruck eines exilbedingten Verbalradikalismus, dem jede praktische Einwirkung auf die Arbeiterbewegung in Deutschland ferngelegen habe. So diffamiert Baiser die „Ansprache der Zentralbehörde an den Bund vom März 1850", in der Marx und Engels die Summe der Erfahrungen aus der Revolution von 1848 zogen und die Taktik der proletarischen Organisation gegenüber der kleinbürgerlichen Demokratie erläuterten 48, als „üble Revolutionsspielerei von politischen Flüchtlingen im Ausland" (218). Während sie Marx und Engels „gänzliche Wirklichkeitsferne" (218) bescheinigt, sieht sie die führenden Vertreter der „Arbeiterverbrüderung", vor allem Stephan Born, durch „Ideologieferne und Praxisnähe" (91) ausgezeichnet. Die f r ü h e deutsche Arbeiterbewegung präsentiert sich so als eine ganz auf praktische Ziele ausgerichtete Bewegung, deren gesunder „Geist" (49) sie gegen die verführerischen Parolen der Marxschen Klassenkampflehre immunisiert. Am Beispiel der Darstellungen Schieders und Baisers wird deutlich, daß sie dem eigenen Anspruch auf Objektivität und Unparteilichkeit nicht nachkommen. Hinter der Forderung nach Abkehr von einer auf Marx und Engels fixierten Sicht verbirgt sich der Versuch, den „Bund der Kommunisten" ganz aus der Geschichte der frühen deutschen Arbeiterbewegung zu verdrängen bzw. ihn zu einer „interessanten Randerscheinung der Gesamt-Arbeiterbewegung um 1848" 49 zu verharmlosen. Liberal- und Sozialdemokratie : Zur Frage der Nachwirkung der frühen

Arbeiterbewegung

Nach der vollzogenen Absonderung der frühen deutschen Arbeiterbewegung von Marx und Engels und dem „Bund der Kommunisten" kann sich die Conze-Schule daran machen, ihren spezifischen Beitrag f ü r die weitere Entwicklung der deutschen Arbeiterbewegung zu bestimmen. Dabei kommt der „Arbeiterverbrüderung" eine paradigmatische Bedeutung zu. Mit ihr war nach Conze „der hoffnungsvolle und nicht unrealistische Weg der Arbeiterbewegung bezeichnet . . . : eine selbständige, mit den Demokraten verbündete, aber durch eigene Vereine organisatorisch von ihnen geschiedene 48 MEW, Bd. 7, S. 244 ff. 49 W. Schieder, Bund der Kommunisten, a.a.O., Sp. 907.

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Arbeiterpartei ohne revolutionäre Staatsfeindlichkeit, vielmehr mit dem Willen zum politischen Mithandeln unter einer allgemein anerkannten demokratisch-monarchischen Verfassung" 5 0 . Daß dieser Weg scheiterte, daß die Arbeiterbewegung am Ende ihrer ersten Periode „eine Ideologie übernahm, die den Klassenkampf um der Revolution willen, nicht aber mehr die soziale Versöhnung einer reifenden ,Social-Demokratie' in den Mittelpunkt stellte" 51, wird in erster Linie der mangelnden Einsicht der herrschenden Regierungen angelastet, die durch ihre Unterdrückungspolitik das legale Betätigungsfeld der „Arbeiterverbrüderung" beschränkten und auf diese Weise entscheidend dazu beitrugen, üaß die „friedliche Kanalisierung der Flut" 52 in der Folgezeit fast unmöglich wurde. Indem Conze und seine Schüler durchweg darauf verzichten, die objektiven, auf der Ebene der ökonomischen und sozialen Kämpfe und der politischen Klassenauseinandersetzungen angesiedelten Faktoren zu untersuchen, die den Prozeß der Lostrennung der Arbeiterklasse von der Bourgeoisie und der Formierung einer selbständigen proletarischen Klassenpartei hervorbrachten 5S, können sie die von Gustav Mayer schon 1911 beschriebene Notwendigkeit der „Trennung von proletarischer und bürgerlicher Demokratie" aufs neue problematisieren und in Frage stellen 54. So erklärt sich auch, weshalb die Untersuchung der Frage, welche realen Chancen eine dauerhafte Verbindung von „Liberal- und Sozialdemokratie" gehabt hat, zu einem wichtigen Forschungsthema des Heidelberger Arbeitskreises aufrücken konnte 55. Mit viel Akribie haben Frolinde Baiser und Wolfgang Schmierer das nach der Revolution 1848/49 entwikkelte und in den 60er Jahren wiederbelebte „württembergische Modell" einer Zusammenarbeit von Arbeitervereinen und Volkspartei bzw. Fortschrittspartei beschrieben, dessen Nachahmung in ganz Deutschland angeblidi „zu einem ganz anderen Verlauf der deutschen Parteientwicklung und der gesamten innerdeutschen Ent50 Conze, Der Beginn der deutschen Arbeiterbewegung, a.a.O., S. 337 f. 51 Ebda., S. 338. 52 Ebda., S. 328; vgl. Baiser, a.a.O., S. 235. 53 Vgl. Schmidt/Dlubek, Die Herausbildung . . . , a.a.O., S. 1301 ff. 54 Vgl. W. Schieder, Zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung im 19. J a h r h u n d e r t , a.a.O., S. 336: „Die Frage des Auseinandertretens von proletarischer' u n d bürgerliche r Demokratie' . . . ist von der Theorie her formuliert u n d von der marxistischen Geschichtsforschung dogmatisiert worden. Sollte es nicht möglich sein, sie ganz aufzugeben, anstatt sie n u r widerlegen oder modifizieren zu wollen?" 55 Vgl. das programmatische Vorwort von Hugo Eckert, Liberal- oder Sozialdemokratie. Frühgeschichte der Nürnberge r Arbeiterbewegung, S t u t t g a r t 1968. 56 Wolfgang Schmierer, Von der Arbeiterbildung zur Arbeiterpolitik. Die A n f ä n g e der Arbeiterbewegung in Württemberg 1862/63—1878, H a n nover 1970, S. 41; vgl. auch Baiser, a.a.O., S. 339. 57 W e r n er Conze, Möglichkeiten u n d Grenzen der liberalen Arbeiterbewegung in Deutschland. Das Beispiel Schulze-Delitzschs, Carl Winter Universitätsverlag Heidelberg 1965, S. 5.

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Wicklung" hätte führen können 5 6 . Auf der Suche nach „geschichtlich bedeutenden Lösungen der Arbeiterfrage", die von liberaler Seite aus propagiert wurden, hat Conze selbst das „Beispiel SchulzeDelitzschs" aktualisiert 5 7 . In Schulzes Genossenschaftskonzeption und seinem Eintreten f ü r die Hirsch-Dunckerschen Gewerkvereine konkretisiert sich f ü r Conze die Möglichkeit, „die Arbeiterbewegung von liberaler Seite aus in die Hand zu bekommen" 5a. Am Ende muß freilich auch Conze einräumen, daß bei der fehlenden Bereitschaft der Fortschrittspartei, den sozialen und politischen Forderungen der Arbeiterschaft entgegenzukommen, „die Vorstellung einer allumfassenden Fortschritts-Volkspartei zu einer Chimäre" geraten mußte 5 9 . Mit der „Verflüchtigung der historischen Möglichkeit, die in der Ausbildung einer großen liberaldemokratischen Arbeiterbewegung gelegen hätte" 60, ist jedoch in der Frage, „wie stark die frühe Sozialdemokratie auch noch in der späteren, marxistischen, nachwirkte" — nach Conze „eine Grundfrage der Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung" 61 — noch nicht das letzte Wort gesprochen. Präziser gefaßt, lautet sie: „ob das Hineinwachsen der Arbeiterbewegung in Staat und Gesellschaft während der wilhelminischen Zeit auf die allmählich einsetzende praktisch-politische Tätigkeit zurückzuführen ist, oder ob hier noch alte Traditionen aus der Anfangszeit der Arbeiterbewegung durchschlagen 62." Auf diese Frage hat Frolinde Baiser eine bündige Antwort gegeben. Die „Bereitschaft zu Mitarbeit in Staat und Gesellschaft", die sie als den „entschieden konstruktiven Beitrag" der „Arbeiterverbrüderung" wertet, sei „in der deutschen Arbeiterbewegung und in der darauf fußenden sozialdemokratischen Partei trotz oft theoretisch dominierender anderer Einflüsse niemals verlorengegangen" 63. Damit ist das wichtigste Leitbild benannt, das der Konzeption der ConzeSchule zugrunde liegt. Während die marxistische Geschichtswissenschaft als bestimmenden Grundzug der aufkommenden Arbeiterbewegung die gesetzmäßige Tendenz der Emanzipation des Proletariats zu einer selbständigen Klassenkraft herausarbeitet, versucht die Conze-Schule anhand der Frühgeschichte der deutschen Arbeiterbewegung den Nachweis zu erbringen, daß ihr die Tendenz zur Zusammenarbeit mit der Bourgeoisie und zur Einordnung in den bürgerlichen Klassenstaat von Anbeginn an innegewohnt habe. Diese Deutung unterliegt offensichtlich der politisch motivierten Absicht, anstelle der Entfaltung der Arbeiterbewegung zu einer revolutionären Klassenbewegung die „frühe Integration der deut58 Ebda., S. 23. 59 Ebda., S. 22. 60 Ratz, Zur Sozialgeschichte der deutschen Arbeiterbewegung, a.a.O., S. 345 (Rezension von Hugo Eckert un d Wolfgang Schmierer, a.a.O.). 61 Conze, Der Beginn der deutschen Arbeiterbewegung, a.a.O., S. 338. 62 Groh, H u n d e r t J a h r e deutsche Arbeiterbewegung?, a.a.O., S. 355. 63 Baiser, a.a.O., S. 50.

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sehen Arbeiter in Staat und Gesellschaft" 64 als historische Notwendigkeit zu postulieren. Ihre instrumentelle Funktion im Dienste sozialdemokratischer Rechtfertigungsideologie wird deutlich, wenn Baiser diese reformistische Kontinuitätslinie bruchlos von der „Arbeiterverbrüderung" über Bernsteins Revisionismus bis Godesberg zieht 6 5 , oder wenn Conze im Blick auf Godesberg feststellt, daß das Programm Schulze-Delitzschs nach hundert Jahren rehabilitiert worden sei 86 . III. Das Verhältnis von Theorie und Praxis: Zur Darstellung eines Widerspruchs in der deutschen Arbeiterbewegung In den bürgerlichen Darstellungen zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung vom Sozialistengesetz bis zum Ersten Weltkrieg fällt eine immer wiederkehrende Argumentationsfigur auf: die Feststellung, daß zwischen Theorie und Praxis in der deutschen Sozialdemokratie ein Widerspruch bestanden habe. „Diese Dichotomie ist f ü r die Geschichte der deutschen Sozialdemokratie charakteristisch geworden 67." Auf diese einzige Kurzformel lassen sich fast alle Arbeiten westdeutscher Historiker zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung zwischen 1890 und 1914 zurückführen. Um zu erklären, warum das „Phänomen der Diskrepanz zwischen sozialreformerischer Praxis und radikaler — oder pseudoradikaler — Ideologie" in westdeutschen Darstellungen zur sozialdemokratischen Parteigeschichte als „das fesselndste Problem" erscheint, genügt wohl kaum der Hinweis auf die große Rolle, die die Theorie in den innerparteilichen Auseinandersetzungen der SPD vor 1914 gespielt hat 6 8 . Vielmehr stellt sich hier die grundsätzliche Frage, welche Bedeutung dem Marxismus in der deutschen Arbeiterbe64 Groh, H u n d e r t J a h r e deutsche Arbeiterbewegung?, a.a.O., S. 358. 65 Vgl. Baiser, a.a.O., S. 50, Anm. 9, die ausdrücklich auf den Artikel von Fritz Erler, Die SPD im Staat, in: Vorwärts, Nr. 44 v. 30. 10. 1959, verweist. Vgl. auch dies., A u f b r u c h zur Freiheit 1863—1963. Wege zur Mitverantwortung und sozialer Sicherheit, Hannover 1963. 66 Conze, Möglichkeiten u n d Grenzen . . . , a.a.O., S. 26; vgl. auch Teuteberg, a.a.O., S. 125: „Die von Schulze erstrebte verfassungsimman e n t e Arbeiterbewegung ist nach h u n d e r t J a h r e n Wirklichkeit geworden." 67 W e r n er Conze/Dieter Groh, Die deutsche Arbeiterbewegung in der nationalen Bewegung. Die deutsche Sozialdemokratie vor, w ä h r e n d und nach der Reichsgründung, S t u t t g a r t 1966, S. 81. Conze/Groh leiten diese „Dichotomie" bereits aus dem Eisenacher P r o g r a m m von 1869 ab. Theorie u n d P r a x i s haben sich in der Geschichte der Sozialdemokratie von A n f a n g an als „an sich widerstreitende Elemente" (S. 82) gegenübergestanden. F ü r die meisten andere n westdeutschen Historiker wird jedoch das Problem der Diskrepanz von Theorie und P r a x i s erst nach der zumindest partiellen Marxismus-Rezeption in den 90er J a h r e n akut. Vgl. dazu Matthias, Z u r Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, a.a.O., S. 349. 68 Susanne Miller, Ideologie und Ideologen. Zur Geschichte der deutschen Sozialdemokratie, in: N P L 13 (1968), S. 433 f.

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wegung zuerkannt werden soll. Obgleich in der aus den Anfängen der Arbeiterbewegung hergeleiteten Konzeption der Conze-Schule die „Kontinuität einer nichtmarxistischen Komponente" 69 impliziert ist, bleibt die Marxismus-Rezeption in der deutschen Sozialdemokratie f ü r bürgerliche Historiker ein irritierendes Phänomen, das mit der Formel, es habe sich hier um eine der „theoretischen Abirrungen" 70 der Partei gehandelt, offenbar nicht hinreichend erklärt zu werden vermag. In der spezifischen Weise, wie das Verhältnis von Theorie und Praxis in der westdeutschen Geschichtsschreibung zur Arbeiterbewegung zur Darstellung gebracht wird, läßt sich das Bemühen bürgerlicher Historiker nachweisen, das Problem des Marxismus in der deutschen Arbeiterbewegung zu bewältigen. Diese Absicht tritt bereits deutlich in der Einschätzung der Rolle von Karl Marx und Friedrich Engels in der deutschen Arbeiterbewegung zutage. Die marxistische Geschichtswissenschaft hat besonders klar am Beispiel der Entwicklung der Auffassung von Marx und Engels über die proletarische Partei dargelegt, daß zwischen ihrem theoretischen und ihrem praktisch-politischen Wirken in der deutschen Arbeiterbewegung von Anfang an ein untrennbarer Zusammenhang bestand. „Die Arbeiterbewegung, deren Ringen der wissenschaftliche Kommunismus Weg und Ziel wies, war f ü r Engels und Marx nicht nur Prüfstein ihrer Theorie, sondern auch Lehrmeisterin ihrer praktisch-politischen Tätigkeit. Ließen sie sich in ihrer praktischen Wirksamkeit von jener revolutionären Gesamtkonzeption des proletarischen Klassenkampfes leiten, die sie selbst geschaffen hatten, so berücksichtigten die Begründer des wissenschaftlichen Kommunismus außer den objektiven Kampfbedingungen sorgsam den realen Entwicklungsstand der Arbeiterbewegung selbst 7 1 ." In der bürgerlichen Interpretation wird dagegen darauf verzichtet, die theoretisch-ideologische Arbeit und die praktischpolitische Tätigkeit von Marx und Engels als Einheit zu begreifen. Durchgängig werden die Begründer des wissenschaftlichen Sozialismus als praxisferne Theoretiker dargestellt, die „wenig Verständnis f ü r die Entwicklung der deutschen Arbeiterschaft und wenig Gefühl f ü r die der Zeit angemessene Politik" gehabt hätten 7 2 . Der in den Arbeiten der Conze-Schule zur frühen Arbeiterbewegung unternommene Versuch, die revolutionäre Theorie ins Exil zu verbannen und von der Praxis der sich entfaltenden Arbeiterbewegung in Deutschland abzutrennen, wird in den bürgerlichen Darstellungen zur Entwicklung der deutschen Arbeiterbewegung in den 60er Jah69 Groh, H u n d e r t J a h r e deutsche Arbeiterbewegung? a.a.O., S. 366. 70 So E b e r h a r d Pikart, Die deutsche Arbeiterbewegung vor 1918, in: N P L 11 (1966), S. 43. 71 Horst Bartel/Walter Schmidt, Z u r Entwicklung der Auffassung von M a r x un d Engels über die proletarische Partei, in: Marxismus un d deutsche Arbeiterbewegung. Studien zur sozialistischen Bewegung im letzten Drittel des 19. J a h r h u n d e r t s , Berlin 1970, S. 55. 72 Hedwig Wachenheim, Die deutsche Arbeiterbewegung 1844 bis 1914, Köln u n d Opladen 1967, S. 4.

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ren verstärkt fortgesetzt. Dem „arbeiterfernen und nur publizistisch wirkenden Sozialtheoretiker Karl Marx" 73 wird in der Regel Ferdinand Lassalle als positive Gegenfigur gegenübergestellt, der zwar „kein Gelehrter und kein Theoretiker, aber ein Mann mit einem zusammengeliehenen praktischen politischen System" gewesen sei 74. Die Tatsache, daß sich die Konstituierung der Eisenacher Partei 1869 unter dem stimulierenden Einfluß von Marx und Engels und der I. Internationalen vollzog 75, paßt nicht ins Bild bürgerlicher Historiker, die der „in der Emigration befindlichen ,Zwei-Mann-Partei'" 76 in London am liebsten jeden Einfluß auf den Prozeß der Parteibildung des deutschen Proletariats absprechen möchten. Die ständigen Interventionen, mit denen Marx und Engels den politischideologischen Klärungsprozeß in der deutschen Arbeiterbewegung vorantrieben, vermögen sie deshalb auch nur als Ausdruck einer anmaßenden Selbstgerechtigkeit zu deuten, die ihrer Überzeugung von der eigenen theoretischen Unfehlbarkeit zugeschrieben wird. Es sei „bewundernswert" — meint z. B. Wolfgang Schieder —, „daß Liebknecht diese jahrzehntelange Nörgelei ertragen hat, ohne seine Hochachtung vor Marx und Engels zu verlieren". Der Briefwechsel Liebknechts mit den beiden Londonern lese sich „geradezu wie ein Lehrstück dafür, wie wenig sich die beiden großen Sozialisten in die praktischen Erfordernisse einer Arbeiterpartei hineinfinden konnten" 77. Marx' Kritik am Gothaer Programm 1875 zeigt denn auch nach bürgerlichem Urteil nur seine Inkompetenz in „wirklich realpolitischen Fragen": „und doch versuchte er fortwährend, in die politischen Probleme der Bewegung hineinzureden" 78. 73 Teuteberg, a.a.O., S. 19. 74 Wachenheim, a.a.O., S. 10. Die simple Kontrastierung von Marx u n d Lassalle, die w ä h r e n d der J u b i l ä u m s k a m p a g n e 1963 ihren Höhepunkt erreichte (vgl. z. B. Carlo Schmid, Ferdinand Lassalle und die Politisierung der deutschen Arbeiterbewegung ,in: ASG III (1963), S. 5 ff.), ist inzwischen einer etwas differenzierteren Betrachtung gewichen. Vgl. Shlomo Na'aman, Lassalle, Hannover 1970. 75 Vgl. Schmidt/Dlubek, Die Herausbildung . . . , a.a.O., S. 1322 ff.; GdA, Bd. 1, S. 219 ff. 76 Conze/Groh, Die Arbeiterbewegung in der nationalen Bewegung, a.a.O., S. 67. 77 W. Schieder, Auf dem Wege zu einer neuen Marx-Legende, a.a.O., S. 269 f.; vgl. auch Erich Matthias, K a u t s ky un d der Kautskyanismus. Die Funktion der Ideologie in der deutschen Sozialdemokratie vor dem ersten Weltkriege, in: Marxismus-Studien, 2. Folge, hrsg. von Iring Fet scher, Tübingen 1957, S. 157: „Marx u n d Engels haben die wirkliche Eigenart der modernen Arbeiterparteien, die sich seit den sechziger J a h r e n in Deutschland un d Europa herausbildeten, niemals ganz ver standen." 78 Wachenheim, a.a.O., S. 169; vgl. auch Susanne Miller, Das Problem der Freiheit im Sozialismus. Freiheit, Staat und Revolution in der P r o g r a m m a t i k der Sozialdemokratie von Lassalle bis zum RevisionismusStreit, F r a n k f u r t / M . 1964, S. 79: „Als praktischer P a r t e i f ü h r e r sollte Liebknecht gegenüber seinen gelehrten F r e u n d e n in London recht behalten."

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Die Rezeption des Marxismus Die Reduktion der Bedeutung von Marx auf die Stufe eines realitätsfernen Theorielieferanten entläßt die bürgerliche Geschichtsschreibung jedoch in einige Verlegenheit. Denn wie stimmt diese Interpretation mit der Tatsache überein, daß mit der Annahme des Erfurter Programms 1891 der Marxismus sich in der deutschen Sozialdemokratie durchgesetzt hatte? Da die vollzogene Verbindung von Marxismus und deutscher Arbeiterbewegung nicht aus der Welt geschafft werden kann, versuchen die westdeutschen Historiker, ihre Bedeutung unter allerlei Vorbehalten nachträglich einzuschränken: 1) Die westdeutsche Geschichtsschreibung geht im allgemeinen von einer „Periode des Eklektizismus" vor 1878 aus, in der marxistisches Denken noch kaum Eingang in die Sozialdemokratie gefunden habe 78. Dies erlaubt bürgerlichen Interpreten wie Susanne Miller und Hans-Josef Steinberg, die Rezeption des Marxismus auf die Zeit des Sozialistengesetzes einzugrenzen, statt diese als einen Abschnitt in dem sich notwendig vollziehenden Prozeß der Verbindung von Arbeiterbewegung und wissenschaftlichem Sozialismus zu sehen 80 . Die Aufnahme der marxistischen Theorie kann so als bloße Reaktion auf die Bismarckschen Verfolgungsmaßnahmen gedeutet werden, die „die marxistische Interpretation des Staates als eines Instruments der herrschenden Klassen zu bestätigen schienen (!)" 81 . Erst durch sie sei „die verhängnisvolle Kluft zwischen Arbeiterschaft und Staat . . . aufgerissen" worden 82. Der Marxismus wird auf diese Weise degradiert zu einer unglückseligen „Hypothek" des Sozialistengesetzes, „die die Politik der Partei in den folgenden Jahren entscheidend belastete" 83. 2) Um den Ausnahmecharakter der Marxismus-Rezeption noch zu verstärken, rekurrieren bürgerliche Historiker auf ein durch das Verbot der Parteipresse und -literatur erzeugtes „geistiges Vakuum" 84, in das „die Verfechter des Marx-Engelsschen Gedankenguts" mit einer „gewissen Rücksichtslosigkeit" 85 hineingestoßen seien, um sich eine Monopolstellung auf theoretischem Gebiet zu verschaffen. Bei dem „Fehlen eines Angebots von Theorien" 86 sei 79 Vgl. S. Miller, Das Problem der Freiheit, a.a.O., S. 25 f f ; Hans-Josef Steinberg, Sozialismus un d deutsche Sozialdemokratie. Zur Ideologie der P a r t e i vor dem I. Weltkrieg, Hannover 1967, S. 13 ff. 80 Vgl. dazu: Horst Bartel, Die Durchsetzung des Marxismus in der deutschen Arbeiterbewegung im letzten Drittel des 19. J a h r h u n d e r t s , in: Z f G 14 (1966), S. 1334 ff. 81 Steinberg, a.a.O., S. 38. 82 G e r h a r d A. Ritter, Die Arbeiterbewegung im Wilhelminischen Reich. Die Sozialdemokratische P a r t e i u n d die Freien Gewerkschaften 1890—1900, Berlin-Dahlem 1959, S. 11. 83 Ebda. 84 S. Miller, Das Problem der Freiheit, a.a.O., S. 200. 85 Steinberg, a.a.O., S. 27. 86 S. Miller, Das Problem der Freiheit, a.a.O., S. 200.

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der Marxismus als einzige in der Lage gewesen, die gesteigerte Nachfrage nach radikaler Ideologie zu befriedigen. Eine „Alternative zum Marxismus" 87 wäre denkbar gewesen, wenn es ein konkurrierendes Theorieangebot gegeben hätte. Da dies nicht der Fall war, muß es sich bei dem Marxismus um eine „der Sozialdemokratie aufgezwungene Doktrin" 88 handeln. 3) Bürgerliche Historiker konstatieren mit Recht, daß die sozialdemokratischen Parteimitglieder infolge des Sozialistengesetzes „in eminenter Weise" radikalisiert wurden 8 9 . Dieser Radikalismus wird jedoch auf einen „fanatischen Haß auf Bismarck und die durch ihn repräsentierte Staatsgewalt" 90 reduziert und dadurch entpolitisiert. Er ist nach bürgerlicher Interpretation atheoretisch, affektgeladen. Durch den praktischen Kampf ganz in Anspruch genommen, seien die Parteimitglieder „nicht f ü r Theoretiker — gleich welcher Couleur (!) — ansprechbar" gewesen 91 . Daraus folgt, daß die marxistische Theorie das Privileg eines „Häufleins engagierter Marxisten" bleiben mußte; bei den „Massen" habe sie „keinen Fuß fassen können" 92 . 4) Daß von einer Rezeption des Marxismus in der deutschen Sozialdemokratie nur „mit bestimmten Einschränkungen" 9S gesprochen werden könne, scheint gleichwohl seine Berechtigung zu haben. Auch die marxistische Geschichtswissenschaft verweist auf die Grenzen der theoretischen Aneignung des Marxismus. Sie sieht sie vor allem begründet in den noch unklaren Vorstellungen über das dialektische Verhältnis zwischen dem Kampf um Demokratie und um Sozialismus sowie der mangelnden Verknüpfung der revolutionären Auffassung über den Kampf um die politische Macht mit klaren wissenschaftlichen Vorstellungen über den Weg zur politischen Macht und mit den Erkenntnissen von Marx über die Notwendigkeit und Funktion der Diktatur des Proletariats 94. Die bürgerliche Geschichtsschreibung engt dagegen die Frage nach den Grenzen der Marxismus-Rezeption auf einen Aspekt ein, der tendenziell darauf abzielt, die adäquate Aufnahme und schöpferische Anwendung des Marxismus in der deutschen Arbeiterbewegung überhaupt in Frage zu stellen. Nach ihrer Interpretation hat sich der Marxismus nur Eingang in die Sozialdemokratie verschaf87 Steinberg, a.a.O., S. 27. 88 Ebda., S. 28. 89 Ebda., S. 27. 90 Ebda., S. 30. 91 Ebda., S. 32. 92 Ebda., S. 30, 38; s. dagegen z. B. die Hinweise bei Rolf Dlubek, „Das Kapital" von Karl Marx in der deutschen Arbeiterbewegung 1867—1895, in: Lebendiger Marxismus, T. 1, Berlin 1972, S. 58 ff. Allerdings ist die Breitenwirkung des theoretischen Reifeprozesses in den 80er und 90er J a h r e n des 19. J a h r h u n d e r t s auch in der DDR-Forschung noch nicht hinlänglich geklärt. 93 Steinberg, a.a.O., S. 27; vgl. S. Miller, Das Problem der Freiheit, a.a.O., S. 21. 94 Vgl. H. Bartel, a.a.O., S. 1365; GdA, Bd. 1, S. 432.

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fen können, indem er sich darwinistisch verkleidete. Engels' „AntiDühring" habe die Marxsche Dialektik verflacht und „den Weg freigemacht f ü r die darwinistische Interpretation des Marxismus in der deutschen Partei" 95. In der Weltanschauung Karl Kautskys sei dann endgültig die „Synthese von Darwinismus und Marxismus" vollzogen worden 9 8 . Sie habe zu einer Reduktion des Marxismus auf eine Theorie vom naturnotwendigen Zusammenbruch der kapitalistischen Gesellschaft geführt, die in der Verbindung von radikaler Phrase und fatalistischem Abwarten ihren spezifischen Ausdruck gefunden habe 9 7 . Diese Interpretation wurde zum erstenmal von dem linkskommunistischen Kritiker Kautskys, Karl Korsch, Ende der 20er Jahre formuliert. Erich Matthias hat sie f ü r die westdeutsche Geschichtswissenschaft mundgerecht gemacht, ohne den linkskommunistischen Standpunkt Korschs und den Anlaß seiner Kritik, die Polemik gegen den späten Kautsky, politisch-historisch und ideologiekritisch zu reflektieren 9 8 . Offenbar versucht die bürgerliche Historiographie, mit diesem Rekurs auf die linke Kritik am „orthodoxen" Marxismus Kautskys ihrer These den Anschein von Glaubwürdigkeit zu verleihen, daß die Ideologie, wie sie von Kautsky als offizielle Theorie der Sozialdemokratie verbindlich gemacht wurde, immer nur falschverstandener und falschangewandter, mithin ausgesprochen „denaturierter Marxismus" 99 gewesen sei. Im Ergebnis verflüchtigt sich damit die Rezeption des Marxismus zu einer bloßen Scheinrezeption, die den Grundcharakter der Partei als einer Reformbewegung nicht anzutasten vermochte. Aber selbst den Schein gilt es noch zu bekämpfen, indem er aus der praktischen Wirklichkeit der Arbeiterbewegung verbannt wird. 5) Die Auswirkung des Sozialistengesetzes auf die deutsche Arbeiterbewegung wird in der bürgerlichen Literatur als eine doppelte beschrieben: einerseits habe sich die Theorie radikalisiert, andererseits aber — durch die erzwungene Beschränkung der Partei auf das Parlament — der „parlamentarische Charakter" der Sozialdemokratie erst voll ausgeformt 10°. Diese zunächst richtige Feststellung 95 Steinberg, a.a.O., S. 44. 96 Ebda, S. 48 f f ; vgl. Matthias, K a u t s k y un d der Kautskyanismus, a.a.O., S. 152 ff. 97 Steinberg, a.a.O., S. 60, 72 f f ; Matthias, K a u t s k y un d der Kautskyanismus, a.a.O., S. 154. 98 S. Wolfgang Abendroth, Aufstieg un d Krise der deutschen Sozialdemokratie. Das Problem der Zweckentfremdun g einer politischen Partei durch die Anpassungstendenz an vorgegebene Machtverhältnisse, F r a n k furt/M., 2. Aufl. 1969, S. 36 f.; un d neuerdings die Einleitung von Georg F ü l b e r t h zu: K a r l Kautsky, Der Weg zur Macht, F r a n k f u r t / M . 1972, S. VIII. 99 Matthias, K a u t s k y un d der Kautskyanismus, a.a.O., S. 154; vgl. Steinberg, a.a.O., S. 150. — Kritisch dazu: Gerd Irrlitz, Bemerkungen ü b e r die Einheit politischer und theoretischer Wesenszüge des Zentrismus in der deutschen Sozialdemokratie, in: BzG 8 (1966), S. 55 ff. 100 Vgl. G. A. Ritter, a.a.O., S. 12; Miller, Das Problem der Freiheit, a.a.O., S. 182; Steinberg, a.a.O., S. 65.

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wird von westdeutschen Historikern jedoch im weiteren als Ausgangspunkt f ü r die kontradiktorische Auseinanderlegung von Theorie und Praxis in der deutschen Sozialdemokratie benutzt. Nicht die ja nur scheinbare Durchsetzung des Marxismus, sondern die Intensivierung der parlamentarischen Praxis sei „entscheidend f ü r die weitere Entwicklung" geworden 1 0 1 . Ohne die Funktion der Parlamentstaktik im Gesamtkomplex der Entwicklung von Strategie und Taktik der Sozialdemokratie auch nur im Ansatz zu diskutieren, leitet Susanne Miller aus der Bejahung des Parlamentarismus ein prinzipielles „Auseinanderklaffen von theoretischen Bekenntnissen einerseits und praktischer Politik anderseits" ab 102 . Dieser unhistorischen Gegenüberstellung entspricht die Stilisierung von Reform und Revolution zu einander feindlichen Prinzipien, die schon als Erklärungsmodell in den Arbeiten der Conze-Schule begegnete. „Die praktische Tätigkeit der Sozialdemokratie war von Anfang an auf die Durchsetzung von Reformen gerichtet; in ihren Aussagen grundsätzlicher, programmatischer Art stehen das Prinzip der Revolution — mit all der Mehrdeutigkeit, die diesem Begriff eigen ist — und das der Reform nebeneinander 10S." Demgemäß wird auch das Erfurter Programm in zwei Teile aufgelöst, die „ohne innere Beziehung nebeneinander" stehen: „Das von den Beteiligten und ihren Zeitgenossen als revolutionär marxistisch empfundene Erfurter Programm fixiert also die reale Auseinanderbewegung von Theorie und Praxis 104." Während die marxistische Geschichtswissenschaft die innere Geschlossenheit des Programms nachgewiesen hat — ohne dabei die oben angedeuteten Grenzen bei der Aneignung des wissenschaftlichen Kommunismus durch die deutsche Arbeiterbewegung außer acht zu lassen 105 —, reduziert die bürgerliche Geschichtsschreibung die im ersten Teil formulierten Grundsätze und Ziele der sozialistischen Bewegung auf eine bloß deklamatorische Funktion und bescheinigt den im zweiten Teil gestellten tagespolitischen Forderungen, sie hätten dem „momentanen Stand der Reformbestrebungen der deutschen Arbeiterbewegung" entsprochen 108 . 101 Matthias, K a u t s ky un d der Kautskyanismus, a.a.O., S. 159. 102 Miller, Das Problem der Freiheit, a.a.O., S. 97; vgl. dagegen: Gustav Seeber, Wahlkämpfe, P a r l a m e n t s t a k t ik un d revolutionäre Politik. Zur Entwicklung der revolutionären P a r l a m e n t s t a k t ik in Deutschland in der zweiten H ä l f t e des 19. J a h r h u n d e r t s , in: Marxismus u n d deutsche Arbeiterbewegung, a.a.O., S. 219 ff. 103 Miller, Das Problem der Freiheit, a.a.O., S. 122. 104 Matthias, Kautsky un d der Kautskyanismus, a.a.O., S. 159 f., vgl. S. Miller, Das Problem der Freiheit, a.a.O., S. 205 ff. Karl-Ernst Moring, Die Sozialdemokratische Partei in Bremen 1890—1914. Reformismus u n d Radikalismus in der Sozialdemokratischen Partei Bremens, Hannover 1968, S. 17 f. 105 Vgl. z. B. Horst Bartel, Nachwort zu: K a r l Kautsky, Das E r f u r t e r Programm , Berlin 1965, S. 261 ff. 106 G. A. Ritter, a.a.O., S. 99.

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Aus der Zerlegung von Theorie und Praxis leiten bürgerliche Historiker zugleich die Berechtigung ab, die Ideologie der Sozialdemokratie weitgehend losgelöst von der parteipolitischen Praxis zu analysieren 107 , oder umgekehrt die Darstellung der praktisch-politischen Tätigkeit der Partei soweit zu verselbständigen, daß ihr die Theorie als ein lästiges, kaum noch der Untersuchung wertes Anhängsel erscheint 108 . Diese Polarität von ideengeschichtlicher und praxisorientierter Analyse zeigt sich in der Darstellung des „Kautskyanismus" und Revisionismus auf der einen und des Reformismus auf der anderen Seite. „Kautskyanismus" und Revisionismus Angesichts der beobachteten Diskrepanz zwischen radikaler Ideologie und reformerischer Praxis muß sich die bürgerliche Geschichtsschreibung notwendig die Frage stellen, wieso es der Sozialdemokratie nicht möglich war, sich von einer Theorie loszusagen, die doch nach bürgerlicher Interpretation in der von Kautsky popularisierten Form ohnehin zur scheinradikalen Phraseologie verkommen war. Als erster westdeutscher Historiker hat Erich Matthias diese Frage in systematischem Zusammenhang zu beantworten versucht. Seine Thesen zählen auch heute noch — nur geringfügig modifiziert 109 — zum Kernbestand der westdeutschen Geschichtsschreibung zur Ar107 Vgl. typisch d a f ü r : Matthias, K a u t s ky un d der Kautskyanismus, a.a.O.; Miller, Das Problem der Freiheit, a.a.O.; Steinberg, a.a.O. (verfolgt eine „geistes- un d dogmengeschichtliche Zielsetzung", 9). 108 Vgl. vor allem: G. A. Ritter, a.a.O. Eine A u s n a h m e macht: Hans Georg Lehmann, Die A g r a r f r a g e in der Theorie und Praxis der deutschen und internationalen Sozialdemokratie. Vom Marxismus zum Revisionismus un d Bolschewismus, Tübingen 1970. L e h m a n n problematisiert das Verhältnis von Theorie un d Praxis, indem er a n h a nd konkreter Beispiele zu zeigen versucht, „wie sich die Agrartheorie zur Agrarpraxis verhalte n hat un d u m g e k e h r t" (XIV). Diesen Anspruch vermag er allerdings n u r unvollkommen einzulösen, da er seine Sympathien ganz der reformistischen Agrarpolitik zuwendet, w i e sie vor allem von Vollmar un d Grillenberger in Bayern betrieben w u r d e (S. 64 ff.). Daher spitzt sich schließlich f ü r ihn das „Dilemma von Agrartheorie und -praxis" auf die „Alternative" zu, „entweder die alte Theorie oder eine b a u e r n f r e u n d liche P r a x i s zu w ä h l e n " (S. 269 f.). Vgl. kritisch zu L e h m a n n: Fritz Zimm e r m a n n , in: BzG 13 (1971), S. 506 f.; Georg Fülberth, in: Das Argument H. 63 (1971), S. 161 ff. 109 Steinbergs „Kritik einer These" (a.a.O., S. 75 ff.) richtet sich allein gegen die Titulierung der offiziellen Parteideologie als „Kautskyanismus", da Kautsky s Auffassungen in einigen Punkten, zumindest temporär, von der offiziellen Parteiauffassun g abgewichen seien. Den mit „Kautskyanismus" bezeichneten eigentlichen Sachverhalt, nämlich seine Wirkung als Integrationsideologie, stellt er jedoch nicht in Frage (a.a.O., S. 74). Peter Lösche, Arbeiterbewegung un d Wilhelminismus, in: GWU 20 (1969), S. 523, schlägt statt „Kautskyanismus" den Begriff „zentristische Integrationsideologie" vor. — Vgl. zum folgenden: Matthias, Kautsky und der Kautskyanismus, a.a.O., (die Seitenangaben sind in K l a m m e r n angegeben).

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beiterbewegung. Matthias bestimmte den zur undialektischen Entwicklungslehre geronnenen „denaturierten Marxismus" Kautskyscher Prägung als „Integrationsideologie", deren Aufgabe gewesen sei, „die verschiedenen Strömungen der sich sozial und politisch immer mehr differenzierenden Sozialdemokratie im Rahmen einer einheitlichen Organisation zu integrieren" (165). Sie habe erlaubt, eine reformistische Politik zu betreiben und gleichzeitig die „Fiktion des revolutionären Charakters der Sozialdemokratie" aufrechtzuerhalten (165), auf der das „irreale Selbstbewußtsein der Mehrheit der Parteimitglieder und Funktionäre" (175) beruhte. Matthias weist ihr also eine Verblendungs- und Verschleierungsfunktion zu. Um das „echte Distanzierungsbedürfnis" (176) der Mitglieder gegenüber dem bürgerlichen Staat zu befriedigen und ihren auf den Ausbau der Organisation fixierten Elan zu konservieren, hätte man ihnen weiter die Erwartung des revolutionären „Endziels" vorspiegeln müssen, an das man selbst nicht mehr recht glaubte. Nur weil Bernstein darauf keine Rücksicht nehmen wollte, habe sich Kautsky gegen ihn wenden müssen (171). Denn im Grunde ist der „Kautskyanismus" „Krypto-Revisionismus" (168); sein „verdeckter revisionistischer Kern" entspricht dem „verschleierten Reformismus der Parteipraxis" (176). Der „Kautskyanismus" hat nach Matthias die ideologische Basis f ü r den Zusammenhalt der Partei bis 1914 abgegeben. Seine „klassische Rolle als Ideologie des ,Zentrismus'" habe ihm ermöglicht, eine „Schiedsrichterstellung zwischen den beiden Außenflügeln" der Partei einzunehmen und diese immer wieder an die Organisation zu binden (179). Diese Einschätzung des „Zentrismus" als neutrale Schiedsrichterinstanz wird freilich durch die Entwicklung der deutschen Arbeiterbewegung vor 1914 selbst widerlegt, die ein schrittweises Zurückweichen des marxistischen Parteizentrums vor den revisionistischen Kräften vor allem in den Gewerkschaften zeigt. Gerade die Zwischenposition des „Zentrismus", die sich seit der Massenstreikdebatte 1905/06 zunächst in der Praxis, seit 1910 auch in der Theorie der Parteispitze herauszukristallisieren b e g a n n n o , hat, wie es scheint, das Vordringen des Revisionismus wesentlich begünstigt und auf der anderen Seite die Orientierung der Arbeiter auf eine revolutionäre Klassenpolitik erschwert. Diesem Umstand ist es wohl auch zuzuschreiben, daß sich die bürgerliche Kritik am „Kautskyanismus" nicht an der ihm zugeschriebenen Funktion als innerparteiliches Manipulations- und Integrationsinstrument entzündet, sondern vielmehr daran, daß er den reformistischen und friedfertigen Charakter der Sozialdemokratie nach außen zu sehr verschleiert und dadurch das Hineinwachsen der Arbeiterbewegung in den bürgerlichen Staat erschwert habe 1108 . 110 Vgl. zum Problem des Zentrismus: GdA, Bd. 2, S. 109, S. 153 ff. 110 a Vgl. Conze/Groh, Die Arbeiterbewegung in der nationalen Bewegung, a.a.O., S. 82; Steinberg, a.a.O., S. 149. Kritisch dazu: Fülberth, Einleitung zu Kautsky, Der Weg zur Macht, a.a.O., S. VII f.

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Gegenüber dem „Kautskyanismus" zeichnet sich der Revisionismus nach bürgerlichem Urteil durch den Versuch aus, die „Kluft zwischen der sozialreformerischen parlamentarischen Praxis der Partei und der sich radikal gebenden marxistischen' Theorie" zu schließen m . Versteckt oder offen bringen westdeutsche Historiker ihre Sympathien f ü r Bernstein zum Ausdruck, dessen Ansatz als „berechtigt" anerkannt wird, „zwar nicht als Kritik an Marx, wohl aber als Vorstoß gegen die offizielle Parteiideologie, gegen das in die Massen gedrungene Schlagwort vom naturnotwendigen Zusammenbruch" 112. Allerdings wird ihm der Vorwurf nicht erspart, mit seiner Initiative die Sozialdemokratie „überfordert" zu haben, da „die verfestigten theoretischen Vorstellungen der Partei nur behutsam und allmählich aufgeweicht werden konnten" 113. Mit diesem an der pragmatischen Position der reformistischen Praktiker in der Partei orientierten Hinweis liefert Hans-Josef Steinberg nachträglich das Rezept, wie die in die Sozialdemokratie „eingedrungenen" marxistischen Vorstellungen wieder hätten hinausbefördert werden sollen. Wenn es als Grundthema der Bernsteinschen Kritik bezeichnet worden ist, „zu beweisen, daß zwischen dem Marxismus und der Arbeiterbewegung kein notwendiges Verhältnis besteht" 114, so wird damit zugleich ausgesprochen, worin ihre eigentliche Verwertbarkeit f ü r die Zwecke der bürgerlichen Geschichtsschreibung liegt. An Bernstein knüpfen alle Versuche an, die dem Marxismus — oder das, was dafür gehalten wurde — lediglich eine Episodenrolle in der deutschen Arbeiterbewegung zuerkennen wollen. Bernsteins bekannte Forderung, die Sozialdemokratie solle sich zu dem bekennen, „was sie heute in Wirklichkeit ist: eine demokratisch-sozialistische Reformpartei" 115, wird zur wissenschaftlichen Maxime einer sozialdemokratisch inspirierten Geschichtsschreibung der Arbeiterbewegung erhoben, die auf Godesberg als den Höhepunkt in der Entwicklung der Partei fixiert ist 116 . Dem entspricht, wenn in den jüngsten Arbeiten zur Ideologiegeschichte der Sozialdemokratie verstärkt der Versuch unternommen wird, den Revisionismus auf die 111 Steinberg, a.a.O., S. 92; vgl. G. A. Ritter, a.a.O., S. 200; Christian Gneuss, Um den Einklang von Theorie u n d Praxis. Eduard Bernstein und der Revisionismus, in: Marxismus-Studien, 2. Folge, a.a.O., S. 199. 112 Steinberg, a.a.O., S. 105. 113 Ebda., S. 106. 114 Lucio Coletti, Bernstein un d der Marxismus der Zweiten I n t e r nationale, F r a n k f u r t / M . 1971, S. 12. 115 E d u a r d Bernstein, Die Voraussetzungen des Sozialismus un d die Aufgaben der Sozialdemokratie (1. Aufl. 1899), Reinbek bei Hambur g 1969, S. 196. 116 Vgl. Miller, Das Problem der Freiheit, a.a.O., S. 298: Mit Godesberg h a t sich die SPD „zu dem bekannt, was sie in Wahrheit immer schon w a r : eine demokratische, soziale Reformpartei, die in Konkurrenz oder in Zusammenarbeit mit anderen Parteien Staat un d Gesellschaft gestalten will".

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„Tradition des ethischen Sozialismus" in Deutschland zurückzuführen 117 und diese zur Grundlage einer ideengeschichtlichen Kontinuität in der deutschen Sozialdemokratie zu erklären, die als „demokratischer Sozialismus" firmiert: „Die Perspektiven, die Bernstein eröffnet hat, führen bis zum demokratischen Sozialismus, wie ihn die heutige Sozialdemokratie vertritt" 118. Zu welchen Resultaten solche ideengeschichtlichen Projektionen führen können, zeigt am anschaulichsten die Untersuchung von Hans-Christoph Schröder „Sozialismus und Imperialismus", die aus der Topik sozialdemokratischer Kolonialkritik vor 1914 „verschiedene Ausgangspunkte der Marxschen und der sozialdemokratischen Betrachtungsweise" ableitet 119. Der Sozialismus verwandelt sich hier zu einer „umfassenden Humanitätsidee", die, „den Klassen- und Interessenstandpunkt des Industrieproletariats jedenfalls grundsätzlich transzendierend, Freiheit, Recht und Menschenwürde . . . zu universalen Forderungen" erhebt 1 2 0 . Reformismus: Die Hypostasierung der Praxis Die konzeptionellen Leitlinien der bürgerlichen Interpretation des Reformismus in der deutschen Sozialdemokratie seit 1890 hat Gerhard A. Ritter in seiner Studie „Die Arbeiterbewegung im Wilhelminischen Reich" (1959) e n t w i c k e l t m . „Kernfrage" seiner Arbeit ist „das Problem der Integration der Arbeiterschaft in Staat und Gesellschaft" (12). In einer Querschnitt-Analyse möchte sie „einen Eindruck von der Breite der Arbeiterbewegung und der Art ihrer Verwurzelung in die Gesellschaft ihrer Zeit" vermitteln (Vorwort). Mit diesem methodischen Ansatz gibt Ritter bereits seine Ein117 Vgl. Steinberg, a.a.O., S. 96 ff. Dagegen mit antireformistischem Akzent: Hans J ö r g Sandkühler, Kant, neukantianischer Sozialismus, in: Marxismus un d Ethik. Texte zum Neukantianismus, F r a n k f u r t / M . 1970, S. 7 ff. — Vorwiegend ideengeschichtlich orientiert ist auch die U n t e r suchung des schwedischen Historikers Bo Gustafsson, Marxismus und Revisionismus. E d u a r d Bernsteins Kritik des Marxismus un d ihre ideengeschichtlichen Voraussetzungen, F r a n k f u r t / M . 1972, die die Herausbildung des deutschen Revisionismus als Teil eines allgemeinen Trends in der europäischen Arbeiterbewegung beschreibt. 118 Steinberg, S. 96. Kritisch stellt P e t er Lösche in: IWK, H. 7 (1968), S. 114, dazu fest: „Gerade die Theorie- und Geschichtslosigkeit ist offensichtlich zum Prinzip jener politischen Position geworden, die heute als demokratischer Sozialismus firmiert. Bernstein f ü r diese Politik in A n spruch zu nehmen, bedeutet wohl eine Vergewaltigung dieses Revisionisten." Vgl. zu Steinberg auch: Karlheinz Geyer in: BzG 11 (1969), S. 710 ff. 119 Hans-Christoph Schröder, Sozialismus und Imperialismus. Die Auseinandersetzung der deutschen Sozialdemokratie mit dem Imperialismusproblem u n d der „Weltpolitik" vor 1914, Teil I, Hannover 1968, S. 160. 120 Ebda., S. 159. 121 G. A. Ritter, a.a.O., (die folgenden Seitenangaben sind in K l a m m e r n angegeben).

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Stellung zu seinem Untersuchungsobjekt zu erkennen. Die Arbeiterbewegung ist f ü r ihn keine den Rahmen der bürgerlichen Ordnung sprengende Klassenbewegung, sondern „eine Kräftegruppierung unter anderen", der in der Praxis „kein anderer Weg übriggeblieben" sei „als eine endgültige Einordnung in das Gefüge der wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse" (149). Ritter stellt daher auch nicht die Frage, welche konkreten Schritte die deutsche Arbeiterklasse zur Veränderung der Machtverhältnisse entsprechend den objektiven Anforderungen der neuen imperialistischen Epoche unternommen hat; ihn interessiert vielmehr die „in Tausenden von Einzelerscheinungen zu beobachtende Einbeziehung der Arbeiter in immer neue Bereiche der praktischen Wirkungsmöglichkeit" (187). Dabei abstrahiert er völlig von dem Klassencharakter des reaktionären junkerlich-preußischen Staates, der den legalen Aktionsmöglichkeiten der Arbeiterbewegung von vornherein enge Grenzen setzte. Die Klassengegensätze werden zu „Reibungsflächen der Partei mit der bürgerlichen Gesellschaft" (106) verharmlost, die sich zudem, wie Ritter nachweisen zu können glaubt, in den 90er Jahren bereits soweit abgeschliffen hatten, „daß sich die Welt der Arbeiter schließlich kaum noch von der bürgerlichen Umwelt abhob" (150). Dreh- und Angelpunkt des Ritterschen Versuchs, die Arbeiterbewegung zu einer harmlosen Integrationsbewegung zu entpolitisieren, ist seine Darstellung des Verhältnisses von Partei und Gewerkschaften. Die Art, wie er hier die Akzente setzt, Licht und Schatten verteilt, kennzeichnet seine Intentionen. Die sozialdemokratische Parteiführung, so erklärt er, versagte nach 1890 gegenüber der „Anforderung einer elastischen Anpassung der Parteitaktik an die Probleme der Zeit" (176). Sie verfiel einem Immobilismus, der seine Ursachen in der „doktrinären Erstarrung der traditionellen Parteianschauungen" hatte (176). Die entscheidenden Impulse zur „Neubelebung der verödeten politischen Arbeiterbewegung" gingen nicht vom Zentrum der Partei, sondern von den sozialdemokratischen Landtagsfraktionen in den süddeutschen Staaten aus, deren „weitverzweigte Reformarbeit . . . sich bewußt in den Rahmen der bestehenden Staatsordnung einfügte" (128). Ritters Kritik an der SPD-Führung orientiert sich deutlich am Leitbild einer klassenindifferenten „Volkspartei", die er ansatzweise in den süddeutschen Landesverbänden, vor allem in der bayerischen Sozialdemokratie, realisiert sieht (129). Demgegenüber ist das Bild, das Ritter von der Entwicklung der Gewerkschaftsbewegung zeichnet, durch Affirmation bestimmt. Als entscheidend f ü r den Aufschwung der deutschen Arbeiterbewegung in den 90er Jahren vermerkt er die Tatsache, daß sich die Gewerkschaften von der „Bevormundung durch die Sozialdemokratie" (115) zu befreien und die „in theoretischen Spiegelfechtereien erstarrende Partei in der Führung des praktischen Emanzipationskampfes weitgehend abzulösen" vermochten (127). In dem „Prozeß der Einordnung und Anpassung" (149) weist ihnen Ritter die Schrittmacherrolle zu.

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Indem Ritter die „Verschiebung des Schwergewichts der deutschen Arbeiterbewegung auf den wirtschaftlichen Kampf der Gewerkschaften" (171) unkritisch zum Maßstab seines Urteils setzt, bezieht er die Position der reformistischen Kräfte in der deutschen Arbeiterbewegung, deren politisches Credo sich in der erfolgreichen Verwaltung der Tagesaufgaben erschöpfte. Der Hypostasierung der praktischen Gegenwartsarbeit zum einzigen Inhalt und Ziel der proletarischen Klassenbewegung entspricht die Deklassierung der innerparteilichen Theoriediskussion als ein den Integrationsprozeß bloß „kommentierendes und bremsendes" Moment (12). Ihre Randbedeutung wird noch dadurch unterstrichen, daß sie von der sich „nach eigenen Gesetzen entwickelnden Ausdehnung der praktischen Wirksamkeit der Partei" (131) abgetrennt wird. Ritter konstatiert als ein erfreuliches Phänomen das „allmähliche Heraustreten der Sozialdemokratie aus dem Turm der überlieferten Parteianschauungen" (176). Bis 1900 habe sich die Partei „im wesentlichen zu einer praktischen Arbeiterpartei mit einigen nicht mehr ernst genommenen revolutionären Phrasen ,durchgemausert'" (187). Da Ritter diesen Transformationsprozeß als „unvermeidliches Schicksal der Partei" ausgibt (208), braucht er die Frage nach seinen gesamtgesellschaftlich vermittelten Voraussetzungen nicht einmal anzuschneiden 122. Dieses Bild einer „praktischen Arbeiterpartei", die ihre Theorie nur noch als einen zunehmend funktionsloser werdenden Ballast mit sich herumschleppt, ist als Stereotype in die westdeutsche Geschichtsschreibung zur Arbeiterbewegung eingegangen. Hans-Josef Steinberg hat, darauf aufbauend, die Geschichte der deutschen Sozialdemokratie zwischen 1890 und 1914 zu einer „Geschichte der Emanzipation von der Theorie überhaupt" erklärt 1 2 3 . Symptomatisch erscheint in diesem Zusammenhang, welche Richtung bürgerliche Historiker dem Begriff der „Emanzipation" geben. Zielt er nach Marx und Engels auf die Aufhebung der gesellschaftlichen Bedingungen der Klassenspaltung durch den revolutionären Kampf der Arbeiterklasse, so meint er im Verständnis bürgerlicher Historiker 122 Vgl. dazu jetzt: Georg Fülberth, Zur Genese des Revisionismus in der deutschen Sozialdemokratie vor 1914, in: Das Argument, H. 63 (1971), S. 1 ff. Fülberth korrigiert Robert Michels' Bürokratie-These: „Die Bürokrati e der SPD w a r keine Voraussetzung ihres Rechtskurses, sondern w u r d e erst etabliert, nachdem dieser sich in der Praxis durchgesetzt h a t t e " (S. 19). — Die westdeutsche Geschichtswissenschaft hat sich bislang mit dem Hinweis auf die „dem Bürokratiekomplex innewohnende Vielschichtigkeit" begnügt, „durch die einer rein historischen Problemdurchdringung enge Grenzen gezogen sind" (Henryk Skrzypczak, G r u n d f r a g e n der Geschichte der Arbeiterbewegung im Wilhelminischen Reich, in: „Grundriß der Geschichte der Arbeiterbewegung". Kritik einer Legende, in: Jahrbuc h f ü r die Geschichte Mittel- und Ostdeutschlands 13/14 (1965), S. 303. 123 Steinberg, a.a.O., S. 124. An anderer Stelle (S. 146) spricht Steinberg von einem „Nebeneinander von Theorie und Arbeiterbewegung".

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das genaue Gegenteil: „das Heraustrete n der Arbeiter aus dem R a h m e n d e r eigenen Vorurteil e auf i m m e r n e u e Gebiete der p r a k t i s c h e n W i r k s a m k e i t " 124 , d i e B e f r e i u n g v o n e i n e m „ f a l s c h e n B e w u ß t s e i n auf s e i t e n d e r A r b e i t e r b e w e g u n g , d a s e i n e t h e o r e t i s c h e A n e r k e n n u n g d e r w e i t g e h e n d e r f o l g t e n I n t e g r a t i o n n i c h t z u l i e ß " 125 . Die E r k e n n t n i s des Klassencharakters der bürgerlichen Gesellschaft u n d d e r N o t w e n d i g k e i t i h r e r B e s e i t i g u n g w i r d so z u e i n e m „ V o r u r t e i l " , z u e i n e m „ f a l s c h e n B e w u ß t s e i n " u m g e d e u t e t . D a s „richtige B e w u ß t s e i n " m a n i f e s t i e r t sich o f f e n b a r n a c h A n s i c h t b ü r g e r l i c h e r Historiker in der vorbehaltlosen A n e r k e n n u n g der Integration der Arbeiterklasse in den bürgerlichen Klassenstaat. Emanzipation — a l s L o s l ö s u n g „ v o m M a r x i s m u s d e s E r f u r t e r P r o g r a m m s " 126 — u n d I n t e g r a t i o n — als n o t w e n d i g e E i n o r d n u n g in das bürgerlich-kapi t a l i s t i s c h e H e r r s c h a f t s s y s t e m — w e r d e n z u s a m m e n g e k o p p e l t . Si e bilden das Grundschema der bürgerlichen Darstellungen zur Geschichte d e r A r b e i t e r b e w e g u n g v o r 1914. Exkurs Die Praktiker, die Linken und die Massen Entsprechend dem vorgegebenen Interpretationsmuster , die Theorie gegenüber der P r a x i s abzuwerten, richtet sich das biographische Interesse bürgerlicher Historiker vorzugsweise auf die reformistischen P r a k t i k e r in P a r t e i u n d Gewerkschaften, die A b k e hr von der Theorie sich a u sschließlich auf die „Verfolgung praktischer, den Umständen angepaßter Arbeiterpolitik" beschränkten 1 2 7 . Ob P a r t e i f ü h r e r wie Vollmar oder Auer, später Scheidemann, Ebert, Severing, Keil, Noske, oder Gewerks c h a f t s f ü h r er wie Legien oder Leipart — sie alle repräsentieren nach Ritter den „in den 90er J a h r e n emporkommenden Typus des deutschen Arbeiterführers, der . . . im Gegensatz zur älteren Generation der Arbeit e r f ü h r e r in erster Linie nicht m e h r ein Agitator der theoretischen Grundsätze des Sozialismus, sondern ein sachkundiger Reformpolitiker ist" 128. Dieser neue Typus des P r a k t i k e r s zeichnet sich in bürgerlichen D a r stellungen durch einen ganzen Katalog von positiven Eigenschaften aus. Seine hervorstechendste ist sein „Wirklichkeitssinn" 129 , der ihn jederzeit 124 G. A. Ritter, a.a.O., S. 166. 125 Groh, H u n d e r t J a h r e deutsche Arbeiterbewegung?, a.a.O., S. 361. 126 So Lehmann, a.a.O., S. 258. Vgl. auch: Ursula Ratz, Von der Opposition zur staatlichen Mitverantwortung, in: N P L 14 (1969), S. 517 („Emanzipation der Arbeiterbewegung vom Sozialismus im marxistischen V e r ständnis"). 127 Steinberg, a.a.O., S. 125. Steinberg f ü h r t zusätzlich zu Revisionism u s u n d Reformismus noch den Begriff „Praktizismus" ein, den er im Anschluß an einen Artikel von P a r v u s (Neue Zeit, 19,2, 1900/01, S. 679 ff.) a m reinsten in der Person un d Wirksamkeit von Ignaz Auer im Parteivorstand verkörper t sieht (S. 111 ff.). Indessen ist dieser „Praktizismus" n u r eine besondere Variante des Reformismus, die durch eine „auf die Spitze getriebene Ideologie-Feindlichkeit" (S. 124) gekennzeichnet ist. 128 G. A. Ritter, a.a.O., S. 227. 129 So z. B. Reinhard Jansen, Georg von Vollmar. Eine politische Biographie, Düsseldorf 1958, S. 124.

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zu einer „nüchternen Einschätzung der Möglichkeit der Entwicklung der Arbeiterbewegung" wo gelangen läßt. Dieser Charakterisierung liegt ein „realpolitisch" verengter Praxis-Begriff zugrunde. Er beinhaltet im V e r ständnis bürgerlicher Historiker die bewußte Preisgabe des revolution ä r e n Klassenstandpunkts u n d die Bereitschaft zum A r r a n g e m e n t mit der herrschenden Klasse. Beifällig kommentieren sie i m m e r wieder den pragmatischen Ansatz der Praktiker, der sich in dem B e m ü h e n d o k u mentiert, „die Theorie als das Sekundäre, Unwesentliche in den H i n t e r g r u n d zu drängen " 131 . Theorieindifferenz wird zur Tugend umstilisiert: „Die ideologisch unbefrachteten Reformpolitiker h a t t e n wenig Sinn f ü r theoretische Auseinandersetzungen un d dogmatische H a a r s p a l t e reien 182." Revolutionäre Prinzipientreue w i r d dagegen als „Doktrinarism u s " u n d „Gesinnungstüchtigkeit" v e r u n g l i m p f t ; sie scheint mit Sachk u n d e u n v e r e i n b ar zu sein «8. Als sympathischer Wesenszug des P r a k tikers wird schließlich auch seine „Skepsis gegenüber dem Internationalismus" 134 gerühmt. Idealtypisch v e r k ö r p e r n sich alle diese Eigenschaften nach Auffassung westdeutscher Historiker in Friedrich Ebert, der sich d a h e r auch ihrer besonderen Wertschätzung e r f r e u t 1 3 5 . Aber auch revolutionäre Arbeit e r f ü h r e r wie August Bebel versuchen sie zu vereinnahmen, indem sie diesen darauf beschränken wollen, „lediglich P r a k t i k e r und Organisator" seiner Partei gewesen zu sein 136 . Gegenüber den P r a k t i k e r n in P a r t e i un d Gewerkschaften erscheinen die Linken, die sich 1905/06 im Z u s a m m e n h a n g mit der russischen Revolution un d der Massenstreik-Diskussion als politisch-ideologische Strömung in der deutschen Sozialdemokratie herauszubilden begannen 137, als ein trauriges Häuflein theoretisierender Intellektueller, die — gemessen an der praktischen Politik — „schon weit vor dem Kriege a u ß e r h a l b der SPD" gestanden h a b e n sollen 138 . In der Beurteilung der Rolle der Linken in der Sozialdemokratie bedient sich die bürgerliche Geschichtsschreibung mit Vorliebe der polemischen Argumente, die schon im 130 Steinberg, a.a.O., S. 115. 131 Ebda., S. 117. 132 Schröder, a.a.O., S. 188 f. 133 Ebda., S. 189. 134 Steinberg, a.a.O., S. 112. 135 Vgl. Kotowski, Friedrich Ebert, a.a.O.; Waldemar Besson, F r i e d rich Ebert. Verdienst und Grenze, Göttingen 1963; Helga Grebing, Friedrich Ebert. Kritische Gedanken zur historischen Einordnung eines deutschen Sozialisten, in: aus politik un d Zeitgeschichte, B 5/1971 v. 30. J a n u a r 1971. Grebing charakterisiert Ebert „als typischen Repräsentanten der deutschen Arbeiterbewegung seiner Zeit" (S. 5); Peter-Christian Witt, Friedrich Ebert — P a r t e i f ü h r e r , Reichskanzler, Volksbeauftragter, Reichspräsident, mit einem Geleitwort von Gustav Heinemann, Bonn 1971. 136 Ernst Schraepler, August Bebel. Sozialdemokrat im Kaiserreich, G ö t t i n g e n - F r a n k f u r t - Z ü r i c h 1966, S. 87. — Vgl. dazu: Dieter Malik, Zur Bebelverfälschung in Westdeutschland, in: BzG 11 (1969), S. 675 ff. 137 S. dazu: Annelies Laschitza/Horst Schumacher: Thesen über die Herausbildung un d Entwicklung der deutschen Linken von der J a h r h u n d e r t w e n d e bis zur G r ü n d u n g der Kommunistischen P a r t e i Deutschlands (Spartakusbund), in: BzG 7 (1965), S. 23 ff. 138 So Gerd Schwieger, Zwischen Obstruktion u n d Kooperation. E d u a r d David u n d die SPD im Kriege, Phil. Diss. Kiel 1970, S. 13.

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innerparteilichen Richtungsstreit vor 1914 gegen die Linken vorgetragen w u r d e n . I h r e problemlose Adaption bezeugt die Parteilichkeit des historischen Urteils: I m Konzept der praktischen, anpassungswilligen Reformpartei h a b e n nach bürgerlicher Anschauung Manifestationen eines revolutionären Bewußtseins keinen Platz. Sie n e h m e n sich als Störfaktoren aus, die es e n t w e d e r ganz zu eliminieren oder als abnorm e Abweichung von der Regel zu charakterisieren gilt. Das beliebteste Mittel ist, den Radikalism u s in der deutschen Arbeiterbewegung, der sich vor 1914 wiederholt in der revolutionären K a m p f b e r e i t s c h a ft von Teilen der Arbeiterklasse in einigen Industriezentren zeigte, auf einzelne sozialistische Intellektuelle einzugrenzen un d existentielle Nöte u n d Persönlichkeitsneurosen als Ursachen zu benennen. Als „bewegende T r i e b k r a f t des e x t r e m e n Sonderverhaltens" der Linken entdeckt H e n r y k Skrzypczak, der die G r u n d züge einer linken „Gruppenbiographie" skizziert hat, „eine enttäuschend vulgär a n m u t e n d e .existentielle' Ungeduld". Sie sei „zum emotionalen Ausgangspunkt schwerwiegender Fehle r schon der taktischen G r u n d konzeption der deutschen Linken geworden" 1 3 ! ) . F ü r Ursula Ratz gilt es als ausgemacht, daß Georg Ledebours vielbeklagte „Intransigenz" n u r aus einem „negativen Vergangenheitserlebnis", aus der Enttäuschung des einstmals gemäßigten Sozialreformers über die soziale Indifferenz des B ü r g e r t u m s h e r r ü h r e n könne 1 4 0 . Durchgehend psychologisierend ver f ä h r t die bürgerliche Geschichtsschreibung auch bei der Darstellung Rosa Luxemburgs, mit der die linke Strömung in der Vorkriegssozialdemokratie personifiziert wird. Ihre Biographie wird in zwei Persönlichkeitsbilder aufgespalten: in das private einer „mütterlich w a r m e n F r a u und hingebungsvollen Freundin", die durch ihre „tiefe stille N a t u r - und Menschenliebe" beeindruckt 1 4 1 , und das politische einer „die Massen selbstvergessen hinreißenden Agitatorin", deren politisches Verhalten durch „Leidenschaft" diktiert wird, die „verliebt in den .Hammerschlag der Revolution'" u n d „den Reizen der ,Barrikade' lustvoll ergeben" ist 1 4 2 . Mit diesen libidinös besetzten Termini soll offensichtlich evoziert werden, daß Rosa L u x e m b u r g s revolutionäre Agitation lediglich als Ersatzbefriedigung f ü r u n e r f ü l l t e private Liebesbedürfnisse zu betrachten sei. Die Massenstreikdiskussion von 1910 bildet in der westdeutschen Geschichtsschreibung den Ausgangspunkt einer Diffamierungskampagn e gegen die revolutionäre Linke, die über die Zeit des ersten Weltkriegs f o r t g e f ü h r t wird und in den Darstellungen zur Revolution 1918/19 kulminiert. Ohne n ä h e r auf den Inhalt von Rosa L u x e m b u r g s MassenstreikForderun g einzugehen, behauptet z. B. Skrzypczak, daß sich in ihr die A b d a n k u n g des „Primats des Bewußtseins zugunsten der Spekulation 139 H. Skrzypcak, G r u n d f r a g e n der Geschichte der Arbeiterbewegung im Wilhelminischen Reich, a.a.O., S. 306. 140 U. Ratz, Georg Ledebour, a.a.O., S. 55. 141 G. A. Ritter, a.a.O., S. 206, Anm. 179; zur privatistischen RosaDeutung vgl. auch: Helmut Hirsch, Rosa L u x e m b u rg in Selbstzeugnissen u n d Bilddokumenten, Reinbek bei H a m b u r g 1969 (Rez, Georg Fülberth, in: Das Argument, H. 63, 1971, S. 159 f.). — Auf die politischen Hinterg r ü n d e der Rosa-Luxemburg-Renaissance k a n n hier nicht n ä h e r eingegangen werden. Vgl. dazu: Kritik der bürgerlichen Geschichtsschreibung, a.a.O., S. 377 ff.; Günter Radzun, Einige Bemerkungen zum Rosa-Luxemburg-Bild von J o h n P e t er Nettl, in: BzG 11 (1969), S. 49 ff. 142 H. Skrzypcak, a.a.O., S. 306.

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auf die revolutionäre Potenz der unorganisierten Masse" vollzogen h a b e 1 4 3 . Zu dem Vorwurf der „Realitätsfremdheit" gesellt sich der des „Wortradikalismus", der die Linken zu einer „destruktiven Rolle" in der deutschen Arbeiterbewegung verurteilt h a b e 1 4 4 . In der Diabolisier u n g der L i n k e n vor dem Ersten Weltkrieg geht Georg Kotowski a m weitesten. E r w i r f t ihnen vor, sie h ä t t en durch ihre Agitation „die gesamte Existenz der Arbeiterorganisationen aufs Spiel" setzen u n d es auf den „Bürgerkrieg" a n k o m m en lassen wollen 1 4 5 . Mit der Verdächtigung der Massenstreikforderung als Putschismus und Anarchismus sind w e sentliche ideologische Muster vorgeprägt, mit denen westdeutsche Historiker an die Bewertung der Rolle der Linken in der Novemberrevolution h e r a n g e h en Folgt m a n der Interpretatio n der bürgerlichen Geschichtsschreibung, so w a r die Linke in der Sozialdemokratie eine sektiererische Gruppe, f ü r deren Ideen kein „echter Resonanzboden" in der deutschen Arbeiterschaft gegeben w a r i « . Demgegenüber w i r d den reformistischen P r a k t i k e r n in der P a r t e i bescheinigt, daß sie „in Übereinstimmung mit den Massen" gehandelt h ä t t e n >48. Die pauschale Reklamation der Massen als Träger reformistischer Tendenzen in der Arbeiterbewegung wird durch verschiedene Axiome abgestützt. Dazu zählt als erstes die Feststellung Hans-Josef Steinbergs, „daß das Gros der sozialistischen Arbeiterschaft der Theorie des Sozialismus absolut f e r n s t a n d " 1 4 8 . Steinberg versucht diese B e h a u p t u n g zu belegen, indem er anhand einiger Bibliotheksberichte von P a r t e i und Gewerkschaften die Lesegewohnheiten der organisierten Arbeiterschaft vor 1914 zu rekonstruieren versucht. Aus dem geringen Interesse f ü r die wissenschaftliche Parteiliteratur schließt er auf die Vergeblichkeit des Versuchs, den Arbeiterleser an den wissenschaftlichen Sozialismus h e r a n z u f ü h r e n . Er übersieht dabei u n t e r anderem, welche große Bedeutung die sozialdemokratische Presse f ü r die politischideologische Bewußtseinsbildung des Proletariats besaß. In seinem Diktum, die deutsche Arbeiterschaft sei durch die marxistischen Theoretiker prinzipiell „überfordert" gewesen 150 , scheinen sein bildungsbürgerliches Vorurteil un d seine eigene A b w e h r h a l t u n g gegenüber dem wissenschaftlichen Werk von M a r x un d Engels eine enge Verbindung einzugehen. 143 Ebda., S. 309. 144 Ebda., S. 310. 145 Kotowski, Friedrich Ebert, a.a.O., S. 199, 202. 146 Vgl. z. B. E b e r h a rd Kolb, Die A r b e i t e r r ä te in der deutschen I n nenpolitik 1918—1919, Düsseldorf 1962; P. Lösche, Der Bolschewismus im Urteil der deutschen Sozialdemokratie, a.a.O. 147 G. A. Ritter, a.a.O., S. 208; vgl. Steinberg, a.a.O., S. 146. 148 Steinberg, a.a.O., S. 124. 149 Ebda., S. 141; vgl. Lösche, Arbeiterbewegung und Wilhelminismus, a.a.O., S. 528. 150 Steinberg, a.a.O., S. 141. — Neuerdings: Dieter Groh, Negative Integration und revolutionärer Attentismus. Die Sozialdemokratie im Kaiserreich, in: IWK, Heft 15 (1972), S. 1 ff. Grohs Aufsatz — programmatischer Teil seiner demnächst erscheinenden Habilitationsschrift über die Sozialdemokratie am Vorabend des Ersten Weltkriegs (1909—1914) — zeichnet sich aus durch den angestrengten Versuch, die traditionellen Versatzstücke der westdeutschen Geschichtsschreibung zur Arbeiterbewegung vermittels eines scheinprogressiven Vokabulars modern aufzupolieren.

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Die negative Voreingenommenheit gegenüber der Arbeiterklasse, die in d e m Verdikt der Theoriefeindlichkeit zum Ausdruck kommt, m a n i f e stiert sich auch in allen Feststellungen, die von der Passivität der Massen als einem organisationsimmanenten E r f a h r u n g s w e r t ausgehen. So bestätigt f ü r Ritter die Geschichte der Sozialdemokratie n u r „die E r f a h r u n g aller P a r t e i e n u n d Massenorganisationen von der letztlich lethargischen G r u n d h a l t u n g der breiten Schicht der Mitglieder" isi. Eine klassenb e w u ß t e u n d klassenkämpferisch eingestellte Mitgliedschaft scheint f ü r Ritter von vornherein a u ß e r h a l b seines Vorstellungsvermögens zu liegen. E r b e m ü h t sich d a h e r auch gar nicht erst darum, den Beweis f ü r seine These anzutreten, indem er untersucht, wie sich die deutsche Arbeiterklasse konkret in den ökonomischen u n d politischen K ä m p f e n nach 1890 v e r h a l t en hat. Eine dritte typische Erklärurigsfigur, die im Zusammenhang mit der F r a g e nach der Massenbasis des Reformismus begegnet, ist die These einer weitgehenden sozialen Befriedung der deutschen Arbeiterklasse vor 1914 als Folge der fortschreitenden „Einebnung der sozialen und soziologischen Gegensätze" 152 . Sie steht freilich in einem eklatanten Widerspruch zu der zunehmende n Verschärfung der Klassenwidersprüche in Deutschland vor 1914, die ihren sichtbarsten Ausdruck in dem A u f schwung der Massenkämpfe der deutschen Arbeiterklasse seit 1910 f a n d 1 5 S . Bürgerliche Historiker sind offensichtlich schnell geneigt, von der bescheidenen Teilhabe der Arbeiterschaft am ökonomischen Wachst u m u n m i t t e l b a r auf den Abbau von Konfliktbewußtsein zu schließen. „Mit der Besserstellung der Arbeiter — sozial und materiell — mit der Verbreitung von Erziehung wie Bildung . . . verschwand schon vor dem Ersten Weltkrieg u n d dann im Krieg und in den zwanziger J a h r e n der Glaube an die Notwendigkeit einer Revolution 1 5 4 ." Gegen diese u n k r i tische Ineinsetzung von Verbesserung der materiellen Lage und Ausbildung einer reformfreundlichen Mentalität spricht z. B. schon die Tatsache, daß sich gerade aus den gutbezahlten qualifizierten Facharbeitern der Metallindustrie im Ersten Weltkrieg u n d der Revolution 1918/19 die aktiven revolutionären K a d e r g r u p p e n r e k r u t i e r t en 155 . Allen diesen Deutungen, die die „wirkliche Einstellung" 158 der Massen zu k e n n e n vorgeben, ist gemeinsam, daß sie darauf verzichten, die Veränderungen in der Lage der deutschen Arbeiterklasse zwischen 1890 und 1914 u n d ihre Rückwirkungen auf das politische Bewußtsein der Arbeit e r detailliert zu analysieren »«7. s i e beschreiben als Eigengesetzlichkeit 151 G. A. Ritter, a.a.O., S. 163. 152 So Steinberg, a.a.O., S. 82. 153 Vgl. dazu: Annelies Laschitza, Deutsche Linke im Kampf f ü r eine demokratische Republik, Berlin 1969, bes. die Tabelle S. 37. 154 Wachenheim, a.a.O., S. 639. 155 Vgl. zu den revolutionären Obleuten: P e t er v. Oertzen, Betriebsr ä t e in der Novemberrevolution. Eine polit-wissenschaftliche Untersuchung ü b e r Ideengehalt und S t r u k t u r der betrieblichen und wirtschaftlichen A r b e i t e r r ä t e in der deutschen Revolution 1918/19, Düsseldorf 1963, S. 71 ff. — F ü r den Gesamtzusammenhang : F r a n k Deppe, Das Bewußtsein der Arbeiter. Studien zur politischen Soziologie des Arbeiterbewußtseins, Köln 1971. 156 G. A. Ritter, a.a.O., S. 208. 157 Vgl. dazu die kritischen Hinweise bei Fülberth, Zur Genese des Revisionismus, a.a.O., S. 4 f.

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und z w a n g h a f t e Abfolge, w a s sich erst u n t e r spezifischen ökonomischen, gewerkschafts - u n d parteipolitischen Bedingungen aktualisieren konnte. Statt den Prozeß der materiellen u n d ideologischen Differenzierung der Arbeiterklasse zu untersuchen, gehen sie vom Bild einer uniforme n g r a u en Masse aus. Indem sie die „unrevolutionäre Mentalität" der d e u t schen Arbeiterschaft als v e r b ü r g t voraussetzen 15S, können sie die r e f o r mistische P r a x i s als einzig legitim sanktionieren. Die V e r a n t w o r t u ng zwischen „ F ü h r e r n " un d „Massen" wird auf diese Weise vertauscht. So sieht G. A. Ritter die „tiefe Ursache" f ü r „die Scheu der Sozialdemok r a t i e vor dem Einsatz ihrer Macht" in der „Erkenntnis, daß die Massen der P a r t e i a n h ä n g e r der Beanspruchung durch eine aktive Kampfpolitik gegen die bestehende Gesellschaftsordnung nicht gewachsen w a r e n und die P a r t e i f ü h r e r sich bei jeder h e r a u s f o r d e r n d en Betätigung der Sozialdemokratie selbst isoliert h ä t t e n " 159 . Damit h a t sich die bürgerliche Geschichtsschreibung die Interpretationsgrundlage geschaffen, von der aus sie auch das Verhalten der S P D - F ü h r u n g bei Kriegsausbruch rechtfertigen kann. Sie h ä t te — so lautet die h e u t e gängige Version — schon deshalb den Kriegskrediten zustimmen müssen, „um nicht die Unterstützung der Arbeitermassen zu verlier e n " »60. Unkritisch w e r d e n hier die Apologien der P a r t e i - und Gewerks c h a f t s f ü h r er zu i m m a n e n t en Bestandteilen der wissenschaftlichen D a r stellung erhoben. Wie diese benutzen die bürgerlichen Historiker die Massen als Legitimationsinstrument, u m sie in polemischer Absicht gegen die marxistische Konzeption der Geschichte der Arbeiterbewegung aus zuspielen. IV. D i e A r b e i t e r b e w e g u n g i m „ S p a n n u n g s f e l d v o n Staat und Gesellschaft" Isolierung

und

Selbstisolierung

Entsprechend der in den v o r h e r g e h e n d e n Abschnitten nachgew i e s e n e n T e n d e n z , d i e E i n o r d n u n g d e r A r b e i t e r b e w e g u n g i n die b ü r g e r l i c h e S t a a t s - u n d G e s e l l s c h a f t s o r d n u n g als geschichtlich n o t wendig e E n t w i c k l u n g auszugeben, w e r d e n die Beziehungen zwischen der A r b e i t e r b e w e g u n g u n d der bürgerlichen Gesellschaft bzw. dem bürgerlichen Staat in der bürgerlichen Geschichtsschreibung ihres Klassencharakters entkleidet. Allerdings stoßen bürgerliche Historik e r h i e r b e i auf d i e S c h w i e r i g k e i t , e r k l ä r e n zu m ü s s e n , w a r u m die p o s t u l i e r t e I n t e g r a t i o n d e r A r b e i t e r k l a s s e so u n k o m p l i z i e r t o f f e n b a r 158 So Helga Grebing, Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, 2. Aufl., München 1970, S. 114. 159 G. A. Ritter, a.a.O., S. 105; vgl. ganz ähnlich: Grebing, Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, a.a.O., S. 114. 160 P. Lösche, Der Bolschewismus im Urteil der deutschen Sozialdemokratie, a.a.O., S. 13 f., vgl. ebda., S. 66; f e r n e r : Egmont Zechlin, Bethm a n n Hollweg, Kriegsrisiko u n d SPD 1914, in: Der Monat 18 (1966), S. 29 f. (beruft sich auf Zeugnisse von Noske un d Haenisch); etwas flexibler: Susanne Miller, Z u m dritten August 1914, in: Archiv f ü r Sozialgeschichte VI (1964), S. 517: „Man kann also allenfalls davon sprechen, daß die F ü h r u n g mit den Massen geirrt, nicht jedoch, daß sie sie .verraten' habe."

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doch nicht verlaufen ist. Aus diesem Erklärungszwang ergibt sich f ü r die bürgerliche Geschichtsschreibung die Notwendigkeit — wie Groh formulierte —, auch „die gegen die Arbeiterschaft gerichteten politischen und gesellschaftlichen Strömungen einbeziehen, d. h. die Arbeiterbewegung in das Spannungsfeld von Staat und Gesellschaft stellen" zu müssen 1S1. Gerade in diesem Punkt wies jedoch Ritters Darstellung Schwächen auf, vor der westdeutsche Historiker ihre Augen nicht verschließen konnten 162. Denn obwohl sie vorgibt, den Rahmen freizulegen, in dem sich die „Integration der Arbeiterschaft in Staat und Gesellschaft" vollzog, blendet sie doch fast völlig die gesellschaftlichen Bedingungen aus, unter denen die Arbeiterbewegung im wilhelminischen Deutschland agieren mußte. Auf diese Weise vermittelt sie den Eindruck, daß sich die Arbeiterorganisationen bereits Ende der 90er Jahre weitgehend „in den Gesamtbau des gesellschaftlichen Lebens als mitbestimmender Faktor" eingefügt hatten 1 6 3 . Diese harmonisierende Interpretation steht freilich in einem so auffälligen Widerspruch zur Tatsache, daß zwischen Arbeiterbewegung und bürgerlicher Gesellschaft im Kaiserreich „eben doch zwei Welten" 164 bestanden, daß sie nicht uneingeschränkt aufrechterhalten werden konnte. An ihre Stelle trat eine differenziertere Argumentationsfigur, die sich als geeignet erweisen sollte, die Verzögerung des angeblich unaufhaltsamen Integrationstrends plausibel zu machen. Sie beschreibt das Beziehungsgeflecht zwischen der Arbeiterbewegung und dem herrschenden politischen und gesellschaftlichen System als ein „eigenartiges Spannungsverhältnis, dessen Belastungen sich f ü r beide Seiten in gleichem Maße verhängnisvoll auswirkten" 165. Zwischen der „programmatischen Starrheit" der Sozialdemokratie und der politischen „Uneinsichtigkeit" des deutschen Bürgertums bestand nämlich nach Auffassung westdeutscher Historiker eine „fatale Wechselwirkung" 166 . Durch die mangelnde Bereitschaft der politischen Führungsschichten des Kaiserreichs, den demokratischen Forderungen der Arbeiterschaft und ihrem Streben nach politischer und gesellschaftlicher Gleichberechtigung entgegenzukommen, sei den Sozialdemokraten die Möglichkeit abgeschnitten worden, „bereits im bestehenden Staat positive Erfahrungen zu sammeln". „Sie waren damit von ihren Anfängen an bis zum Ende des Ersten Weltkriegs im wesentlichen auf die agitatorische, die parlamentarische Tätigkeit beschränkt, also auf Bereiche, in denen sie zu ihrer Umwelt nicht im Verhältnis eines kooperieren161 Groh, H u n d e r t J a h r e deutsche Arbeiterbewegung?, a.a.O., S. 353 f. 162 Vgl. die Kritik ebda., S. 361; Heinz Josef Varain, in: N P L 5 (1960), S. 548. 163 G. A. Ritter, a.a.O., S. 217. 164 Groh, H u n d e r t J a h r e deutsche Arbeiterbewegung?, a.a.O., S. 362. 165 U. Ratz, Von der Opposition zur staatlichen Mitverantwortung, a.a.O., S. 509. 166 S. Miller, Das Problem der Freiheit, a.a.O., S. 279, vgl. auch Steinberg, a.a.O., S. 149 f.; Kotowski, Friedrich Ebert, a.a.O., S. 17 f.

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den Partners, sondern in dem eines anklagenden und fordernden Gegners standen 167." Die Intransigenz der herrschenden Schichten hat, so wird weiter argumentiert, das Festhalten der SPD an ihrer scheinradikalen Parteiphraseologie begünstigt und damit ihre Integration erschwert. „Isolierung" und „Selbstisolierung" bedingen sich wechselseitig 168. Unversehens fließen in die Darstellung der Abschließungstendenzen der Sozialdemokratie bürgerliche Ressentiments gegenüber der Arbeiterbewegung ein. So läßt sich z. B. die Charakterisierung der Ausnahmesituation der Sozialdemokratie im Kaiserreich als „faktische Pariastellung" 1 6 9 und ihrer Organisation als „Getto" 170 — bewußt oder unbewußt — die Perspektive von den bürgerlichen Gegnern der Arbeiterbewegung aufzwingen. Ihr entspricht umgekehrt eine Innenansicht der Arbeiterbewegung, die die ritualisierten Formen des Vereinslebens — Versammlungen, Zahlabende, Festlichkeiten etc. — zum Selbstzweck erhebt und die in den Organisationen vermittelten Erfahrungswerte auf das Niveau eines kleinbürgerlichen Gemeinschaftserlebnisses verflacht. Victor Adlers häufig zitierter Ausspruch, die Sozialdemokratie sei f ü r die, die ihr angehörten, „Vaterhaus und Lebensinhalt" zugleich, hat hierfür die Vorlage geliefert 1 7 1 . Am deutlichsten ausgeprägt findet sich diese privatistische Version bei Hedwig Wachenheim, deren Kenntnis der Geschichte der Arbeiterbewegung „auf eigener Erfahrung" beruht 1 7 2 . Bei ihr figuriert die Arbeiterbewegung als „Schicksalsgemeinschaft derer, die keinen Aufstieg kannten", als eine „Glaubensbewegung des Arbeiterstandes", kurz: als eine „in sich kreisende Gruppenbewegung, eine Großfamilie" 17S. Eine vermittelnde Funktion zwischen diesen beiden Betraditungsebenen erfüllen jene Deutungen, die unter dem Begriff der „negativen Integration" versuchen, Beziehungen zwischen dem politischgesellschaftlichen System und der sozialdemokratischen „Subkultur" nachzuweisen 174 . Sie tendieren fast ausnahmslos dahin, die herr167 S. Miller, Das Problem der Freiheit, a.a.O., S. 296. 168 Vgl. Steinberg, a.a.O., S. 148; Schröder, a.a.O., S. 140; Lösche, Der Bolschewismus im Urteil der deutschen Sozialdemokratie, a.a.O., S. 14. 169 Matthias, K a u t s ky und der Kautskyanismus, a.a.O., S. 173; S. Miller, Das Problem der Freiheit, a.a.O., S. 296; Grebing, Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, a.a.O., S. 113. 170 Steinberg, a.a.O., S. 149: „Gettodasein"; U. Ratz, Von der Opposition zur staatlichen Mitverantwortung, a.a.O., S. 509. 171 Adler an Kautsky, 1. 2. 1915; Victor Adler, Briefwechsel mit K a r l K a u t s ky u n d August Bebel etc., gesammelt u n d erläutert von Friedrich Adler, Wien 1954, S. 608. 172 Wachenheim, a.a.O., S. VII. 173 Ebda., S. 129, 278, 604. 174 Vgl. zuerst: G u e n t h e r Roth, T h e Social Democrats in Imperial Germany. A Study in Working-Class Isolation and National Integration, Totowa-New J e r s e y 1963; z. T. abgedruckt u. d. Titel: Die kulturellen Bestrebungen der Sozialdemokratie im kaiserlichen Deutschland, in: Moderne deutsche Sozialgeschichte, a.a.O., S. 342 ff. Differenzierter urteilt

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sehenden Normen und ideologischen Postulate unkritisch auf die Arbeiterorganisationen zu proji*zieren. So glaubt z. B. Peter Lösche in der von der sozialdemokratischen Parteiführung geforderten Parteidisziplin ein typisches Strukturelement des Wilhelminismus wiederentdecken zu können 175 . Auch wenn es zutrifft, daß die sozialdemokratische „Subkultur" unter anderem eine Vermittlungsinstanz bildungsbürgerlicher Elemente gewesen ist, ist es wohl nicht legitim, daraus verallgemeinernd den Schluß zu ziehen, daß sie nicht in der Lage gewesen sei, „über bedeutende politische und nichtpolitische Werte des Systems hinauszugelangen" 176. Auch hier vermögen bürgerliche Historiker offenbar nicht, ihren eigenen klassenspezifischen Horizont zu überspringen. Insgesamt bietet die als „Isolierung und Selbstisolierung" deklarierte Wechselbeziehung zwischen Arbeiterbewegung und wilhelminischem Herrschaftssystem f ü r die bürgerliche Geschichtswissenschaft einige beachtliche interpretatorische Vorteile. Sie erlaubt es, den zaghaft geäußerten Vorwurf gegenüber den bornierten Führungsgruppen des Kaiserreichs sogleich weiterzuleiten auf die Sozialdemokratie, die durch „ihre intransigente Haltung und ihr tatsächlich geringes Verständis auch f ü r die wirklichen Staatsbedürfnisse" 177 an der „Entfremdung" zwischen Arbeiterbewegung und wilhelminischem Staat nicht unschuldig gewesen sei. Ginge es nach den Vorstellungen mancher bürgerlicher Historiker, dann hätte es auf beiden Seiten lediglich etwas mehr Nachgiebigkeit und guten Willens bedurft, und der Teufelskreis von restringiertem innenpolitischem Kurs und radikaler Parteiphraseologie hätte durchbrochen, die Kohärenz der Interessen hergestellt werden können. Eindringlich dokumentieren sie damit, wie wenig sie imstande sind, die gesellschaftlichen Fundamente des junkerlich-feudalen preußisch-deutschen Staates in den Blick zu bekommen. Das dieses System tragende Bündnis von Großgrundbesitz und Großindustrie, das darauf angelegt war, die gemeinsamen Profitinteressen langfristig gegenüber der „roten Gefahr" abzusichern, schloß jede Demokratisierung aus. Die entschlossene Abwehr aller Liberalisierungsbestrebungen — bis hin zur offenen Staatsstreichdrohung — widerlegt auch die in der westdeutschen Geschichtswissenschaft vertretene These, daß sich das wilhelminische Deutschland vor 1914 in einem Zustand der schleichenden Parlamentarisierung Georg Fülberth, Proletarische P a r t e i und bürgerliche Literatur, Neuwied un d Berlin 1972, S. 114, der im Leseverhalten der Arbeiterschaft die K e h r seite des Verzichts der Partei auf intensive politisch-ideologische Schulung sieht. Daß auch diese Feststellung nicht uneingeschränkt zutrifft, belegt Hans-Joachim Schäfers, Zur sozialistischen Arbeiterbüdung in Deutschland in den J a h r e n vor dem Ersten Weltkrieg. Ein Beitrag zur Geschichte un d Theorie der Arbeiterbildung u n d Kulturpolitik, Diss. Phil. Leipzig 1965. 175 Lösche, Arbeiterbewegung und Wilhelminismus, a.a.O., S. 522. 176 G. Roth, Die kulturellen Bestrebungen der Sozialdemokratie, a.a.O., S. 342. 177 Kotowski, Friedrich Ebert, a.a.O., S. 18.

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befunden und die Sozialdemokratie sich durch ihr Verharren auf einem prinzipiellen, jeden Anteil an der Regierungsverantwortung ablehnenden „Proteststandpunkt" „selbst zur Sterilität" verurteilt habe 1 7 8 . Sie wird auch von einigen westdeutschen Historikern angezweifelt, die einräumen, daß der Sozialdemokratie durch die Verfassungsstruktur und Machtverteilung im wilhelminischen Deutschland der Zugang zur Regierungsverantwortung grundsätzlich versperrt und sie zu „politischer Ohnmacht verdammt" bleiben mußte 179. Die nationale Variante: Die Entdeckung der Arbeiterbewegung als „integraler Bestandteil der nationalen Bewegung". Der 4. August 1914 bezeichnet in der westdeutschen Geschichtsschreibung zur Arbeiterbewegung einen Einschnitt. Fast alle Untersuchungen über den Zeitraum vor 1914 sind mehr oder weniger stark auf dieses Datum fixiert. So schließt z. B. Hedwig Wachenheim ihre Gesamtdarstellung mit der Abstimmung über die Kriegskredite ab. Mit diesem Tag endet f ü r sie „die Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung als einer isolierten, unabhängigen Bewegung": „Bei der Kreditabstimmung gliederte sich die Arbeiterbewegung in den Staat und in die Gesellschaft ein 18°." Der 4. August signalisiert in der westdeutschen Geschichtsschreibung den ersten Höhepunkt der Integration der Arbeiterbewegung. Dies erklärt die Faszination, die von diesem Datum auf die bürgerlichen Historiker ausgeht. Es enthüllt, was nach ihrer Ansicht bisher aus taktischen Gründen verschleiert werden mußte: „daß die sozialdemokratische Bewegung mit etwa einer Million Mitgliedern und 41/2 Millionen Wählern keine revolutionäre Massenorganisation war, sondern eine soziale Reformpartei" 181. Es bringt das „in der Vorkriegszeit bereits weitgehend vollzogene allmähliche Hineinwachsen der SPD in den Staat" an den Tag 182 . Und schließlich beweist es auch den Sieg der „vitalen Existenz des Staates und der Nation über die intellektuellen Konstruktionen des Klassenkampfes und einer vermeintlichen proletarischen Solidarität" 18s. Über ihren unmittelbaren Demonstrationscharakter hinaus hat die Darstellung des 4. August in der westdeutschen Historiographie noch eine prinzipiellere Bedeutung. In ihr konkretisieren sich die Bemühungen westdeutscher Historiker, die f ü r die bürgerliche Geschichtsschreibung traditionell delikate Frage nach dem Verhältnis 178 Die Reichstagsfraktion der deutschen Sozialdemokratie 1898 bis 1918, Teil I, bearb. von Erich Matthias und Eberhard Pikart, Düsseldorf 1966, Einleitung S. LXXXIX. 179 Steinberg, a.a.O., S. 146 f. 180 Wachenheim, a.a.O., S. 603. 181 Ernst Schraepler, Die deutsche politische Arbeiterbewegung von 1914 bis 1945, in: aus politik und Zeitgeschichte B 21763 v. 22. 5. 1963, S. 28. 182 Zechlin, a.a.O., S. 29. 183 Schraepler, August Bebel, a.a.O., S. 95.

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von Arbeiterbewegung und „Nation" zu lösen. Sollte — wie Wolfgang Schieder forderte — mit dem „alten Modell einer isolierten Bewegung außerhalb der deutschen Nationalgeschichte" Schluß gemacht 184 und die Arbeiterbewegung voll in das bürgerliche Geschichtsbild integriert werden, dann mußte sie nachträglich von dem Makel der „Staatsfeindschaft" und der „nationalen Unzuverlässigkeit" befreit werden. Als erster westdeutscher Historiker hatte schon Hermann Heidegger in seiner 1956 veröffentlichten Untersuchung „Die deutsche Sozialdemokratie und der nationale Staat 1870—1920" den Versuch unternommen, „ein Gesamtbild der nationalen Vergangenheit der deutschen Mehrheitssozialdemokratie deutlich werden zu lassen" 18ä. Er diskreditierte sich jedoch selbst durch die Adaption der faschistischen „Volksgemeinschafts"-Ideologie. Die „nationale Politik" der SPD wurde gemessen an ihrem „Verhalten gegenüber der vielfach angestrebten Bildung einer nationalen Volksgemeinschaft" 18e . In der Entscheidung des 4. August sah Heidegger den Endpunkt des „organischen Hineinwachsens der Arbeiterbevölkerung in den bestehenden Staat". „Milieueinflüsse zusammen mit den volkhaften Anlagen" hätten bewirkt, „daß 1914 bei Kriegsausbruch . . . die einfachen Arbeiter in Deutschland den Beweis erbrachten, wie weit die Annäherung an die Nation tatsächlich bestand" 187. Diese Deutung war schon wegen ihres kompromittierenden Vokabulars f ü r die westdeutsche Geschichtsschreibung nur begrenzt rezeptionsfähig 188. An ihre Stelle trat eine verfeinerte Version, die die Annäherung der Arbeiterbewegung an den bürgerlich-nationalen Staat vor 1914 sozialpsychologisch als einen „meist unbewußten Nationalisierungsprozeß in den Reihen der SPD" ausdeutete 189 . Sie wurde zum erstenmal von Hans-Ulrich Wehler systematisiert und ist seitdem in der westdeutschen Geschichtsschreibung immer wie184 W. Schieder, Zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung im 19. J a h r h u n d e r t , a.a.O., S. 323 f. 185 H e r m a n n Heidegger, Die deutsche Sozialdemokratie und der n a tionale S t a a t 1870—1920. U n t e r besonderer Berücksichtigung der Kriegsu n d Revolutionsjahre, G ö t t i n g e n - B e r l i n - F r a n k f u r t 1956, S. 7. 186 Ebda., S. 11. 187 Ebda., S. 60, 58. 188 Vgl. die Rezension von Matthias, Zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, a.a.O., S. 358 f. Konservative Historiker wie Kotowski haben sich zum Teil eng an Heideggers Interpretation angeschlossen, z. B. in der Diffamierung der Linken im Weltkrieg als „Landesverräter" (s. Kotowski, Friedrich Ebert, a.a.O., S. 28; Heidegger, a.a.O., S. 78, 108). Auch f ü r der Sozialdemokratie nahestehende Historiker wie H a n s Christoph Schröder bleibt Heidegger zitierfähig (s. Schröder, a.a.O., S. 184, Anm. 8). 189 Hans-Ulrich Wehler, Sozialdemokratie un d Nationalstaat. Die deutsche Sozialdemokratie und die Nationalitätenfragen in Deutschland von K a r l M a r x bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges, Würzburg 1962, S. 197.

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der aufgenommen worden 1 9 0 . Wehler beschreibt als „massenpsychologisches Gesetz des bürgerlichen Nationalstaats" den „von ihm in die sozialkulturelle Persönlichkeit jedes Einzelnen eingesenkten Drang nach Teilnahme am nationalen Prestige, nach Anerkennung in der nationalen Gemeinschaft — oder umgekehrt die Angst vor dem Ausschluß aus ihr". In den Augusttagen 1914 sei „das ungeheuer belastende Gefühl der Isolierung in der Sozialdemokratie dem übermächtigen Begehren" gewichen, „endlich einmal bedingungslos dieser nationalen Gemeinschaft anzugehören" m . Was hier als massenpsychologische Gesetzmäßigkeit ausgegeben wird, ist jedoch konkret das Resultat einer raffinierten Beeinflussung der „öffentlichen Meinung" durch die Regierung, zu deren willfährigem Instrument sich auch ein großer Teil der sozialdemokratischen Partei- und Gewerkschaftspresse degradieren ließ. Daß auch Teile der organisierten Arbeiterschaft, die noch kurz vor Kriegsausbruch in gewaltigen Kundgebungen gegen den Krieg protestiert hatte, von dem Chauvinismus der Augusttage erfaßt wurde, ist eine Tatsache. Hier wäre allerdings zu fragen, wieweit es SPD und Gewerkschaften versäumt haben, den durch Schule und Militär vermittelten Einflüssen der herrschenden Ideologie wirksamer entgegenzuarbeiten m . Der Versuch bürgerlicher Historiker, den Internationalismus der Partei zu verdächtigen, er habe das einzelne Parteimitglied „in einer politischen Krise einem unreflektierten Patriotismus wehrlos" a u s g e l i e f e r t m , ist geeignet, gerade dieses Untersuchungsproblem zu verschleiern. An Wehlers Interpretation knüpfen Werner Conze und Dieter Groh in ihrer Studie „Die Arbeiterbewegung in der nationalen Bewegung" (1966) an I94. Historische Orientierungsmarke ist auch f ü r sie „das Einschwenken der sozialistischen Arbeiterbewegung in die nationale Einheitsfront zu Beginn des Weltkrieges" (9). Über Weh190 Vgl. Grebing, Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, a.a.O., S. 134; Lösche, Arbeiterbewegung und Wilhelminismus, a.a.O., S. 523f.; Schröder, a.a.O., S. 141. 191 Wehler, Sozialdemokratie und Nationalstaat, a.a.O., S. 196 f.; vgl. Grebing, Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, a.a.O., S. 140 („vollkommene Identifizierung mit dem nationalen Staat"); Schröder, a.a.O., S. 141 („elementarer Durchbruch des August 1914"). 192 S. dazu die Hinweise bei Roth, Die kulturellen Bestrebungen der Sozialdemokratie, a.a.O., S. 344f.; 348; ferner Fülberth, Zur Genese des Revisionismus, a.a.O., S. 8, 16. Die Bolschewisierung der KPD, Teil I, Berlin 1970, S. 308 f. (— Dokumente, Analysen zur Geschichte der kommunistischen Arbeiterbewegung, Bd. 1). 193 So Lösche, Arbeiterbewegung und Wilhelminismus, S. 523. 194 Conze/Groh, Die Arbeiterbewegung in der nationalen Bewegung, a.a.O., (die folgenden Seitenangaben sind in Klammern angegeben). — Vgl. als Beispiel f ü r die unkritische Rezeption der Thesen von Conze/ Groh: Hans-Josef Steinberg, Sozialismus, Internationalismus und Reichsgründung, in: Reichsgründung 1870/71. Tatsachen-Kontroversen-Interpretationen, hrsg. von Theodor Schieder und Ernst Deuerlein, Stuttgart 1970, S. 319 ff.

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lers Ansatz hinaus fragen sie jedoch, „ob und wieweit die deutsche Sozialdemokratie etwa schon von Haus aus und nicht erst durch einen langsamen Einbürgerungsprozeß auch nationaldemokratisch gewesen sei" (10). Zu diesem Zweck gehen sie wieder auf den „Ursprung" zurück. Über den Weg der Begriffsgeschichte leiten sie einen „ursprünglichen Zusammenhang von National- und Sozialdemokratie" (12—15) ab. Dieser Zusammenhang wird dann im weiteren Gang der Untersuchung so entfaltet, daß die sozialen Emanzipationstendenzen in der Arbeiterbewegung gegenüber den nationalen Forderungen in den Hintergrund treten. Aus der Tatsache, daß sich die fortgeschrittensten Kräfte der deutschen Arbeiterklasse f ü r die demokratische Lösung der nationalen Frage einsetzten und mit der Perspektive des proletarischen Klassenkampfes verbanden 195, folgern Conze/Groh, daß die Arbeiterbewegung ein „integraler Bestandteil der nationalen Bewegung" (11, 56) gewesen sei. Der soziale Inhalt der Bewegung f ü r einen einheitlichen Nationalstaat wird vertuscht, der Kampf der Arbeiterklasse f ü r die bürgerlich-demokratische Umgestaltung Deutschlands von der Perspektive des proletarischen Klassenkampfes abgetrennt. So werden z. B. Bebel und Liebknecht zu „bloß demokratischen Politikern" (50 f.) erklärt, die dem Ziel des demokratischen „Einheitsstaates" „vor allen anderen politischen und sozialen Zielen den Vorrang" gegeben hätten (76). Die „Präferenz der politischen und damit der nationalen Frage" hat nach Conze/Groh ermöglicht, „die sozialen Programmpunkte gewissermaßen auf Distanz zu halten" (80 f.), sie zu „neutralisieren" (115). Erst als die nationalen Erwartungen der Arbeiter durch die Bismarcksche Lösung der deutschen Frage enttäuscht worden seien, hätte die soziale Komponente zum „primären Antrieb des politischen Handelns von Bebel, Liebknecht und der von ihnen geführten Partei" aufrücken können (81). Da Conze/Groh die „nationale Bewegung" nach 1871 auf die den Bismarck-Staat tragenden Gruppen reduzieren, scheidet die Sozialdemokratie automatisch aus ihr aus (123). Dieses abrupte Ende einer zuvor als so stabil apostrophierten Verbindung muß die Frage nahelegen, wieso diese Vorgeschichte f ü r das spätere Verhältnis von Sozialdemokratie und „Nation" von „grundlegender Bedeutung" (11) gewesen sein soll. Aus diesem interpretatorischen Dilemma retten sich Conze/Groh, indem sie nun ihrerseits zu sozialpsychologischen Deutungen Zuflucht nehmen. In Anlehnung an die Interpretation Günther Roths 1 9 8 (ohne freilich dessen Urheberschaft zu bezeichnen) entwickeln sie das „Verhaltensmodell der doppelten Loyalität" : die Loyalität gegenüber der Klasse 195 Vgl. dazu: Friedrich Engels, Die preußische Militärfrage und die deutsche Arbeiter-Partei, in: MEW, Bd. 16, S. 37 ff. — F ü r den Gesamtzusammenhang : Horst Bartel u. a.: Revolutionäre Sozialdemokratie und Reichsgründung 1871, F r a n k f u r t / M . 1970. 196 Vgl. Roth, T h e Social Democrats in Imperial Germany, a.a.O., S. 214.

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und die Loyalität gegenüber der Nation. „Fühlten sich die sozialdemokratischen Arbeiter als Klasse angegriffen, so erreichte ihre Klassenloyalität eine solche Stärke, daß die potentielle Loyalität gegenüber der Nation nicht mehr von ihnen wahrgenommen wurde, obwohl sie als Möglichkeit f ü r den Fall, daß ihre Nation die angegriffene war, im kollektiven Unterbewußtsein erhalten blieb" (105). Mit diesem amalgamierten „Verhaltensmodell" lösen sich alle Probleme mit einem Schlage. Die Sozialdemokratie hat, so lautet das Fazit, „ihr nationaldemokratisches Erbe in der innenpolitischen Frontstellung des Wilhelminischen Reiches . . . nur verdrängt" (124). Die Entscheidung vom 4. August bringt das Verdrängte wieder zum Vorschein. Mit Conzes und Grohs Interpretation schließt sich der Kreis der Betrachtung. Sie bezeichnet den Versuch, zusätzlich zur „sozialdemokratischen" Kontinuitätslinie in der deutschen Arbeiterbewegung auch noch eine „national-demokratische" aufzubauen. Das Erscheinungsdatum des Buches — 1966 •—• verweist auf einen aktuellen politischen Zusammenhang. Mit dem Appell an ihr „nationaldemokratisches Erbe" mochte der Sozialdemokratie der Eintritt in die Große Koalition erleichtert werden. Zugleich konnte mit dem Abschluß der Rekonstruktionsperiode in der BRD der wieder hoffähig gemachte Nationalismus stärker als bisher als ideologisches Bindemittel Gebrauch finden. Diesen Verwendungszweck deuten Conze/ Groh selbst an, wenn sie „die Idee des einheitlichen Nationalstaats als Integrationsleitbild" bezeichnen, das geeignet gewesen sei, die sich emanzipierende Arbeiterbewegung „an Staat und Gesellschaft zurückzubinden" (124). Schlußbemerkung So skizzenhaft und kursorisch der vorliegende Überblick über die wichtigsten Interpretationsansätze in bürgerlichen Darstellungen zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung von ihren Anfängen bis 1914 auch sein mußte, so erlaubt er doch, auf die eingangs gestellte Frage, ob schon in dem Ausgangspunkt bürgerlicher Beschäftigung mit der Geschichte der Arbeiterbewegung eine bestimmte Sicht ihrer historischen Entwicklung vorgeprägt ist, eine Antwort zu geben. Als Grundthema begegnete in allen repräsentativen bürgerlichen Darstellungen die Frage nach der Einbeziehung der Arbeiterbewegung in „Staat und Gesellschaft". Sie verdichtet sich in den Arbeiten besonders der Conze-Schule zu einer geschlossenen Konzeption, die die Integration der Arbeiterbewegung als Ausgangs- wie als Zielpunkt ihrer Geschichte fixiert und damit zur beherrschenden Signatur ihrer gesamten Entwicklung erklärt. Mit dieser konzeptionellen Leitlinie ist eine bestimmte Auffassung über die Funktion und Rolle der Arbeiterbewegung verknüpft, die der Interpretation der marxistischen Geschichtswissenschaft diametral entgegengesetzt ist. Bestimmt diese, ausgehend von der von Marx und Engels wissenschaftlich begründeten Erkenntnis der ob-

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jektiven gesellschaftlichen Entwicklungstendenzen, die Arbeiterbewegung als die entscheidende gesellschaftliche Kraf t der modernen Geschichte, die von ihrem Ursprung her auf den Sturz der politischen Herrschaft der Bourgeoisie und die Eroberung der politischen Macht durch die Arbeiterklasse gerichtet ist, so zählt sie f ü r die bürgerliche Historiographie nur als eine „geschichtsmächtige Kraft" (Baiser) unter anderen, deren geschichtlicher Auftrag von Anfang an nicht in der Beseitigung der bürgerlich-kapitalistischen Herrschaftsordnung, sondern in der Mitwirkung an deren demokratischer Ausgestaltung in Richtung auf eine „moderne Industriegesellschaft" bestanden habe. Diesem Vorverständnis entsprechend, wird die Arbeiterbewegung von den objektiven Gesetzmäßigkeiten und Widersprüchen des Kapitalismus abgetrennt. Klassenwidersprüche werden zu „Reibungsflächen" (Ritter) zwischen Arbeiterbewegung und dem bürgerlichen Staat und der bürgerlichen Gesellschaft verharmlost oder lösen sich gar ganz im „freien gesellschaftlichen Raum" 187 auf. Die Verschleierung des Klassencharakters der kapitalistischen Gesellschaftsordnung ermöglicht bürgerlichen Historikern, die Ausbeutung der Arbeiterklasse zu reduzieren auf die „Leiden einer Ubergangszeit" 188, die sich aus der Umwandlung der Agrar- in eine Industriegesellschaft ergeben hätten. Der Klassenkampf als entscheidende Triebkraft der gesellschaftlichen Entwicklung regrediert in der bürgerlichen Historiographie zu einer Ideologie, die den Phantasien arbeiterferner Theoretiker im Exil entsprungen sei und jedenfalls in der deutschen Arbeiterschaft keine Resonanz gefunden habe. Denn: „Der Typ des deutschen Arbeiters war f ü r eine revolutionäre proletarische Bewegung wenig geeignet." Mit ihm „ließ sich kein organisierter Klassenkampf gegen das Bürgertum durchführen" 188. Der „Grundwiderspruch" 200 wird aus der Ebene der kapitalistischen Produktionsweise herausgenommen und in die Arbeiterbewegung selbst hineininterpretiert. Er erscheint hier, in vielfach gebrochener und abgewandelter Form, als ursprünglicher Gegensatz zwischen Marxismus und deutscher Arbeiterbewegung. Im strategischen Konzept bürgerlicher Geschichtsschreibung, die deutsche Arbeiterbewegung nachträglich gegen den Einfluß des Marxismus zu immunisieren bzw. ihn als eine ephemere Erscheinung in ihrer Geschichte zu kennzeichnen, kommt der Technik des Auseinanderlegens und kontrastierenden Gegeneinanderausspielens von Reform und Revolution, Theorie und Praxis, Nationalismus und Internationalismus eine zentrale Funktion zu. 197 So Baiser, a.a.O., S. 91. 198 Ebda., S. 122; vgl. auch Groh, H u n d e r t J a h r e deutsche Arbeiterbewegung?, a.a.O., S. 351. 199 Schraepler, H a n d w e r k e r b ü n d e u n d Arbeitervereine, a.a.O., S. 252. 200 Diesen Ausdruck verwendet S. Miller, Das Problem der Freiheit, a.a.O., S. 120, im Hinblick auf die von ihr konstatierte Unvereinbarkeit des Prinzips R e f o r m u n d des Prinzips Revolution.

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Revolution, Theorie und Internationalismus werden durchgängig als Erscheinungen charakterisiert, die der deutschen Arbeiterbewegung wesensfremd gewesen sind. Ihnen wird eine Begrifflichkeit zugeordnet, die die Symptome des Krankhaften und Annormalen trägt. In der Dreierkombination — Reform, Praxis und Nationalismus — ist demgegenüber nach den Vorstellungen bürgerlicher Historiker das eigentliche Wesen der deutschen Arbeiterbewegung beschlossen. Sie bildet die tragende Säule der bürgerlichen „Integrationskonzeption". Es bedarf kaum eines Hinweises, daß diese Konzeption der Geschichte der Arbeiterbewegung geeignet ist, den Bestrebungen zur Einordnung der Arbeiterbewegung in das herrschende sozioökonomische System zur Hand zu gehen. Indem sie die Integration als Vollzug einer in den Traditionen der deutschen Arbeiterbewegung selbst begründeten Entwicklung suggeriert, trägt sie dazu bei, Scheinlegitimierungen f ü r die ökonomisch-politische Unterdrückung und ideologische Zerrüttung der westdeutschen Arbeiterklasse zu liefern. Die zielstrebige und systematische Auseinandersetzung mit dieser verfälschenden Umdeutung der Geschichte der Arbeiterbewegung muß daher als eine wichtige Aufgabe im ideologischen Klassenkampf der Gegenwart betrachtet werden.

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Geschichtswissenschaft als politische Waffe Z u m Verhältnis von Ökonomie u n d Politik 1933—1945 in der Geschichtsschreibung beider deutscher Staaten. In der Bundesrepublik w u r d e in den letzten J a h r e n eine wachsende Zahl von Arbeiten publiziert, die sich mit der Frage, was bürgerliche Wissenschaft sei, auseinandersetzt. Der noch zögernden Fragestellung, ob Wissenschaft prinzipiell von der Gesellschaftsformation bestimmt sei, innerhalb derer sie betrieben werde, folgten rasch präzisere: welche Funktionen haben die verschiedenen Wissenschaften im Kapitalismus, welche Aufgaben w e r d en ihnen von der herrschenden Klasse gestellt, wie erfüllen sie diese? Die allerorten n eu aufgetretenen Kritiker der bürgerlichen Wissenschaften erwecken h ä u f i g den Eindruck, als seien sie die ersten, die hinter die Kulissen der bürgerlichen Wissenschaft gesehen und dort als deren A u f t r a g g e b e r u n d Nutznießer die herrschende Klasse entdeckt hätten. Im Eifer über die vermeintliche Neuentdeckung der Rolle der Wissenschaften im Klassenkampf scheinen sie vielfach noch nicht b e m e r k t zu haben, daß die Kritik der bürgerlichen Wissenschaften so weit zurückreicht wie die Geschichte der sozialistischen Arbeiterbewegung. Sie glauben einen großen Fund getan zu haben, wenn sie auf die Arbeiten von Marx und Engels zur Kritik der bürgerlichen Wissenschaft gestoßen sind, und übersehen, daß die in diesen Arbeiten angewandte Methode in sozialistischen Parteien und sozialistischen Staaten seit mehr als h u n d e r t J a h r e n Schule gemacht hat. So w ä r e der Versuch einer Kritik der westdeutschen Geschichtsschreibung ab ovo, ohne Berücksichtigung vor allem der Arbeiten von DDR-Historikern zu diesem Thema, ein wenig sinnvolles Unternehmen. In der DDR ist die westdeutsche Geschichtsschreibung von A n f a n g an mit größter A u f m e r k s a m k e i t verfolgt worden, alle Tendenzen und Wandlungen des in der Bundesrepublik herrschenden Geschichtsbildes f a n d e n ausführliche K o m m e n t a r e durch DDR-Historiker. Die ununterbrochene Auseinandersetzung mit der bürgerlichen Geschichtswissenschaft f a n d kürzlich ihren konzentriertesten Ausdruck in dem Band „Kritik der bürgerlichen Geschichtsschreibung" 1, der Beiträge von etwa 30 Historikern enthält. Im einleitenden Kapitel „Geschichtsschreibung und Politik" werden auf mehr 1 Kritik der bürgerlichen Geschichtsschreibung. Handbuch. Hrsg. von W. Berthold, G. Lozek, H. Meier, W. Schmidt. Köln 1970. Lizenzausgabe des Akademie-Verlages Berlin (DDR). Die Ausgabe des Akademie-Verlages ist erschienen unter dem Titel : Unbewältigte Vergangenheit.

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als hundert Seiten die Voraussetzungen dargelegt, von denen westdeutsche und DDR-Historiker ausgehen. „Geschichtsforschung ist nicht Selbstzweck. Die Fragen an die Geschichte werden von Menschen der jeweiligen Gegenwart gestellt, heute einer Gegenwart, in der sich im nationalen und internationalen Rahmen Sozialismus und Imperialismus, die Arbeiterklasse und ihre Verbündeten auf der einen und die Monopolbourgeoisie und deren Parteigänger auf der anderen Seite in unversöhnlichem Kampf gegenüberstehen. Kein Historiker steht außerhalb dieser Auseinandersetzung, gleich ob er das wahrhaben will oder nicht. Die wesentlichen Fragen, die der Historiker an die Geschichte stellt, sind in ihrem Kern von den Gegenwartsinteressen jener Klasse bestimmt, deren Position er einnimmt. Er stellt seine Fragen wie jeder Wissenschaftler nicht wahllos und spontan, sondern zielgerichtet aufgrund ganz bestimmter konzeptioneller Überlegungen. So werden auch die historischen Fakten der Konzeption entsprechend ausgewählt, gewertet und — das ist ja schließlich Ziel geschichtlicher Forschung — zu historischen Aussagen und Darstellungen zusammengefügt. Solche Darstellungen sind zugleich Grundlage und Teil des im Interesse der jeweiligen Klasse propagierten Geschichtsbildes als der vorherrschenden Auffassung über Verlauf, Ergebnisse und Lehren des geschichtlichen Gesamtprozesses. Auf diese Weise nimmt der Historiker über bestimmte Einschätzungen der Geschichte und ihrer Lehren Stellung zu den aktuellen gesellschaftlichen Problemen der Gegenwart" 2 . Dies wird präzisiert: „Selbst unter den eingeschworenen Gegnern des Marxismus-Leninismus, die den gesetzmäßigen Verlauf der historischen Entwicklung entschieden bestreiten, wird kaum noch die Auffassung laut, aus der Geschichte könnten keine Lehren f ü r die Gegenwart gezogen werden. Die Frage ist nur: Lehren f ü r wen, für welche gesellschaftlichen Kräfte? Die wichtigste Lehre der Geschichte, welche die Bevölkerung der Deutschen Demokratischen Republik unter der bewährten Führung der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands gezogen hat, war, die fluchbeladene Herrschaft des Imperialismus ein f ü r allemal zu beseitigen, die neue Gesellschaftsordnung des Sozialismus zu errichten .. . Auch die 1945 geschlagenen deutschen Imperialisten waren bestrebt, bestimmte Lehren aus ihrer Niederlage zu ziehen. Der Monopolbourgeoisie und ihren Ideologen ging es jedoch dabei im wesentlichen darum, zu untersuchen, wie man die Niederlage hätte verhindern können, was man in dieser Hinsicht hätte .besser' machen können und was man heute im Interesse der gleichen verhängnisvollen Expansionspolitik .besser machen' müßte" 3. Geschichtsschreibung wird auf beiden Seiten als politische Waffe verstanden; die eine Seite setzt diese Waffe ein im Bewußtsein, die Gesetze der Geschichte zu kennen und mit ihr im Einklang zu handeln, die andere Seite leugnet einen gesetzmäßigen historischen Ab2 3

Kritik . . . , S. 20. Kritik . . . , S. 3.

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lauf, ihre Geschichtsschreibung ist eine „Geschichtsschreibung contra Geschichte" 4 und wird von der Geschichte ständig widerlegt. Solange die Auseinandersetzung zwischen Kapitalismus und Sozialismus dauert, solange wird die Auseinandersetzung zwischen bürgerlichen und sozialistischen Historikern dauern. Wegen der nachhaltigen und noch anhaltenden Auswirkungen des Faschismus auf die Gegenwart hat der Zeitraum 1933 bis 1945 immer wieder im Mittelpunkt der Auseinandersetzungen zwischen bürgerlichen und sozialistischen Historikern gestanden. Diese Auseinandersetzung wurde auch im „Argument" geführt. Die Arbeiten von T. Mason 5 widerlegend, formulierten Eichholtz und Gossweiler 6 exemplarisch die Positionen der marxistischen Geschichtsschreibung zum Verhältnis von Ökonomie und Politik im Faschismus. Die im Mittelpunkt ihres Aufsatzes stehenden Ausführungen zum marxistischen Faschismusbegriff, zur Imperialismustheorie Lenins und zum Begriff des staatsmonopolistischen Kapitalismus können hier aus Raumgründen nicht rekapituliert werden, sie bilden aber den Hintergrund der folgenden Ausführungen. Hatten Eichholtz und Gossweiler die kontroversen Grundpositionen beider Seiten dargestellt, so soll hier an Hand der wichtigsten Publikationen bürgerlicher und sozialistischer Historiker, die sich speziell mit dem Verhältnis von Ökonomie und Politik im Faschismus befassen, sowie der Kritik, die diese Publikationen in der historischen Fachliteratur wie in Tageszeitungen der jeweils anderen Seite fanden, klargelegt werden, wie Geschichtsschreibung von beiden Seiten als politische Waffe benutzt wird. *

In den Jahren 1945 bis 1947 schien die Position der Großindustrie auch in den Westzonen ernsthaft gefährdet. Unmittelbar nach Kriegsende behaupteten nicht nur die UdSSR, sondern auch die anderen Alliierten die Verantwortung der Großindustrie für die faschistischen Verbrechen. Schon im Prozeß gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem Internationalen Militärgerichtshof 7 war eine Fülle von Dokumenten vorgelegt worden, welche die Großindustrie aufs schwerste belasteten. „Am 11. Oktober 1945 veröffentlichte ein Ausschuß des US-Senats unter dem Vorsitz des Senators Kilgore das Ergebnis seiner Untersuchungen über die Schuldigen an den Kriegs- und Menschlichkeitsverbrechen des Faschismus. Er kam zu der Feststel4 G. Lozek u n d H. Syrbe: Geschichtsschreibung contra Geschichte. Berlin (DDR) 1964. 5 T. Mason: Der P r i m a t der Politik — Politik und Wirtschaft im Nationalsozialismus. In: Das Argument Nr. 41 (8. Jg., 1966, Heft 6) S. 473 ff.; ders.: P r i m a t der Industrie? — Eine Erwiderung. I n : Das Argument Nr. 47 (10. Jg., 1968, H e f t 3), S. 193 ff. 6 D. Eichholtz und K. Gossweiler: Noch einmal: Politik und Wirtschaft 1933—1945. In: Das A r g u m e n t Nr. 47 (10. Jg., 1968, Heft 3), S. 210 ff. 7 Der Prozeß gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem Internationalen Militärgerichtshof, 42 Bde., N ü r n b e r g 1947 ff.

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lung, daß der Nationalsozialismus von der deutschen Großindustrie gefördert und an die Macht gebracht wurde und daß die Vorbereitungen auf den Krieg unter direkter Leitung des deutschen Monopolkapitals erfolgten" 8 . Gegen Krupp, gegen Flick sowie gegen die führenden Männer der IG-Farbenindustrie wurde vor Militärgerichtshöfen Klage erhoben 9. Das Beweismaterial der Anklage war erdrückend, seine Schlüssigkeit nicht zu bestreiten. Die Angeklagten sahen sich mit den von den Alliierten erbeuteten Archiven ihrer eigenen Konzerne, mit von ihnen selbst unterzeichneten Schriftstükken konfrontiert. Es wurden Dokumente vorgelegt, welche die Unterstützung der NSDAP durch die Industrie vor und während des Jahres 1933 bewiesen; Dokumente über die führende Rolle der Industrie bei der Aufrüstung; Dokumente über die Kriegsplanungen der Monopole; Dokumente über die Kriegsführung, die Plünderung, die Versklavung, die Morde unter Leitung der Großindustrie. Die von den Angeklagten selbst verfaßten Dokumente bewiesen ihren Anspruch auf Weltherrschaft den Angriffskrieg, den organisierten Mord, die rücksichtslose Plünderung als Mittel zu diesem Zweck. Die Verteidigungspositionen, auf die sich die Angeklagten vor den Militärgerichtshöfen zurückzogen, sind von größtem Interesse. Sie dienten keineswegs nur den Angeklagten im Jahre 1947. Sie wurden Vorbild und Richtlinie der westdeutschen Geschichtsschreibung über den Faschismus bis heute. Die treibenden Kräfte des Faschismus selbst diktierten hier ihren Ideologen, wie sie künftig die Geschichte zu verfälschen hätten. Die Anklagevertreter im Prozeß gegen Flick haben sich mit diesen Verteidigungspositionen in ihrem Plädoyer auseinandergesetzt. „Geht man den Dingen auf den Grund, dann ergibt sich, daß die Angeklagten im vorliegenden Falle sich dadurch zu retten suchten, daß sie die verkehrte Welt des Dritten Reiches in ,wir' und ,sie' geteilt haben. ,Sie' sind die bösen Leute, eine Gruppe von Personen, deren Zusammensetzung sich dauernd ändert je nach dem Anklagepunkt, um den es sich handelt. Mitunter bleiben ,sie' namenlos; mitunter sind ,sie' Himmler oder Göring; mitunter sind ,sie' weniger furchtbare Figuren wie Pleiger oder Kranefuß; gelegentlich sprechen ,sie' durch die geisterhafte, aber kaum furchteinflößende Stimme eines finnischen Masseurs. Wer ,sie' aber auch immer sein mögen, ,sie' sind Ursprung und Wurzel allen Übels im Dritten Reich. ,Wir' dagegen, so sagen die Angeklagten, hatten über8 Fall 5. Anklageplädoyer, ausgewählte Dokumente, Urteil des FlickProzesses, mit einer Studie über die „Arisierungen" des Flick-Konzerns. Hrsg. vom Autor der Studie K. H. Thielicke, eingel. von K. Drobisch, Berlin (DDR) 1965. — Einleitung, S. 7. 9 Diese Prozesse rechnen zu den sogenannten Nachfolgeprozessen von Nürnberg, sie w u r d e n unabhängig vom Hauptprozeß — siehe Fußnote 7 — geführt. Mit der Veröffentlichung der 12 Nachfolgeprozesse ist in der DDR begonnen worden. Von den drei genannten Prozessen gegen I n d u strielle liegen vor der Prozeß gegen Flick — siehe Fußnote 8 — und gegen die IG-Farbenindustrie : Fall 6. Ausgewählte Dokumente un d Urteil des IG-Farbenprozesses. Hrsg. u n d eingel. von H. Radandt. Berlin (DDR) 1970.

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haupt keine bösen Absichten, sondern ,wir' lebten in Furcht vor ,ihnen'. Um ,sie' ruhig zu halten, mußten ,wir' uns gut mit ,ihnen' stellen. ,Wir' gaben Göring erhebliche Geldsummen und handelten als sein Vertreter; ,wir' gaben Himmler Obdach in der Stunde seiner Not, ,wir' gaben ihm Taschengeld und spielten die Rolle von Mitgliedern des ,Freundeskreises'; ,wir' erwarben mit Bedauern Eigentum, das Göring und Pleiger bei unglücklichen Juden und Franzosen beschlagnahmt hatten; ,wir' waren entsetzt, als ,wir' uns darüber klar wurden, daß ,wir' gezwungen worden waren, Tausende von Ausländern zu beschäftigen, die ,sie' zu Sklaven gemacht hatten im Interesse der Aufrechterhaltung unseres Geschäfts. Es war alles höchst bedauerlich, aber was hätten ,wir' dazu tun können? Nach Ansicht der Anklagebehörde ist diese Darstellung als Verteidigung rechtlich unzureichend . . . Die führenden Angeklagten . . . waren keine Industrielöwen mit Hasenherzen . . . Die Darstellung, daß diese Männer, deren Weizen unter Hitler blühte und gedieh und die die einflußreichsten und meist bevorzugten Posten in dem Gebilde der deutschen Industrie innehatten, zwölf Jahre hindurch in Furcht herumgeschlichen seien und Dinge tun mußten, die sie gar nicht zu tun wünschten, ist, vorsichtig ausgedrückt, lächerlich" 10. Und doch retteten die Angeklagten damals ihren Kopf. Dies lag nicht daran, daß ihre Verteidigung irgend jemanden hätte überzeugen können, sondern daran, daß sie Verbündete im Gerichtshof hatten. Die Prozesse gegen die Industriellen wurden nur noch halbherzig geführt; im westlichen Lager hatte man sich zu diesem Zeitpunkt bereits darauf geeinigt, das deutsche Monopolkapital zum Verbündeten gegen die UdSSR zu machen. Verbündeten macht man keine Prozesse. Die Urteile gegen Flick und die IG-Farben 1 1 sind Dokumente der Geschichtsfälschung im Interesse des gemeinsamen Kampfes gegen den Sozialismus. Einzelne Angeklagte wurden in einzelnen Anklagepunkten schuldig gesprochen und zu lächerlichen Haftstrafen verurteilt, um dem Schein Genüge zu tun und die Öffentlichkeit nicht allzu sehr vor den Kopf zu stoßen. Die bald erfolgenden vorzeitigen Entlassungen aus der Haft verdeutlichten nochmals die Farce dieser Prozesse, in denen ungeachtet aller Beweise die Urheber des Weltkrieges in allen entscheidenden Punkten freigesprochen wurden. Die Verteidigungslinie der Angeklagten in den Industrieprozessen wurde in den folgenden Jahren zur Irreführung der Öffentlichkeit vervollkommnet. Als die Historiker sich zögernd und unsicher an die Geschichtsschreibung des Faschismus machten, lag ihnen bereits eine Fülle von Veröffentlichungen aus Industriekreisen zum Verhältnis von Ökonomie und Politik zwischen 1933 und 1945 vor. Diese ersten Darstellungen zum entscheidenden Punkt der gesamten Faschismusdiskussion werden von den westdeutschen Historikern scheinbar nur nebenbei zitiert, doch sie blieben, wie der folgende 10 Fall 5, S. 24 f. 11 Fall 5, S. 315 ff.; Fall 6, S. 169 ff.

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Vergleich zeigt, das Konzept der „wissenschaftlichen" historischen Arbeit bis heute. *

Schon bald nach dem Krieg schrieb Georg Siemens die „Geschichte des Hauses Siemens", deren dritter Band den programmatischen Untertitel „Die Dämonie des Staates" trägt 1 2 . Mit der Behauptung, 1933 sei „das Deutsche Reich der politisch unumschränkten Entscheidungsgewalt eines Einzelnen überantwortet" worden, wird unterstellt, daß alle Ereignisse nach 1933 allein von Hitler zu verantworten seien. Wer diesem „Einzelnen" das Deutsche Reich überantwortet habe, wird nicht gefragt. Böswilligen Gerüchten, die Industrie habe bei der Machtergreifung die Schlüsselrolle gespielt, wird jedenfalls entgegnet, daß erstens Geldspenden der Industrie an die NSDAP auf den Verlauf der Ereignisse keinen Einfluß gehabt hätten, zweitens solche Geldspenden nur unter Zwang erfolgt seien und als „eine Art Gewerbesondersteuer" anzusehen seien, drittens „über diese Gebefreudigkeit der Industrie . . . diejenigen Deutschen zu Gericht sitzen (mögen), die keine Beiträge f ü r das Winterhilfswerk geleistet und jeden Sammler konsequent abgewiesen haben" 18. Der totale Staat habe rücksichtslos in alle Lebensgebiete eingegriffen, „zuvörderst aber in die Wirtschaft, die er völlig unter sein Gesetz zu stellen gedachte" u . Ein Wunder fast, daß die Unternehmungen nicht formell enteignet wurden, wo sie doch „derart in Fesseln geschlagen" waren, „daß von einem selbständigen Unternehmertum keine Rede mehr sein konnte" lä . Dem Buch 16 von Fritz ter Meer, dem ehemaligen Vorstandsmitglied der IG Farben, in Nürnberg zu 7 Jahren Gefängnis verurteilt, später Vorsitzender des Aufsichtsrates der Bayer-Werke, kann man entnehmen, daß „bei der grundsätzlich ablehnenden Stellung der Partei Großkonzernen gegenüber" die IG Farben alles tun mußte, „um sich von zu weit gehender staatlicher Einflußnahme freizuhalten" 17. Mit schlichten Worten wird dargelegt, wie abwegig der Gedanke an eine Rolle der IG Farben bei Vorbereitung und Durchführung des Weltkrieges sei: „Für ein Unternehmen wie die I.G., das mehr als ein Viertel seiner Erzeugung in alle Länder der Welt exportierte, das zahlreiche geschäftliche Beziehungen in den nun zu Feinden gewordenen Ländern unterhielt, und das durch Lizenzverträge und breiten Erfahrungsaustausch mit dem Ausland verbunden war, bedeutete der Krieg den härtesten Schlag, der es treffen konnte" 18. 12 G. Siemens: Die Geschichte des Hauses Siemens. Bd. 3: Die Dämonie des Staates, Freiburg und München 1951. 13 Siemens, S. 296 f. 14 Siemens, S. 298. 15 Siemens, S. 308. 16 Ter Meer, Fritz: Die IG Farbenindustrie Aktiengesellschaft. Ihre Entstehung, Entwicklung und Bedeutung, Düsseldorf 1953. 17 ter Meer, S. 82. 18 ter Meer, S. 112.

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W.-O. Reichelt nahm sich ebenfalls der verleumdeten IG-Farben an 19. Von knapp 250 Druckseiten benötigt er sechs, um die Zeit zwischen 1933 und 1945 zu verschleiern — Kapitelüberschrift: „Nach 1933 Sorge um solides Brot f ü r Neunzigtausend" 20 —, und keine zwölf, um die Konzernspitze gegenüber dem Militärgerichtshof zu mißhandelten Ehrenleuten umzulügen. Reichelt kann den Prozeß nur als einen Auswuchs der „Kriegspropaganda" begreifen, die das Ausland — niemand weiß, warum — gegen Deutschland eingenommen habe 21. Die Anklage habe mit Argumenten gearbeitet, „die an den Haaren herbeigezogen waren" 22. Ihr Vorgehen habe „deutschem Recht und Rechtsgefühl" widersprochen, und „vor einem deutschen Gerichtshof hätte es niemals zu einer derartig haltlosen Anklage kommen können, wie im Nürnberger IG-Prozeß" 28. Über den maßgeblich von der IG Farben betriebenen Ausbau des Amtes f ü r den Vierjahresplan, Zentralinstanz der Kriegsvorbereitung, über die Besetzung dieser staatlichen Stelle mit einem Stab von IG-Leuten unter Führung von Carl Krauch, liest man bei Reichelt: „Für die IG war es natürlich wichtig, einen so qualifizierten Verbindungsmann (gemeint ist Krauch) zu haben, der bei den schwierigen Fragen der Planwirtschaft jederzeit Zugang zu den führenden Männern hatte. So konnte vermieden werden, daß sich Parteieinflüsse in der IG-Führung breitmachten" 24. Zur Frage, wie weit die IG-Einflüsse auf Staats -und Parteipolitik gingen, schweigt Reichelt. Das aber war der entscheidende Punkt vor Gericht. — Wieviel tausend Häftlinge aus Konzentrationslagern die IG Farben von der SS als Arbeitssklaven gefordert und erhalten hat, wieviele dieser Häftlinge die mörderischen Arbeitsbedingungen z. B. im Buna-Werk der IG bei Auschwitz nicht überlebten, kann nur geschätzt werden. Herr Reichelt macht die IG Farben zur Beschützerin der KZ-Häftlinge: „um die Lage der Arbeiter zu erleichtern", habe die IG „freiwillig und auf eigene Kosten" den Arbeitern eine „heiße Mittagssuppe verabreicht" 25 . Alles andere ist „Kriegspropaganda" oder geschah im Befehlsnotstand. 1962 erschien bereits in der dritten Auflage „Warum wurde Krupp verurteilt?" von Tilo v. Wilmowsky 26 . Die Befangenheit des Autors seinem Thema gegenüber geht schon aus der Tatsache hervor, daß er, Schwiegersohn Krupps, bis 1943 dem Aufsichtsrat der Krupp-AG angehörte und den Mitteleuropäischen Wirtschaftstag leitete, einen Zusammenschluß verschiedener Konzerne zur wirtschaftlichen Unterwerfung der südosteuropäischen Länder. Ehe er sich dazu herab19 W.-O. Reichelt: Das E r b e der I G - F a r b e n . Düsseldorf 1956. 20 Reichelt, S. 38. 21 Reichelt, S. 45 f. 22 Reichelt, S. 47. 23 Reichelt, S. 48. 24 Reichelt, S. 41. 25 Reichelt, S. 53. 26 Tilo von Wilmowsky: W a r u m w u r d e K r u p p verurteilt? Legende und Justizirrtum. Düsseldorf un d Wien 1962 (3. Aufl.).

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läßt, auf einzelne Anklagepunkte einzugehen, diffamiert er zunächst die Nürnberger Industrieprozesse im allgemeinen, den Krupp-Prozeß im besonderen, bemängelt das Untersuchungsverfahren, hofft, die Anklage durch den Vorwurf kommunistischer Tendenzen zu disqualifizieren, und spricht den Richtern die Eignung zur Prozeßführung vorsichtshalber ab. Unter Umgehung der Berge belastender Dokumente teilt er mit, Krupp sei bei seiner Teilnahme an der Aufrüstung „von der festen Überzeugung geleitet" gewesen, „daß defensive Absichten f ü r sie bestimmend waren" 27. Wie sollte Krupp, „der kein politisches Amt innehatte, sondern ein privatwirtschaftlicher Unternehmer war und in die geheimen Pläne Hitlers so wenig wie irgendein anderer Industrieller eingeweiht wurde" 28 , wissen, daß die Aufrüstung einem Angriffskrieg diente? Den Vorwurf der Plünderungen will er auf zwei Weisen parieren; zunächst werden die Tatsachen geleugnet, sodann wird das Völkerrecht, insbesondere die Haager Landkriegsordnung, neu interpretiert. Alles Recht müsse stets aufs Neue den sich ändernden Verhältnissen angepaßt werden. So habe der totale Krieg die Verhältnisse derart geändert, daß das bisher geltende Völkerrecht nicht ohne weiteres mehr angewandt werden könne; Beschlagnahmung ausländischen Eigentums, Raub, Plünderung erscheinen in völlig neuem Licht, das Völkerrecht möge sich faschistischer Kriegsführung endlich anpassen 29. Mit vergleichbaren Methoden wird auch der Vorwurf der Sklavenarbeit in Kruppschen Werken zurückgewiesen. „Der Arbeitszwang, dem die Häftlinge zum Teil unterworfen wurden, stellte, soweit es dabei nicht zu besonderen Unmenschlichkeiten kam, keine selbständige rechtswidrige Handlung dar" 30. Somit sind alle in den Kruppschen Arbeitslagern „üblichen" Unmenschlichkeiten exkulpiert. Mit allen juristischen Kniffen versuchte August von Knierim, Vorstandsmitglied der IG Farben und Chefjurist des Konzerns vor 1945, die Industrie reinzuwaschen 31. Auf mehr als 500 Seiten werden mit handfesten Lügen, Halbwahrheiten und Entstellungen der Tatsachen bis zur Unkenntlichkeit die Ursachen und führenden Kräfte des Faschismus verzeichnet, geleugnet, auf menschliche Schwächen höchst allgemeiner Natur reduziert. Gläubige Leser werden am Ende bezweifeln, daß es je einen Faschismus gab. Die Selbstgerechtigkeit und Arroganz des in Nürnberg angeklagten und freigesprochenen Spitzenjuristen der IG Farben bezieht ihre Sicherheit aus dem Bündnis zwischen amerikanischem und deutschem Monopolkapital, geschlossen, ehe die Anklage formuliert war. Das Urteil, welches die IG Farben vom Vorwurf der Vorbereitung und Teilnahme am Angriffskrieg freispricht, wird gewürdigt: „Man kann sich des Eindrucks 27 Wilmowsky, S. 28 Wilmowsky, S. 29 Wilmowsky, S. 30 Wilmowsky, S. 31 A. v. Knierim: Stuttgart 1953.

36. 36. 106 ff. 147. Nürnberg. Rechtliche und menschliche Probleme.

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nicht erwehren, daß wohl selten eine Anklage in einem großen politischen Prozeß so kläglich zusammengebrochen ist wie die des Angriffskrieges in den Nürnberger Industrieprozessen" 32. Schulterklopfend bedankt sich die IG Farben bei ihren Richtern: „Es muß rückhaltlos anerkannt werden, daß hier ein mutiges und nach Wahrheit strebendes Gericht den Nebel von zwar unklaren, aber gehässigen Vorwürfen zerstreut hat, der sich als Folge einer rücksichtslosen — schon während des Krieges betriebenen — Propaganda auf die IG Farbenindustrie gesenkt hatte" S 3 . Der Nebel, den amerikanische Richter und deutsche Angeklagte einträchtig über Krieg und Faschismus legten, wurde bis heute weder von amerikanischen noch von westdeutschen Historikern vertrieben. Die in Nürnberg angeklagten Industriellen fanden nicht nur richterliche, sondern auch publizistische Unterstützung auf Seiten der westlichen Siegermächte. Der Amerikaner Lochner legte 1955 eine umfangreiche Rechtfertigung 3 4 des deutschen Imperialismus vor, deren „Material" zu einem wesentlichen Teil aus Interviews mit den deutschen Industriellen besteht. Gegen Ende seines Pamphlets zitiert er einen anonymen hohen Beamten aus Washington: „Alles in allem glaube ich, daß die deutsche Industrie nicht anders gehandelt hat, wie die amerikanische, englische, französische oder eine andere Industrie unter ähnlichen Umständen gehandelt haben würde. Die deutschen Industrieführer . . . taten, was sie konnten" 35. Der Beamte vergaß hinzuzufügen: . . . um die Welt zu erobern. Immerhin ließ er keinen Zweifel daran, daß er imperialistischen Expansionsdrang, nicht nur deutschen, als Selbstverständlichkeit akzeptierte. Nach einigen Geschichtsklitterungen von seltener Primitivität, denen zufolge der Faschismus „nicht als logisches Glied einer geschichtlichen Entwicklung", „sondern eher als ein tragisches Intermezzo" zu werten sei 38 , kommt Lochner zum springenden Punkt: „Der gesunde Menschenverstand legt nahe, bei der Ausrichtung des amerikanischen Verhältnisses zu Deutschland den Blick vorwiegend auf die nun in der Bundesrepublik lebendig gewordenen Kräfte zu richten" 37. Die in der Bundesrepublik lebendig gebliebenen Kräfte waren die faschistischen. In der Flut apologetischer Werke, bestimmt, zunächst den eigenen Kragen, sodann das eigene System zu retten, finden sich bald Stimmen, die sich nicht damit begnügen, die Beweise der Schuld als Makulatur vom Gerichtstisch zu fegen, sondern darüber hinaus die eben noch unter Anklage gestandenen Taten als „Verdienste" gewertet wissen wollen. Die „Bilanz des zweiten Weltkrieges, Erkenntnisse und Verpflichtungen f ü r die Zukunft", ein Sammelwerk mit 32 33 34 35 36 37

Knierim, S. 543. Knierim, S. 543. L. P. Lochner: Die Mächtigen un d der Tyrann. D a r m s t a dt 1955. Lochner, S. 268. Lochner, S. 327. Lochner, S. 327.

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Beiträgen von Offizieren, Historikern, Wirtschaftlern und Technikern, „die wirklich dabeigewesen sind" 38, verwandelt die lange Liste der Kriegsverbrechen in eine ebenso lange Liste von Heldentaten. „Im Hinblick auf die künftige Verteidigung der deutschen Heimat" wird gefragt, „was war gut und kann f ü r die Zukunft übernommen werden; was kann besser gemacht werden; was muß besser gemacht werden" 89. Hans Kehrl, eine zentrale Figur im Rüstungsministerium Speer, schreibt: „Die Mitarbeit, das Mitdenken, das Können und Wissen und der Ideenreichtum der Wirtschaftler sind im Kriege noch weniger zu entbehren als im Frieden. Sie können durch militärische Befehle nicht ersetzt werden. Die Einschaltung des wirtschaftlichen und industriellen Sachverstands darf auch nicht erst bei der Produktion einsetzen, sondern muß zur Mitarbeit z. B. bereits bei der Konstruktion der Waffen zugezogen werden sowie bei der Aufstellung der Produktionsprogramme" 40. Kehrl gibt hier immerhin zu, was alle Angeklagten in den Industrieprozessen hartnäckig abgestritten hatten. Wenn er fortfährt, das Rüstungsministerium habe im Kriege die Idee konzipiert, „die Verantwortung f ü r die Rüstungsproduktion in die Hand der Wirtschaft selbst zu legen" 41, so verdreht er die Tatsachen insofern, als umgekehrt das Rüstungsministerium auf Initiative der Industrie gebildet wurde, und die Rüstungsproduktion nach allen Dokumenten schon vor diesem Zeitpunkt „in der Hand der Wirtschaft" lag. Aber er verrät noch genug. „So wurden in wenigen Monaten Hunderte von Wirtschaftlern" — eine Untertreibung, es waren Tausende — „in den sogenannten ,Ausschüssen' und .Ringen' mit allen Vollmachten f ü r Planung und Durchführung der Rüstungsproduktion eingesetzt. . . . Zu Hauptausschußleitern wurden die erfolgreichsten und aktivsten Industriellen bestellt". Auf eigenen Wunsch, ihre Mitarbeit konnte ja „durch militärische Befehle nicht ersetzt werden". „Sie hatten freie Hand in der Wahl ihrer Mitarbeiter, die ebenfalls sämtlich aus der Industrie berufen wurden . . . Tausende von Wirtschaftlern waren ehrenamtlich Tag und Nacht in dieser Organisation (gemeint: das Rüstungsministerium) und f ü r sie tätig und haben unter allerschwierigsten Verhältnissen beispiellose Leistungen vollbracht . . . Es war ein gigantischer und tragischer Versuch, in fieberhafter Eile unter dem ständigen Druck der sich verschlechternden Frontlage die Versäumnisse der ersten Kriegsjahre aufzuholen, ein verzweifelter Wettlauf mit der Zeit" 42. *

38 Bilanz des zweiten Weltkrieges. Erkenntnisse un d Verpflichtungen f ü r die Z u k u n f t . Oldenburg un d H a m b u r g 1953. Vorbemerkung des Verlages. 39 Bilanz, S. 215. 40 Bilanz, S. 270. 41 Bilanz, S. 277. 42 Bilanz, S. 277 ff.

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So hatten die deutschen Großindustriellen mit beachtlichem publizistischem Aufwand, mit Unterstützung der westlichen Siegermächte, zynisch und gerissen — andere Formulierungen würden dem Sachverhalt nicht gerecht — die Hauptfrage jeder Untersuchung des Nationalsozialismus, nämlich die Frage nach dem Zusammenhang zwischen Kapitalismus und Faschismus, aus der Welt zu schaffen versucht. Ihre Rolle in den Jahren 1933 bis 1945 sollte nicht mehr zur Diskussion stehen, beim Wiederaufbau ihrer ökonomischen und politischen Basis wäre die Frage nach ihrer Verantwortung für die Jahre zuvor ein ernsthaftes Hindernis gewesen. Die großen Linien der Geschichtsfälschung, die sie in den Prozessen und den zitierten Verteidigungsschriften vorgezeichnet hatten, wurden in den späteren Jahren von den westdeutschen Historikern aufgenommen und ausgeführt. Dem vorgegebenen Konzept entsprechend wird die Mehrzahl der westdeutschen Historiker mit dem Verhältnis von Politik und Wirtschaft im Nationalsozialismus in der Weise fertig, daß sie gar nicht nach diesem Verhältnis fragt. In ihren Schriften tauchen wirtschaftshistorische Fakten allenfalls am Rande und meist jenseits jeden relevanten Zusammenhanges auf. Geschichte ist ihnen in der Regel nur die Geschichte der politischen Verhältnisse. Da sie die ökonomischen Entwicklungen und ihren bestimmenden Einfluß auf die politischen Verhältnisse von ihrer Konzeption her nicht untersuchen wollen und können, vielmehr anstelle der tatsächlich den Gang der Geschichte bestimmenden Kräfte einzelne Personen, Zufälle oder dämonische Mächte verantwortlich machen, ist ihr Geschichtsbild von Subjektivismus und Willkür geprägt. In der Vernachlässigung der ökonomischen und sozialen Entwicklungen hat die von den westdeutschen Historikern selbst viel beklagte Krise des Historismus, die Unfähigkeit, eine schlüssige Geschichtskonzeption vorzulegen, ihren Grund. Charakteristisch für die fast ängstlich zu nennende Zurückhaltung, die sich westdeutsche Historiker wirtschaftshistorischen Fragen gegenüber auferlegen, ist „Die deutsche Diktatur" von K.-D. Bracher 43. Obwohl der Verfasser in seinem 1969 erschienenen Buch vor neonazistischen Strömungen warnt und das Verbot der NPD fordert 4 4 , ist er weit davon entfernt, die Ursachen des Faschismus zu begreifen. Pauschal weist er marxistische Analysen zurück 43 , vernachlässigt in auffälliger Weise die Nürnberger Dokumente und die Arbeiten von DDR-Historikern und dokumentiert seinen Lesern bereits durch die wenigen Zeilen, die er der Wirtschaft widmet, die Unwichtigkeit dieses Gebietes. Die Finanzierung der NSDAP durch die Industrie darf dann ruhig erwähnt werden, nennenswerte Bedeutung kann Bracher diesem Punkt nicht beimessen, denn die Geldspenden waren nur „individuell bedingt" ; die Einführung des Führerprinzips in die Wirt43 K.-D. Bracher: Die deutsche Diktatur. Entstehung, S t r u k t u r und Folgen des Nationalsozialismus. Köln un d Berlin 1969. 44 Bracher, Diktatur, S. 530. 45 Bracher, Diktatur, S. 240 und 361.

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schaftsverbände erscheint als Zwangsmaßnahme der Partei und nicht als vom Reichsverband der Deutschen Industrie unter Krupp geplanter und durchgeführter Schritt; selbst die zugestandene „Teilnahme" und das „Profitieren" der Wirtschaft am und durch den „neuen Staat" wird keinen Leser ernsthaft befremden, da Bracher ihm auf derselben Seite nachdrücklich die Legende von der „Gleichschaltung" der Wirtschaft erzählt 4 6 . Daß die Industrie an Rüstungsaufträgen interessiert war, kann Bracher nicht übersehen, weiterreichenden Fragen aber schiebt er rasch einen Riegel vor, indem er einen „Circulus vitiosus" konstruiert, „in dem die Wirtschaft in blinder Fixierung auf Produktionssteigerung und Effizienz dem Regime folgte" 47. Den zahlreichen mit Industrieakten gefüllten Archiven ist über einen „Circulus vitiosus" nichts zu entnehmen, wohl aber über den direkten, sorgfältig geplanten Weg der Monopole in den Krieg. *

Das Ausweichen vor der Frage, „in wessen Interesse die faschistische Diktatur errichtet wurde und was die faschistische Partei und deren Organisationen klassenmäßig darstellten" 4S, welches die westdeutsche Geschichtsschreibung von Ritter bis Bracher charakterisiert, war stets Ansatzpunkt der Kritik sozialistischer Historiker. Sie weisen zu Recht darauf hin, daß schon die „Übernahme des von der faschistischen Propaganda geprägten Begriffs .Machtergreifung'" eine vorherrschende Tendenz der westdeutschen Geschichtsschreibung kennzeichne 49 . „Der vorbedachte faschistische Propagandabegriff von der nationalsozialistischen Revolution' hat ebenfalls weitestgehend Eingang in die westdeutsche Geschichtsführung gefunden. Vogelsang verwendet ihn auch in dem Sinn, daß es nicht nur eine .Revolution von oben', sondern auch — besonders in Bayern — .geradezu eine Revolution von unten' gewesen sei 50 . Broszat geht so weit, die Jahre 1933/1934 als eine ,Phase der revolutionären Machtübernahme' 51 zu kennzeichnen. Die völlige Umkehrung des politischen Begriffs der Revolution dient dem Ziel, die sozialistischen Revolutionen sowie die revolutionären Klassen und Parteien zu diffamieren. Eine Revolution f ü r .deckungsgleich' mit der Errichtung der faschistischen Diktatur auszugeben, führt direkt zur These von der angeblichen Wesensgleichheit der .totalitären Systeme' des Faschismus und des Kommunismus" 52. Demgegenüber veröffentlichten Historiker der DDR sehr bald nach Kriegsende Dokumente und Analysen, die den Klassencharakter des 46 Bracher, Diktatur, S. 239 f. 47 Bracher, Diktatur, S. 362 f. 48 Kritik . . . , S. 205. 49 Kritik . . . , S. 206 f. 50 Th. Vogelsang: Deutsche Geschichte. Die nationalsozialistische Zeit. F r a n k f u r t 1967, S. 20. 51 M. Broszat: Nationalsozialistische Konzentrationslager 1933—1945. In: Anatomie des SS-Staates, Bd. 2. Ölten un d Freiburg 1965, S. 11. 52 Kritik . . . , S. 206 f.

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faschistischen Systems deutlich machten. Diese Arbeiten wurden auf westlicher Seite entweder nicht diskutiert oder als Propaganda jenseits aller Wissenschaft abgelehnt; vor allem in den fünfziger und den ersten sechziger Jahren war die Methode des Totschweigens die am meisten geübte. Man hatte durchaus erkannt, daß die historische Wahrheit über den Faschismus einen dem in der Bundesrepublik herrschenden System unerwünschten Effekt haben mußte. Ein relativ frühes Beispiel solcher Arbeiten aus der DDR ist diejenige von F. Klein, die an Hand der Publikationen des Reichsverbandes der Deutschen Industrie von 1929 und 1930 deutlich macht, wie früh und mit welcher Offenheit Industriekreise eine diktatorische Lösung ihrer Schwierigkeiten ins Auge faßten. Drohenden Ankündigungen Dulsbergs von 1929, der Reichsverband der Deutschen Industrie habe jetzt Klarheit über die sozialistische Tendenz der Regierung und werde sich mit ihr beschäftigen, fügte ein anderer Redner vor dem Reichsverband hinzu, „wir wollen, gestützt auf das Große, das bisher schon erreicht, uns einsetzen mit demselben Wagemut und derselben hohen Auffassung unserer Pflichten, bis endlich die entscheidende Wendung erreicht ist, daß industrielles Gedeihen und Blühen Ziel und Aufgabe des ganzen Volkes geworden sind . . . " Wie die entscheidende Wende nicht zu erreichen sei, war den Herren zu diesem Zeitpunkt bereits klar: „Kehren wir uns ab von dem Gedanken, daß Staatshilfe, Demokratie oder Sozialismus uns in der Wirtschaft helfen können und besinnen wir uns auf unsere eigene Kraft." Und ebenfalls schon 1929 wurde im Reichsverband geäußert, „ein Ermächtigungsgesetz kann vielleicht noch die einzige Hilfe sein, die aus diesem Elend herausführt" 53. Daß es zwischen den einzelnen Gruppen des Kapitals Meinungsverschiedenheiten über Methode und Tempo der Faschisierung, über die politischen Kräfte, auf die man sich stützen wollte, und über die Form der faschistischen Diktatur gab, wird von den Historikern der DDR durchaus gesehen. Es kann keine Rede davon sein, daß sie, wie von westlicher Seite mit einiger Monotonie unterstellt, eine plumpe und undifferenzierte Verschwörungstheorie konstruierten. So führt K. Haferkorn aus, daß die Meinungsverschiedenheiten innerhalb des Kapitals begründet waren „im Konkurrenz- und Machtkampf zwischen den verschiedenen Gruppen des Finanzkapitals. Gerade die von der Krise am schwersten betroffenen Gruppen — vor allem Vertreter der Schwerindustrie — drängten am meisten zur faschistischen Diktatur, orientierten sich als erste auf den radikalsten politischen Vertreter des Faschismus, die Nazipartei, und auf die Bildung einer Naziregierung. Zunächst sahen jedoch die entscheidenden Gruppen des Finanzkapitals, vor allem die Vertreter der Chemie- und Elektrokonzerne, die Deutsche Bank, 53 F. Klein: Zur Vorbereitung der faschistischen D i k t a t ur durch die deutsche Großbourgeoisie (1929—1932). In: Zeitschrift f ü r Geschichtswissenschaft, 1953, S. 884 f. Klein zitiert aus den Veröffentlichungen des Reichsverbandes der deutschen Industrie Nr. 48, Oktober 1929, S. 22, 47 un d 72 sowie aus Nr. 50, J a n u a r 1930, S. 38.

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sowie einige Kohle- und Stahlindustrielle des Ruhrgebiets, ferner die Reichswehrführung, im Zentrum die politische Kraft, mit deren Hilfe der Faschisierungsprozeß eingeleitet und vorangetrieben werden sollte" 54. Die Auseinandersetzungen innerhalb der herrschenden Klasse wurden von den westdeutschen Historikern nie analysiert, und daher bleiben ihre Arbeiten über die rasch wechselnde politische Szenerie der Jahre 1929 bis 1933, die nur Ausdruck dieser Auseinandersetzungen war, an der Oberfläche. In der Forschung der Historiker der DDR bilden die Differenzen innerhalb der herrschenden Klasse hingegen, vor allem in den letzten Jahren, einen Schwerpunkt 55. Die Rivalitäten innerhalb der verschiedenen Monopolgruppen während der zwanziger Jahre und die unter heftigsten Fraktionskämpfen allmählich sich herausbildende und erst im Dezember 1932/Januar 1933 erreichte Einigung auf die NSDAP als Stütze einer im Interesse aller Monopolgruppen liegenden faschistischen Diktatur, sind heute, wenigstens in den Hauptzügen, geklärt 5 6 . Spärlich und unergiebig sind auch die Arbeiten von westdeutschen Autoren über die Jahre nach 1933, soweit sie Rüstung und Kriegswirtschaft betreffen. Als ein Meisterwerk der Unterschlagung darf das Kapitel über den Faschismus in „Wirtschaft und Staat, die Entwicklung der staatlichen Wirtschaftsverwaltung in Deutschland vom 17. Jahrhundert bis 1945" von F. Facius gelten 5 7 . Leitmotiv ist die Behauptung, daß die NSDAP in den führenden Unternehmerkreisen kaum festen Fuß habe fassen können; in einer Fußnote wird alles Beweismaterial der Nürnberger Prozesse zu diesem Punkt nicht dem Wortlaut, aber dem Sinne nach als wissenschaftlich unerheblich eingestuft, ein Autor wie G. W. F. Hallgarten 53 , der die Nürnberger Materialien ernster nahm als Facius, entsprechend abgekanzelt und statt dessen die oben besprochene Schrift von Lochner als „objek54 K. H a f e r k o r n : Z u m Wesen der Präsidialregierungen. In: Staat und Monopole in Deutschland 1917—1945. Berlin (DDR) 1966, S. 143 f. 55 K. Gossweiler: Die Rolle des Monopolkapitals bei der Herbeiführun g der R ö h m - A f f ä r e , phil.Diss. Berlin (DDR) 1963 (MS); ders.: Die RöhmA f f ä r e von 1934 un d die Monopole. In: Monopole und Staat in Deutschland 1917—1945, S. 151 ff.; A. Schröter: Einige methodologische Fragen zur E n tstehung und Entwicklung monopolistischer Gruppierungen in Deutschland. In: Jahrbuc h f ü r Wirtschaftsgeschichte, 1966, Teil 4; J. Kuczynski: Die B a r b a r e i — e x t r e m s t e r Ausdruck der Monopolherrschaft in Deutschland. In: Zeitschrift f ü r Geschichtswissenschaft, 1961, S. 1484 ff.; ders.: Geschichte der Lage der Arbeiter u n t e r dem Kapitalismus, Bd. 4, 5, 6 und 16. Berlin (DDR) 1963 ff.; D. Eichholtz: Geschichte der deutschen Kriegswirtschaft, Bd. 1. Berlin (DDR) 1969, S. 147 ff. 56 Dazu auch E. Czichon: Wer verhalf Hitler zur Macht? Zum Anteil der deutschen Industrie an der Zerstörung der Weimarer Republik. Köln 1967. 57 F. Facius: Wirtschaft un d Staat. Die Entwicklung der staatlichen Wirtschaftsverwaltung in Deutschland vom 17. J a h r h u n d e r t bis 1945. Boppard 1959. 58 G. W. F. Hallgarten: Hitler, Reichswehr, Industrie. Zur Geschichte der J a h r e 1918—1933. F r a n k f u r t 1955.

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tiver Vorstoß" 59 bezeichnet. „Was auch immer in den Jahren zwischen 1933 und 1945 wirtschaftspolitisch geschah, wurde nicht von der Wirtschaft her und f ü r die Wirtschaft unternommen" ao. Mit verbalen Taschenspielertricks sucht Facius ein undurchsichtiges Chaos an die Stelle der tatsächlichen Geschichte zu setzen, durch das die Verantwortlichen dem Blick entzogen werden: „Machtpolitisches Streben, kurzsichtige Tagesforderungen, dogmatische und nicht selten absonderliche Vorstellungen, unkontrollierbare Parteieinflüsse, Rückwirkungen der hohen Politik bedingten ein fortgesetztes Improvisieren, das bisweilen in wilde Phantasterei ausartete" 6I . Facius beruft sich an dieser Stelle nicht zufällig auf W. Treue. Treue hat 1955 Hitlers Denkschrift zum Vierjahresplan veröffentlicht und kommentiert 6 2 . Die Denkschrift soll als Beweis dafür dienen, daß der Vierjahresplan tatsächlich von Hitler stammte; zu diesem Zweck nimmt Treue umfangreiche Stilanalysen vor. Sie mögen Indiz dafür sein, daß die Denkschrift von Hitler verfaßt wurde, sie widerlegen nicht, daß der Vierjahresplan aus Industriekreisen kam. Das „Mißtrauen", mit dem die Wirtschaft dem Vierjahresplan gegenübergestanden haben soll 63 , bleibt Treues Erfindung. Seine rhetorische Frage, ob die Industriellen angesichts „der Autarkie-Ideologie und der maß- und sinnlosen Angriffe auf die Unternehmer nicht vielmehr weiterhin erhebliche Vorbehalte gegen die nationalsozialistische Form der Wehrwirtschafts-Auffassung machten" e4, soll ihm den unmöglichen Beweisantritt ersparen. Hätte es die von ihm auch an anderer Stelle 65 behauptete ablehnende Haltung der Großindustrie Hitler gegenüber gegeben, der zweite Weltkrieg hätte nicht stattgefunden. Zu der 1962 bereits in 4. Auflage erschienenen Broschüre „Wirtschaft und Politik 1933—1945" von Treue und Frede bemerkt Eichholtz: „Auf weite Strecken eine Zitatenkompilation aus faschistischen Zeitschriften, enthält diese Schrift bereits vollständig die apologetische Grundkonzeption einer dem ,Totalitarismus' unterworfenen und von Hitler mißbrauchten Wirtschaft, deren eigentliche Beherrscher — die Monopole — völlig im Dunkeln bleiben" 66. Während Facius und Treue alle Tatsachen außerachtlassen, die der Legende von der unerklärlichen und allgewaltigen Dämonie des Staates abträglich sein könnten, hat Petzina 6 7 , dessen Ausgangs59 Facius, S. 127. 60 Facius, S. 129. 61 Facius, S. 129. 62 W. Treue: Hitlers Denkschrift zum Vierjahresplan 1936. Vierteljahr e s h e f t e f ü r Zeitgeschichte, 1955, S. 184 ff. 63 Treue, Denkschrift, S. 192. 64 Treue, Denkschrift, S. 192. 65 W. Treue: Die Einstellung einiger deutscher Großindustrieller zu Hitlers Außenpolitik. I n : Geschichte in Wissenschaft un d Unterricht, 1966. 66 Eichholtz, Kriegswirtschaft Bd. 1, S. 383. 67 Petzina, Dieter: Autarkiepolitik im Dritten Reich. Der nationalsozialistische Vierjahresplan. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1968 (204 S., br., 9,80 DM).

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punkt und Beweisziel ebenfalls der Primat der Politik ist, sich gerade noch so weit an die Dokumente gehalten, daß die von ihm herangezogenen Materialien seinen Schlußfolgerungen häufig widersprechen. Er hält zwar standhaft bis zur letzten Seite an der These vom Primat der Politik fest, muß aber dafür mit so vielen Ungereimtheiten zahlen, daß er manchen Leser in Versuchung bringen kann, bei Historikern der DDR nachzuschlagen. Die ungewünschte Wirkung bleibt das Beste an dem Buch. — Folgt man Petzina, so stellte der Vier jahresplan „den ersten Versuch eines hochindustrialisierten Landes dar, eine staatlich reglementierte ,Kommandowirtschaft' auf der Grundlage eines privatkapitalistischen Systems zu errichten, um damit die deutsche Wirtschaft in einem bisher unbekannten Ausmaß den politischen Zielen des Staates unterzuordnen" 68. Ziel des Staates, d. h. Hitlers, sei es gewesen, „Deutschland durch raumpolitische Expansion wieder in den Kreis der Weltmächte zurückzuführen" w . Daß handfeste ökonomische Interessen hinter Hitler standen, kommt nicht zum Ausdruck; die Finanzierung der NSDAP durch die Industrie erscheint bei Petzina eher als Folge denn als Ursache des Aufstiegs der Partei 7 0 . Das Bild des allmächtigen Staates bekommt allerdings den ersten Riß, wenn Petzina feststellen muß, daß „die Industrie relativ unversehrt" aus dem Prozeß der Gleichschaltung hervorgegangen sei 71 . Als Erklärung dieses merkwürdigen Punktes soll „die anfänglich starke Stellung von Schacht" herhalten, „der großes Prestige in der deutschen Wirtschaft genoß und von dem bekannt war, daß er ein entschiedener Vertreter des freien Unternehmertums war. Schacht gelang es . . . auf vielfältige V/eise, Interventionen von Parteiinstanzen in das Wirtschaftsleben abzuwehren" 72. Doch damit ist nichts erklärt. Die „starke Stellung" eines einzelnen Mannes begründet kaum die „relative Autonomie" der Großindustrie 73 , man wird nach dieser krausen Argumentation eher vermuten, daß Schachts Position durch die starke Stellung der Großindustrie innerhalb der faschistischen Diktatur bedingt war. Petzina datiert den Beginn einer „umfassenden Kontrolle der Wirtschaft" 74 auf das Jahr 1936. Schacht habe angesichts der Zuspitzung der Devisenlage 1935/36 eine Drosselung des Rüstungsetats gefordert. „Eine Verlangsamung der Aufrüstung stand aber f ü r Hitler und Göring zu keinem Zeitpunkt zur Diskussion. Deshalb war eine anderweitige Lösung des Problems nicht mehr zu umgehen" 75. Die Schaffung eines Rohstoff- und Devisenstabes unter Göring im April 1936, Vorstufe des Vierteljahresplanes, wird als Beweis f ü r die gestärkte Position des Regimes gewertet, „das es sich 68 69 70 71 72 73 74 75

Petzina, Petzina, Petzina, Petzina, Petzina, Petzina, Petzina, Petzina,

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11. 20. 21. 21. 22. 22. 23. 35.

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jetzt leisten konnte, einen Mann wie Schacht, der bei weiten Kreisen der deutschen Wirtschaft als Vertrauensperson und Garant unternehmerischer Freiheit galt, zum Teil der Weisungsbefugnis Görings zu unterwerfen" 7a. Die Entlassung Schachts und die endgültige Entscheidung f ü r den Vierjahresplän werden Hitler allein angelastet und als Schritte gegen eine Privatwirtschaft hingestellt, die mit der forcierten Aufrüstung nicht einverstanden gewesen sei 77 . Petzina läßt an anderen Stellen indes immer wieder, z. T. sicher gegen seinen Willen, durchblicken, daß zumindest die IG Farben mit dem angeblich gegen die Interessen der Wirtschaft gerichteten Vier jahresplan sehr einverstanden waren. Er räumt ein, daß der Konzern ein Interesse an dem im Rahmen des Vierjahresplanes vorgesehenen Ausbau der Produktion von synthetischem Treibstoff und synthetischem Gummi hatte, er erwähnt die Vorschläge der IG Farben von 1933, die auf eine Treibstoffautarkie zielten, er berichtet über den Mineralölplan der IG von 1934, den Benzin vertrag zwischen Reich und IG sowie die Gründung der Brabag, die sämtlich Schritte auf dem von der IG Farben verfolgten Ausbau ihrer Produktion synthetischer Rohstoffe bedeuteten 7 8 . „Zwischen Mitte Juni und Mitte August 1936 wurden von der Abteilung ,Forschung und Entwicklung' des Rohstoff- und Devisenstabes in Kooperation mit der Industrie und Wissenschaft Pläne f ü r den Ausbau der deutschen Rohstoffwirtschaft entwickelt . . . Im Mittelpunkt stand die Mineralölplanung . . ." n . Petzina konzediert, daß Hitlers Denkschrift über den Vier jahresplan „den Einfluß der schon 1933 und 1934 vom Wehrwirtschaftsstab und den IG-Farben vorgelegten Pläne" zeige 80 ; er findet es bemerkenswert, daß das Amt f ü r den Vierjahresplan so viele Vertreter der Industrie beherbergte, während der Einfluß der Partei „erstaunlich gering" gewesen sei 81 ; er spricht von einer „Aufgabenteilung innerhalb des Vierjahresplanes zwischen Staat und Wirtschaft" und von „enger Kooperation" 82; er muß feststellen, daß es die IG Farben war, die 1938 eine weitgehende Umorganisierung des Amtes f ü r den Vierjahresplan durchsetzte, und daß derselbe Konzern offensichtlich in der Lage war, Eingriffe der Wehrmacht in das Amt, die ihm nicht genehm waren, zurückzuweisen und seine Position auf Kosten der Wehrmacht zu stärken 8 3 . Schließlich heißt es: „Wegen des überragenden personellen Einflusses der I.G. und ihrer monopolartigen Stellung bei der Produktion von Synthesebenzin, Buna, Kunststoffen und chemischen Vorprodukten f ü r die Munitionsindustrie wurden Planungsentscheidungen und Ausführungen faktisch vereinheitlicht, so daß auf einem Teilgebiet Staatsapparat und Privatindustrie kaum 76 77 78 79 80 81 82 83

Petzina, Petzina, Petzina, Petzina, Petzina, Petzina, Petzina, Petzina,

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40. 48 ff. 27 ff. 44 f. 51. 62. 62. 117 ff.

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mehr unterscheidbar waren. So völlig parallel liefen beider Interessen, daß der spätere Produktionsminister Albert Speer von der verstaatlichten I.G.' sprach. Er hätte richtiger von der privatisierten Wirtschaftspolitik' gesprochen" 84. Kurz, während Petzina zu beweisen versucht, daß ab 1936 die Wirtschaft eine „Kommandowirtschaft" gewesen sei, sammelt er Indizien, die im Gegenteil vermuten lassen, daß die Wirtschaft eine Kommandozentrale war. Petzinas Arbeit fand in Westdeutschland große Beachtung. Bezeichnend f ü r das Echo ist die ausführliche Rezension von Radkau 85. An ihr kann abgelesen werden, wie in der zweiten Hälfte der sechziger Jahre wirtschaftshistorische Fragen für einen wenn auch kleinen Teil der westdeutschen Historiker an Interesse gewannen. Die Ursache f ü r dieses Interesse, das auf den ersten Blick merkwürdig erscheint, da westdeutsche Historiker in den Jahren zuvor an wirtschaftshistorische Fragen nicht rührten, liegt zweifellos in den Arbeiten begründet, die von Historikern der DDR vorgelegt wurden. Deren immer zahlreicher erscheinende Untersuchungen, die sich durchweg auf ausführlich wiedergegebene Dokumente stützen, schufen in Westdeutschland eine gewisse Verlegenheit. Historiker der Bundesrepublik sahen, daß diese Publikationen Materialien verwendeten, die, wollte man den Anspruch, wissenschaftlich zu arbeiten, aufrechterhalten, nicht mehr völlig ignoriert werden konnten. Es wurde ihnen klar, daß es für sie in dem Maße, in dem sich in der Bundesrepublik die Erkenntnis durchsetzte, daß die DDR eben keine „Zone" ist, schwieriger und schließlich unmöglich wurde, historische Arbeiten aus der DDR als Propaganda eines Besatzungsregimes abzutun. Die unmittelbar nach dem Weltkrieg von den in Nürnberg angeklagten Industriellen vorgezeichnete Konzeption der Geschichtsschreibung über den Faschismus, die zwanzig Jahre lang erfolgreich als Mittel politischer Desorientierung gedient hatte, wurde durchlöchert, da die jahrzehntelang verschwiegenen Dokumente aus den Archiven der Monopole ärgerlicherweise Stück um Stück in den Arbeiten der Historiker aus der DDR wieder auftauchten. Die westdeutsche Geschichtsschreibung bedurfte einer neuen Taktik. Die Arbeiten von A. Schweitzer 86 und D. Petzina verfolgen diese Taktiv am konsequentesten. Daß es der Amerikaner A. Schweitzer war, der das neue Konzept entwarf, ist ein Zeichen dafür, daß die Allianz zwischen den Interessen der USA und Westdeutschlands auch auf ideologischem Gebiet noch so gut funktioniert wie in den Tagen 84 Petzina, S. 123. 85 Neue Politische Literatur, 1970, S. 267 ff. 86 A. Schweitzer: Big Business in the Third Reich. Bloomington 1964; ders.: Die wirtschaftliche W i e d e r a u f r ü s t u ng Deutschlands 1934—1936. In: Zeitschrift f ü r die gesamte Staatswissenschaft, 1958, Bd. 114; ders.: Organisierter Kapitalismus un d P a r t e i d i k t a t u r 1933—1936. In: Schmollers J a h r buch f ü r Gesetzgebung, Verwaltung un d Volkswirtschaft, 1959, Jahrg. 79; ders.: Der ursprüngliche Vierjahresplan. In: J a h r b ü c h e r f ü r Nationalökonomie un d Statistik, 1956/57, Bd. 168; ders.: Foreign Exchange Crisis of 1936. I n : Zeitschrift f ü r die gesamte Staatswissenschaft, 1962, Bd. 118.

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von Nürnberg. Alle genannten Arbeiten machen den Tatsachen insofern eine Konzession, als sie die Industrie in den Jahren 1933 bis 1936 nicht mehr als vom Staat unterjochte hinstellen. Keine aber zeigt die Monopole als die führende Kraft dieser Jahre, und alle sind sich darin einig, daß die Wirtschaft nach 1936 doch vom Staat kontrolliert und unterdrückt wurde. So bringt man wenigstens einen kleinen Teil unbestreitbarer Fakten, wenn auch verstümmelt, in seinen Arbeiten unter und läßt doch im Hauptpunkt alles beim alten. — Die neue Variante bürgerlicher Geschichtsschreibung wurde in der DDR mehrfach zutreffend kommentiert. „Seit Arthur Schweitzers Veröffentlichungen über die Wirtschaft im faschistischen Deutschland gewinnt . . . mehr und mehr eine neue Version Einfluß besonders auf jüngere Historiker, die bestrebt sind, Geschichte vorwiegend von soziologisch und politologisch-sozialwissenschaftlich bestimmten Gesichtspunkten zu schreiben. Nach dieser Richtung, die auf der soziologischen Methodologie Max Webers fußt, habe sich die Großindustrie nach 1933, als Schacht noch Reichswirtschaftsminister war, Eigenständigkeit, Einfluß und Macht im Bereich der Wirtschaftspolitik bewahren können und sich in Form eines .organisierten Kapitalismus' mit dem faschistischen Regime arrangiert. Nach Errichtung der faschistischen Diktatur sei es zunächst zu einer Art ,Harmonie der Herrschaftsgruppen' gekommen, in der sich Nazipartei, Ministerialbürokratie und Industrie als Partner beim Griff nach der Weltmacht zusammengefunden hätten. Seit 1936 hätten die Nazipartei und faschistische Staatsbürokratie jedoch auch den Wirtschaftsbereich majorisiert und die Industriellen überspielt. Während vorher angeblich die wirtschaftliche, die politische und die militärische Sphäre eindeutig voneinander geschieden gewesen seien, hätte sich die Nazipartei nach 1936 auch der Herrschaft in der wirtschaftlichen und seit 1938 auch in der militärischen Sphäre bemächtigt. Die Wirtschaft und die Industriellen seien nunmehr nicht mehr in der Lage gewesen, die Wirtschaftspolitik nach ihren eigenen Wünschen zu gestalten, sondern Hitlers abenteuerlichem Kriegskurs der folgenden Jahre ebenso unterworfen worden wie das ganze deutsche Volk, und sie hätten ihm gegen ihren eigenen Willen folgen müssen." Für den, der die entscheidenden Dokumente liest, „wird bald klar, daß es sich bei der eben geschilderten Version im Prinzip nur um eine Variante der Auffassungen von der ,Wirtschaftsdiktatur' Hitlers und der Nazipartei handelt, auch wenn sie zugesteht, daß eine Reihe von Industriellen mitgeholfen hätten, die Nazipartei an die Macht zu bringen. Sie ist jedoch viel gefährlicher als die allzu durchsichtige Methode von Treue und anderen, weil sie im Grunde darauf hinausläuft, die Industriellen in der Rolle beinahe zu bemitleidender betrogener Betrüger darzustellen, von denen viele ,ehrlich' gedacht und gehandelt hätten, aber ebenso den Machtgelüsten Hitlers zum Opfer gefallen wären wie die übrigen Schichten des deutschen Volkes" 87. 87 Anatomie des Krieges, S. 17 f. Siehe auch die Auseinandersetzung zwischen Mason und Eichholtz/Gossweiler sowie Czichon in: Das Argum e n t Nr. 47 (10. Jg., 1968, H e f t 3).

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„Die Quellen vermitteln ein völlig anderes Bild" 88. Benutzt man sie nicht fragmentarisch und interpretiert man sie nicht verzerrend aus der Defensivstellung der westdeutschen Geschichtsschreibung heraus, so stellt sich z. B. der Vier jahresplan ganz anders dar. „In Wirklichkeit war der Vierjahresplan der Weg des deutschen Finanzkapitals selbst zu seinem Krieg und zu seinen Kriegszielen, den es unter Zuhilfenahme der politischen und militärischen Potenzen der Hitlerclique und der Hitlerwehrmacht endlich und schleunigst durchmessen wollte . . . Es war der IG-Farben-Konzern, es war Krauch, der zum ersten Mal schon 1933 den Begriff , Vier jahresplan' f ü r seine umfassenden staatsmonopolistischen Rüstungsprogramme und -Vorschläge verwendete. Krauch bezeichnete damit im Spätsommer 1933 ein von ihm vorgelegtes Produktionsprogramm f ü r synthetische Treibstoffe; dieses war Inhalt einer Denkschrift, die der Konzern am 14. September 1933 Staatssekretär Milch übersandte. Die erste ,Vierjahr esplandenkschrift' war also ihrem Ursprung nach sogar ein reines IG-Farben-Produkt . . . Krauch baute die staatsmonopolistischen Positionen des Konzerns in den folgenden Jahren aus. Als im Jahre 1935 die letzten politischen Schranken f ü r die Aufrüstung, insbesondere der Luftwaffe, fielen, erreichte die staatsmonopolistische Aktivität des Konzerns neue Höhepunkte. Mit dem Übergang zum offenen Aufbau der Luftwaffe erhielt das RLM (Reichsluftfahrtministerium) neue bedeutende Möglichkeiten, die Luftrüstung selbst — aus eigenem Etat — und in potenziertem Umfang zu finanzieren; es war nicht mehr auf den Umweg über Schachts Dienststellen angewiesen. Damit witterten auch die Herren des IG-Farben-Konzerns Morgenluft. Sie entwickelten neue emsige Aktivität in neuen, ausgedehnten Verhandlungen wegen synthetischen Kautschuks und Treibstoffs . . . Ende August 1935 oder etwas später muß dann die höchst bedeutsame Aussprache zwischen Göring und Krauch stattgefunden haben, in der der neue staatsmonopolistische Machtblock Göring/IG-Farben aus der Taufe gehoben wurde" 89. Einen maßgeblichen Erfolg f ü r die IGFarben bedeutete die Einsetzung Görings als Rohstoff- und Devisenkommissar. „Göring . . . zu dieser Idee zu inspirieren und gerade ihm zu diesem Amt zu verhelfen, der als absoluter Dilettant in ökonomischen Fragen eben völlig abhängig von Rat und Politik der ,Fachleute' und ,Berater' sein und bleiben mußte, war taktisch ein geschickter Zug" 90. Das Ziel war für den Konzern erreicht, als Hitler sich die IG-Farben-Pläne zu eigen machte. Göring „hatte am 15. August von der Krauch-Gruppe . . . einen mit größter Beschleunigung ausgearbeiteten Bericht zur Lage erhalten und war damit bei Hitler gewesen. Hitler arbeitete ebenso prompt. Unter Verwendung des Krauchschen Berichts stellte er in wenigen Tagen seine Vierjahresplan-Denkschrift zusammen . . ." 91 . Diese Tatsache konnte auch von Schweitzer nicht übersehen werden: „Krauch's department 88 Eichholtz, 89 Eichholtz, 90 Eichholtz, 91 Eichholtz,

Kriegswirtschaft Kriegswirtschaft Kriegswirtschaft Kriegswirtschaft

Bd. Bd. Bd. Bd.

1, S. 1, S. 1, S. 1, S.

48. 37 ff. 42. 43.

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not only provided the first proposals for producing substitutes according to a predetermined plan but this plan also suggested to the Nazis the basic ideas that led to the specific goals . . . in Hitler's memorandum" 92. Die von Schweitzer und Petzina behauptete Unterwerfung der Industrie durch Hitler 1936 erweist sich bei genauem Hinsehen lediglich als „ein Führungswechsel zwischen staatsmonopolistischen Gruppierungen, so wie er häufig politischen Kursänderungen zugrunde liegt. In diesem J a hr wurde die Aufrüstungskonzeption der Gruppierung Schacht/Thyssen/Thomas, die zugleich eine bestimmte außenpolitische und Kriegskonzeption war, durch die Konzeption der Gruppe Göring/IG-Farben abgelöst, bekannt unter dem Begriff des Vierjahresplanes, die Hitler durch sein Eingreifen unterstützte" 9S. Der Krieg war von allen Monopolgruppen als Mittel zur Expansion eingeplant, die Methode der Kriegsvorbereitung und -führung indes umstritten. „Der IG-Farben-Konzern setzte . . . gegen vorsichtigere und zurückhaltendere Stimmen auf die Blitzkriegsstrategie und auf einen Plan wirtschaftlicher ,Selbstversorgung' und Autarkie" 94. Nur im Rahmen dieses Bildes der Geschichte jener Jahre, und nicht in Schweitzers Konstruktion, gewinnt dessen Bemerkung ihren richtigen Stellenwert: „Die IG-Farben entwickelten sich zu einem Staat im Staat. Mit verschiedenen ihrer leitenden Männer beherrschten sie sowohl die staatliche wie auch die private Seite der Chemiewirtschaft . . . Im Ergebnis wurde dieses Großunternehmen eine staatliche Planungsbehörde . . . " 95. Selbst M. ligner, Vorstandsmitglied der IG-Farben, mußte in Nürnberg zugeben: „Tatsächlich war der Vierjahresplan ein IG-Plan" 98. Die Stellung der IG-Farben war selbstverständlich keine Ausnahme, wie Schweitzer glauben machen will "7. Sie wurde hier nur als ein Beispiel behandelt, an dem sich die damaligen Machtverhältnisse besonders deutlich zeigen lassen. Die Linie von Schweitzer und Petzina hat sich in der westdeutschen Geschichtsschreibung zwar ihren Platz gesichert, zur herrschenden Konzeption wurde sie indessen bis heute noch nicht. Nach wie vor erscheinen Werke von ungleich gröberem ideologischen Zuschnitt, deren Autoren offensichtlich noch nicht bemerkt haben, daß sie zum neunundneunzigsten Mal verkünden, was hundertfach widerlegt ist, und die sich daher nicht die Mühe eines etwas differenzierteren Vortrags machen. Zu ihnen zählt W. Birkenfeld, dessen Buch über den synthetischen Treibstoff 1933—1945 in Westdeutschland als Standardwerk gilt 98 . 92 Schweitzer, Crisis, S. 176. 93 Eichholtz, Kriegswirtschaft Bd. 1, S. 48. 94 Eichholtz, Kriegswirtschaft Bd. 1, S. 43. 95 Schweitzer, Vierjahresplan, S. 318. 96 Zit. nach Kuczynski: Geschichte der Lage der Arbeiter, Bd. 16, S. 181. 97 Schweitzer, Big Business, S. 538 ff. 98 W. Birkenfeld: Der synthetische Treibstoff 1933—1945. Ein Beitrag zur nationalsozialistischen Wirtschafts- u n d Rüstungspolitik. Göttingen, Berlin und F r a n k f u r t 1964.

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Die Arbeit wurde von W. Treue angeregt, und der Verfasser sah keinen Grund, nicht im Vorwort Carl Krauch „aufrichtigen Dank f ü r seine Hilfsbereitschaft" bei den Vorarbeiten abzustatten 9 8 . Das Buch hält, was die Namen Treue und Krauch versprechen. Treue rezensierte die Arbeit seines Adepten selbst 100 und stellte vor allem Birkenfelds These heraus, nach der wehr-wirtschaftliche Argumente beim Ausbau der Produktionsanlagen f ü r synthetischen Treibstoff in den Jahren 1933—1936 höchstens eine untergeordnete Rolle gespielt hätten und die Entwicklung der späteren Jahre als Folge politischen Drucks verstanden werden müsse. Bei Historikern der DDR fand Birkenfeld ein anderes Echo. H. Handke bemerkt, daß das von Birkenfeld benutzte Material und einige andere Quellen völlig ausgereicht hätten, um „die Hintergründe und Zusammenhänge der Treibstoffpolitik und ihre Problematik in den Jahren des Faschismus darzustellen. Doch diese Möglichkeit wurde vertan oder der Vf. hatte gar nicht die Absicht, sie zu nutzen" 101. Eichholtz hält Birkenfeld vor, daß er alle wesentlichen Aktivitäten der IG-Farben zu verschweigen und die Bedeutung Krauchs im Amt f ü r den Vier jahresplan zu bestreiten versucht habe, er weist ihm Dokumentenverfälschung nach und kann in dem Buch nichts anderes als einen Versuch zur Ehrenrettung der maßgeblichen Kräfte der Kriegswirtschaft sehen 102. Birkenfeld ist auch der Herausgeber der „Geschichte der deutschen Wehr- und Rüstungswirtschaft", die vom Chef des Wehrwirtschaftsund Rüstungsamtes beim Oberkommando der Wehrmacht, General Thomas, noch während des Krieges verfaßt wurde 103. Die Darstellung von Thomas enthält viel interessantes Material, auch wenn seinen Ausführungen gegenüber in vielen Punkten Vorsicht am Platze ist, da er die Arbeit letztlich als Rechtfertigung seiner Tätigkeit gegenüber dem OKW und dem Ministerium Speer schrieb, nachdem seine Befugnisse an Speer übergegangen waren. Birkenfeld verfolgt in seiner Einleitung ein doppeltes Ziel. Während er voll der Bewunderung f ü r die Energie und das organisatorische Geschick von Thomas dessen Leistungen bei der Kriegsvorbereitung und -durchführung herausstreicht, versucht er ihn gleichzeitig als einen Mann des Widerstandes hinzustellen. Thomas wird vorgestellt als ein „Miterlebender . . ., der selbst zunächst führend an der Wiederaufrüstung mitarbeitete, um sich danach gegen ihre Ausnutzung zu einem leichtfertigen kriegerischen Unternehmen unter Einsatz seines Lebens zur Wehr zu setzen" 104. Wenn Thomas in einer zusätzlichen, nach 1945 abgefaßten Stellungnahme glauben machen will, er habe an der Auf99 Birkenfeld, S. 9. 100 Historische Zeitschrift, 1965, Bd. 201, S. 508 ff. 101 Zeitschrift f ü r Geschichtswissenschaft, 1964, S. 1089 f. 102 Eichholtz, Kriegswirtschaft Bd. 1, S. 40, 110, 113, 385. 103 Thomas, Georg: Geschichte der deutschen W e h r - und Rüstungswirtschaft (1918—1943/45), hrsg. von W. Birkenfeld. Boldt-Verlag, Boppard 1966 (XV, 552 S., kart., 38,— DM). 104 Thomas, Einleitung, S. 1.

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rüstung nur mitgearbeitet, weil er „auf dem Standpunkt stand, daß ein wehrloses Deutschland inmitten der hochgerüsteten Staaten eine Unmöglichkeit darstellte und eine Gefahr f ü r die Erhaltung des Friedens war", so gibt Birkenfeld diese fadenscheinige Schutzbehauptung seinem Leser ungeniert als historische Wahrheit weiter 105. Thomas hatte gegen das Konzept der Blitzkriege immer wieder Bedenken geltend gemacht; zum Zeitpunkt, da er sein Manuskript abfaßte (1943), lag das Scheitern der Blitzkriegsstrategie auf der Hand, und er konnte allenthalben betonen, wie berechtigt seine Warnungen doch gewesen seien. Birkenfeld benutzt diesen Punkt, um Thomas zum Gegner des Faschismus zu erklären, obgleich sich aus dessen Schrift deutlich ergibt, daß dieser keinesfalls gegen einen Angriffskrieg, sondern nur gegen einen schlecht vorbereiteten und notwendig zum Scheitern verurteilten Angriffskrieg eintrat. So abwegig der Gedanke ist, aus Thomas einen Mann zu machen, dem es um die Erhaltung des Friedens gegangen wäre, so schwer fällt es anzunehmen, daß Birkenfeld nicht die tatsächliche Einstellung von Thomas teilt; gemeinsam scheint ihnen nicht eine Verurteilung des Krieges, sondern nur die Enttäuschung, daß der größte Raubzug dieses Jahrhunderts mißlang. Selbst westdeutsche Rezensenten meldeten gegenüber den Birkenfeldschen Lobgesängen auf den „Widerstandskämpfer" Thomas Bedenken an loe . Weder die Konzeption von Schweitzer und Petzina noch die von Treue und Birkenfeld werden auf Dauer ihr gemeinsames Ziel erreichen können, nämlich die Geschichte der Wirtschaft im Faschismus als ein beklagenswertes Kapitel der Unterdrückung der herrschenden Klasse durch ihr Instrument und ihren Partner, den faschistischen Staat, erscheinen zu lassen. Jede Veröffentlichung zu diesem Thema durch Historiker der DDR ist eine Kritik dieser Konzeptionen, und keine noch so geschickte Modifizierung ihrer Thesen hat die westdeutschen Historiker in die Lage versetzt, diese Kritik zu widerlegen. Daher bleibt eine Vielzahl von Publikationen aus der DDR bis heute in der Bundesrepublik ohne Resonanz; man schweigt, weil man nichts zu entgegnen hat. Als Beispiele der hier ignorierten Arbeiten seien nur erwähnt diejenigen über den großindustriellen „Freundeskreis Himmler" 107 , über die Zusammenarbeit von Flick mit den Nazis108, über die Kooperation von Flick mit der Gestapo 109, über die Einrich105 Thomas, Einleitung, S. 7. 106 R. K ü h n l in: Neue Politische Literatur, 1970, S. 30 f. und L. B u r chardt in: Historische Zeitschrift 1969, Bd. 208, S. 163 ff. 107 K. Drobisch: Der Freundeskreis Himmler. Ein Beispiel f ü r die Unterordnun g der Nazipartei und des faschistischen Staatsapparates durch die Finanzoligarchie. In: Zeitschrift f ü r Geschichtswissenschaft, 1960, S. 304 ff. 108 K. Drobisch: Flick und die Nazis. In: Zeitschrift f ü r Geschichtswissenschaft, 1966, S. 379 ff. 109 K. Drobisch: Dokumente zur direkten Zusammenarbeit zwischen Flick-Konzern und Gestapo bei der Unterdrückung der Arbeiter. In: J a h r buch f ü r Wirtschaftsgeschichte, 1963, Teil 3, S. 211 ff.

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tung des Wehrwirtschaftsführerkorps u o , über die innerbetriebliche Militarisierung der Wirtschaft 1 1 1 und über die außen- und wirtschaftspolitischen Aktivitäten der IG-Farben in S ü d o s t e u r o p a m . Gelegentliche pauschale Polemiken gegen Periodika wie das Jahrbuch f ü r Wirtschaftsgeschichte m , in denen diese Arbeiten überwiegend erschienen, sind Ersatz f ü r die fehlende wissenschaftliche Widerlegung. Von besonderem Interesse sind die Kriegsziele des deutschen Imperialismus, die in der westdeutschen Geschichtsschreibung in der Regel als Hitlers höchstpersönliche Ideen auftauchen, angeblich nur aus dessen Rassenwahn und politischem Wunschdenken ableitbar sind und letztlich niemandem als ihm selbst bekannt gewesen sein sollen. Typisch f ü r diese Betrachtungsweise ist Gruchmanns Arbeit über die nationalsozialistische Großraumordnung 114. Entscheidende Quelle Gruchmanns ist Hitlers „Mein Kampf". Die Autorität dieser Quelle wird nicht in Frage gestellt; der Verfasser stellt keine Überlegungen darüber an, welche wirtschaftlichen und politischen Konzeptionen des deutschen Imperialismus in diesem Buch ihren demagogischen Niederschlag fanden; er sucht keine Dokumente, die diese Konzeptionen klarer noch enthalten und andere Verfasser haben. Bei ihm und seinesgleichen „spielen die Monopole und ihre Kriegsziele und Expansionsprogramme überhaupt keine Rolle. Wenn bei ihm und anderen von ,Imperialismus' und imperialistisch' die Rede ist, dann werden darunter keineswegs die realen Klasseninteressen des Monopolkapitals verstanden . . . Titel wie der der Arbeit von Günter Moltmanns ,Weltherrschaftsideen Hitlers' 115 verraten schon die programmatische Gleichförmigkeit, mit der in dieser Literatur die Kriegszielformulierung allein Hitler zugeschrieben wird" 116 . So liest man bei Jacobsen: „Hitlers Politik hat in Theorie und Praxis 110 K. Drobisch: Dokument e ü b e r Vorgeschichte u n d Charakter des faschistischen Wehrwirtschaftsführerkorps. In: Zeitschrift f ü r Militärgeschichte, 1966, S. 321 ff. 111 K. Drobisch: Der Werkschutz — betriebliches Terrororgan im faschistischen Deutschland. I n : Jahrbuc h f ü r Wirtschaftsgeschichte, 1965, Teil 4, S. 217 ff. 112 H. R a d a n d t : Berichte der Volkswirtschaftlichen Abteilung der I G Farbenindustrie ü b e r Südosteuropa. I n : Jahrbuc h f ü r Wirtschaftsgeschichte, 1966, Teil 4, S. 289 ff.; ders.: Die IG-Farbenindustrie un d S ü d osteuropa bis 1938. I n : J a h r b u c h f ü r Wirtschaftsgeschichte, 1966, Teil 3, S. 146 ff.; ders.: Die I G - F a r b e n i n d u s t r ie in Südosteuropa 1938 bis zum Ende des zweiten Weltkrieges. I n : J a h r b u c h f ü r Wirtschaftsgeschichte, 1967, Teil 1, S. 77 ff. 113 Raupach in: Historische Zeitschrift, 1966, Bd. 202, S. 91 ff. und Schräpler in: Historische Zeitschrift, 1967, Bd. 204, S. 610 f. 114 L. G r u c h m a n n: Nationalsozialistische Großraumordnung. Die Konstruktion einer „deutschen Monroe-Doktrin". Stuttgart 1962. 115 G. Moltmann: Weltherrschaftsideen Hitlers. In: Europa un d Über see. Festschrift f ü r Egmont Zechlin. H a m b u r g 1961, S. 197 ff. 116 Anatomie des Krieges, S. 21. Siehe auch Eichholtz, Kriegswirtschaft Bd. 1, S. 146 f.

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verdeutlicht, daß es ihm weder allein um die Hegemonie ging noch um den Aufbau eines Großwirtschaftsraumes, sondern in erster Linie um die völlige rassische Neugestaltung Europas im Sinne seiner Dogmen..." 1 1 7 . Auch bei ihm „existieren als historisch relevant im Prinzip nur einsame Beschlüsse Hitlers, die sich nach seiner Auffassung höchstens darstellen, nicht aber rational erfassen und damit wissenschaftlich erklären lassen. Zumal, wie er behauptet, Hitler niemals von einem umfassenden ,Gesamtkriegsplan' ausgegangen sei und dazu noch seine Umgebung stets weitgehend im unklaren über seine ,wirklichen' Pläne gelassen habe" 118. „Andreas Hillgruber, dem man nicht vorwerfen kann, er besitze keine Kenntnis der einschlägigen Dokumente, endet mit seiner Beweisführung . . . ebenfalls bei der Person Hitlers. Er erwähnt z. B. die Kriegszieldenkschriften des Auswärtigen Amtes und der Seekriegsleitung, und er nennt sogar die .Friedensplanung' des IG-Farben-Konzerns, aber nur, um sie als bedeutungslose ,Alternativprogramme' gegenüber Hitlers Zielen oder als .hastige Improvisationen' abzutun" 119. Wo die Untersuchungen westdeutscher Historiker Erkenntnismöglichkeiten zum Komplex der Kriegsursachen und Kriegsziele bieten, sind sie sehr begrenzt, wie im Falle der zahlreichen Untersuchungen zur diplomatischen Vorgeschichte des Krieges. Demgegenüber führen marxistische Historiker den zweiten Weltkrieg auf „das Wirken der allgemeinen Gesetze des Kapitalismus im Innern dieser Gesellschaftsordnung" 120 zurück. Im Ergebnis des ersten Weltkrieges habe sich ein System neuer Widersprüche zwischen den Siegermächten und den Besiegten, zwischen den Siegermächten selbst sowie zwischen den Großmächten und den kleineren kapitalistischen Staaten entwickelt. Infolge des Wirkens der Gesetze der ungleichmäßigen, sprunghaften ökonomischen und politischen Entwicklung der imperialistischen Mächte habe sich in der Zeit zwischen den Kriegen eine Polarisation zweier imperialistischer Machtblöcke herausgebildet, der eine unter Führung Englands, das wesentlich auf Erhaltung seiner Machtposition bedacht gewesen sei, der andere unter Führung Deutschlands, das niemals die Ergebnisse des ersten Weltkrieges als endgültig habe hinnehmen wollen. Die deutsche Monopolbourgeoisie habe zu keinem Zeitpunkt den wiedergeschaffenen polnischen und den tschechoslowakischen Staat, den 117 H.-A. Jacobsen: Zur Konzeption einer Geschichte des zweiten Weltkrieges 1939—1945. F r a n k f u r t 1964, S. 25. 118 Anatomie des Krieges, S. 21. Siehe auch G. Hass: Zu Hans-Adolf Jacobsens Konzeption einer Geschichte des zweiten Weltkrieges. In: Zeitschrift f ü r Geschichtswissenschaft, 1965, S. 1148 ff. sowie die Rezension von O. Groebler in: Zeitschrift f ü r Geschichtswissenschaft, 1964, S. 1046 ff. 119 Anatomie des Krieges, S. 22. Die A u s f ü h r u n g e n beziehen sich auf A. Hillgruber: Hitlers Strategie, Politik un d Kriegsführung 1940—1941. F r a n k f u r t 1965, S. 18 f., 72 ff., 242 ff., 531 f. und 569. 120 D. Eichholtz/G. Hass: Zu den Ursachen des zweiten Weltkrieges un d den Kriegszielen des deutschen Imperialismus. In: Zeitschrift f ü r Geschichtswissenschaft, 1967, S. 1149.

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Verlust Elsaß-Lothringens und der Kolonien akzeptiert. Die internationale Lage und die Position aller kapitalistischen Staaten sei weiterhin kompliziert worden durch die Sozialistische Oktoberrevolution, mit der der Kapitalismus aufgehört hatte, ein die ganze Welt umfassendes sozialökonomisches System zu sein; seither sei die Dialektik der imperialistischen Widersprüche wesentlich vom Gegensatz zwischen Kapitalismus und Sozialismus bestimmt gewesen. Die Verstärkung der Tendenzen zum Zusammenschluß aller imperialistischen Mächte gegen die UdSSR habe zu den Interventionsplänen der zwanziger Jahre, zur Wiederaufrüstung Deutschlands mit Hilfe der Westmächte und später zur Münchener Politik geführt. Der Kampf der Westmächte um die Erhaltung ihrer Vorherrschaft in der Welt auf der einen und das Streben des deutschen Imperialismus nach einer Neuaufteilung der Welt zu seinen Gunsten auf der anderen Seite sei, vor dem Hintergrund des Hauptgegensatzes zwischen dem Sozialismus und Kapitalismus, zur letztlich entscheidenden Kriegsursache geworden m . All die kaum faßbaren Ideen, die Hitler gehabt hat oder die ihm von den westdeutschen Historikern, rückwärts gewandten Astrologen gleichend, untergeschoben werden, erweisen sich als sekundär angesichts des „unermeßlichen Papierberges von Denkschriften, Plänen, Wunschprogrammen und-materialien",in denen mit „grausigem strategischem Scharfsinn" die Pläne der Monopole zur „Neuordnung des europäischen Großwirtschaftsraumes", zur gewaltsamen Veränderung des Kräftegleichgewichtes in der Welt niedergelegt sind 122. Von den wichtigsten Planungen seien erwähnt die der IG-Farben, des ZeissKonzerns, der Metallindustrie 123 . Am weitesten greifen die IG-Farben. Ihr Konzept von 1940 betrachtet Europa bereits als vollkommen und endgültig militärisch besiegt; an der schließlichen Weltmachtposition des faschistischen Deutschland scheint f ü r die IG-Farben kein Zweifel mehr bestanden zu haben. Nachdem sie in ihrem von Regierungskreisen hochgelobten Papier die gesamte Chemiewirtschaft Europas als Beute sich selbst zugesprochen hatte, notierte sie f ü r das Reichswirtschaftsministerium: „Zweifellos wird man nicht an den Verhältnissen, wie sie beim Ausbruch des Weltkrieges bestanden, wieder anknüpfen und nicht die wirtschaftliche Entwicklung, die sich in den einzelnen Ländern bzw. Gebieten in den letzten zwanzig Jahren zu Lasten Deutschlands vollzogen hat, auf den ursprüng121 Eichholtz/Hass, Ursachen, S. 1149 ff. 122 Eichholtz, Kriegswirtschaft Bd. 1, S. 162 ff. 123 D. Eichholtz: Die IG-Farben-„Friedensplanung" . Schlüsseldokum e n t e der faschistischen „Neuordnung des europäischen Großraums". In: J a h r b u c h f ü r Wirtschaftsgeschichte, 1966, Teil 3, S. 271 ff.; W. Schumann: Das Kriegsprogramm des Zeiss-Konzerns. In: Zeitschrift f ü r Geschichtswissenschaft, 1963, S. 701 ff.; ders.: Die faschistische „Neuordnung" Europas nach den Plänen des deutschen Monopolkapitals. P r o g r a m m e der Metallindustrie, des Metallerz-Kohlenbergbaus im J a h r e 1940. In: Zeitschrift f ü r Geschichtswissenschaft, 1971, S. 224 ff.; weitere Dokumente bei Eichholtz, Kriegswirtschaft Bd. 1, A n h a n g sowie in: Anatomie des Krieges, passim.

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liehen Zustand zurückführen können. In gewissem Umfang wird nun einmal die Verschlechterung der deutschen Positionen gegenüber 1914 als nicht mehr gutzumachen hingenommen werden müssen. Um so berechtigter mag es erscheinen, bei der Planung einer europäischen Großraumwirtschaft der deutschen Chemie wieder eine führende und eine Stellung zuzudenken, die ihrem technischen, wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Rang entspricht. Von entscheidendem Einfluß auf alle Planungen f ü r den europäischen Raum wird aber die Notwendigkeit sein, eine zielbewußte und schlagkräftige Führung der zwangsläufigen Auseinandersetzung mit den sich heute schon abzeichnenden außereuropäischen Großraumwirtschaften zu sichern. Um eine erfolgreiche Behauptung der großdeutschen bzw. europäisch-kontinentalen Chemie in dieser Auseinandersetzung zu gewährleisten, ist es ein dringendes Erfordernis, die Kräfte klar zu erkennen, die auf dem Weltmarkt nach dem Krieg ausschlaggebend sein werden. Ihre Bedeutung ist im folgenden kurz skizziert: 1. Das Schwergewicht der Auseinandersetzung um eine Neuordnung des Weltmarktes wird im Verhältnis zu den nordamerikanischen Konzernen ruhen . . . Im Vordergrund steht dabei der lateinamerikanische Markt . . . Das zweite Hauptfeld der Auseinandersetzung mit den USA werden die Länder des Fernen Ostens, einschließlich des heutigen Britisch-Indien und Niederländisch-Indien, sein. 2. Die Auseinandersetzung mit den Amerikanern im Fernen Osten wird ihre besondere Note dadurch erhalten, daß sich auf gleichem Raum die Entscheidung um die Frage abspielen wird, inwieweit sich die europäische Position im Fernen Osten gegenüber Japan aufrechterhalten l ä ß t . . . Auf längere Sicht hin muß aber wohl damit gerechnet werden, daß der stärkere Druck auf die europäischen Wirtschaftsinteressen im Fernen Osten von Japan — vielleicht auch in Verbindung mit den Auswirkungen einer neuen Industrialisierungsepoche in China — und weniger von den USA kommen wird . . . 3. Zu dem Problem der italienischen Chemiewirtschaft kann im Augenblick noch nicht eingehender Stellung genommen werden . . ., muß aber schon heute betont werden, daß bei dem allgemeinen deutsch-italienischen Verhältnis, wie es f ü r die Zeit bei Kriegsende vorausgesetzt werden muß, schwerlich mit Italien auf der Basis des status quo aus der Zeit vor Kriegsausbruch wird verhandelt werden können . . . 4. Eine ähnliche Sonderstellung ist auch f ü r Rußland ins Auge gefaßt, welches in diesem Zusammenhang erwähnt werden muß als ein Faktor, der unter gleichbleibenden politischen Verhältnissen die Auseinandersetzung der europäischen Chemie mit den übrigen Großräumen zu beeinflussen und zu stören geeignet ist" 124. 124 zit. nach Eichholtz, Kriegswirtschaft, Bd. 1, S. 173 f. Siehe auch „Wege zur Entbolschewisierung un d Entrussung des Ostraums". E m p f e h lungen des I G - F a r b e n - K o n z e r n s f ü r Hitler im F r ü h j a h r 1943. I n : J a h r buch f ü r Wirtschaftsgeschichte, Teil 2, S. 13 ff.

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Untersucht man die Gründe des ersten Weltkrieges, die Reaktion der deutschen Monopolbourgeoisie auf die Niederlage 1918, ihre Vorbereitung und Durchführung des zweiten Weltkrieges und schließlich die Politik der Bundesrepublik nach 1945 im Zusammenhang, so wird man die Bedeutung von Dokumenten wie dem hier zitierten nicht unterschätzen; ihnen kommt wegen der Kontinuität der Ziele des deutschen Imperialismus „nicht nur wissenschaftliche, sondern auch höchst aktuelle politische Bedeutung" zu 125. Sie geht aus dem beharrlichen Verschweigen dieser Dokumente in der westdeutschen Geschichtsschreibung ebenso klar hervor wie aus ihrer ständigen Betonung durch Historiker der DDR. Als das Scheitern der Blitzkriegsstrategie 1941 klar zu Tage trat, als sich die deutschen Monopole auf einen lang dauernden Krieg einstellen mußten, verwirklichten sie unter dem Druck der sich f ü r sie verschlechternden Lage einen schon in den Jahren zuvor gelegentlich diskutierten Plan. Sie schufen eine Zentrale f ü r die Rüstungswirtschaft, bauten sie Schritt um Schritt aus, bis ihr gegen Ende des Krieges nahezu alle Gebiete der Wirtschaft unterstellt waren. Die Gründung des Reichsministeriums f ü r Bewaffnung und Munition war ein wichtiger Schritt auf dem Weg in den totalen Krieg. Ein englischer Historiker, Milward, unternahm es als erster, das Ministerium im allgemeinen und seine beiden Minister, Todt und Speer, im besonderen zu loben f ü r ihre Tüchtigkeit und westdeutschen Historikern vorzuexerzieren, wie man Kriegsverbrechern Kränze flicht 126 . Seine Arbeit über die deutsche Kriegswirtschaft als historische Untersuchung zu bezeichnen, geht kaum an, denn von einer solchen müßte man erwarten, daß sie wenigstens grob umreißt, was dieser Krieg bedeutete, in wessen Interesse er geführt wurde und auf wessen Kosten. Milward hält sich bei solchen Punkten nicht auf. Sein Augenmerk konzentriert sich völlig auf die Personen Speer und Todt; hinter der Laudatio auf diese beiden Exponenten, ihre ungemeine Tüchtigkeit, Energie usw., verschwindet das System, wclchcs sie repräsentierten, völlig. Der Verfasser verliert über weite Strecken die Distanz zu den Denkschemata der von ihm glorifizierten Minister; was sie einst als Erfolge ihrer Tätigkeit buchten, vermerkt auch Milward als lobenswert. Die Opfer des von ihnen gelenkten totalen Krieges tauchen bei Milward kaum anders denn als Rekordziffern auf. Von Speer heißt es, er „entwickelte als Verwaltungsmann weit größere Fähigkeiten als als Architekt. Er erwies sich auch politisch als sehr geschickt. Es gelang ihm, weit erfahrenere Politiker zu überspielen. Und er vermochte es auch, gleichsam als Außenstehender, den Machtkampf, an dem er selbst beteiligt gewesen war, zu überschauen und die verschiedenen Motive der Beteiligten zu erläutern. Seine Spekulationen über das Wesen des Nationalsozialismus sind für 125 Eichholtz/Hass : Ursachen, S. 1148. 126 Milward, Alan S.: Die deutsche Kriegswirtschaft 1939—1945. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgar t 1966 (183 S., Kart., 9,80 DM). Ders.: Fritz Todt als Minister f ü r B e w a f f n u n g und Munition. In: Vierteljahreshefte f ü r Zeitgeschichte, 1966, S. 40 ff.

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den Historiker von großem Interesse, wenngleich einige der beigebrachten Zeugnisse der Selbstrechtfertigung dienten. Wenn er eitel war, so hatte er zweifellos Grund zur Eitelkeit. Was immer die Maßstäbe sein mögen, er war ein sehr fähiger, intelligenter und tapferer Mann" m . Die Maßstäbe derer, die durch die Maßnahmen fähiger Männer wie Speer umkamen, sind einem Milward unbekannt. Kaum anders stellt sich das Ministerium Speer f ü r G. Janssen dar 128. „Von skrupulösen Fragen nach dem Charakter des Krieges, nach den Kriegszielen des deutschen Imperialismus usw. fühlt sich der Vf. nicht geplagt; vielmehr geht er ,von Albert Speer aus, ohne Probleme wirtschaftswissenschaftlicher Art zu erörtern' (S. 9), und gelangt von dieser personalistisch-idealistischen Grundposition aus zu einer handfesten Apologie wirtschaftspolitischer und kriegswirtschaftlicher ,Leistungen' des seinerzeit führenden Faschisten und Kriegsverbrechers Speer und seines Ministeriums. Der staatsmonopolistische Mechanismus in der Kriegswirtschaft, insbesondere die öffentliche Regulierung immer umfassenderer Bereiche der Rüstung durch unmittelbare Vertreter der führenden Monopole, wird grob verkannt als bloßes Instrument Speers und als dessen ,Zuckerbrot' f ü r die Industrie. Janssen verwendet f ü r dieses Kernstück des kriegswirtschaftlichen Regulierungs- und Herrschaftssystems stereotyp den faschistischen Terminus der ,Selbstverantwortung der Industrie'. Er billigt dem System Bedeutung nur f ü r das Gebiet der Rüstungsproduktion zu, hier habe sie ,die letzte Insel einer gewissen Freizügigkeit im totalitären Staat' dargestellt (S. 166)" 12S. W. A. Boelcke hat die Konferenzen zwischen Speer und Hitler ediert 130 . Eine wissenschaftliche Edition der „Besprechungspunkte", die Speer und seine Mitarbeiter während ihrer Beratungen mit Hitler aufzeichneten, wäre zu begrüßen gewesen, doch Boelckes „Publikation ist keine wissenschaftliche Quellenedition. Um ein möglichst gut verkaufbares Buch zu machen, hat B. die ihm wohlbekannten Grundsätze einer exakten, sauberen Edition über Bord gehen lassen. Sieben engbedruckte Seiten braucht er allein f ü r die Aufzählung der von ihm willkürlich ausgelassenen Besprechungspunkte, die er an anderen Stellen der Dokumentation, mitunter auch an Ort und Stelle, in eigene .Anmerkungen' umgearbeitet hat. Diese Anmerkungen im Kleindruck machen schätzungsweise die reichliche Hälfte des ganzen Buchtextes aus" 131. Eichholtz hat im einzelnen untersucht, wozu diese editorische Praxis dient. Einmal entlastet sie Speer selbst scheinbar 127 Milward, Kriegswirtschaft, S. 69 f. 128 G. J a n s s e n : Das Ministerium Speer. Deutschlands Rüstung im Krieg. F r a n k f u r t u n d Berlin 1968. 129 Rezension von Eichholtz in: Zeitschrift f ü r Geschichtswissenschaft, 1969, S. 1622. 130 Deutschlands Rüstung im zweiten Weltkrieg. Hitlers Konferenzen mit Albert Speer 1942—1945. Hrsg. un d eingel. von W. A. Boelcke. F r a n k f u r t 1969. 131 Rezension von Eichholtz in: Zeitschrift f ü r Geschichtswissenschaft, 1970, S. 1082.

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von der Verantwortung f ü r bestimmte Maßnahmen im Rahmen der Zwangsarbeit von Ausländern und KZ-Häftlingen. Dann verschwinden dank der Boelckeschen Eingriffe aus den Protokollen die Namen derer, mit denen die einzelnen Punkte besprochen werden sollten oder die f ü r sie verantwortlich zeichneten. Die Tätigkeit von rund 10 000 Männern aus der Industrie im Ministerium oder f ü r das Ministerium Speer hatte in den Besprechungsprotokollen durchaus ihren Niederschlag gefunden, aber die Edition verrät nichts mehr von ihr. „Für den Historiker ist die Dokumentation wertlos. Ihm bleibt nichts anderes übrig, als zum Original zurückzugehen. Der weitere Leserkreis hingegen, auf den spekuliert wird, kann durch die Einleitung und durch die massiv faschistische Quelle nur in einem ganz eindeutigen Sinn manipuliert werden" 132. Von westlichen Rezensenten hat lediglich A. Wagner einige recht milde Bedenken gegen Boelckes Edition lautwerden lassen, zum Kern der Sache kommt er allerdings nicht 133 . Bracher schätzt die Edition positiv ein 134, Treue wird aus einsichtigen Gründen enthusiastisch 135 . Die Entstehung und Arbeitsweise des Ministeriums Speer ist von den Historikern der DDR noch nicht völlig erforscht. Das ist insofern bedauerlich, als es kaum eine zweite Phase in der deutschen Geschichte gibt, in der der unmittelbare Einfluß der Monopole auf den Staat, die direkte Leitung der Staatsgeschäfte durch das Kapital, krasser zu Tage getreten wäre. Neue Gesichtspunkte und noch unbekannte Materialien zu diesem Komplex sind von den demnächst erscheinenden Bänden der „Geschichte der deutschen Kriegswirtschaft" von D. Eichholtz zu erwarten. Aber schon die bisher veröffentlichten Dokumente 1 3 6 und Untersuchungen 137 belegen, daß die Zentralisierung der gesamten Kriegswirtschaft, insbesondere die Schaffung des Ministeriums f ü r Bewaffnung und Munition, welches allmählich die Kompetenzen aller anderen mit der Rüstung befaßten Instanzen — Reichswirtschaftsministerium, Reichsarbeitsministerium, Instanzen des Amtes f ü r den Vierjahresplan, Wehrwirtschafts- und Rüstungsamt beim Oberkommando der Wehrmacht — an sich riß, auf die Initiative der Großindustrie zurückging, und daß diese Zentralisierung aller Kriegsanstrengungen mit einer nahezu vollkommenen Verschmelzung staatlicher und privatwirtschaftlicher Macht einherging. Die von den Monopolen neu geschaffenen und dem Ministerium Speer zugeordneten Instanzen waren von ihren eigenen Leuten besetzt; sie entschieden in allen wesentlichen Fragen wie Auftragserteilung, Preisfestsetzung, Rohstoffzuteilung, Planziffern, 132 Ebenda, S. 1083. 133 I n : International Äff airs, Vol. 47, 1971, S. 100 ff. 134 K.-D. Bracher: Die Speer-Legende. In: Neue Politische Literatur, 1970, S. 429. 135 W. Treue in: Die Zeit, 31. Oktober 1969. 136 Anatomie des Krieges, Dok. 71, 111, 114, 115, 116, 117, 119, 145, 188, 196, 204, 207, 247. 137 W. Bleyer: Die Reichsgruppe Industrie un d der „totale Krieg". In: Monopole un d Staat in Deutschland, S. 183 ff.

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Organisation der Sklavenarbeit. Die von Speer in Nürnberg gemachte Angabe, daß in seinem Ministerium weniger als 300 Beamte, aber Tausende von Industriellen gearbeitet hätten, wirft ein Licht auf die Intensität, mit der sich die Monopole, als ihre Lage von Kriegsjahr zu Kriegsjahr kritischer wurde, der Leitung ihres Staates selber annahmen. Es heißt die Dinge auf den Kopf stellen, wenn man wie Janssen von der „letzten Insel einer gewissen Freizügigkeit im totalitären Staat" 138 spricht oder wie W. Throm in einem Nachruf auf Zangen, eine der wichtigsten Figuren der faschistischen Kriegswirtschaft, schreibt, er habe als Leiter der Reichsgruppe Industrie „in der Hoffnung, Schlimmeres verhüten zu können, mutig, wenn auch .manchmal verzweifelt über soviel Arroganz, Dummheit und Bürokratie', die Selbstverwaltung der Wirtschaft gegen Partei, Behörden und Arbeitsfront verteidigt. . ." 139. Die Ausbeutung von Millionen ausländischer Zwangsarbeiter in der deutschen Kriegswirtschaft war in Nürnberg in vielen Prozessen Gegenstand der Anklage; in diesem Punkte kam es auch zu einigen Verurteilungen. Die westdeutsche Geschichtsschreibung hat sich um dieses Kapitel nicht sonderlich bemüht, da es kaum möglich erscheint, die Brutalität des Sklavenarbeitsprogrammes zu leugnen oder zu verschleiern, für wen die Zwangsarbeit geleistet wurde. Pfahlmann versucht es dennoch. Seine Darstellung 140 geht von der Fiktion aus, die Ausbeutung der Zwangsarbeiter sei allein dem faschistischen Staat zuzuschreiben. Fragen des Arbeitseinsatzes seien zum wesentlichen Bestandteil der allgemeinen Staatspolitik spätestens mit Beginn des Krieges geworden. „In einer vom Staat gelenkten Wirtschaft konnte es ein freies Spiel der Kräfte im allgemeinen Arbeitseinsatz nicht mehr geben" 141. Konsequent vermeidet er, der Frage nachzugehen, wer denn von den staatlichen Stellen Zwangsarbeiter verlangt hat, wer hinter dem System der Zwangsrekrutierungen von Arbeitskräften stand, wer seine ständige „Verbesserung" forderte und durchsetzte. Und ebenso konsequent bagatellisiert er die Bedingungen, unter denen die Ausländer zu arbeiten hatten; in diesen Kapiteln leistet der Verfasser Erstaunliches an Quellenunterschlagung und -Verdrehung. Nachdem er den faschistischen Staatsapparat allein verantwortlich gemacht und alles als halb so schlimm hingestellt hat, schildert er die Einzelheiten der Zwangsrekrutierungen usw. in einer Manier, die ihn als grundsätzlichen Befürworter des Sklavenarbeitsprogrammes erscheinen läßt. „Das Auswärtige Amt wies die Leiter der deutschen diplomatischen und konsularischen Vertretungen im Ausland an, die Beauftragten des GBA (Generalbevollmächtigten f ü r den Arbeitseinsatz) weitgehend 138 Janssen, Speer, S. 166. 139 F r a n k f u r t e r Allgemeine Zeitung, 29. November 1971. Das Zitat im Zitat ist eine Äußerung von Zangen. 140 P f a h l m a n n , Hans: Fremdarbeiter und Kriegsgefangene in der deutschen Kriegswirtschaft 1939—1945. Verlag Wehr und Wissen, Darmstadt 1968 (238 S., kart., 24,80 DM). 141 P f a h l m a n n , S. 14.

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bei ihrer Arbeit zu unterstützen und im Rahmen der bestehenden politischen Möglichkeiten insbesondere dafür zu sorgen, daß diese Beauftragten ihre Aufgabe frei von unbegründeten Hemmungen . . . durchführen konnten" 1 4 2 . „Alle beteiligten Stellen hatten dafür Sorge zu tragen, daß die Arbeitskräfte höchst sparsam und verbunden mit höchstmöglicher Arbeitsleistung beschäftigt wurden" 1 4 3 . Diese Ausdrucksweise ist die der faschistischen Verwaltungsstellen selbst. Pfahlmann legt keinen Wert darauf, deutlich zu machen, wo er faschistische Quellen ihrem Inhalt nach wiedergibt und wo seine eigenen Darlegungen beginnen; seine „Untersuchung" liest sich über weite Strecken wie ein Bericht aus einer Dienststelle des Generalbevollmächtigten f ü r den Arbeitseinsatz. Neben Pfahlmann hat sich vor allem Kannapin in seiner im Industrieverlag erschienenen Arbeit „Wirtschaft unter Zwang" mit der Sklavenarbeit in der Kriegswirtschaft befaßt 1 4 4 . Bevor er zum Thema seiner Arbeit kommt,'stellt er klar, daß Stalin in allen Punkten der Lehrherr Hitlers gewesen sei 145 , daß der Nationalsozialismus also lediglich als besonders bösartiger Auswuchs des Sozialismus verstanden werden könne. Der zweite Weltkrieg „war im eigentlichen Sinne ein Krieg der Diktatoren Hitler und Stalin" 146 ; wie es zum Krieg zwischen Lehrer und Schüler kam, teilt Kannapin nicht mit, jedenfalls weiß er zu melden, daß Wirtschaft und Wehrmacht vor dem Krieg gewarnt hätten 147. Die von Hitler in den Krieg gezwungene Wirtschaft habe kein Interesse gehabt, Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge in ihren Betrieben zu beschäftigen; ausgerechnet Krupp und Krauch werden als Beispiele f ü r den Widerstand genannt, den die Industrie der vom Staat angeordneten Zwangsarbeit entgegengesetzt habe. Am Ende des Buches stehen die Industriellen geradezu als Zentrum der Opposition gegen Hitler da; daß man sie in Nürnberg vor Gericht stellte, erscheint unfaßlich. „In offensichtlicher Unkenntnis über die Wesensmerkmale einer Diktatur wurden nach 1945 gegen deutsche Industrielle Prozesse geführt, die nur zum Ziel hatten, jene Männer nach Ausnahmegesetzen zu bestrafen, die Symbole einstiger deutscher Wirtschaftsmacht waren. Krupp, Flick, Röchling, unzählige Direktoren und führende Wirtschaftler marschierten vor die Tribunale der Sieger und anschließend in die Gefängnisse; sie büßten f ü r Taten, die sie nicht begangen hatten" 148. Das Buch von Kannapin, „ein Beispiel unsäglicher wissenschaftlicher, moralischer und stilistischer Verkommenheit" 149, wäre nicht geschrieben worden, hätten nicht marxistische Historiker die Sklavenarbeitsprogramme 142 P f a h l m a n n , S. 19. 143 P f a h l m a n n , S. 19. 144 Kannapin, Hans-Eckardt: Wirtschaft u n t er Zwang. Verlag Deutsches Industrieinstitut, Köln 1966 (XV, 334 S., Ln., 19,80 DM). 145 Kannapin, S. XIII, S. 23 ff. 146 Kannapin, S. XI. 147 Kannapin, S. XI. 148 Kannapin, S. 241. 149 Anatomie des Krieges, S. 28.

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der Monopole mehrfach untersucht und die Anklagen von Nürnberg immer wieder als begründet bewiesen. Zweifellos wäre es der westdeutschen Industrie am liebsten, wenn das Thema in Vergessenheit geriete, aber „im Hinblick auf die Tendenz und Zielsetzung sowjetischer und sowjetzonaler Kritik erschien es angemessen" 150, eine Verteidigung zu versuchen. Arglose Leser in der Bundesrepublik könnten sonst den Tendenzschriften aus der „Sowjetzone" Glauben schenken. Machwerke wie das von Kannapin werden freilich auf Dauer nicht verhindern können, daß die Untersuchungen von DDR-Autoren wie Seeber, Frühholz, Puchert, Drobisch und Eichholtz 151 über die Zwangsarbeit ernst genommen werden. Sie belegen die direkte Verantwortung der Monopole f ü r die Sklavenarbeit. In der letzten Zeit haben vor allem drei Arbeiten von Historikern aus der DDR in der Bundesrepublik einiges Aufsehen erregt, und zwar die „Geschichte der deutschen Kriegswirtschaft" von Eichholtz, der Dokumentenband „Anatomie des Krieges" und Czichons Untersuchung über Abs und die Deutsche Bank. Sie stifteten zunächst bei den Historikern Verwirrung; die Reaktionen reichten von wütender Ablehnung bis zu ungewohnt günstigen, wenn auch nie vorbehaltlosen Bewertungen. In jedem Fall gingen sie weit über das Maß an Aufmerksamkeit hinaus, welches man bislang Publikationen aus der DDR hatte zukommen lassen. Neu war vor allem, daß die Arbeiten nicht nur in historischen und politischen Fachzeitschriften, sondern auch in Tageszeitungen breit diskutiert wurden. Zwei Faktoren spielen bei diesem starken Echo eine Rolle. Erstens enthalten die genannten Arbeiten in konzentrierter Form die wesentlichen Thesen und Materialien, die von Historikern der DDR nach dem Krieg erarbeitet wurden; sie sind nicht nur Untersuchungen über die Zeit 1933—1945, sondern ihrer Konzeption nach denkbar scharfe Kritik der westdeutschen Geschichtsschreibung. Die westdeutschen Historiker haben dies durchaus begriffen. Zweitens erschienen die Arbeiten zu einem Zeitpunkt, zu dem in der Bundesrepublik eine relativ breite Politisierung stattfand, die die herrschende Klasse einigermaßen beunruhigte. In dieser Politisierung nahm die Faschismusdiskussion einen breiten Raum ein. So ist es verständlich, daß die Ergebnisse der marxistischen Geschichtswissenschaft sowohl auf heftige Abwehr wie auch auf größtes Interesse stießen. 150 Kannapin, S. XV, S. 223. 151 E. Seeber: Zwangsarbeiter in der faschistischen Kriegswirtschaft. Berlin (DDR) 1964; K. Frühholz: Das System der Zwangsarbeit in den Betrieben der IG Farbenindustrie A G u n t e r den Bedingungen des staatsmonopolistischen Kapitalismus w ä h r e n d der Vorbereitung und Durchf ü h r u n g des zweiten Weltkrieges. Phil. Diss. Berlin (DDR) 1964; B. Puchert: Aus der P r a x i s der IG F a r b e n in Auschwitz-Monowitz: I n : Jahrbuch f ü r Wirtschaftsgeschichte, 1963, Teil 2, S. 203 ff.; K. Drobisch / D. Eichholtz: Die Zwangsarbeit ausländischer A r b e i t s k r ä f te in Deutschland während des zweiten Weltkrieges. In: Zeitschrift f ü r Geschichtswissenschaft, 1970, S. 626 ff.

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Zur „Geschichte der deutschen Kriegswirtschaft" von Eichholtz schrieb J. Dülffer 1 5 2 , man müsse wohl von der These des totalitären Herrschaftsapparates des nationalsozialistischen Staates abrücken und zu einer differenzierteren Betrachtung gelangen. „Zu den wichtigsten Vorarbeiten zu diesem Thema" gehöre das Buch von Eichholtz. Dülffer kann sich zwar keineswegs mit Begriffen wie Imperialismus und Monopol befreunden, auch leuchtet ihm nicht ein, daß die NSDAP Instrument des Großkapitals gewesen ist, und aus alter westdeutscher Historikertradition hält er an der „Eigenständigkeit von Hitlers politischem Ansatz" fest. Dennoch ist er beeindruckt von den detaillierten Untersuchungen zur Verflechtung von Industrie und Staat sowie den Kriegszielplanungen. „So stellt E.s Buch, dem von westlicher Seite bisher vom Ansatz her nichts Vergleichbares entgegengestellt werden kann, eine Herausforderung zur Auseinandersetzung dar, die ein hitlerzentrisches Bild des .Dritten Reiches' nicht mehr in dem Maße wie bisher erlaubt." Auch Hillgrubers Rezension stellt eine partielle Kapitulation dar. Das Buch von Eichholtz müsse „als Aufforderung dafür genommen werden, diesem in vielen Einzelheiten wertvollen" — soll heißen, nicht widerlegbaren — „und im ganzen nützlichen, aber wegen der Einzwängung in ein ideologisches Gerüst doch nur mit Vorbehalt aufzunehmenden . . . Band eine in freier Forschung erarbeitete umfassende Darstellung gegenüberzustellen. Daß dazu eine längere Anlaufzeit notwendig sein dürfte, nachdem die DDR-Historiker einen so großen Vorsprung gewonnen haben, ist leider unvermeidlich" 153. Stegmann spricht von der „falschen These mit hartem Kern"; der Kern scheint ihm hart genug, um der westdeutschen Geschichtsschreibung zu empfehlen, den Band von Eichholtz „als eine Herausforderung zu begreifen, um endlich aus der Kriegs- und Diplomatiegeschichte herauszufinden und zu einer angemessenen Analyse des Problems Staat und Wirtschaft im NS-Staat zu kommen" 154 . Selbst einen so hartgesottenen Apologeten der Monopole wie Treue hat Eichholtz in Verwirrung gebracht. In einer breit angelegten Studie „Zur jüngeren Wirtschaftsgeschichtsschreibung in der DDR über den ,deutschen Imperialismus'" 155 betont er zwar, „wie ermüdend und enttäuschend, langweilig und unfruchtbar" die Lektüre „derartiger Werke" sei 156 ; an anderer Stelle 157 heißt es jedoch: „Eichholtz' Buch ist also keineswegs mit dem Argument abzutun, daß es auf der Grundlage der kommunistischen Ideologie und Geschichtskonstruktion stehe, sondern man wird diesem Buch und dem bald zu erwartenden zweiten Band ein im Sinne unserer Gesellschaftsordnung wissenschaftliches Werk entgegenstellen müssen. Man wird das wirklich mit aller nöti152 Neue Politische Literatur, 1971, S. 146 f. 153 Historische Zeitschrift, 1970, Bd. 211, S. 445. 154 F r a n k f u r t e r Rundschau, 13. August 1970. 155 Aus Politik u n d Zeitgeschichte, Beilage zur Wochenzeitung Das P a r lament, 14. August 1971. 156 Ebenda, S. 21. 157 Die Zeit, 9. J a n u a r 1970.

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gen Selbstkritik tun müssen — oder man akzeptiert die These von der Identität des Dritten Reiches und der Bundesrepublik, die, häufig genug ausgesprochen und noch viel häufiger als Schlußfolgerung nahegelegt, dieses ganz und gar aktuell politische Buch trägt und durchdringt." Die „Anatomie des Krieges" erhielt nicht weniger aufschlußreiche Besprechungen. Hillgruber schreibt, sowohl die Historiker der Bundesrepublik als auch die Historiker der DDR hätten das Verhältnis von Ökonomie und Politik im Faschismus bislang nicht recht geklärt. In der Bundesrepublik habe „Verschweigen und Nicht-zur-KenntnisNehmen" geherrscht, in der DDR sei man mit „fertigem Rezept" an die Untersuchung gegangen. „Diese Situation . . . hat sich in der letzten Zeit verändert", und zwar durch die Publikation der „Anatomie des Krieges". Hillgruber spricht die Herausgeber zwar nicht völlig von dem Vorwurf frei, sie hätten die Dokumentation nach „fertigem Rezept" zusammengestellt, aber „die historischen Forschungen und Darstellungen in der Deutschen Demokratischen Republik werden differenzierter. Wenn die westdeutschen Zeitgeschichtsforscher diese Veränderungen ,drüben' nicht genügend beachten, könnte dies schwerwiegende Folgen f ü r ihre Position in der internationalen Forschung haben." Das bedeutet, wenn auch verklausuliert und unter pauschaler Disqualifizierung aller früheren DDR-Arbeiten zum Thema, einen Rückzug. „Es kann f ü r die Historiker beider Seiten nur hilfreich sein, wenn sie die fortwährend weiter modifizierten und differenzierten Ergebnisse der zeitgeschichtlichen Forschung in beiden Teilen Deutschlands kritisch zur Kenntnis nehmen." Die Hoffnung Hillgrubers auf eine Konvergenz der Systeme auf dem Gebiet der Geschichtsschreibung wird nicht in Erfüllung gehen; möglich auch, daß Hillgruber an diese Konvergenz nicht glaubt — er müßte wissen, daß die „Anatomie" der westdeutschen Geschichtsschreibung nicht eine Konzession gemacht hat —, seinen Lesern aber nicht eingestehen will, wie weitgehend die westdeutschen Historiker das Konzept verloren haben 158. — Hennig 159 bemüht sich nach Kräften, die Beweiskraft der in der „Anatomie" vorgelegten Dokumente zu zerreden. Er ist sich des Erfolges aber so wenig sicher, daß er nicht mehr an der Totalitarismus-Theorie festzuhalten wagt. Mit der Behauptung, weder von westdeutscher noch von marxistischer Seite sei bisher die Frage nach der sozialen Funktion und dem sozialen Ursprung des Faschismus geklärt worden, tritt er eine Flucht nach vorne an: Aufgabe künftiger Analysen wäre es festzustellen, ob man den Begriff Kapitalismus überhaupt noch verwenden könne, „zu klären wäre ferner, ob die aus der Analyse der liberalen Trennung von Staat und Gesellschaft datierenden Begriffs- und Kategorieninstrumente — und dazu zählt auch das Marxsche Instrumentarium . . . noch taugliche Arbeits- und Ausdrucksmittel darstellen" usw. Hennigs Forschungsprogramm dokumentiert aufs deutlichste, in welcher 158 Die Zeit, 31. Oktober 1969. 159 E. Hennig: Industrie un d Faschismus. A n m e r k u n g e n zur sowjetmarxistischen Interpretation. In: Neue Politische Literatur, 1970, S. 432 ff.

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Konfusion sich die Ideologen des Kapitals befinden. Unter dem Druck der Forschungen aus der DDR müssen sie zum Zusammenhang zwischen Kapitalismus und Faschismus Stellung beziehen und wissen nicht wie. Daß Geschichtsschreibung politische Waffe ist, zeigt sich besonders deutlich in der Auseinandersetzung um Czichons Buch „Der Bankier und die Macht — Hermann Josef Abs in der deutschen Politik" 16°. Das Buch verdankt seine Publizität zum großen Teil der Tatsache, daß Abs und die Deutsche Bank versuchten, seine Verbreitung mittels gerichtlicher Schritte zu verhindern. Der Versuch war vergeblich; zwar nahm die westdeutsche Presse in ihrer Prozeßberichterstattung überwiegend gegen Czichon und f ü r Abs Stellung, sie sah sich jedoch genötigt, die Abs bzw. die Deutsche Bank belastenden Behauptungen Czichons, wenn auch nur verzerrt, wiederzugeben. Den Interessen der Deutschen Bank hätte die bis dahin stets übliche Methode des Nicht-zur-Kenntnis-Nehmens sicher mehr genützt. Die durch Czichon in Gang gebrachte öffentliche Diskussion über die Rolle der Banken, speziell der Deutschen Bank, im Faschismus wurde weitergetrieben durch die einige Monate später erschienene Festschrift, die F. Seidenzahl im Auftrag der Deutschen Bank zu deren hundertjährigem Bestehen schrieb l e l . Die selbst bürgerliche Publizisten verblüffende Diskrepanz der Ergebnisse der beiden Autoren hat M. Walser zu einer f ü r westdeutsche Verhältnisse erstaunlichen Rezension angeregt 162. Der Darstellung Seidenzahls, nach der die Geschichte der Deutschen Bank als hundertjährige Idylle erscheint, in der ehrbare Geschäftsleute, höchst privat und unpolitisch, treu die Gelder ihrer Kunden wahrten und mehrten, stellt Walser immer wieder die von Czichon gesammelten Fakten gegenüber. Walsers Fazit: „Wenn die Deutsche Bank so naiv ist, wie sie sich in diesem Buch (gemeint ist die Festschrift Seidenzahls) gibt, dann müßte sie schleunigst unter wirksame öffentliche Kontrolle gestellt werden. Wenn sie nicht so naiv ist, wie sie sich selbst darstellt, wissen wir, was sie zu verbergen sucht: die Illegitimität ihrer politischen Macht; auch in diesem Fall wäre wirksame öffentliche Kontrolle dringend geboten" 163. Zu einem ganz ähnlichen Ergebnis war bereits das Büro der Militärregierung f ü r Deutschland auf Grund der von ihm in den Jahren 1945/46 durchgeführten gründlichen Untersuchungen gekommen: „Es wird empfohlen, daß 1. die Deutsche Bank liquidiert wird, 2. die verantwortlichen Beamten der Deutschen Bank angeklagt und als Kriegsverbrecher abgeurteilt werden . . . " 164. 160 E. Czichon: Der Bankier u n d die Macht — H e r m a n n Josef Abs in der deutschen Politik. Köln 1970. 161 Seidenzahl, Fritz: H u n d e r t J a h r e Deutsche Bank. Deutsche Bank F r a n k f u r t 1970 (XI, 459 S., Ln., o. P. — nicht im Buchhandel). 162 Der Spiegel, Nr. 35, 1970. 163 Ebenda, S. 138. 164 Bericht ü b e r die Ermittlungen in bezug auf die Deutsche Bank. Büro der Militärregierung f ü r Deutschland (OMGUS). Hrsg.: Institut f ü r marxistische Studien u n d Forschungen. F r a n k f u r t 1971.

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Das Bild der kubanischen Revolution in der bürgerlichen Geschichts- und Sozialwissenschaft Beitrag zu einer Typologie des Antisozialismus I Zur Analyse der vorrevolutionären kubanischen Verhältnisse in der bürgerlichen Literatur Kaum eine der ernstgemeinten bürgerlich-wissenschaftlichen Analysen der kubanischen Verhältnisse vor Castro formuliert heute noch Zweifel an der Legitimität des revolutionären Veränderungswillens, der sich auf die institutionelle Basis diktatorischer Herrschaft bezog 1 . Während es zu Zeiten dieser Herrschaft selbst weder in der bürgerlichen Wissenschaft der Vereinigten Staaten noch in der Bundesrepublik relevante Stimmen und Meinungen gab, die den Angriff auf das Batista-Regime mit seinen weitreichenden politischen Konsequenzen sanktionierten, hat sich in den sechziger Jahren ex post die Einsicht in die historische Notwendigkeit der Ablösung des bis dahin von außen dominierten kubanischen Systems durch eine demokratischere und autonomere politische Ordnung durchgesetzt. Dieses nachträgliche Plädoyer f ü r eine Revolution mag zwar über die frühere Skrupellosigkeit der Wissenschaftler angesichts der manifesten Unterdrückung des kubanischen Volks hinwegtäuschen und insofern einen moralischen Immunisierungszweck erfüllen. Offen blieb bisher indes die Frage, ob sich auch seine politische Funktion ebenso optimal erfüllen läßt, ob die hintergründige Absicht, den Bedarf an revolutionären Veränderungen auf der rein politischen Ebene einzukreisen und die historische Plausibilität der sozialen Revolution somit vergessen zu machen, tatsächlich zur Geltung kommt. Die bürgerliche Wissenschaft entwickelt hinsichtlich dessen, was sie als politische Revolution in Kuba interpretiert, ein Legitimitätskriterium, das aus einem konsistenten Revolutionsbegriff ohne weiteres herausfällt. Nicht der Angriff auf die Institutionen des bürger1 So konstatiert F r a n k Tannenbaum, Lateinamerika, Kontinent zwischen Castro und Kennedy, Stuttgar t 1962, S. 163, repräsentati v f ü r viele andere Autoren: „Castros politische Revolution gegen Tyrannei, gemeine Korruption und Gleichgültigkeit der Regierung gegenüber den vielen Nöten der Bevölkerung w a r gerechtfertigt und unabwendbar." Auch Berle, The Cuban Crisis, Failure of American Foreign Policy, in: FOREIGN AFFAIRS, Vol. 39, 1960/61, S. 42, 46, b e j a h t im Fall des vorrevolutionären K u b a vorbehaltlos die „Revolution durch Bürgerkrieg".

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liehen Staates selbst, sondern nur die praktische Kritik ihrer Degenerationserscheinungen soll demnach einer historischen und politischen Rechtfertigung gewiß sein 2 . Historiographisch soll der Castrismus in seinem frühesten Stadium auf diese Kritik, auf den Kampf gegen Korruption, Mißwirtschaft, politische Repression in ihrer brutalsten Form und ähnliche Erscheinungen festgelegt werden, damit seine konsequente Weiterentwicklung zum Anti-Imperialismus um so leichter der Denunziation anheimfallen kann. Diese Argumentationsweise, die sich in theoretischer Übereinstimmung mit westlich-parlamentarischen Verfassungsprinzipien entwickelte, geht jedoch offensichtlich an dem historischen Faktum vorbei, daß sich Castro und die „Bewegung des 26. Juli 3 " bis zum Sieg der Revolution nicht allein auf das politische Testament des frühen Revolutionärs José Marti 4 und die Verfassung von 1940® beriefen, um radikaldemokratische Postulate bürgerlich-kapitalistischer Observanz historisch zu veranschaulichen. Insofern Marti als einer der bedeutendsten Theoretiker des ersten nationalen Befreiungskampfes der Kubaner den Zusammenhang zwischen politischer Repression und wirtschaftlicher Abhängigkeit offenlegte 6 und die Verwirklichung der „latent antiamerikanischen" Verfassung von 1940 mit aller denkbaren Radikalität nichts anderes als anti-kapitalistische Innovation und Revolution bedeuten konnte 7 , ist klar, daß die Aktualisierung beider Konzepte 2 Vgl. dagegen die Definition des revolutionären Nationalismus als einer Tendenz des Castrismus, die „auf die Verwandlung der Staatsmacht durch deren Eroberung un d die Zerstörung ihrer bürgerlichen F o r m " a b zieilt, bei Régis Debray, Der Castrismus, Lateinamerikas „langer Marsch", in: Giangiacomo Feltrinelli (Hrsg.), Lateinamerika — ein zweites Vietnam?, H a m b u r g 1968, S. 242. 3 Zur Geschichte der „Bewegung des 26. Juli" u. a. Goldenberg, Die kubanische Revolution — ein neuer Revolutionstyp, in: EUROPAARCHIV, 17. Jg. 1962, Teil 1, S. 806; Robert F. Furtak, K u b a un d der Weltkommunismus, Köln 1967, S. 14, sowie ausführlicher Boris Goldenberg, The Cuban Revolution and Latin America, London 1965, S. 149 ff. 4 Zur Bedeutung dieses mystifizierten Nationalhelden f ü r die k u b a nische Revolution u. a. J ü r g e n Holtkamp, José Marti, in: Feltrinelli (Hrsg.), a.a.O., insbesondere S. 5. 5 Vgl. K n u d K r a k a u , Die kubanische Revolution und die MonroeDoktrin, Eine H e r a u s f o r d e r u n g der Außenpolitik der Vereinigten Staaten, F r a n k f u r t am Main 1968, S. 18 f., sowie S. 23 f. Aufschluß ü b e r die P r o grammati k Castros un d seiner Anhänger in diesem P u n k t gab bereits die b e k a n n t e Rede von 1953: „Die Geschichte wird mich freisprechen." S. Fidel Castro, Fanal Kuba, Reden un d Schriften 1960—1962, Berlin 1963, S. 11 ff., 20; exemplarisch f ü r die bürgerliche Kuba-Analys e in diesem Kontext u. a. Theodore Draper, Castro's Revolution, Myths and Realities, New York 1962, S. 15 ff., 47; ders., Castroism, Theory and Practice, New York 1965, passim. 6 Vgl. Holtkamp, a.a.O., S. 13 f. 7 Vgl. K r a k a u , a.a.O., S. 18 f. Zwar e r k a n n t e diese Verfassung g r u n d sätzlich das Privateigentum, gleichzeitig jedoch auch öffentliches I n t e r esse an Enteignungen sowie an Restriktionen in der Grunderwerbspolitik an. Daneben enthielt sie ein Diversifizierungsgebot f ü r Landwirtschaft

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in der frühen Theorie des Fidelismus weiterreichende Implikationen hatte, als die bürgerliche Literatur zugestehen will 8 . Allem Anschein nach sind die Aporien jener Argumentationsfigur, die in klarer politischer Absicht den frühen Fidelismus auf einen reformistischen Kurs herunterspielen soll, auf ein Hauptproblem der nicht-marxistischen Kuba-Kritik zurückzuführen: sie kann nicht glèichzeitig im Prinzip ein politisches System, das die Vereinigten Staaten im Zuge von Neokolonialismus und Imperialismus nach Kuba exportierten, und einen revolutionären Kampf gegen dieses System affirmieren, sobald er mehr als nur eine Therapie f ü r Degenerationssyndrome beinhaltet. Tatsächlich ist dieses Problem f ü r die bürgerliche Wissenschaft nur zu lösen, wenn die Frage nach der Legitimität der politischen Revolution ausschließlich im Horizont der amerikanischen Außenpolitik gestellt wird und nicht mit der — gemessen gerade auch an amerikanischen Selbstbestimmungsdeklamationen — unerläßlichen Frage nach der Autonomie des politischen Systems konvergiert. Manche Darstellungen der vorrevolutionären Verhältnisse in Kuba siiid nicht einmal diesem Problem ausgesetzt, weil sie pauschal auch die Legitimität der politischen Revolution bezweifeln. Sie lassen das Mindestmaß an historiographischer Akribie selbst im herkömmlichen Sinne vermissen und gipfeln in offenem Zynismus: in Umkehrung der sonst in der bürgerlichen Literatur weithin unbestrittenen Kausalverhältnisse erscheinen Exzessivität und Brutalität des Batista-Regimes als einigermaßen plausible Reflexe auf die Rebellenaktivität 9 . Was die Gesamteinschätzung der prärevolutionären Machtkonstellation und Sozialverfassung in Kuba angeht, zeigen beide Arten der Analyse eine deutliche Ubereinstimmung in der Frage nach dem entstehungsgeschichtlichen Kontext der sozialen Revolution, die unmittelbar zur Frage nach ihrer Legitimität überleitet. Die negative Entscheidung fällt vorweg; solcherart entziehen sich die Autoren gleichzeitig dem Zwang, Struktur und Implikationen des Imperialismus zu thematisieren, zu dessen Objekten die kubanische Wirtschaft und Gesellschaft eben während dieser Zeit gehörten. Als Akt der Immunisierung kommt dieser Verzicht konkreten politischen Bedürfnissen entgegen; dies gilt um so eher, als der Imperialismus in seinem gegenwärtigen Entwicklungsstadium, das durch die Konfrontation mit zunehmend sich konsolidierenden Emanzipationsbewegungen geun d Industrie sowie ein Regulierungsgebot f ü r Anbau und Verarbeitung von Zuckerrohr, die beide ausländischen Wirtschaftsinteressen genauso zuwiderliefen wie Art. 280 (Kontrolle des Geld- u n d Bankwesens) und Art. 276 (Verbot privater Monopolbildungen). Vgl. (engl. Text) Arnos J. Peaslee, Constitutions of Nations, Bd. 1, 1950, S. 526 ff. Vgl. auch David Horowitz, Kalter Krieg, Hintergründe der US-Außenpolitik von J a l t a bis Vietnam, Bd. 1, Berlin 1969, S. 186 f., sowie William A. Williams, The United States, Cuba, and Castro, New York 1962, S. 64. 8 So etwa Furtak, Kuba, S. 149. 9 Vgl. Goldenberg, Revolution, S. 143 f., sowie ders., Kubanische Revolution, a.a.O., S. 806.

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k e n n z e i c h n e t ist, p a r t i e l l z u m i n d e s t d e r w i s s e n s c h a f t l i c h - p o l i t i s c h e n Camouflage bedarf. Progressistische Formeln u n d P r o g r a m m e wie die „Allianz f ü r den Fortschritt", die v e r b u n d e n m i t praktischen H i l f s m a ß n a h m e n u n d politischen Offensiven spätestens seit d e r K e n nedy-Ära das F a k t u m der Ausbeutung der süd- und mittelamerikan i s c h e n L ä n d e r d u r c h die U S A v e r s c h l e i e r n u n d d e n B e g i n n e i n e r Epoche des wirtschaftlich-außenpolitischen Altruismus vortäuschen s o l l t e n , s i n d i n g r o ß e r Z a h l auf d i e s e n Z w e c k h i n k o n z i p i e r t w o r den10. Sie h a b e n ihre S u g g e s t i v k r a f t jedoch bereits verloren, weil die E n t w i c k l u n g s p r o g r a m m e , die u n t e r diesen ideologischen V o r zeichen i n d i e P r a x i s u m g e s e t z t w u r d e n , e i n e n e n t s c h e i d e n d e n D e f e k t a u f w i e s e n : sie k o n n t e n n i c h t f u n k t i o n i e r e n , w e i l sie d i e f u n d a m e n tale Ursache von Unterentwicklung u n d Mangel, nämlich die imperialistische Beziehung unangetastet ließen11. U m eine g l a u b w ü r d i g e Kontraststrategie z u m kubanischen Sozial i s m u s b e m ü h t , d i e u m i h r e r ideologischen K o h ä r e n z g e n a u s o w i e 10 Zur E n t s t e h u n g der „Alliance f o r Progress"-Konzeption A r t h u r M. Schlesinger, A thousand days, J o h n F. Kennedy in the White House, London 1965, insbesondere S. 168 ff. Schlesinger, ehemals enger Mitarbeiter des amerikanischen Präsidenten, zeigt keinerlei Skrupel, den rein anti-castristischen C h a r a k t e r dieser Allianz aufzudecken. Auch der Assistant Secretary of State Martin, Communist Subversion in the Western Hemisphere, DEPARTMENT O F STATE BULLETIN, Bd. 48, 1963, S. 410, charakterisiert die Allianz als „eine demokratische Alternative zum K o m m u n i s m u s Castros" (zit. nach K r a k a u , a.a.O., S. 141). Als Bestandteil einer counterinsurgency-Strategie bezeichnet J o h n Saxé-Fernândez, The Central American Defense Council and P a x Americana, in: Irving L. Horowitz (Hrsg.), Latin American Radicalism, London 1969, S. 82, die „Alliance f o r Progress". Uneingeschränkt positiv zur Allianz Tannenbaum, a.a.O., S. 178 ff., sowie passim. Ähnlich auch Goldenberg, Revolution, S. 333 ff. Vgl. auch G a r y McEoin, Lateinamerika — Stunde der Entscheidung, Paderborn, 1965, S. 147 ff. Zum Monroe-Charakter der Allianz K r a k a u , a.a.O., S. 141. Authentisch dazu Adolf A. Berle, Latin-America — Diplomacy and Reality, New York 1962, S. 127. Relativ distanzierte Darstellung aus ökonomischer Sicht bei Pierre Léon, Economies et Sociétés de L'Amérique Latine, Paris 1969, S. 426 ff. Zur Funktionsweise der Allianz allgemein auch Siegfried Garbuny, Die Revolution der Allianz f ü r den Fortschritt, in: AUSSENPOLITIK, 14. Jg. 1963, S. 318 ff. 11 Vgl. P a u l M. Sweezy/Leo Huberman, Sozialismus in Kuba, F r a n k f u r t am Main 1970, S. 13; zum Scheitern der bisher proklamierten „Entwicklungsprogramme" allgemein auch Paul A. Baran, Unterdrückung und Fortschritt, F r a n k f u r t am Main 1966, S. 62. Zum sichtbaren Mißerfolg der Allianz, die laut Krakau, a.a.O., S. 141, „durch langfristige Entwicklungsplanung un d Kapitalhilfen die sozialen un d wirtschaftlichen Mißstände in Lateinamerika beseitigen" sollte, auch KURSBUCH 11, J a n u a r 1968, S. 23 ff. Allgemein zum Scheitern der Allianz Wolf Grabendorff, Lateinamerika — wohin?, München 1970, S. 137; detailliert Paul N. RosensteinRodan, The Alliance for Progress and Peaceful Revolution, in: Latin American Radicalism, a.a.O., S. 53—60, sowie Dudley Seers et. al., Cuba, The economic and social Revolution, Chapel Hill, 1964, S. 284 f. Vgl. auch Horowitz, a.a.O., Bd. 2, S. 176 f.

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um ihrer praktisch-propagandistischen Funktion willen nicht auf einer Diagnose des Imperialismus gründen kann, insistieren die bürgerlichen Kuba-Kritiker trotzdem auf der Gültigkeit eines reformistischen Kurses. Auf die gegenwärtige Situation abgehoben verfolgt dieses Unternehmen eindeutig restaurative Ziele: es soll die Logik der sozialen Revolution in Zweifel ziehen und ihre Ergebnisse theoretisch liquidieren. Es liegt auf der Hand, daß diese Strategie nicht nur die Kritik der augenblicklichen, sondern auch die euphemistische Beschreibung der vorrevolutionären Verhältnisse und Strukturen in Kuba zu ihrem Erfolg braucht 1 2 . Soll die Entwicklung zum Sozialismus als arbiträr gekennzeichnet werden, so darf sie auch keine objektiven gesellschaftlichen Ursachen haben; sie muß vielmehr als Produkt eines ahistorischen und sozialfeindlichen Voluntarismus erscheinen, der in partikularen Antagonismen und temporären Bedürfniskonstellationen wurzelt. Mit wenigen Ausnahmen reproduziert die bürgerliche FidelismusRezeption bruchlos diesen prinzipiell antisozialistischen Interpretationsansatz, in der Analyse des vorrevolutionären Kuba treibt sie ihn auf die Spitze. Zwar sieht sich kaum einer der amerikanischen oder deutschen Kuba-Kritiker in der Lage, das erdrückende empirische Material zu ignorieren, das über den hohen Grad der wirtschaftlichen und politischen Abhängigkeit Auskunft gibt, in der sich die Insel zur Zeit des Batista-Regimes gegenüber den Vereinigten Staaten befand. Sie konstatieren diese Abhängigkeit jedoch nur, um dann ihr Ausmaß und ihre Struktur zu verschweigen 13 . Fast nirgends ist die Rede davon, daß die USA den kubanischen Markt vor 1959 fast konkurrenzlos beherrschten 14 ; die nahezu totale Abhängigkeit 15 , die sich unter anderem nach Maßgabe der technologischen Überlegenheit der Vereinigten Staaten und ihrer beherrschenden Weltmarktposition stabilisierte, wird vielmehr zur amerikanischen Domination im Wirtschaftsleben Kubas herunterinterpretiert 1 6 . Und so oft die bürgerlichen Wissenschaftler eine der auffallendsten Deformationen der kubanischen Wirtschaftsstruktur, die Zucker12 D a f ü r besonders repräsentativ Goldenberg, Kubanische Revolution, a.a.O., S. 805 f. 13 Typisch d a f ü r Furtak, Kuba, S. 18 f., sowie Enrique Meneses, Beschreibung einer Revolution, München 1968, S. 102 f. Daß der „Anteil Nordamerikas an der kubanischen Wirtschaft, vor allem in der Zuckerindustrie un d im Bankwesen, ständig zurückging", konstatiert Boris Goldenberg, Die kubanische Revolution, a.a.O., S. 806, u m damit das Abhängigkeitssyndrom zu bagatellisieren. 14 Zu den A u s n a h m en gehört K r a k a u , a.a.O., S. 12. Vgl. auch Robert F. Smith, The United States and Cuba, Business and Diplomacy, 1917 big 1960, New York 1960, S. 170 ff. 15 Vgl. u. a. Herber t L. Matthews, The United States and Latin America, in: INTERNATIONAL AFFAIRS, Vol. 37, 1961, S. 13, der das vorrevolutionäre K u b a als „eine Art wirtschaftlicher Kolonie der Vereinigten Staaten" bezeichnet. 16 Vgl. Léon, a.a.O., S. 415.

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Produktion i m R a h m e n e i n e r M o n o k u l t u r , b e s c h r e i b e n 1 7 , so s e l t e n v e r m ö g e n si e d i e s e s P h ä n o m e n a l s S t a b i l i t ä t s f a k t o r u n d S y n d r o m d e r A b h ä n g i g k e i t zugleich v e r s t ä n d l i c h z u m a c h e n 1 8 . S t a t t d e s s e n e r k l ä r e n sie d a s F a k t u m , „ d a ß Z u c k e r e i n r u n d e s V i e r t e l d e s k u b a n i schen Bruttosozialprodukts ausmachte sowie vier F ü n f t e l d e r k u b a nischen E x p o r t e u n d daß der H a n d e l mit d e n Vereinigten S t a a t en den weitaus größten Teil" des Gesamthandelsvolumens darstellte19, o h n e U m s c h w e i fe u n d S k r u p e l m i t den Eigengesetzlichkeiten des Kapitalismus20. Alle Autoren, die den Zustand der Unterentwicklung K u b a s vor der Revolution mit seinen Ursachen — wie skandalöse Unterausnutzung der Ressourcen21, mangelnde Reinvestitionsbereitschaft der einheimischen Oligarchien, K a p i t a l t r a n s f e r etc.22 — u n d seinen N e b e n erscheinungen — wie P a u p e r i s m u s , A n a l p h a b e t e n t u m , völlig u n z u längliche medizinische Versorgung u n d I n f r a s t r u k t u r 2 3 — e n t w e d e r ü b e r h a u p t nicht zur K e n n t n i s n e h m e n oder aber den m a r k t m e c h a nistischen Implikationen des „freien Spiels der K r ä f t e " zuschreiben, entschleiern im G r u n d e m i t aller wünschbaren Prägnanz die A m b i 17 Vgl. Meneses, a.a.O., S. 102 f.; Hugh Thomas, The Castro Revolution was the culmination of a long series of t h w a r t e d revolutions, in: Lewis H a n k e (Hrsg.), History of Latin American Civilization, London 1967, S. 400 f. 18 Zu den wenigen A u s n a h m en gehört Furtak, Kuba, S. 18 f. Vgl. auch E d w a r d Boorstein, The Economic Transformation of Cuba, A First-Hand Account, New York 1968, S. 1 f. ; J a m e s O'Connor, The origins of socialism in Cuba, Ithaca 1970, S. 12, e r k l ä r t die Monokultur zutreffend als Folge der nahezu lückenlosen Integration des vorrevolutionären Kuba in das internationale System der Spezialisierung un d Arbeitsteilung. 19 Vgl. Sweezy/Huberman, a.a.O., S. 55; diese Darstellung stimmt — wie Wilhelm M. Breuer, Zehn J a h r e neues Cuba, in: BLÄTTER FÜR DEUTSCHE UND INTERNATIONALE POLITIK, 14. Jg., Nr. 1, J a n u a r 1969, S. 71, betont — mit offiziellen nordamerikanischen Angaben ü b e r ein. Vgl. die Studie „Investment in Cuba, Basic Information for United States Businessmen", Washington 1956, S. 318. 20 Besonders zynisch T a n n e n b a u m, a.a.O., S. 169. Die Entwicklung K u bas zur Zuckerplantage f ü h r t Goldenberg, Revolution, S. 137, nicht auf Neokolonialismus un d Imperialismus zurück, er definiert sie vielmehr als Resultat des „freien Spiels der Kräfte". Berle, Cuban Crisis, a.a.O., S. 40, b e m ü h t darübe r hinaus auch geographische Faktoren als beweiskräftige Einwände gegen die Abhängigkeitsthese. 21 Vgl. Sweezy/Huberman, a.a.O., S. 59; dazu auch Boorstein, a.a.O., S. 4. Vgl. F u r t a k, Kuba, S. 20, sowie allgemein Fritz René Allemann, Fidel Castro, Die Revolution der Bärte, H a m b u r g 1961, S. 43. Genau wie dieser sieht sich auch Goldenberg, Revolution, S. 126, gehalten, den Status der U n t e r - oder Fehlentwicklung K u b a s auf die Unterausnutzung d e r Ressourcen zurückzuführen. 22 Dazu allgemein Léon, a.a.O., S. 354, sowie Goldenberg, Kubanische Revolution, a.a.O., S. 810. 23 U. a. K r a k a u , a.a.O., S. 9 f., sowie McEoin, a.a.O., S. 123 f.

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valenz ihres Freiheitsbegriffs 2 4 . Entgegen ihren politischen Absichten klären die meisten Kuba-Kritiker darüber auf, daß ihr Freiheitsbegriff keine Umkehrbarkeit kennt: im Verhältnis der hochindustrialisierten kapitalistischen Staaten zu den unterentwickelten Ländern deckt er die Präponderanz der Interessen, nach denen sich das „freie Spiel der Kräfte" bislang organisiert hat, während er menschliche Bedürfnisse, soweit sie nicht den Markt in Gang halten, in die Sphäre der Unterdrückung und Sublimation verweist. Diese Variante der Kapitalismus-Apologie am Beispiel der Länder der Dritten Welt zehrt trotz aller nach außen gekehrten Wissenschaftlichkeit von der Arroganz der faktischen Macht und vom Zynismus gegenüber den Opfern der Ausbeutung und Repression. So lange jedenfalls, als sie das fundamentale Mißverhältnis zwischen tatsächlichem Reichtum an Bodenschätzen und anderen materiellen Quellen auf der einen und ruinösen Volkswirtschaften, die f ü r die Massen Hunger und permanentes Elend bedeuten, auf der anderen Seite weder am Paradigma der vorrevolutionären Situation in Kuba und noch viel weniger in der Analyse der gegenwärtigen Verhältnisse in Lateinamerika problematisiert, geschweige denn erklärt, ist sie in diesem Sinne zu begreifen. Diese Einschätzung wäre gemessen an den ideologischen Zwängen, unter denen die Apologie des Kapitalismus durchaus auch im Kontext ihrer wissenschaftlichen Aufbereitung steht, trivial, wenn die bürgerlichen Kuba-Kritiker nicht gleichzeitig auch den Versuch machen würden, diese Apologie sichtbar zu relativieren oder sie als solche überhaupt nicht erkennbar werden zu lassen. So machen sie eine überaus fragwürdige Bilanz der kubanischen Verhältnisse bis zum Zeitpunkt der Revolution auf: zu den Aktiva zählen sie den relativ großen Entwicklungsvorsprung Kubas gegenüber anderen süd- und mittelamerikanischen Ländern 2 5 , den sie unter anderem mit der Transformation feudalistischer Strukturen zu Formen der kapitalisierten landwirtschaftlichen Produktion erklären 28 , während sie den Passiva vor allen Dingen den geringen Grad an agrarwirtschaftlicher Diversifikation zurechnen. Dieses Faktum einer kontinuierlichen — und gleicherweise zweckrationalen — Fehlentwicklung, dem die kubanische Revolution alle verfügbaren wirtschaftsund gesellschaftspolitischen Lösungskapazitäten zuwenden mußte, entziffern sie mit Hilfe geographischer, klimatischer und anthropologischer Konstanten. Fast ausnahmslos zeichnen sie das Bild eines gleichsam naturgegebenen Kausalverhältnisses zwischen Monokultur auf der einen und enger Nachbarschaft Kubas zu den USA, seiner 24 Besonders illustrativ Boris Goldenberg, Lateinamerika — Reform oder Revolution, in: AUS POLITIK UND ZEITGESCHICHTE, 14. August 1963, S. 27 f. 25 Vgl. F u r t a k . Kuba, S. 20, sowie Goldenberg, Revolution, S. 121, und Krakau, a.a.O., S. 9. 26 Zur A g r a r s t r u k t u r ausführlich Furtak, Kuba, S. 22. Vgl. auch Goldenberg, Revolution, S. 129.

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Lage in subtropischem Gebiet und der angeblich bekanntermaßen geringen Arbeitsmoral seiner Bevölkerung auf der anderen Seite 27 . Damit setzen sich die Autoren jedoch vorab in einen unauflöslichen Widerspruch zu einem von ihnen immer favorisierten EinwandStrategem gegen die Praxis des Fidelismus. Denn während sie Fehlentwicklungen unter den Auspizien des früheren kubanischen Systems vorzugsweise auf das Wirken irrationaler, von Struktur und Entwicklungsrichtung des Kapitalismus nur begrenzt abhängiger Faktoren verrechnen, lasten sie — vermeintliche wie tatsächliche — ökonomische Regressionserscheinungen in der Phase der revolutionären Neuordnung ausschließlich den inneren Widersprüchen des Sozialismus, den elementaren Fehlannahmen im theoretischen Substrat des Planungssystems an 2S . Es ist im Grunde unerheblich, ob sie das Syndrom der korrelierenden ökonomischen und politischen Abhängigkeit gezielt verzeichnen, nur um sich der Imperialismus-Kritik zu entschlagen, oder ob sie auf diese Weise das Phänomen der Unterentwicklung und des Mangels auf einer außer-ökonomischen und -gesellschaftlichen Erklärungsebene rationalisieren. In beiden Fällen bleibt ihr Interpretationsverfahren nur der Methode, nicht aber der wissenschaftlichpolitischen Funktion nach ambivalent: eindeutig verbindet sich mit der Absicht, das historische Ensemble der sozioökonomischen Revolutionsbedingungen so zu zergliedern und umzuinterpretieren, daß die soziale Revolution widervernünftige Züge annimmt, die restaurativen Desiderate eines kompakten Antisozialismus. II Die These von der „verratenen Revolution" Diese Analyse des vorrevolutionären Kuba setzt in der bürgerlichen Literatur mit aller Folgerichtigkeit die Maßstäbe f ü r die Einschätzung der Revolution selbst, so kursorisch diese auch immer ausfallen mag. Unter dem Schutz marxistisch-leninistischer Orthodoxien 28 , die sie immer dann kenntnisreich in die Darstellung einführen, wenn ihr eigenes Rezeptionsvermögen versagt, versuchen die bürgerlichen Kritiker die castristische Revolution ohne Berücksichtigung der je verschiedenen Qualität ihrer Entwicklungsphasen auf historische Ansprüche festzulegen, die weder sie selbst noch die marxistische Kuba-Analyse f ü r sie in so rigider Form reklamiert hat. Der historiographische und soziographische Purismus, den sie gegen Struktur und Verlauf der castristischen Revolution zu wenden 27 Beispielhaft Berle, Cuban Crisis, a.a.O., S. 40. 28 So etwa Goldenberg, Revolution, S. 246 f.; vgl. auch Krakau, a.a.O., passim. Vergleichsweise differenziert die Darstellung von Grabendorff, a.a.O., S. 48 f. Gustavo Beyhaut, Süd- un d Mittelamerika II, Fischer Weltgeschichte, Bd. 23, F r a n k f u r t am Main 1965, sieht die Ursachen wirtschaftlicher Fehlentwicklungen und Engpässe weniger in Planungsmängeln als vielmehr im Abbruch der traditionellen Handelsbeziehungen beschlossen. 29 Vgl. F u r t a k, Kuba, S. 24.

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versuchen, weist ein schwerwiegendes Verdachtsmoment auf, das kaum zu seiner äußeren Erscheinungsform paßt: nämlich das einer tendenziellen Ahistorizität. Beruht er doch auf der kurzschlüssigen und meist uninterpretierten Korrelierung möglichst später Selbstinterpretationen des Castrismus mit vergleichsweise frühen empirischen Daten der Revolution. Im Gegensatz zum Selbstverständnis der kubanischen Revolutionäre, das auf die Prozeßhaftigkeit sowohl der gesellschaftlichen Umstände der Revolution als auch des Bewußtseins ihrer Träger abhebt 30 , bleibt dieses Interpretationsverfahren vorzugsweise statisch-strukturellen Kategorien unterworfen. Keinesfalls spiegelt es jedoch nur ein theoretisch-methodologisches Unvermögen wider. Es macht gleichzeitig vielmehr auch die politischen Ambitionen transparent, die es umschließt. Indem das Bekenntnis Castros von 1961 zum Marxismus-Leninismus 31 auf Hergang und sozioökonomisches Substrat der Revolution in den späten fünfziger Jahren und dieses vice versa auf die Propagierung des kubanischen Sozialismus verrechnet wird, soll der Eindruck einer annähernd totalen Unverträglichkeit von Theorie und Praxis der kubanischen Revolution entstehen. Wo sie meinen, einen objektiven Widerspruch so essentieller Art aufgedeckt zu haben, glauben die bürgerlichen Kuba-Kritiker eine Verschwörertheorie konstituieren 3 2 und somit die Revolution insgesamt ihres Legitimitätscharakters entkleiden zu können. Diese Prätention lebt jedoch von einer fundamentalen Verzerrung: von dem Anschein nämlich, als hätten nur die Kritiker in den Vereinigten Staaten und in der Bundesrepublik, nicht gleichzeitig aber auch die revolutionären Führer Kubas selbst eine angemessene Analyse der Revolution bis hin etwa zum Zeitpunkt der ersten Sozialisierungsdekrete geleistet. Es war gerade Castro, der einerseits wiederholt seine biographische Entwicklung vom revolutionären Idealisten und utopischen Sozialisten über eine konsequente Marx-Rezeption und parallele Erfahrungen in putschistischer und in Guerilla-Praxis zum Marxisten-Leninisten minuziös beschrieb 33 , und der andererseits kein Hehl aus der Diffusion der ungeklärten revolutionären 30 Vgl. Lee Lockwood, Castros Kuba, Kubas Fidel (Auszüge), in: Feltrinelli (Hrsg.), a.a.O., S. 40, sowie Trappen, Die kubanische Volksrevolution, Berlin 1965, S. 113 f. 31 Text der Rede in: Castro, Fanal, S. 199 ff.; vgl. auch Krakau, a.a.O., S. 63; indirekt dazu ebenfalls Lockwood, a.a.O., S. 40; f e r n e r Reinhart Beck, Wörterbuch der Zeitgeschichte seit 1945, Stuttgart 1967, S. 225, und Goldenberg, Kubanische Revolution, a.a.O., S. 809; dazu auch Draper, Castroism, S. 26 ff. Bezogen auf die programmatische Gesamtentwicklung des J a h r e s 1961 (Reden Castros vom 15. April und 1. Mai: Betonung des sozialistischen Charakters der Revolution) auch Furtak, Kuba, S. 41. 32 Meneses, a.a.O., S. 118, transponiert diese Theorie dann auch auf a n d e re lateinamerikanische Befreiungsbewegungen: er kennzeichnet sie als „castroistische Verschwörungen". Eine allgemeine Kritik dieser Theorie leistet u. a. O'Connor, a.a.O., S. 3 f. 33 Besonders aufschlußreich zu diesem Zusammenhang sein Interview mit Lockwood, a.a.O., S. 35 ff.

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Standpunkte in der „Bewegung des 26. Juli" machte 34 . Sowohl er als auch Ché Guevara charakterisierten das Moncada-Unternehmen von 1953, das bezeichnenderweise in der bürgerlichen Kuba-Literatur häufig als durchaus positives Moment der nationalen Revolution gewürdigt wird, als Desaster 3ä , und keiner von beiden hing während der insurrektionellen Phase des Kampfes in der Sierra Maestra dem Mythos von der proletarischen Revolution an 3 6 . Angepaßt an den halbkolonialen Status Lateinamerikas, an semi-feudale Strukturen und an das besondere Entwicklungsstadium der Bourgeoisie mit allen ihren gesellschaftlich-politischen Implikationen propagierten und praktizierten sie während dieser Zeit vielmehr die FokusTheorie: das Bündnis zwischen avantgardistischer revolutionärer Intelligenz und einer Landbevölkerung, die ein Klassenbewußtsein erst im Zuge der praktischen Entfaltung dieses Bündnisses entwickeln konnte 37 . Als besondere Kombination revolutionären Kampfes mit politischer Organisation, die unter anderem auch die f ü r Lateinamerika typisch gewordene Passivität des kommunistischen Widerstands (im Rahmen einer städtischen Überorganisation der KP's) überwinden sollte, hat der Castrismus 38 entgegen allen Fremdinterpretationen tatsächlich kaum jemals Zweifel über seine virtuelle Zielrichtung aufkommen lassen, die Sozialismus marxistisch-leninistischer Observanz bedeutet. Angesichts dieser Situation kann die bürgerlich-wissenschaftliche Analyse der kubanischen Revolution, sofern sie in eine grundsätzlich antisozialistische Strategie eingebettet ist, ihr Hauptproblem nur schwer bewältigen: sie darf den Fidelisten nicht den Vorwurf ersparen, keine proletarische Revolution initiiert zu haben 39 , um durdi diese historiographische Hintertür die Existenz sozialrevolutionärer Bedingungen pauschal negieren zu können, und sie muß ihnen unterstellen, zeit ihrer revolutionären Aktivität im Widerspruch zu den objektiven Kriterien der historischen Situation die proletarische Revolution angestrebt zu haben, um solchermaßen die Globalthese von der „verratenen Revolution" 40 zu verifizieren. So 34 Z u m P r o b l em selbst u. a. Jules Dubois, Fidel Castro — Rebel Liberator or Dictator, New York 1959, S. 33 ff. 35 Vgl. u. a. Ernesto Ché Guevara, Mensch und Sozialismus auf Kuba, in: Lateinamerika, Ein zweites Vietnam?, a.a.O., S. 84, dazu auch Debray, Castrismus, a.a.O., S. 239 f. 36 Vgl. Feltrinelli, a.a.O., S. 408. 37 Grundlegend Ernesto Ché Guevara, Der Partisanenkrieg, H a m b u r g 1968, insbesondere S. 11; zur Fokus-Theorie allgemein und zur Distinktion von Fokus u n d Blanquismus vor allen Dingen Debray, Castrismus, a.a.O., S. 206, 228 ff., passim. 38 Vgl. Feltrinelli, a.a.O., S. 408. 39 Vgl. Goldenberg, Kubanische Revolution, a.a.O., S. 809. 40 Eine besonders drastische Version der „Verrats"-These liefert McEoin, a.a.O., S. 128. Auch a n d e r e Interpretationen enthalten diese — im übrigen offizielle amerikanische, vgl. K r a k a u , a.a.O., S. 56, sowie Schle-

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heteromorph dieser Teil der westlichen Kuba-Literatur auch in vielem wirken mag, so fällt er doch in Modalität und Substanz der Bewältigung dieses Problems sichtbar zusammen. Dabei spielt der Vorwurf des Terrorismus auf einer konkreten und der Vorwurf des Voluntarismus auf einer abstrakteren Ebene der Beweisführung gegen die Legitimität der kubanischen Revolution eine wichtige Rolle. Während der erste Einwand darauf abzielt, die partielle Massenbasis, welche die „barbudos" unter Führung Castros im Gebiet der Sierra Maestra bis 1959 in der Landbevölkerung fanden, in Zweifel zu ziehen 41 , strukturiert sich der zweite offenbar nach der Absicht, vermeintliche politisch-historische Hypertrophien der Revolutionäre bloßzulegen. Als erkennbares Produkt spezifischer Projektionstendenzen kann der erste Einwand durchaus ignoriert werden und undiskutiert bleiben. Demgegenüber verdient der zweite jedoch Beachtung, da er paradigmatisch die Voraussetzungslosigkeit eines Konservatismus eigener Art dokumentiert. Die Analyse des Voluntarismus-Vorwurfs hat zwischen seiner empirischen Fundamentierung und seiner politischen Absicht scharf zu trennen. Fast alle Autoren, die mit diesem konservativen Einwandtyp operieren 42 , erklären die voluntaristischen Züge der kubanischen Revolution mit den sozialpsychischen Problemen ihrer Träger. Demnach entwickelten Castro und seine späteren Genossen ihre politischen Aspirationen in einem Milieu intellektueller Armut 4 3 , entfalteten die angehenden Revolutionäre Berufsperspektiven, die sich an der harten sozialen Wirklichkeit Kubas stießen 44 . Individuelle wie kollektive Frustationen und Momente partieller Desorientierung mußten die Folge sein. Hat diese Darstellung die historische Faktizität des Kubas der vierziger und beginnenden fünfziger Jahre im großen und ganzen noch f ü r sich, so bricht schon der nächste Argumentationsschritt mit dem Postulat der historiographischen Glaubwürdigkeit: denn es handelt sich um eine empirisch schlechterdings nicht ausweisbare These, wenn zwischen diesen Enttäuschungen, den latenten Statusängsten, die ihnen angeblich vielfach entsprachen und einem frühen singer, a.a.O., S. 201 — These vom „Verrat der Revolution". Vgl. Draper, Revolution, S. 15 f., sowie ders., Castrism, passim. O f f e n b a r im Bewußtsein der Problematik dieser These b e m ü h t sich Goldenberg, Kubanische Revolution, a.a.O., S. 807, die Revolution als einen Prozeß, eine „perman e n t e Revolution, zu verstehen, die demokratisch und kubanisch b e g a n n u n d sozialistisch un d lateinamerikanisch wurde". 41 Goldenberg, Kubanische Revolution, a.a.O., S. 807, stellt fest, daß die Guerilla vor allen Dingen von „jugendlichen Terroristen in den Städten unterstützt wurde". Der Terrorismus-Vorwurf bezieht sich jedoch auch auf die P h a s e des Übergangs zum Sozialismus. Dazu auch ders., Revolution, S. 209. 42 Besonders konsequent zum Beispiel Goldenberg, Revolution, S. 215. 43 So etwa Stanislav Andreski, Parasitism and Subversion, The Case of Latin America, London 1966, S. 250. 44 Vgl. F u r t a k, Kuba, S. 23; desgleichen auch Goldenberg, Kubanische Revolution, a.a.O., S. 809.

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revolutionären Idealismus exklusive Zusammenhänge hergestellt werden. J e entschiedener sie bestimmte Spielarten des Rassismus 45 und einen kompakten kubanischen Nationalstolz 46 als konstitutive Merkmale dieses revolutionären Idealismus erscheinen läßt, um so mehr spekulative Momente weist diese These auf. Was von den Inhalten, welche die „Bewegung des 26. Juli" in der Phase ihrer Konsolidierung entwickelte, in der antisozialistischen Interpretation letztlich übrig bleibt, ist allein ihre nationalistische Komponente. Aber selbst dieser Nationalismus, den man der frühen Castro-Bewegung in bewußter politischer Absicht unterstellt, und zwar als Positivum 47 , erscheint historiographisch verzerrt. Denn die castristischen Revolutionsprogramme der Frühzeit propagierten nicht die Restitution der in hohem Maße nationalistischen Verfassung von 1940 im Sinne des bürgerlichen lateinamerikanischen Nationalismus, „der die Entwicklung einer nationalen Industrie und den Aufbau eines Nationalstaates auf dem Weg über die Schwerindustrie und den wirtschaftlichen Protektionismus fordert 4 8 "; und genausowenig hatten diese Programme mit dem eher defensiven als radikalen Nationalismus der kommunistischen Parteien gemein. Gerade die Aktualisierung der Verfassungsprinzipien von 1940 verdeutlichte vielmehr die eigentliche Tendenz des Castrismus: zwischen sozialistischen Postulaten und nationalistischen Forderungen eine organische Verbindung herzustellen, „auf die Verwandlung der Staatsmacht durch deren Eroberung und die Zerstörung ihrer bürgerlichen Form" abzuzielen 49. 45 U. a. Andreski, a.a.O., S. 248. 46 Ebd.; weit verbreitet ist die Tendenz, diesen Nationalismus als reine, in hohem Maße irrationale Xenophobie zu qualifizieren, ohne im mindesten nach seinen politischen und gesellschaftlichen Hintergründen zu fragen. U m einige Grade differenzierter Goldenberg, Nationalismus un d K o m m u n i s m u s in Lateinamerika, in: EUROPA-ARCHIV, 19.Jg. 1964, S. 549 ff. Vgl. auch Krakau, a.a.O., S. 9. 47 Implizit Tannenbaum, a.a.O., S. 168 f. 48 S. Debray, Castrismus, a.a.O., S. 242. 49 Vgl. ebd.; abweichende Deutung der nationalistischen Elemente im Castrismus u. a. bei George Blanksten, Fidel Castro and Latin America, in: Morton A. K a p l a n (Hrsg.), The Revolution in World Politics, New York 1962, S. 114, 128 ff. Er engt seine Klassifizierung von Revolutionsursachen un d -elementen im wesentlichen auf das P h ä n o m e n des „Personalismo" einerseits u n d den nationalistischen Anti-Amerikanismus in Form des sogenannten „Plattismus", den Kampf gegen das P l a tt Amendment — d a s zwar n u r bis 1934 amerikanisches Interventionsrecht in K u b a begründete, vgl. Furtak, Kuba, S. 17, psychologisch gleichwohl weiterwirkte — andererseits ein. Genausowenig thematisiert beispielsweise auch William A. Williams, Cuba: Issues and Alternatives, in: ANNALS OF THE AMERICAN ACADEMY OF POLITICAL AND SOCIAL SCIENCE, Bd. 351, J a n . 1964, S. 72 ff., die viel engere Verbindung, die der kubanische Nationalismus — mittelbar in der Tradition von José Marti — mit einem weit über genuin politische Autonomiebestrebungen hinausreichenden Antiimperialismus einging.

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Weder Castro selbst noch die Revolutionstheöretiker seiner nächsten Umgebung haben die Kubaner über diese Zielprojektion jemals im Unklaren gelassen. Sowohl im frühen Moncada-Programm als auch in den Revolutionsdekreten von 1959 war die faktische Entwicklung zum Sozialismus vielmehr schon präjudiziert 5 0 . (Während das Moncada-Programm noch vergleichsweise gemäßigte sozialreformerische Zielvorstellungen artikulierte, kündigten ein CastroPamphlet vom Sommer 1954 und das „Manifest aus der Sierra Maestra" vom 12. Juli 1957 tatsächlich schon umfangreiche Bodenenteignungen und -Verteilungen sowie begrenzte Nationalisierungen und Gewinnbeteiligungen der Arbeiter und Angestellten in allen Industrie- und Handelsunternehmungen an 51 .) Damit verliert die These von der „verratenen Revolution" zusätzlich zur inhaltlichen auch die formale Legitimation. Denn die bürgerliche Fidelismus-Kritik kann, wo immer sie sich auf das offizielle Bekenntnis Castros zum Marxismus-Leninismus und die Proklamation Kubas zur sozialistischen Republik als auf das Ende eines großangelegten Täuschungsmanövers kapriziert, nur schwer verständlich machen, warum gerade diese politischen Deklamationen und nicht vielmehr die tatsächlichen Veränderungen, die ihnen korrespondierten, die Interessen des kubanischen Volkes — gemeint sind allerdings in der Regel bourgeoise, mittelständische Interessen — tangiert haben sollen 62 . Impliziert doch diese These, daß eine Massenloyalität der Revolution gegenüber bis zum November 1961 auch bei der Klasse konstant blieb, die im Zuge der Enteignungsakte und Transformationsprozesse ihre Besitzrechte genauso einbüßte wie ihre politischen Kontrollfunktionen. III Die sozialistische Praxis der ersten Jahre: Retorsion oder autonome Entscheidung? Zu den zahlreichen Versuchen, die von westlichen Kuba-Kritikern unternommen werden, um den kubanischen Sozialismus in seiner praktisch-historischen Dimension als fremdbestimmt und widervernünftig zu diskreditieren, gehört auch die Retorsionstheorie. Sie geht davon aus, daß es kein Klassenantagonismus war, der den Ubersprung von der nationalen zur sozialen Revolution in Kuba präformierte und beschleunigte, sondern ein irrationalisierter 50 Castro selbst klärte im Gespräch mit Lockwood, a.a.O., S. 41, sehr anschaulich über diesen Sachverhalt auf. Dazu auch Goldenberg, Revolution, S. 151, sowie Dubois, a.a.O., passim, und Krakau, a.a.O., S. 17 f. Daß das, w a s Castro von A n f a n g an anstrebte, „aber gerade . . . eine radikale Veränderung der bestehenden Wirtschafts- und Sozialstruktur" war, v e r suchen vor allen Dingen Williams, a.a.O., passim, sowie u. a. auch Jean P a u l Sartre, Sartre on Cuba, New York 1961, nachzuweisen. 51 Vgl. K r a k a u , a.a.O., S. 18. 52 Vgl. Lockwood, a.a.O., S. 41, sowie P e t er Schenkel, Kuba und die kommunistische Welt, in: OSTEUROPA, Jg. 19, 1969, S. 267.

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„Antiyanquismo" mit starken rassistischen und teilweise auch faschistischen Elementen 53 . Wo immer der Fidelismus Grundzüge einer „re-education" der Kubaner im Sinne sozialistischen Bewußtseins entwickelt und punktuell auch realisiert habe — so vermuten manche seiner westlichen Kritiker — habe er dies n u r mit Hilfe einer radikalisierten Projektion auf den äußeren Feind, die Vereinigten Staaten, vermocht 54 . Und daneben wird auch bezweifelt, daß die Disziplin in der Arbeitsorganisation, die nach anderen Vermutungen auffallend zur eigentlichen kubanischen Mentalität kontrastiert, zu den ersten Ergebnissen dieser Umerziehung gehört. Man schreibt sie vielmehr den psychologischen Auswirkungen des amerikanischen Handelskriegs gegen Kuba — insbesondere der totalen Blockade — zu 55 und veranschaulicht dergestalt Zielrichtung und Implikationen der Retorsionstheorie. Es macht die zentrale Funktion dieser Theorie aus, daß sie den Anspruch der kubanischen Revolution auf Autonomie und Stringenz ihrer historischen Entwicklung destruieren soll. Wenn die bürgerlichen Kuba-Kritiker — ganz entgegen ihren sonstigen methodischen Usancen — minuziös die einzelnen Phasen der Sozialisierung und der allgemeinen gesellschaftlichen Transformation nachzeichnen, um vor allen Dingen ihre Höhepunkte dann einzelnen vorausgegangenen außen- und wirtschaftspolitischen Aktionen der USA kausal zuzuordnen 56 , enthüllen sie diese Absicht. Daß sich eine solche Tendenz in großen Teilen der westlichen Kuba-Literatur durchsetzen konnte, hat im wesentlichen zwei Gründe: zum einen scheint die suggerierte Position einer kritischen Distanz zur amerikanischen Politik, die unbedingt zu den Prämissen der Retorsionstheorie gehört, von einer grundsätzlichen Imperialismus-Kritik zu entbinden, weil sie die Grenze zwischen Systemimmanenz und pragmatischer Regulierbarkeit dieser Politik verwischt, und zum anderen läßt sie den kubanischen Sozialismus tatsächlich als Funktion exogener Handlungsabläufe erscheinen. 53 Vgl. K r a k a u , a.a.O., S. 8. Das tatsächliche Verhältnis der k u b a n ischen Revolution zum „Antiyanquismo" definiert Debray, Castrismus, a.a.O., S. 243, als ein „umgekehrt symmetrisches". Demnach machte es den Unterschied des Castrismus zu anderen — partiell vergleichbaren — südamerikanischen Bewegungen (Vargas, Péron) aus, daß er zwar auch darauf gerichtet war, ein Bündnis zwischen Proletariat und nationaler Bourgeoisie herzustellen, im Gegensatz zu diesen allerdings unter F ü h r u n g des ersteren, so daß ein A r r a n g e m e n t mit dem amerikanischen Imperialismus von vornherein ausgeschlossen war. Auf die rassistischen Elemente in der kubanischen Revolution hebt Andreski, a.a.O., S. 248 f., ab. 54 So Goldenberg, Revolution, S. 196, der sich dabei ohne n ä h e re Illustration des Kontexts auf ein Sartre-Zita t im FRANCE-SOIR vom 12. Juli 1960 stützt, un d zwar auf die Meinung, daß K u b a die USA (als äußeren Feind) h ä t t e n erfinden müssen, w e n n sie nicht bereits existiert hätten. 55 So Viator, Cuba revisited a f t e r ten years of Castro, in: FOREIGN AFFAIRS, Nr. 2, J a n u a r 1970, S. 321. 56 Implizit Krakau, a.a.O., S. 46 f., andere Positionen referierend S. 57, deutlicher S. 61 f.

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Nur wenige bürgerliche Autoren verzichten auf die historiographische Möglichkeit, solcherart die Ausgangsbedingungen des kubanischen Sozialismus total zu relativieren, ohne gleichzeitig auch den amerikanischen Kapitalismus grundsätzlichen Zweifeln aussetzen zu müssen. Nichts käme einer Fehldiagnose der politischen Zwecke bürgerlicher Kuba-Literatur näher als die Annahme, daß die punktuelle Kritik der erpresserischen amerikanischen Kuba-Politik der frühen sechziger Jahre, die sie bisweilen formuliert 6 7 , letztlich auch einen theoretischen Bruch mit der imperialistischen Tradition der USA darstellt. Ganz im Gegenteil: indem viele Autoren die massiven Pressionen kritisieren, denen die US-Regierung Kuba in ökonomischer und diplomatischer Hinsicht vornehmlich während der ersten Jahre nach der Revolution aussetzte, um containment und Zersetzung des sozialistischen Systems zu bewirken 6 8 , bieten sie implizit nur Rezepte f ü r eine wesentlich flexiblere antisozialistische Offensive an. Wenn mit Recht zu vermuten steht, daß viele Autoren einzelne Fehlleistungen der amerikanischen Politik, die im übrigen auch Verletzungen anerkannter Normen des internationalen Verkehrs darstellten 69 , kritisieren, um gleichsam einen Negativkatalog f ü r den instrumentalisierten Antisozialismus aufzustellen, dann erhält gleichzeitig jener Teil der Kuba-Analyse, der historiographisch einzelne Phasen der Entwicklung zum Sozialismus mit diesen Fehlleistungen kombiniert 60 , ein völlig anderes Gewicht. Letztlich ist dieser Teil nur als eine verwissenschaftlichte Selbstdarstellung der amerikanischen Politik, nicht aber als Dokumentation der kubanischen Entwicklung ernst zu nehmen. IV Massenloyalität und Paternalismus Bis heute ist es den nicht-marxistischen Autoren kaum je gelungen, eines der zentralen Probleme ihrer Kuba-Analyse anders als formalisierend zu lösen. Während sie einerseits innerhalb ihres poli57 So b e n e n n t etwa Tannenbaum, a.a.O., S. 144, die strategischen Nachteile des massiven Antikommunismus in der amerikanischen Außenpolitik, ohne jedoch auf Ursache und Funktion dieses ideologischen ImperialismusVehikels n ä h e r einzugehen. Vgl. auch Berle, a.a.O., S. 40. 58 U. a. notiert Furtak, Kuba, S. 37 f., manche „Ungeschicklichkeiten" der amerikanischen Kuba-Politik, die Castro zur „äußeren Handhabe" f ü r Enteignungs- u n d Sozialisierungsmaßnahmen gereichten. Auch er exemplifiziert die Retorsionstheorie an der unmittelbaren zeitlichen Koinzidenz einzelner amerikanischer Regierungs- un d Kongreßentscheidungen mit spektakulären Revolutionsakten. Zum gleichen Problem aus anderer Sicht z. B. Breuer, a.a.O., S. 75 f., sowie ausführlich Boorstein, a.a.O., S. 28 f. 59 Eine einleuchtende These zur Degeneration der Völkerrechtspraxis, wie sie auch in diesem Z u s a m m e n h a n g zu beobachten ist, formuliert Baran, a.a.O., S. 64. 60 So schreibt Beyhaut, a.a.O., S. 305: „Bedauerlicherweise t r u g die n e u e kubanische Politik n u r dazu bei, die nordamerikanische Außenpolitik noch konservativer w e r d e n zu lassen."

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tischen Horizonts eine A r g u m e n t a t i o n s w e i s e verfolgen müssen, die e i n e A n w e n d u n g d e r T o t a l i t a r i s m u s t h e o r i e auf k u b a n i s c h e V e r h ä l t n i s s e b e i n h a l t e t , s i n d sie auf d e r a n d e r e n S e i t e u n t e r d e m D r u c k empirischen Materials gezwungen, von der Massenloyalität Kenntnis zu n e h m e n , a u f d i e sich d a s C a s t r o - R e g i m e s t ü t z e n k a n n 61 . D i e s e s u n b e s t r i t t e n e P h ä n o m e n z u i n t e r p r e t i e r e n u n d gleichzeitig d a s B i l d e i n e r d i k t a t o r i s c h e n H e r r s c h a f t z u z e i c h n e n , die sich v o n d e r vorausgegangenen Batista-Herrschaft n u r u m Nuancen unterscheidet, k a n n widerspruchsreif ü b e r h a u p t n u r gelingen, sofern die Gesamtanalyse das Problem der kubanischen Entwicklung zum Problem der personalen Führungsmach t Castros v e r k ü m m e r n läßt62. E i n solches I n t e r p r e t a t i o n s s c h e m a s e t z t gleichzeiti g j e d o ch v o r a u s , d a ß die inhaltlichen Disparitäte n zwischen politischer Macht u n d s o z i a l e r H e r r s c h a f t v ö l l ig a u s d e m B l i c k f e l d s e i n e r U r h e b e r h e r a u s g e r a t e n 6 3 . G e n a u u n t e r d i e s e r P r ä m i s s e b e d i e n e n sich d i e b ü r g e r l i c h en K u b a - K r i t i k e r f o r m a l e r A n a l o g i e n , d i e z u d e m noc h d e n Z w e c k e r f ü l l e n , d a s k o n s t a t i e r t e F a k t u m d e r M a s s e n l o y a l i t ä t — als P r o d u k t a n t h r o p o l o g i s c h e r u n d s o z i a l p s y c h i s c h er K o n s t a n t e n — i n 61 J. William Fulbright, T h e arrogance of power, S. 98 f., nimmt von einer ungewöhnlichen — von ihm allerdings absichtsvoll entpolitisierten — Popularität Castros Kenntnis. F ü r das J a h r 1961 verzeichnet Goldenberg, Revolution, S. 236, eine große Anhängerschaft Castros bei der Jugend und der ländlichen Bevölkerung. Auch Andreski, a.a.O., S. 256, konstatiert eine Massenloyalität gegenüber Castro. Zur weit überwiegend positiven Einstellung der städtischen u n d halb-städtischen Bevölkerung gegenüber der Revolution un d ihren F ü h r e r n auch Lloyd A. Free, Attitudes of the Cuban People Toward the Castro Regime, Princeton 1960, passim. Vgl. auch Richard R. fa*g en, Mass Mobilization in Cuba: The symbolism of struggle, in: J O U R N A L O F INTERNATIONAL AFFAIRS, Vol. 20, 1966, Nr. 2, S. 268. Z u m Vergleich f e r n e r auch Dudley Seers (Hrsg.), Cuba, The Economic and Social Revolution, Chapel Hill 1964, S. 31, der u n t er B e r u f u n g auf ein Sample von Maurice Zeitlin, Labor in Cuba, in: THE NATION, Nr. 195, 20. Oktober 1962, S. 238—41, von einer Zwei-Drittel-Mehrheit f ü r das Regime ausgeht; spezieller Zeitlin, Revolutionary Politics and the Cuban Working Class, Princeton 1967. Sweezy/Huberman, Cuba revisited, in: MONTHLY REVIEW, Vol. 12, Nr. 8, Dezember 1960, passim, beziffern die Opposition gegen Castro auf allenfalls ein Viertel der kubanischen Bevölkerung. 62 So vor allen Dingen E r n st Halperin, The Castro Regime in Cuba, in: CURRENT HISTORY, Bd. 51, Dezember 1966, S. 354 ff., der die gesamte kubanische Revolution aus dem unbedingten Machtwillen Castros interpretiert. Vgl. allgemein auch K r a k a u , a.a.O., S. 58, sowie Draper, Castroism, S. 216 ff.; f e r n e r F r a n k Tannenbaum , Ten Keys to Latin America, New York 1963, S. 169 ff., ders., Lateinamerika, S. 164 ff., sowie Goldenberg, Lateinamerika — Reform oder Revolution, a.a.O., S. 6. Vgl. dazu auch Grabendorff, a.a.O., S. 44 f. 63 Vgl. Tannenbaum , Lateinamerika, S. 164 ff. Abweichend davon betont u. a. Goldenberg, Lateinamerika, S. 417 ff., „die Dialektik des revolutionären Prozesses", die Wechselbeziehung zwischen voluntaristischen und historisch notwendigen Entwicklungen. Vgl. auch Krakau, a.a.O., S. 59, sowie F u r t a k , Kuba, S. 56 ff., 122.

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ein konservatives Argumentationsmuster einzuzwängen. Ohne nach möglichen — und im Falle Kubas auch ganz sicheren — Ursachen dieser Loyalität in gesellschaftlichen Veränderungen zu fragen, schreiben sie diese Beliebtheit Castros bei den kubanischen Massen ohne Unterschied seinen charismatischen Fähigkeiten zu 64 . Auf diese Weise scheint sich ein typologischer Versuch der traditionellen politischen Soziologie zur vergleichenden Interpretation singulärer Herrschaftsphänomene auch im aktuellen Zusammenhang zu bewähren 6 5 : indem man personale Wechselbeziehungen konstruiert, die als Korrelation von Führungsqualität und Identifikationsbedürfnissen keine anderen als psychologisch-irrationalistische Komponenten aufweisen, glaubt man gleichzeitig schon die unvermittelt aufgeworfene Frage der exzessiven Usurpation von Gewaltmonopolen hinreichend geklärt zu haben. Doch der Schein der Dialektik täuscht, der selbst diesen Interpretationsansatz auf einem höheren Abstraktionsniveau noch umgibt. In Wirklichkeit verlangen hintergründige politische Interessen im konkreteren Fall eine rein lineare Interpretationsstruktur. Nicht die Identifikation der charismatischen Führer mit den mythosbedürftigen Massen kann gleichfalls, sondern nur die konstante Identifikation der Beherrschten mit den Herrschenden darf ausschließlich gemeint sein, wenn die Diagnose charismatischer Züge von Herrschaft ihren pejorativen Zweck erfüllen soll. Es ist nicht zu übersehen, daß die bürgerlichen Kuba-Kritiker den Linien dieser im Grunde ahistorischen Deutungsversuche folgen. Denn nur unter dieser Voraussetzung wird verständlich, daß sie ihre vergleichsweise milde Kritik am Batista-Regime 66 ohne weitere methodische Skrupel in viel massiverer Form auf die Regierung Castros übertragen. Dabei macht der Vorwurf einer hemmungslosen Manipulation der kubanischen Massen 67 in ideologischer Absicht und unter schamloser Ausnützung der Popularität den zentralen Inhalt dieser zweiten Kritik aus. So erscheinen Batista und Castro in der westlichen Literatur nicht selten unterschiedslos als Prototypen des hispano-amerikanischen Caudillo 68 . Was sie allenfalls noch von64 Vgl. K r a k a u , a.a.O., S. 44ff.; indirekt auch Schenkel, K u b a und die kommunistische Welt, a.a.O., S. 285, sowie fa*gen, Mass Mobüization in Cuba, a.a.O., S. 57. 65 Vgl. Max Weber, Politik als Beruf, in: ders., Gesammelte Schriften, 2. erw. Aufl., Tübingen 1958, S. 495, 521 ; systematischer zu diesem P u n k t ders., Die drei reinen Typen der legitimen Herrschaft, in: PREUSSISCHE JAHRBÜCHER, Bd. 187, 1922, S. 1—12. Mit Bezug auf neuere Entwicklungen A n n R. Willner/Dorothy Willner, The Rise and Roll of Carismatic Leaders, in: ANNALS OF THE AMERICAN ACADEMY OF POLITICAL AND SOCIAL SCIENCE, Vol. 358, März 1965, S. 77—88. 66 Vgl. Tannenbaum, Lateinamerika, S. 163, dessen Kritik sich im ganzen auf „Unehrenhaftigkeit" u n d Korruption beschränkt, sowie Beyhaut, a.a.O., S. 300, Goldenberg, Kubanische Revolution, a.a.O., S. 806, sowie McEoin, a.a.O., S. 121; anders z. B. Krakau, a.a.O., S. 13. 67 Vgl. McEoin, a.a.O., S. 128. 68 Vgl. Anm. 63.

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einander trennen mag, sind Grad und Struktur einer eher negativ oder positiv besetzten Popularität, auf die sie ihre Politik beziehen und stützen. Nicht einmal eine Differenzierung wie die zwischen Beharrungs- und Erziehungsdiktatur, die trotz der zugrundeliegenden Absicht, die soziale Trägerschaft politischer Macht zu thematisieren 69, den Fidelismus zweifellos noch gegenüber dem Batista-Regime benachteiligen würde, findet in der bürgerlichen Kuba-Literatur Platz. Weil sie Inhaltlichkeit zur Voraussetzung und gleichermaßen auch zur Folge hat, kann sie den Autoren dieser Literatur genausowenig applikabel erscheinen, wie sie eine präzisere Darstellung der außerpsychologischen, sozialgeschichtlichen Prämissen der CastroPopularität f ü r opportun halten. Weder mit Zufall noch mit Ignoranz ist in der Tat zu erklären, daß sie nirgends die charismatische Wirkung Castros auf die kubanischen Massen in eine sinnvolle Beziehung zum Phänomen des Paternalismus setzen 70 , zu dessen Ursachen außer stabilen psychischen Dispositionen eben auch sozioökonomische Tatbestände — wie Familienstruktur und Feudalismus — gehören. Die Revolutionsregierung, die in den ersten Januartagen 1959 an die Macht kam, fand sich nicht aus eigener Wahl und schon gar nicht — wie die bürgerlichen Autoren gern vermuten — mit Hilfe schamloser Manipulationen in einer paternalistischen Beziehung zum kubanischen Volk wieder, sondern aufgrund der realen Situation. Im Grunde besteht diese Beziehung bis heute fort 7 1 . Allerdings hat sich ihre Qualität, die letztlich den Ausschlag gibt f ü r Resignation und Zynismus auf der einen oder aktive Loyalität auf der anderen Seite, nach dem Sturz des BastitaRegimes grundlegend verändert. Weder äußerer Zwang noch Versprechungen, wie sie von den republikanischen Regierungen der vorrevolutionären Zeit ständig formuliert und nie gehalten wurden, erklären das gegenwärtige Phänomen einer breiten Massenloyalität zugunsten der Castro-Regierung. Und genauso begrenzt ist heute objektiv auch der Erklärungswert, den die charismatischen Qualitäten Fidel Castros in diesem Kontext haben können. Jeder dieser Interpretationsversuche muß versagen, weil diese Massenloyalität seit dem Sieg der Revolution eine sozial-inhaltliche Motivationsbasis gefunden hat. Eine solche Feststellung hat um so mehr Gewicht, als die meisten westlichen Kuba-Kritiker dieses Moment der Popularität Castros, das eben gerade auf eine materialisierte Wechselseitigkeit der Identifikationen schließen läßt, fast durchweg ignorieren. Nirgends oder selten setzen sie die castristischen Reformen, in Gestalt von Miet- und Preissenkungen, Lohnerhöhungen, Maßnahmen zur Bildungsexpansion und zur Verbesserung des Gesundheitssystems sowie landwirtschaftlichen Strukturveränderungen schon während der ersten Monate des Jahres 1959, 69 Vgl. W e r n er Hofmann , Stalinismus un d Antikommunismus, F r a n k f u r t am Main 1968, S. 17. 70 Vgl. Sweezy/Huberman, Sozialismus, S. 179. 71 Ebd., S. 179 ff.

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und die antikapitalistischen Revolutionsakte, die in Form von Sozialisierungsdekreten 72 während der darauffolgenden Jahre die Vision eines New Deal Realität werden ließen, in Beziehung zum Aspekt der Massenloyalität. Diese Unterlassung ist im Grunde nur als politische, nicht aber als wissenschaftliche zu verstehen. Denn viele Interpreten nehmen in antisozialistischer Absicht offenbar bewußt in Kauf, daß diese Extrapolation, die überhaupt erst den Umgang mit standardisierten Einwänden und Formalanalogien am Beispiel der vollendeten Revolution ermöglicht, andererseits in zentralen Punkten eine konsistente Darstellung ihrer Genese verhindert. Unter den Formen revolutionären Kampfes ist es nämlich vor allen Dingen die in Übereinstimmung mit Fokus-Theorien entwickelte Guerilla-Aktivität, die sich ihrer Natur nach unbedingt der Interpretationsformel von der Loyalität durch Repression entzieht. Solange die meisten bürgerlichen Kuba-Kritiker keinerlei Chancen wahrnehmen, um dieses Dilemma zu bereinigen, und solange sie wider alle empirische Einsicht auf eine inhaltliche Entzifferung des Loyalitätskriteriums weitgehend verzichten, bleibt nur der Schluß, daß auch in diesem Fall eine Globaldenunziation des kubanischen Sozialismus-Modells ihre erklärte Absicht ist. V Das Totalitarismussyndrom Zu den wichtigsten Medien dieser Denunziation gehört seit jeher die Totalitarismustheorie. Mitte der fünfziger Jahre von liberalen oder konservativen Sozialwissenschaftlern entwickelt und systematisiert 73 , sollte diese Theorie günstigere ideologische Ausgangsbedingungen f ü r einen offensiven Antisozialismus schaffen. Mit Hilfe formaler Analogien und statisch-struktureller Interpretationsansätze, die den Blick auf gesellschaftliche Inhalte ebenso wie auf historische Prozesse verstellen, folgten ihre Urheber — ob eingestanden oder unbewußt — der Intention, die Fronten im Kalten Krieg zugunsten normativer westlich-parlamentarischer und kapitalistischer Wertvorstellungen vorzuverlegen. Angesichts der relativ stabilen bi-polaren Großmachtstruktur, die keine Veränderung des territorialen wie auch gesellschaftspolitischen Status quo zuließ, es sei denn unter der Voraussetzung immenser Risiken, blieb diese Theorie jedoch zunächst noch auf vorwiegend 72 Vgl. Sweezy/Huberman, Cuba: Anatomy of a Revolution, New York 1960, S. 95, sowie Boorstein, a.a.O., vor allem S. 81—83; ferne r Leroi Jones, Ausweg in den Haß, D a r m s t a d t 1966, S. 32. 73 Vgl. H a n n a h Arendt, Elemente un d Ursprünge totaler Herrschaft, F r a n k f u r t a m Main 1955, S. 544ff.; Carl J. Friedrich, Totalitäre Diktatur, Stuttgar t 1957, passim. Zur Phänomenologie des Totalitarismus kürzer un d systematischer ders., Das Wesen totalitärer Herrschaft, in: DER POLITOLOGE, 1966, Nr. 20, S. 43, 47. Ähnlich Raymond Aron, Démocratie et totalitarisme, Paris 1965, S. 287 f.

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deklamatorische Funktionen beschränkt. Ihre erste eigentliche politische Bewährungsprobe als Instrument der Legitimation expansiver kapitalistischer Interessen hatte sie in einem begrenzten Konfliktfall zu bestehen. Als die kubanische Revolution die Frage des in der amerikanischen Gesellschaft naturrechtlich und moralisch geschützten Privateigentums an Produktionsmitteln auf warf 7 4 und gegen konkrete Interesssen des US-Kapitals im Zuge von Sozialisierungsmaßnahmen und Enteignungsakten definitiv beantwortete, entstand in den Vereinigten Staaten das Bedürfnis nach direkter Intervention. Es war jedoch von vornherein klar, daß jede militärische Aktion gegen Kuba — wie unter anderem das Schweinebucht-Unternehmen 75 — einerseits als Kampf der emigrierten kubanischen „Demokraten" drapiert werden mußte und andererseits einer außer-ökonomischen Begründung bedurfte, sollte nicht das freiheitlich-demokratische „Missionsbewußtsein" 76 der Vereinigten Staaten diskreditiert werden. Hinzu kam außerdem noch der Versuch, das interamerikanische Vertragssystem OAS unter entsprechendem ökonomischem und politischem Druck so in einer anti-kubanischen Offensive zu engagieren 77 , daß einzelne subversive Unternehmen, militärische Interventionsversuche und sonstige Boykottmaßnahmen als legitime Akte lateinamerikanischer Selbstverteidigung erscheinen mußten. Als außer-ökonomische Begründung f ü r massive Interventionen konnte jedoch die Transformation der kubanischen Gesellschaft allein kaum herhalten; und genausowenig konnte Kuba als ernst zu nehmende militärische Gefahr das Objekt der lateinamerikanischen Selbstverteidigung ausmachen. Tatsächlich ist weder in der offiziellen Politik — mit Ausnahme der sogenannten Kuba-Krise im Herbst 1962 — noch audi in der Literatur häufig der absurde Versuch unternommen worden, das sozialistische Kuba nicht nur als gefährlichen Infektionsherd zu charakterisieren, sondern darüber hinaus auch zur faktischen Bedrohung der interamerikanischen Sicherheit zu stilisieren 78. Indem sie das Totalitarismustheorem uneingeschränkt und gleichsam uniform auf das kubanische System applizierte, wurde die bürgerliche Wissenschaft den Legitimationsbedürfnissen der amerikani74 Vgl. K r a k a u , a.a.O., S. 27. 75 Zur Geschichte der Schweinebucht-Invasion von 1961 authentisch Schlesinger, a.a.O., S. 194, sowie insbesondere S. 204—270; ausführlich Goldenberg, Revolution, S. 238 ff. ; vgl. auch Breuer, a.a.O., S. 76, sowie Dieter Ahrens, Der karibische R a u m als Interessensphäre der Vereinigten Staaten von Amerika, Stuttgart 1965, S. 100 ff. 76 Umfassend Knud Krakau, Missionsbewußtsein und Völkerrechtsdoktrin in den Vereinigten Staaten von Amerika. F r a n k f u r t am Main 1967. 77 Besonders aufschlußreich in diesem Kontext Schlesinger, a.a.O., S. 160 f. 78 Selbst Meneses, a.a.O., S. 118, Vertreter einer massiven E i n d ä m mungspolitik, sieht sich außerstande, eine von Kuba ausgehende direkte Bedrohung der amerikanischen Sicherheit zu konstatieren. Dazu auch David Horowitz, a.a.O., Bd. 2, S. 173 f.

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sehen Politik gerecht 78 . Denn eine politische Ordnung, die nach den typologischen Kriterien dieses Theorems — wie Einparteienherrschaft, Einheitsideologie, totale Verwaltung und Kontrolle des Individuums etc. 80 — eine tendenzielle Identität mit faschistischen Systemen aufwies, stellte auf internationaler Ebene eine Herausforderung an die freiheitlich-demokratisch verfaßten Gesellschaften dar: alle politischen, völkerrechtlichen und humanitären Bedenken, die sich auf eine direkte Einmischung in innerkubanische Angelegenheiten beziehen konnten, schienen angesichts dieser Provokation obsolet 81 . Anders als beispielsweise im Falle der Sowjetunion — einzelne Phasen des Stalinismus eröffneten ganz andere Applikationsmöglichkeiten — fiel es jedoch den bürgerlichen Wissenschaftlern selbst unter den überaus günstigen denunziatorischen Perspektiven reiner Formalanalogien sichtlich schwer, den Totalitarismusvorwurf gegen Kuba auszuweisen, ihn mit den bekannten empirischen Daten in Einklang zu bringen. So haben die meisten von ihnen in Erkenntnis unüberwindlicher methodischer Hindernisse zum Globalvorwurf Zuflucht genommen: sie kennzeichnen das kubanische System als „totalitär-sozialistischen Staat" 8 2 , als „totalitäre Diktatur" 8 3 , als „marxistische Diktatur", 84 oder einfach als „totalitäres System" 85 . Und die wenigen unter ihnen, die historiographische und soziographische Anstrengungen machen, um die egalisierende Totalitarismuskritik zu stützen, sind vielfach außerstande, andere als bloße Parallelbezüge zwischen beidem herzustellen. Nur so ist zu erklären, daß ihre Darstellung der kubanischen Verhältnisse und der Entwicklung, die zum sozialistischen Kuba führte, ihren eigenen Totalitarismusverdacht, wo nicht völlig, so doch partiell desavouiert. Dies wird an einer ganzen Reihe von Beispielen deut79 Allgemein Goldenberg, Revolution, S. 201 ff.; ders., Lateinamerika, S. 292 ff., 369 ff.; Furtak, Kuba, S. 41 f.; Meneses, a.a.O., S. 100; Viator, a.a.O., S. 317, sowie Krakau, Kubanische Revolution, S. 41. Dieser Zusammenhang zwischen Totalitarismusvorwurf und praktischen Interventionsbedürfnissen wird besonders deutlich bei John N. Plank, The Caribbean: Intervention, when and how, in: FOREIGN ÄFF AIRS, Vol. 44, Nr. 1, Oktober 1965, S. 47. Zwar bekräftigte die OAS-Politik das Prinzip der NichtIntervention; gleichzeitig verdammte sie aber schon im Sommer 1960 alle Formen des Totalitarismus als mit dem interamerikanischen System unvereinbar; vgl. Resolution der VII. Konferenz der OAS-Außenminister in San José, Costa Rica, im Wortlaut (deutsche Übersetzung) in: EUROPAARCHIV, 15. Jg. 1960, S. 751 f. Daß dieser Widerspruch, der gegen die erklärten Interessen der amerikanischen Regierung zustande kam, vgl. u. a. Goldenberg, Lateinamerika — Reform oder Revolution, a.a.O., S. 8, im Zweifelsfall unter Pressionen von Seiten der USA zugunsten der Intervention aufgelöst werden mußte, stand jedoch schon damals fest. 80 Vgl. Anm. 73; kritisch dazu Hofmann, a.a.O., S. 16 f. 81 Vgl. Horowitz, a.a.O., Bd. 2, S. 173 f. 82 Furtak, Kuba, S. 7. 83 Andreski, a.a.O., S. 253, sowie Tannenbaum, a.a.O., S. 163. 84 Schlesinger, a.a.O., S. 198. 85 Viator, a.a.O., S. 317.

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lieh. Der abstrakte Terrorismus-Vorwurf, der notwendig zu den Implikaten der Totalitarismuskritik gehört, korrespondiert kaum je in glaubwürdiger Weise dem, was die bürgerlichen Kuba-Kritiker als polizeistaatliche Maßnahmen des Castro-Regimes 86 spezifizieren. Genauso verhält es sich im Grunde mit dem Syndrom der „Gleichschaltung" 87 (im übrigen ein Terminus, der unmittelbar von der Faschismus- auf die Totalitarismuskritik transponiert wurde und insofern besonders deutlich über deren antisozialistische Kompensationsstruktur Aufschluß gibt), das sie im Fall der kubanischen Revolution diagnostizieren: ganz abgesehen davon, daß auch diese Diagnose im ganzen vage bleibt und allenfalls an der KP-Vorläuferin „Vereinigte Partei der Sozialistischen Revolution" exemplifiziert wird 8 8 , setzt sie — an Kategorien des historischen Prozesses angelehnt — einen partei- und gewerkschaftsorganisatorischen Pluralismus in der vorrevolutionären Zeit voraus 89 . In diesem Kontext statt eines rein formalen auch einen inhaltlichen Pluralismus zu vermuten, hieße jedoch die empirischen Kenntnisse überstrapazieren: statt dessen ist gegen die bürgerliche Kuba-Kritik in polemischer Zuspitzung einzuwenden, daß nicht gleichgeschaltet werden kann, was ohnehin — unter welchen sozio-politischen Vorzeichen auch immer — schon gleichgeschaltet ist. Tatsächlich hat der Vorwurf der Gleichschaltung eine andere als rein deskriptive Funktion. Als pejoratives Synonym f ü r sozialistische Entwicklungsstrategien schlechthin, die gerade im Falle unterentwickelter Länder notwendig auf die gesamte Arbeits-, Bildungsund politische Organisation durchschlagen 90 , soll der Begriff der Gleichschaltung antisozialistische Affekte mobilisieren. Solcherart kann unter Berufung auf abstrakte Freiheitsprinzipien und leere Postulate der Anti-Disziplinierung 91 unabhängig von der Einsicht in objektive Bedürfniskonstellationen jede Form der disziplinierenden und egalisierenden Organisation der pauschalen Diffamierung an86 So v e r m a g beispielsweise K r a k a u , Kubanische Revolution, S. 39, diesen Vorwurf n u r mit dem Gesetz vom 31. 8. 1961 (deutsche Übersetzung in: ARCHIV DER GEGENWART, 1961, S. 9365 A), dessen Existenz von kubanischer Seite mehrfach energisch bestritten wurde, zu illustrieren, das die „gesamte Erziehung der Kinder als alleinige Aufgabe des Staates proklamiert". 87 Mit Bezug auf die Transformatio n der vorrevolutionären politischen und gesellschaftlichen Organisationen u n t e r Castro verwendet Goldenberg, Revolution, S. 193, interessanterweise den deutschen Terminus „Gleichschaltung". Vgl. auch K r a k a u , Kubanische Revolution, S. 41, sowie Furtak, Kuba, S. 29. Die Gleichschaltung der Gewerkschaften konstatiert Goldenberg, Lateinamerika — R e f o r m oder Revolution, a.a.O., S. 10. 88 Vgl. K r a k a u , Kubanische Revolution, S. 39 ff. un d Furtak, Kuba, S. 28 f. 89 So etwa bei Goldenberg, Kubanische Revolution, a.a.O., S. 813. 90 Z. B. eben auch in F o r m von Massenmobilisierung und Militarisierung mancher Bereiche des öffentlichen Lebens; vgl. Grabendorff, a.a.O., S. 49. 91 Kritisch hierzu Sweezy/Huberman, Sozialismus, S. 131.

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heimfallen, solange sie — erstens — nicht konkret mit den bestehenden kapitalistischen Organisationsformen konfrontiert und — zweitens — nicht unmittelbar an ihren emanzipatorischen Ergebnissen gemessen wird. Es veranschaulicht die innere Problematik des westlich-parlamentarischen und marktwirtschaftlichen Freiheitsbegriffs, wenn die Mehrzahl der Autoren im Zusammenhang der Totalitarismustheorie die Tendenz der kubanischen Revolution zu paramilitärischen Formen der Organisation auf manchen Gebieten massiven Zweifeln aussetzen 92 , während sie ihr an völlig anderer Stelle unumwunden attestieren, den kubarischen Massen zur Befriedigung elementarer Lebensbedürfnisse verholfen zu haben 9 3 . Die strukturelle Unzulänglichkeit des Totalitarismusvorwurfs als eines Theorems, das sich nur an Momentaufnahmen historischer Wirklichkeit orientiert, zeigt sich auch darin, daß ihre Urheber das doppelte Problem der kubanischen Revolution völlig ignorieren: zum einen die Schwierigkeit, das Erbe von Kolonialismus und Imperialismus aufzulösen, und zum anderen das Problem, in sozialistischer Praxis eine humane Gesellschaft zu begründen. Nur in der Abstraktion von dieser Ausgangslage und von dieser Zielvorstellung erzielt die Totalitarismuskritik ihren politisch-propagandistischen Effekt. Dafür bietet vor allen Dingen die westliche Kritik des heutigen kubanischen Bildungs- und Erziehungssystems ein typisches Beispiel 94 . Ohne die hohe Analphabetenrate und die groteske Disparität der Bildungschancen während der vorrevolutionären Zeit 95 sowie das enorme technologische Defizit zu berücksichtigen 98 , das dazu in enger sachlicher Beziehung steht, gibt diese Kritik einzelne — im übrigen auch von marxistischen Kuba-Kennern selten bestrittene — Momente von Disziplinierung und Reglementierung in diesem Bereich ohne weiteres als totalitärstaatliche Maßnahmen zur Monopolisierung des gesamten Bildungssektors aus 97 . Was erklärtermaßen ein transitorisches Zugeständnis an die Modalitäten einer möglichst raschen Überwindung der vorgefundenen Unwissenheit und zivilisatorisch-technischen Rückständigkeit darstellt, wird somit im Rahmen der angewandten Totalitarismustheorie leichthin zu einer spezifischen Erscheinungsform des Sozialismus uminterpretiert 9 8 . Nichts klärt im Grunde besser darüber auf, daß es sich bei dieser Theorie 92 So etwa Viator, a.a.O., S. 313. 93 Vgl. Viator, a.a.O., S. 318; ähnlich Goldenberg, Revolution, S. 289. 94 Vgl. F u r t a k, Kuba, S. 40 f. 95 Ausführlich Seers, a.a.O., S. 164 ff. 96 Vgl. Sweezy/Huberman, Sozialismus, S. 160. 97 So geht u. a. Furtak, Kuba, S. 40, davon aus, daß in der expansiven kubanischen Bildungspolitik und -Ökonomie „totalitärstaatliche Bestreb u n g e n zur Monopolisierung des geistigen Lebens un d damit auch des Bildungs- un d Erziehungswesens durch den Staat" dominierten. 98 Allgemeiner zur Interpretation des Totalitarismus als notwendiger Folgeerscheinung der Revolution schlechthin u. a. Goldenberg, Kubanische Revolution, a.a.O., S. 813.

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nur um das Surrogat eines kompakten Antisozialismus handelt, als der Versuch, ein Bildungssystem wegen einzelner Elemente der Disziplinierung dem Vorwurf der Unmenschlichkeit auszusetzen", das tatsächlich zum erstenmal in der kubanischen Geschichte allgemeine Bildungschancen eröffnet 10°. Es leuchtet ohne weiteres ein, daß diese antisozialistische Tendenz der Totalitarismustheorie noch deutlicher in jenem Teil der KubaKritik zum Tragen kommt, der sich mit der Wirtschafts- und Arbeitsorganisation befaßt. Die Kritik der besonderen Formen der Mobilisierung menschlicher Arbeitskraft, die einen großen Teil der bürgerlichen Kuba-Analyse genauso konstituiert wie eine prinzipielle Kritik des Planungssystems 101 , gehören gleichermaßen zu den Derivaten kapitalistischer Apologetik: denn beide Kritiken sollen ungeachtet entwicklungsgeschichtlicher Differenzierungsgebote den Anschein erwecken, als lägen bürokratische — totalitarismusverdächtige — Herrschaft in der Wirtschaftsverfassung und totale Verplanung und Verwaltung in der Arbeitsorganisation ebenso in der Natur des Sozialismus wie freier Markt und private Initiative in der Natur des Kapitalismus. Ohne auch nur fragmentarisch einen Begriff der besonderen Probleme einer Gesellschaft des Übergangs von neokolonialer Unterentwicklung zu allgemeiner Bedarfsdeckung zu entwickeln, zeigen sich die meisten westlichen Kuba-Kritiker bemüht, die Destruktion des Marktes als eines subtilen und komplizierten Mechanismus gesamtwirtschaftlicher Koordination, wie sie den sozialistischen Entwicklungsstrategien der kubanischen Revolution entsprach, als Verlust der individuellen ökonomischen Freiheit schlechthin zu charakterisieren. In ideologischer Fixierung und in bewußter politischer Absicht leugnen sie dabei den Zwang zu praktischer KapitalismusKritik, dem die kubanische Revolution von Anfang an ausgesetzt war, wollte sie nicht die Chancen f ü r ökonomische Entwicklung und politische Emanzipation verspielen 102 . Gerade angesichts der ungeheuren Diskrepanz zwischen einer grotesken Unterausnutzung der materiellen Ressourcen und einem immensen unausgeschöpften Arbeitskräftereservoir 103 hatte sie einen der zentralen Widersprüche des 99 Vgl. Viator, a.a.O., S. 320. 100 Vgl. Sweezy/Huberman, Sozialismus, u. a. S. 39, Seers, a.a.O., S. 280, sowie Beyhaut, a.a.O., S. 306. 101 Kritik an der „Politisierung u n d Militarisierung des Wirtschaftslebens" übt u. a. Robert F. Lamberg, Fidel Castros Dilemma, in: E U ROPA-ARCHIV, 20. Jg. 1965, S. 177. Differenzierter, auf die Entwicklungssituation eingehend, Beyhaut, a.a.O., S. 307. 102 Vgl. Sweezy/Huberman, Sozialismus, S. 131. 103 Noch heute beträgt die Unternutzung der verwendungsfähigen Kapazität landwirtschaftlicher A r b e i t s k r ä f t e laut Sweezy/Huberman, Sozialismus, S. 125, r u n d 50 Prozent. Angesichts der Probleme u n t e r e n t wickelter Lände r wie Viator, a.a.O., S. 313, totale Freiwilligkeit der Arbeit zu postulieren, e n t b e h r t nicht eines gewissen Zynismus, zumal dann nicht, wenn gleichzeitig die Reglementierung der Arbeit in kapitalistischen Gesellschaften ignoriert wird.

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Kapitalismus zu lösen, der sich in diesem Mißverhältnis manifestierte: die Antinomien zwischen einem streng rationalen Verhalten der Individuen innerhalb der marktwirtschaftlichen Ordnung und seinen völlig irrationalen Konsequenzen f ü r die Gesamtgesellschaft andererseits 104 . Daß die Fidelisten zunächst in Erkenntnis dieses Problems ein relativ starres Plansystem nach sowjetischem Muster mit allen seinen ökonomischen wie auch politischen Insuffizienzen einführten 1 0 5 und daß sie gleichzeitig die Arbeitsorganisation disziplinierten, weil sie in der besonderen Situation Kubas die Mobilisierung menschlicher f ü r das Kriterium der Mobilisierung wirtschaftlicher Ressourcen überhaupt halten mußten, ist auch in der marxistischen KubaAnalyse unbestritten. Beide Fakten — wie in der bürgerlichen KubaKritik allgemein üblich — als eindrucksvolle Indizien eines ausgeprägten Totalitarismussyndroms zu bewerten, heißt jedoch ihre inhaltliche Struktur und den historischen Kontext auf die eigenen politischen Intentionen hin einzuschnüren. Ist schon die Applikation der Totalitarismustheorie auf wirtschaftliche Planung suspekt, so muß ihre Anwendung im Falle der kubanischen Wirtschaftsorganisation um so größeres Mißtrauen erwecken: beruht sie doch auch auf der völligen Unkenntnis der wirtschaftspolitischen Diskussion unter den Fidelisten, die in der — vor allen Dingen landwirtschaftlichen — Operationspraxis zu einer Koexistenz von anarchischer Dezentralisierung und mechanischer, autoritärer Zentralisation führte l o a . Ähnliches gilt auch f ü r den Versuch, totalitäre Züge des kubanischen Sozialismus in der Semi-Militarisierung der Arbeit zu entdecken. Dieser Vorwurf muß um so dubioser wirken, als er implizit die Lösung der Übergangsprobleme einer sozialistischen Gesellschaft mit kapitalistischen Mitteln postuliert. Denn nur materielle Anreize, die zur Stabilisierung von Ungleichheit und zur Regeneration kapitalistischen Bewußtseins beitragen, anstelle von moralischen Appellen und disziplinierenden Eingriffen 107 , können auf der Motivationsebene helfen, ungelöste Fragen der Arbeitsorganisation zu bereini104 Vgl. Sweezy/Huberman, Sozialismus, S. 135. 105 Vgl. Boorstein, a.a.O., S. 135 ff., insbesondere S. 151 ff. 106 Vgl. J. Joshua, Organisation et rapports de production dans une économie d e transition (Cuba), Paris 1968, S. 64 ff. 107 Allgemein zur F r a g e der materiellen oder moralischen Anreize und speziell zur Diskussion dieses Problems zwischen den Angehörigen der ehemaligen kubanischen K P u n d den „neuen Kommunisten" ausführlich Carmelo Mesa-Lago, The Labor Sector and Socialist Distribution in Cuba, New York 1968, S. 118 ff.; dazu auch Sweezy/Huberman, Sozialismus, S. 124 ff., 144 f. Ernesto Ché Guevara, Über das Budget-FinanzierungsSystem, in: PROBLEME SOZIALISTISCHER POLITIK, Bd. 15, F r a n k f u r t a m Main 1969, S. 58, der in dieser Diskussion zur Gruppe der „Maoisten" gehörte, bestritt zwar nicht die objektive Notwendigkeit des materiellen Anreizes, lehnte „seine A n w e n d u n g als grundlegenden Antriebshebel" jedoch kategorisch ab.

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gen. Bewerten die bürgerlichen Kuba-Kritiker einzelne Elemente von Disziplinierung und bürokratischer Herrschaft, die zweifelsohne in der kubanischen Revolution zu finden sind, kurzgeschlossen als Symptome ihrer totalitären Struktur, so zeigen sie im allgemeinen auch die Tendenz, das Faktum der Emigration uneingeschränkt als Folge des fidelistischen Totalitarismus auszugeben 108 . Der Erfolg dieses Unternehmens ist um so ungewisser, als er vom Nachweis eines Massenexodus abhängt, an dem auch die vormals Unterprivilegierten, die Angehörigen der Arbeiterklasse, prozentual stärker beteiligt sind als bourgeoise Gruppen 109 . Bei den meisten Autoren kollidiert dieser Versuch eines Totalitarismusbeweises besonders augenfällig mit der gleichzeitig vertretenen These von der Massenloyalität gegenüber der Castro-Regierung. Und viel weniger läßt er sich dann noch mit vergleichsweise banalen Daten in Einklang bringen: alle Autoren, die in ihrer Kuba-Analyse von einem extrem niedrigen Einkommens- und Vermögensniveau bei den unteren Bevölkerungsschichten und gleichzeitig von einer restriktiven Auswanderungspolitik der Regierung ausgehen, einer Politik, welche die Emigrationswilligen mit erheblichen finanziellen Forderungen konfrontiert 110 , tragen zu nichts anderem als zur antisozialistischen Legendenbildung bei, wenn sie trotzdem im nordamerikanischen Exil mehr kubanische Arbeiter und Angestellte als Angehörige der Mittelklassen und der Geldaristokratie vermuten. Ähnlich abstrus und widerspruchsvoll ist auch der Versuch, die Totalitarismuskritik am kubanischen Verteidigungssystem und dabei insbesondere an der Milizorganisation zu exemplifizieren 111 . Ganz abgesehen davon, daß die Militarisierung in Kuba allen Hintergrundinformationen zufolge bis heute keinen Grad erreicht hat, der sich mit den formalen Kriterien der bürgerlichen Totalitarismustheorie auch nur annähernd deckt 112 , ist dieser Versuch auch inhaltlich nur so lange zu legitimieren, wie man die historische Rolle Kubas als eines Objekts politischer und ökonomischer Interessen der Vereinigten Staaten auf wissenschaftlich-theoretischem Niveau perpetuiert. Anders ist es nicht zu verstehen, daß viele Kuba-Kritiker unverhohlen oder indirekt f ü r ein militärisches Komplement der amerikanischen containment-Politik votieren 113 , während sie gleichzeitig die Bemühungen der kubanischen Regierung, mit allen ihr zu Gebote 108 So Meneses, a.a.O., S. 101; Viator, a.a.O., S. 314. 109 Diesen Versuch u n t e r n i m m t Goldenberg, Revolution, S. 209; er b e r u f t sich dabei auf eine Statistik des International Rescue Committee, derzufolge sich Ende 1960 das Gros der Emigranten aus Angehörigen der „unteren Klassen" r e k r u t i e r t e : 3 1 % Arbeiter und 3 0 % Angestellte aller Art. 110 Vgl. Ebd. 111 Vgl. Ebd., S. 208 f., sowie Furtak, Kuba, S. 42. 112 Implizit Beyhaut, a.a.O., S. 307. 113 Vgl. Anm. 79; besonders drastisch Matthews, a.a.O., S. 276.

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stehenden Mitteln — und dazu gehört angesichts niedriger waffentechnologischer Standards die milizartige militärische Formierung — eine zweite Invasion nach Art des Schweinebucht-Unternehmens vom Frühjahr 1961 zu verhindern, in den Katalog totalitärstaatlicher Repressionstechniken aufnehmen. Unzweideutiger als in jedem anderen Anwendungsfall gibt die Applikation der Totalitarismustheorie auf das kubanische Verteidigungssystem Aufschluß über die Zweck-Mittel-Relation, in der diese Theorie politisch steht. Indem sie unterschiedliche soziale Inhalte und historische Prozesse verdunkelt oder völlig ignoriert, verkümmert sie zur legitimatorischen Prophylaxe f ü r eine aggressive Politik. VI Das Knappheits-Kriterium Während die gesamte nicht-marxistische westliche Kuba-Literatur in der Frage der Totalitarismuskritik ein großes Maß an hom*ogenität aufweist, ' fällt sie in der Frage einer Einschätzung der versorgungsspezifischen Revolutionsergebnisse in zwei Teile auseinander: in einen — äußerlich wenigstens seriöseren wissenschaftlichen — Teil, der immerhin das Ende der physisch bedrohlichen Unterversorgung breiter kubanischer Bevölkerungsschichten registriert und anerkennt 11 4 , und in einen — vergleichsweise vulgär-propagandistischen oder tagespolitisch-feuilletonistischen — Teil, der von diesem Faktum keinerlei Notiz nimmt und statt dessen das Kriterium einer allgemeinen Knappheit als Symptom der Grundübel des Sozialismus schlechthin interpretiert 1 1 6 . Es gehört zu den unbestreitbaren und tatsächlich auch nur selten geleugneten Merkmalen der wirtschaftlichen Entwicklung Kubas, daß sich angesichts garantierter Mindesteinkommen, die im übrigen weit über dem südamerikanischen Standard liegen, eine große Diskrepanz zwischen monetärer Nachfrage und Warenangebot — insbesondere auf dem Luxusgütersektor — aufgetan hat 1 1 6 und daß die Versorgung darüber hinaus ein relativ starkes quantitatives wie qualitatives Gefälle vom Land zur Hauptstadt hin aufweist. Wirtschaftsgeschichtlich und -geographisch veranlagte Disproportionen, gravierende außenwirtschaftliche Probleme und Nachholbedürfnisse 114 So Goldenberg, Revolution, S. 289, ders., Kubanische Revolution, a.a.O., S. 814, Andreski, a.a.O., S. 253. 115 U. a. Meneses, a.a.O., S. 168. 116 Vgl. Sweezy/Huberman, Sozialismus, S. 93 ff.; eine weitere Ursache f ü r das große „Volumen an ,freier' K a u f k r a f t , die hinter dem begrenzten Warenangebo t her ist", wird in der bürgerlichen K u b a - L i t e r a t u r (mit Ausn a h m e u. a. von F u r t a k, Kuba, S. 31) gerne verschwiegen: die extrem niedrigen Durchschnittsmieten, kostenlose Bildung, Gesundheitsfürsorge u n d a n d e re Dienstleistungen sowie die niedrigen Preise der rationierten Güter.

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auf technologischem Gebiet erklären diese Mangelerscheinungen ebenso sicher und exakt wie planwirtschaftliche Fehlleistungen. Wenn manche Kuba-Kritiker trotzdem — das heißt auch ohne Berücksichtigung der vorrevolutionären kubanischen und der heutigen gesamtlateinamerikanischen Situation — den Eindruck zu erwecken versuchen, als sei das Kriterium der Knappheit dem Ausmaß und auch der Struktur nach ein Novum und als sei es auf der anderen Seite nur f ü r Kuba, nicht aber auch f ü r den größten Teil des amerikanischen Subkontinents zu verzeichnen, dann gelingt ihnen dies nur im unfreiwilligen Rekurs auf zweifelhafte Mythologeme und offene Zynismen. Denn die in Kuba herrschende Knappheit unterscheidet sich von derjenigen, die zum Bild des Lebens in anderen südamerikanischen Ländern gehört, in doppelter Hinsicht: sie hält sich weit unterhalb der existentiell bedrohlichen Grenze der Unterversorgung, und sie betrifft im übrigen allgemein 117 . Während in weiten Teilen Lateinamerikas die Gruppe der „Marginales", die überwiegend außerhalb jeder Geld Wirtschaft lebt und an der Distribution nur verschwindend geringen Anteil hat, unterhalb des Existenzminimums vegetiert 118 , hat die Versorgung in Kuba mittlerweile einen Stand erreicht, der f ü r die Gesamtbevölkerung mit einer Garantie elementarer Bedürfnisbefriedigung identisch ist 119 . Und während die Mittelschichten in anderen südamerikanischen Ländern relativ komfortabel leben und die Oligarchien einen unerhörten Luxus genießen, so daß der Eindruck entsteht, als sei die Partizipation am Warenund Konsumangebot prinzipiell gewährleistet, sind in Kuba alle Schichten der relativen Knappheit unterworfen, die aus eben diesem Grund im übrigen einschneidender wirkt, als sie es in Wirklichkeit ist 12°. Mit dem Zynismus bürgerlicher Kuba-Kritik, der in vielen Fällen augenscheinlich auf der stillschweigenden Hinnahme von Verelendung und Hunger in Lateinamerika oder auf ihrer Parallelisierung mit einzelnen Versorgungslücken in Kuba beruht, verbindet sich jedoch auch ein ästhetischer Zug, der beitragen soll, antisozialistische Ressentiments zu verhärten. Vielfach sind es die gleichen Autoren, die nicht umhin können, vom Wirtschaftsaufschwung Kubas auf vielen lebenswichtigen Gebieten Notiz zu nehmen, und die auf der anderen Seite die tatsächlichen Engpässe in der Konsumgüterversorgung zu freiheitsbedrohenden Regressionserscheinungen stilisieren. Da sie nicht so frei über das vorhandene empirische Material disponieren können, als daß sich der Eindruck physisch existenzgefährdender Pressionen auf117 Vgl. ebd., S. 94. 118 Vgl. Grabendorff, a.a.O., S. 19 ff., der u. a. die Zahl der hungernden Südamerikaner mit rund 120 Millionen (d. h. 43 °/o der Gesamtbevölkerung) angibt. Dort auch A n m e r k u n g en zum P h ä n o m e n der Marginalität. 119 Vgl. ebd., S. 49. 120 Vgl. Sweezy/Huberman, Sozialismus, S. 94.

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rechterhalten ließe, denen die Majorität der kubanischen Bevölkerung angeblich unterliegt, konzentrieren sie sich auf die Darstellung jener Ergebnisse der gesellschaftlichen Transformation, die im Blick auf die davon betroffenen Massen allenfalls den Charakter von Epiphänomenen haben. So beklagen sie im direkten Anschluß an die fragwürdigen agitatorischen Praktiken der antisozialistischen Kuba-Publizistik vor allen Dingen den Mangel an Luxusgütern und die Rationierung des Vergnügens 121 in der „einst so fröhlichen Hauptstadt". Indem sie ein Lamento über die restriktive Politik der kubanischen Regierung gegenüber dem Unterhaltungssektor anstimmen und das Bild eines grauen Alltagslebens auf der Insel zeichnen 122 , das die puritanischen Elemente der Revolution widerspiegelt, glauben sie im Vertrauen auf die gängigen, ästhetizistisch eingehüllten Mechanismen der Immunisierung gegen gesellschaftliche Veränderungen schlechthin, wirksame Einwände gegen den kubanischen Sozialismus gefunden zu haben. Dabei übersehen sie im allgemeinen jedoch völlig, daß sie an dieser Stelle den irrationalen Kern ihres Antisozialismus oder den reaktionären Inhalt ihrer Kuba-Kritik deutlicher als in anderem Zusammenhang freilegen, so marginal ihr Interpretationsobjekt in diesem Fall auch sein mag. Denn mit der Klage über das Defizit an luxuriöser Konsumtion und Entfaltung, das faktisch nur die ehedem verschwindend dünne Oberschicht tangiert, plädieren sie offen oder ungewollt f ü r die Rekonstruktion der früheren Verhältnisse, für die Rückkehr aller ihrer Begleiterscheinungen wie Prostitution und Korruption 1 2 3 . Selbst wenn sie über die soziale Herkunft und politische Funktion des früheren Reise- und Vergnügungspubliku*ms keine Auskunft geben, dessen Ausbleiben als Devisenbringer und Faktor der szenischen Vitalisierung und Farbigkeit sie beklagen, wird doch ohne weiteres klar, daß sie in diesem Kontext der Kuba-Kritik genau wie in jedem anderen die Restitution der imperialistischen Beziehung meinen. War doch auch die touristische Überschwemmung Kubas während der vorrevolutionären Zeit mit Angehörigen der amerikanischen Geldaristokratie — alle psychologischen Auswirkungen eingeschlossen 124 — nur eine besonders drastische Manifestation des damaligen Abhängigkeitsverhältnisses. Die Gesamtstruktur der bürgerlich-wissenschaftlichen Thematisierung des kubanischen Sozialismus, die sonst mitunter hinter argumentativen Subtilitäten verborgen bleibt, wird somit vollends durch121 Vgl. Viator, a.a.O., S. 313, sowie Meneses, a.a.O., S. 167 ff., 227, der u. a. den Mangel an Soda-Wasser beklagt. 122 So Meneses, a.a.O., S. 165, 169, sowie René Dumont, Cuba, est-il socialiste?, P a r i s 1970, S. 82 f. 123 Vgl. allgemein Furtak, Kuba, S. 17, desgleichen u. a. Beyhaut, a.a.O., S. 299. 124 Vgl. Andreski, a.a.O., S. 248.

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schaubar: nicht primär die reformistischen Pläne, die eine systembedrohende Revolutionierung der süd- und mittelamerikanischen Verhältnisse verhindern sollen, sondern die Wiederherstellung der ehemaligen politischen Herrschafts- und ökonomischen Ausbeutungspositionen und damit verbunden die ideologischen Bedürfnisse eines kompakten Antisozialismus bestimmen als Projektionen der politischen Langzeitstrategie die Richtung der Kuba-Kritik in der bürgerlichen Geschichts- und Sozialwissenschaft der Vereinigten Staaten und der Bundesrepublik.

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Die Darstellung der Orientpolitik der Kolonialmächte in der bürgerlichen Geschichtswissenschaft Die bürgerliche Geschichtswissenschaft pflegt die Kolonialgeschichte als eine chronologische Aufeinanderfolge von diplomatischen Ereignissen in den europäischen Metropolen darzustellen sowie als Geschichte von Personen, die in der Kolonialverwaltung einander ablösten. So reduziert sich beispielsweise f ü r manche Historiker die Geschichte Ägyptens unter der britischen Kolonialherrschaft auf eine Biographie von Lord Cromer. Die Kolonialvölker bleiben in solchen Abhandlungen stets Objekte der Kolonialgeschichte; sie werden nicht als selbständig Handelnde dargestellt, oder wenn, dann werden ihre Aktionen aus europäischen Einflüssen abgeleitet. Selbst die Geschichte der Dekolonisation wird in der bürgerlichen Geschichtswissenschaft als eine Geschichte der „Diskussion über die Verwaltung und Zukunft der Kolonien" ausgegeben: so der Untertitel des deutschsprachigen Standardwerks über Dekolonisation von R. v. Albertini l . Nur wenige, kritische, von der Historikerzunft nicht anerkannte Wissenschaftler interpretieren die Kolonialgeschichte als Transformationsprozeß, in dem die Kolonien zu Ausbeutungsquellen wurden, und die Dekolonisation als Werdegang von Emanzipationsbewegungen. 1 Rudolf v. Albertini, Dekolonisation, Köln-Opladen 1966, erschienen als Bd. 1 der Reihe „Beiträge zur Kolonial- und Uberseegeschichte", in der seither beim Westdeutschen Verlag Dissertationen von Schülern Albertinis erschienen, bis die Reihe ab Bd. 6 1970 vom Atlantis-Verlag Zürich ü b e r n o m m en wurde. Ein Bericht ü b e r diese Reihe ist in Vorbereitung. — Zu den wenigen aufgeschlossenen westdeutschen Historikern, die gegen die deutsch-nationale Geschichtswissenschaft un d ihren bornierten Provinzialismus vorgehen, gehört E. Geiss. Cf. seine Attacke gegen diese „Wissenschaft": E. Geiss, „Die Schwarz-Weiß-Rote Zunft", in: Diskus, H. 3, 1971, pp. 14—15. Hierin plädiert er sowohl f ü r die Uberwindung des deutsch-nationalen Provinzialismus als auch f ü r die Übernahme sozialwissenschaftlicher Methoden in eine kritisch zu begründende Geschichtswissenschaft. Leider hat Geiss in seiner im Text e r w ä h n t e n Habilitationsschrift über den P a n a f r i k a n i s m u s n u r die erste Forderung eingelöst. Wahrscheinlich liegt dies daran, daß eine sozialwissenschaftliche konzipierte historische Habilarbeit über A f r i ka G e f a h r gelaufen wäre, abgelehnt zu werden, was Geiss verständlicherweise nicht riskieren wollte. Es ist zu hoffen, daß e r in künftigen Arbeiten seine beiden Postulate einlöst.

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Für die deutsche l a Geschichtswissenschaft kann man noch nicht einmal das oben Gesagte gelten lassen, da sie die Kolonial- und Dekolonisationsgeschichte schlicht ignoriert. Für die deutsche Historikerzunft scheint nur eine Geschichte zu existieren: die Deutschlands. Vereinzelten „aufgeschlossenen" deutschen Historikern gelang es immerhin, diese Borniertheit zu durchbrechen, indem sie die europäischen Nachbarländer „wissenschaftlich" zur Kenntnis nahmen, ohne dabei ihr Ansehen in der Zunft einzubüßen. Die außereuropäische Welt wird dagegen nach wie vor nicht als Objekt wissenschaftlicher Untersuchungen anerkannt. Über ihre Geschichte Studien anzufertigen, ist nach Ansicht der hiesigen zünftigen Historiker ein „exotisches Hobby", nicht aber eine wissenschaftliche A r b e i t l b . Das gilt gleichermaßen f ü r die schon zitierte Arbeit Albertinis sowie die Dissertationen seiner Schüler neben wenigen anderen historischen Arbeiten wie etwa Geiss' Habilitationsschrift über Panafrikanismus (Frankfurt/M. 1968) und die beachtliche Dissertation von H. Bley: Kolonialherrschaft und Sozialstrukturen in Südwest afrika (Hamburg 1968; cf. Das Argument Nr. 59, 12. Jg. 1970, pp. 590 ff.), die in der Historikerzunft kein Ansehen genießen. Die administrativ geförderte Entwicklungsländerforschung in der BRD, aus der in den vergangenen zwei Jahren eine Bücherflut hervorging, konnte sich trotz materieller Anreize unter der Historikerzunft nicht durchsetzen; die Beiträge kamen vorwiegend aus der bürgerlichen Sozial Wissenschaft. Über das spezielle Thema dieses Berichtes liegen keine Beiträge von bürgerlichen deutschen Historikern v o r l c , weshalb wir uns auf 1 a Bei meiner Kritik der Geschichtswissenschaft der BRD schreibe ich immer „deutsch" statt „westdeutsch", weil die in der BRD etablierte Geschichtswissenschaft nicht 1945 geboren wurde, sondern in der Tradition der deutsch-nationalen Historiker-Zunft steht, deren Organ, die HZ, schon ü b e r zweihundert J a h r g ä n g e hat. 1 b Dies gilt freilich nicht f ü r die Geschichtswissenschaft der DDR, aus der wichtige Beiträge zur Erforschung der Kolonialgeschichte, besonders der deutschen, hervorgegangen sind. Zu nennen sind z. B. die Arbeiten von M a n f r e d Nußbaum, Vom Kolonialenthusiasmus zur Kolonialpolitik der Monopole, Berlin 1962; Heinrich Loth, Die christliche Mission in Südwestafrika, Berlin 1963, u. v. a. Besonders erwähnenswert sind die zahlreichen Arbeiten Lothar R a t h m a n n s über die Orientpolitik der Kolonialmächte, insbesondere Deutschlands. Gewiß sind auch diese Arbeiten nicht unkritisch zu rezipieren, jedoch findet die Kritik auf einer anderen Ebene statt. 1 c Inzwischen liegt eine deutschsprachige Arbeit zur Thematik unseres Literaturberichtes vor, auf die wir leider zu spät a u f m e r k s a m wurden, so daß sie hier nicht m e h r berücksichtigt werden konnte: Cf. Werner Zürrer, Die Nahostpolitik Frankreichs und Rußlands 1891—1898, Verlag O. Harrassowitz, Wiesbaden 1970. Nach einer ersten Sichtung scheint es so, daß sich die im vorliegenden Bericht formulierte Kritik auch auf diese Arbeit übertragen läßt. Grundsätzlich zur deutschsprachigen Orient-Liter a t u r cf. B. Tibi, „Das Orient-Bild der deutschsprachigen Publizistik", in: Neue Politische Literatur, Bd. 16 (1971), H. 4, pp. 547—564.

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Arbeiten aus der angelsächsischen Forschung über den arabischen Orient beschränken, um exemplarisch zu zeigen, auf welcher Ebene und mit welchen Begriffen gemeinhin Kolonialgeschichte betrieben wird. I Das einleitend in groben Zügen skizzierte methodische Verfahren bürgerlicher Kolonial-Historiker läßt sich an den Beiträgen der bürgerlichen Geschichtswissenschaft zur Kolonialpolitik der Großmächte im Orient illustrieren. Ann Williams2 räumt z.B. in ihrer Gesamtdarstellung ein, daß der Begriff Middle East „a sphere of Western political influence rather than a precise geographical or ethnic area" (1) beinhalte; sie bevorzugt es dennoch, diesen üblichen Rahmen für ihre Arbeit zu übernehmen. Die Orient-Politik der Großmächte wird schlicht auf die Formel gebracht: „Russia hoped for an outlet to the warm waters of the Mediterranean and could push forward her claim as the champion of Orthodox Christianity in the Levant. Britain and France were anxious not to allow this because of the balance of power in Europe and because of their own growing interests in the Mediterranean." (3) Die Etappen der Kolonisierung des Orients werden in verschleiernder Art behandelt: So beginnt die britische Kolonialherrschaft in Ägypten nach Williams erst mit der Okkupation 1882, was auf einen sehr verkürzten Kolonisationsbegriff hindeutet. Die einzelnen Etappen der kolonialen Infiltration in Ägypten seit der Schwächung des von Muhammad 'Ali gegründeten modernen, expansiven ägyptischen Staates und der Zerschlagung seiner Industrialisierungsversuche sind f ü r Williams keine Kolonialpolitik: „In 1869 the Canal opened, and seven years later Britain and France had to assume Dual Control to ensure the working of the Canal and to support Egypt's collapsing economy. Neither power was anxious for colonial control." (4) Da der Orient in seiner Geschichte einen Entwicklungsstand erreicht hat, der es selbst denjenigen, die in europazentrischen Kulturund Zivilisationsbegriffen denken, verbietet, von „unzivilisierten Völkern" zu reden, wurde — neben anderen Gründen — ein abgestuftes System der Kolonialherrschaft in der Kolonialideologie entwickelt, demzufolge es Kolonien, Protektorate und Mandate gibt. Den Ländern des Orient wurde das Mandatssystem aufgepfropft 3 . Nach der offiziellen französischen Kolonialideologie ist das Mandat „a provisional system designed to enable populations which, politically speaking, are still minors to educate themselves so as to arrive one day at full self-government" (31). 2 Williams A n n : Britain and F r a n c e in th e Middle East and North Africa 1914—1967. Verlag Macmillan, London, un d St. Martin's Press, N e w York 1968 (194 S., Pb., 75 p net). 3 Zur Beleuchtung des juristischen Mandatsbegriffs in seiner A n w e n d u n g auf den Orient cf. die jedoch etwas ältere Arbeit von Heinrich Kaesewieter, Syrien und Libanon als A - M a n d a te (Diss, iur., Frankfurt/M. 1934), D a r m s t a d t 1935.

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Für Williams ist diese Legitimation keine zu dechiffrierende Ideologie, im Gegenteil: sie räumt ein, daß „the first task of the Mandatory was to impose law and order" (ibid.), und würdigt die kolonialen Leistungen so: „Both the French and the British did much to improve social conditions in their territories." (36) Den Tatbestand, daß die britische Kolonialherrschaft im Orient im Bewußtsein der dortigen Bevölkerung bis heute mit den schlechtesten Erinnerungen behaftet ist — trotz der von Williams gewürdigten angeblichen Leistungen —, reduziert die Autorin auf die britische Palästina-Politik: sie habe den britischen guten Ruf im Orient zerstört (cf. 44). Dieser „gute Ruf" beruhe aber nicht nur auf den britischen Leistungen, sondern auch auf der noblen Politik der britischen Kolonialgouverneure: Sie waren nämlich „deeply interested in the people they governed, and steeped in knowledge of their languages and culture" (54). Darüber hinaus hätten „gentlemanly relationships" zwischen ihnen und jener arabischen Herrscher-Generation bestanden, „who had more in common with the British than with the majority of their own people" (ibid.). Diese „guten" Beziehungen seien erst durch die spätere antikolonialistische Generation zerstört worden, zumal diese Generation „the benefits of security and good administration" (55), die England angeblich schaffte, „vergessen" habe. Die Teile des Buches über die französische Kolonialherrschaft enthalten ähnliche pseudowissenschaftliche Aussagen. So wird der französischen Kolonialideologie von der mission civilisatrice Glauben geschenkt. Und glatt behauptet Williams: „French capital had developed the economy of North Afrika, and changed the appearance of the towns and the countryside. It is impossible to say at this date if it would have been better to leave the area poor and underdeveloped as it had been before the French arrived." (72) Daß diese Behauptung die Realität völlig verkehrt, bezeugt alleine schon der Tatbestand, daß die französischen Kolonialherren in Algerien z. B. bei ihrem Abzug eine überwiegend analphabetische Bevölkerung hinterließen. Als sie das Land besetzten, existierten noch die QuranSchulen 4 , dank derer die große Mehrheit der algerischen Bevölkerung schreiben und lesen konnte. Die Zerstörung dieses algerischen Bildungssystems leitete einen Analphabetisierungsprozeß ein und war ein Moment in der Destruktion der autochthonen, keineswegs immer rückständigen Institutionen. Williams' Buch endet mit einer Elegie über den Untergang der Kolonialherrschaft. England, dem sich die Autorin „national" verbunden fühlt, wurde zwar durch den Zweiten Weltkrieg geschwächt, aber es sei ihm nicht möglich gewesen, „to break away from traditional and newly assumed responsibilities (sic!) in the Middle East", so daß der britische Abzug z. B. aus Ägypten (Verstaatlichung des Suez-Kanals) und aus Aden (durch den Sieg des revolutionären be4 Cf. hierzu W e r n e r Plum, Algerische Dichtung der Gegenwart, N ü r n berg 1959.

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waffneten Kampfes) „was only achieved with humiliation. It was easy for the Arab world to make political capital out of the British position." (152) II Auf Williams' historiographische Monographie trifft zu, was Kimche5 einleitend zu seinem Buch feststellt: „Die Geschichtsschreibung über den Nahen Osten war und ist in mehrfacher Hinsicht verzerrt. Während der letzten fünfzig Jahre basierten buchstäblich alle Untersuchungen über das Gebiet auf der zentralen Stellung Großbritanniens. Selbst in den Werken derer, die sich mehr mit den Folgen der Teilung des Osmanischen Reichs oder mit den Wirkungen des aufkommenden arabischen Nationalismus und des westlichen Imperialismus befaßten, wurde die alles durchdringende Präsenz des britischen Einflusses deutlich." (9) Ironischerweise kann man auch Kimches Buch mit diesen seinen eigenen Worten kennzeichnen, insbesondere mit seiner ersten Bemerkung. Der ursprüngliche Buchtitel der englischen Originalausgabe lautet: „The Second Arab Awakening", mit dem der Autor zugegebenermaßen auf die bis heute noch nützliche klassische Quelle des arabischen Historikers George Antonius 6 anspielt, obwohl Kimches Buch mit dem ersten arabischen Erwachen bzw. dem „Second Arab Awakening", was immer man auch darunter verstehen mag, nichts zu tun hat, wie bereits andere Rezensenten anmerkten 7 . Der Autor, ein britischer Zionist, wurde durch seine Kritik an der israelischen Wirtschaftspolitik nach dem Sechs-Tage-Krieg und seine damit zusammenhängende Enthebung seiner Funktionen durch die israelische Regierung bekannt, aber auch durch sein Renomée als Herausgeber des Jewish Observer und Middle East Review 8 . Sieht man von dem Renomée des Autors ab, so hat das vorliegende historische Buch kaum etwas anzubieten. Der Titel der deutschen Übersetzung ist noch irreführender als der des englischen Originals; er entspricht dem Inhalt noch weniger, ist dafür aber spektakulärer. Trotz seiner Kritik an den anglophilen Historikern stellt auch Kimche die britische Kolonialmacht in den Mittelpunkt seiner Betrachtung, wenngleich er auch ausführlich auf die deutsche Kolonialpolitik eingeht. Letztere charakterisiert er folgendermaßen: Der 5 Kimche J o n : Zeitbombe Nahost. Von der Bagdadbahn zur El Fatah. Verlag H o f f m a n n und Campe, H a m b u r g 1970 (335 S., Ln., 19,80 DM). 6 George Antonius, The A r a b Awakening, London 1938, seitdem mehrmals verlegt, zuletzt: N. Y. 1965 als Taschenbuchausgabe. 7 So z.B. P. J. Vatikiotis in: International Äff airs, 1970, H. 1, pp. 186 ff.: „It is not about ,the Second A r a b Awakening' whatever that means"; zur Arbeitsweise Kimches schreibt Vatikiotis: „one serious weakness of th e book is t h e careless, often shoddy, research behind it, which h a s allowed repeated errors of the fact. One feels at time that the author has not had the time himself to read sources carefully or check facts and names". 8 Cf. hierzu I. Abu-Lughod (ed.), The Arab-Israeli Confrontation of J u n e 1967, Evanston, 111. 1970, pp. 79 f., Anm.

Die Darstellung

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deutsche Kaiser „wollte seinen Anteil an der osmanischen Beute haben und glaubte, er könne sie am besten durch eine Verständigung mit den Briten bekommen, wie es die Russen in Persien und die Franzosen in Marokko gemacht hatten. Auch wollte er Deutschlands Position in Europa durch eine Verbindung Mitteleuropas mit Deutschland sowie der Zukunft des Nahen Ostens und Zentralafrikas mit der Zukunft Mitteleuropas stärken." (26 f.) Ernüchtert durch britische Abweisungen mußte der deutsche Kaiser erkennen, daß die Realisierung der deutschen Kolonialpolitik im Orient nicht in Zusammenarbeit mit, sondern nur durch Tätigkeit gegen England zu erreichen war. Die deutschen Kolonialziele in den britischen Kolonien wurden — so Kimche — im Rahmen einer „Revolutionierungspolitik" verfolgt. Mit welchem kuriosen Revolutionsbegriff Kimche operiert, läßt folgende Äußerung verstehen: „Hätte sich die Regierung des Kaisers aus Bolchewiken zusammengesetzt, dann hätte sie sich nicht mit größerer Begeisterung auf die Ausbreitung der Revolution in den Kernländern des britischen Empire stürzen können." (29) Kimche interpretiert die deutsche Orientpolitik mit Begriffen, die der Theorie der „kommunistischen Infiltration" des Kalten Krieges entlehnt sind. So ist die Rede von „Deutschland und der MoslemRevolution", „den deutschen Bemühungen, den Nahen Osten zu revolutionieren", (33) und von „deutschen Revolutionsagenten" (35) etc. Kimche meint sogar, „daß, genau wie der japanische Sieg über die Russen im Jahre 1904 den Völkern Asiens zum erstenmal die Augen über ihre revolutionären Möglichkeiten öffnete, die revolutionäre Propaganda des Kaisers im Nahen Osten und in Indien den Grundstock f ü r das revolutionäre arabische Erwachen nach dem großen Krieg legte". (33) Zwar läßt sich sagen, daß seit Beginn der anglo-französischen Kolonialherrschaft im arabischen Orient der Einfluß der Kulturpropaganda Englands und Frankreichs auf die arabischen Intellektuellen stets zurückging — zugunsten einer Germanophilie —, wie inzwischen in der Literatur nachgewiesen wurde 9 ; dies hat aber mit dem von Kimche behaupteten „revolutionären Erwachen" nichts zu tun, es sei denn, man verstehe darunter: der Glauben naiver arabischer Nationalisten, Deutschland sei keine Kolonialmacht und werde sie durch eine Intervention vom anglo-französischen Joch befreien, sei ein „revolutionäres Erwachen". Als Konkurrenz f ü r die „Moslem-Revolution" nennt Kimche die Kooperation, die zionistische Organisationen dem deutschen Kaiser anboten. So betrachtete das Deutsche Reich das von Zionisten organisierte „Komitee zur Befreiung der russischen Juden" als „ein perfektes Propaganda-Werkzeug gegen die Russen" und als „ein unschätzbar wertvolles Instrument f ü r Spionage und Subversion im Ausland" (30). Nach Kimche „schien die Beschäftigung mit den Juden und Zionisten in Europa bessere Aussichten auf raschen Erfolg zu 9 Cf. B. Tibi, Nationalismus in der Dritten Welt am arabischen Beispiel, F r a n k f u r t / M . 1971, passim.

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versprechen als eine Dschihad in Ägypten und Indien. Zum Beispiel saßen die Zionistenführer in Berlin; sie teilten das Gefühl der Erleichterung, das weite Teile Deutschlands erfüllte, als der Kaiser die Mobilmachung gegen die Russen befahl. Die Angst vor der russischen Dampfwalze war durchaus echt gewesen." (31) Dennoch verfolgte das Deutsche Reich seine koloniale Orientpolitik weiter, mußte aber dabei scheitern. Bei seinem Versuch, dieses Scheitern historisch zu erklären, verliert Kimche sich in der Bewunderung der Alliiertenpolitik gegenüber der Deutschlands und seinem osmanischen Verbündeten. Die Türken wollten ,,die Russen besiegen, und die Deutschen wollten das britische Empire vernichten. Aber das waren negative Absichten; ihnen fehlte das positive Bewußtsein (?), das die Tätigkeit der Alliierten in den späteren Kriegsjahren auszeichnete." (39) Was die deutsche Kolonialmacht nicht beherrschte, war nach Kimche die koloniale Heuchelei, die er bewundert; als Beispiel führ t er etwa die Assoziationen mit dem alten Testament als Verschleierung der britischen Orientpolitik an. „Der deutschen Politik fehlte immer das Element aufrichtiger Scheinheiligkeit, das ein wesentlicher Bestandteil phantasievoller Diplomatie ist — und das Großbritannien, solange es anhielt, seinen einzigartigen Rang in der Welt verlieh." (Ibid.) Solche Ausführungen einer Makulatur-Geschichtswissenschaft schlagen sich nieder in den folgenden Abschnitten über die koloniale Aufteilung des Orient unter die Kolonialmächte. So wiederholt sich des Autors Verschleierung der Kolonialpolitik Großbritanniens mit der Maske der geschickten Diplomatie bei seiner Beschreibung des Sykes-Picot-Abkommens von 1916, demzufolge England den Orient mit Frankreich unter sich aufteilt und das zaristische Rußland als Duldungspreis Türkisch-Armenien erhält. „Das schöne (sie!) an dem Sykes-Picot-Abkommen war, daß es vage genug war, um je nach den wechselnden militärischen und politischen Umständen eine beliebige Anzahl verschiedener Interpretationen zuzulassen." (54) Die restlichen Teile des Buches über Ägypten (79 ff.), den Irak, Trans jordanien (151 ff.) und die Palästina-Frage (187 ff., 258 ff.) sind belanglos und können angesichts schludriger Forschung noch nicht einmal als erste Informationsquelle und als zuverlässig bezeichnet werden. Die aktuellen Bezüge des Nachworts sind ebenso entbehrlich. Dort wird z. B. f ü r einen Frieden im Orient plädiert; dem kann man sich anschließen. Allein geht es Kimche nicht um diesen Frieden als vielmehr darum, daß „die Sowjetunion ihren festen Stand in der arabischen Welt behalten und ihre Politik der Re-Kolonisation in dem Gebiet so lange fortsetzen würde, wie es keine arabisch-israelische Einigung gäbe." (297) Über den amerikanischen Imperialismus und seine Orientpolitik bewahrt der Autor dagegen Schweigen. III Kann man den westlichen Kolonialhistorikern Ethnozentrismus anlasten und aus ihren Produkten auf ein ideologiebefangenes Bewußtsein schließen, so lassen sich die außereuropäischen verwestlichten Kolonialhistoriker bürgerlicher Bildung und Orientierung kaum

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milder beurteilen 1 0 . Zwar findet man bei diesen Wissenschaftlern Vorbehalte und Relativierungen gegenüber dem Kolonialsystem: dessen Wurzel bleibt jedoch in der Regel unangetastet, und die Kritik ist des öfteren nur nationalistisch fundiert. Gewiß muß dieses grobscharfe Urteil von Fall zu Fall modifiziert werden. Für das Werk des arabisch-palästinensischen Historikers Abdul Latif Tibawi, der sich durch zahlreiche englischsprachige historische Werke den Ruf einer Autorität verschafft hat, muß es etwas abgeschwächt werden. Tibawi, der eine angelsächsische akademische Ausbildung genoß, arbeitete bis 1948, bis zur Gründung des Staates Israel, als Funktionär im Bildungssektor der britischen Kolonialverwaltung im britischen Mandat Palästina. Seither widmete er sich der akademischen Forschung an der Universität London und später zusätzlich in Harvard. Aus seiner wissenschaftlichen Tätigkeit sind Arbeiten hervorgegangen, die f ü r die heutige Orient-Forschung von großer Bedeutung sind. Diese Werke kreisen vorwiegend um Probleme des Bildungssektors, in dem Tibawi unter der britischen Kolonialherrschaft seine praktischen Erfahrungen sammelte. Wir wollen hier nur auf zwei f ü r unseren Kontext wichtige Arbeiten Tibawis hinweisen: seine Geschichte der britischen Interessen in Syrien im 19. Jahrhundert sowie das darauffolgende Werk über die amerikanischen Interessen in Syrien im gleichen Zeitraum. In beiden Werken, vor allem jedoch im letztgenannten, behandelt Tibawi die Versuche beider Großmächte, durch Einflußnahme auf bestehende, insbesondere aber durch Gründung neuer Bildungsinstitutionen Machtpositionen im Orient zu gewinnen u , eine Methode, die heute noch aktuell ist 1 2 . 10 Cf. etwa die konsistente Charakterisierung verwestlichter b ü r g e r licher Kolonialintellektueller durch K u r t Steinhaus, Soziologie der t ü r k i schen Revolution, F r a n k f u r t / M . 1969, p. 69, un d dazu meine Rezension in: Das Argument, 13. Jhg. (1971), H. 63, pp. 126—130. 11 Abdul Latif Tibawi, British Interests in Palestine 1800—1901. A Study of Religious and Educational Enterprise. London 1961 ; idem, American Interests in Syria 1800—1901, A Study of Educational, Literary, and Religious Work, London 1966. Es ist wichtig, schon hier darauf hinzuweisen, daß die Orientpolitik der USA vor dem Ersten Weltkrieg von der englischen und französischen differenziert dargestellt werden muß, wie wir im folgenden Abschnitt noch zeigen werden. Mit Syrien ist nicht das heutige Syrien, sondern Großsyrien, die gesamte Levante, gemeint. 12 Es sei hier als Beispiel auf die Forschungen über den Bildungssektor un d die darin eingebetteten „Eliten" durch die staatlich geförderte Entwicklungsländersoziologie hingewiesen, die sich implizit das Ziel gesetzt hat, durch Steuerung der Bildungsinstitutionen politische Einflüsse auf die d a r a us hervorgehenden „Eliten" zu gewinnen. Dahinter steht die Absicht, politische Systemsteuerungsprozesse einzuleiten un d zu kontrollieren, denn in der Regel bekleiden diese Intellektuellen nach Abschluß ihre r Ausbildung hohe Staatsämter. Cf. hierzu die kritischen B e m e r k u n gen von N. Lechner, „Sozialwissenschaftliches Krisenmanagement in L a teinamerika", in: D. Danckwerts et al., Die Sozialwissenschaften in der Strategie der Entwicklungspolitik, F r a n k f u r t / M . 1970, pp. I l l ff., hierzu pp. 131 f. In der BRD ist das Freiburger Arnold-Bergstraesser-Institu t

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Es ist Tibawis Verdienst, daß er die Auswirkungen der amerikanischen missionarischen Tätigkeit im arabischen Orient relativierte, indem er nachwies, daß diese christlichen Missionen zwar einen immensen kulturellen Einfluß ausüben konnten, daß aber die bisherigen Darstellungen, denen zufolge das arabische kulturelle Erwachen, das die Entstehung der arabischen Nationalbewegung im 19. Jahrhundert einleitete, auf die kulturpolitische Tätigkeit der amerikanischen Missionare zu reduzieren ist, inadäquat sind 13. In seiner neuesten Veröffentlichung 14 über die moderne Geschichte Syriens liefert Tibawi eine zuverlässige Gesamtdarstellung seit dem Ende des 18. Jahrhunderts, wenngleich diese Charakterisierung sich nicht etwa aus der besonderen Qualität der Studie ergibt, sondern vielmehr aus dem schlechten Stand der Forschung. Tibawis aus historiographischer Sicht ausgezeichnete Arbeit enthält vom Standpunkt einer stringenten Geschichtswissenschaft aus erhebliche Mängel in der Interpretation der einzelnen Phasen der modernen syrischen Geschichte. Der erste Teil der Arbeit befaßt sich mit der osmanischen Herrschaft in Syrien bis zur ägyptischen Okkupation durch die Armeen Muhammad 'Alis, sodann mit der Ausdehnung des Tanzimat-Reformwerkes 15 auf Syrien (nachdem die ägyptischen Truppen mit Hilfe der Kolonialmächte, insbesondere Englands, zum Abzug gezwungen worden waren) und schließlich mit der Restaurierung der osmanischen Herrschaft in Syrien. Obgleich dieser Teil wie das gesamte Buch zuverlässig und genau ist, so lassen sich einige Abschnitte doch nicht mit der Qualität von Spezialmonographien vergleichen. Tibawi, der wie manch anderer renommierter Historiker großzügig bei der Quellenverwertung ist, erlaubt es sich einfach, substanzielle Spezialmonographien über einzelne Phasen der syrischen Geschichte zu übergehen. Beispielsweise findet man in dem Abschnitt über die Ausweitung der Tanzimat-Reformen auf Syrien keine Spur der Standardmonographie von Moshe Ma'oz über diese Thematik 1 6 u. ä. m. Überhaupt ist die Quellenlage des Buches erbärmlich. Wenn ein theoretisches, eigene Gedanken entfaltendes Werk von über (ABI) das Z e n t r u m solcher Forschung. Aus diesem Institut ist auch bereits eine Studie über die missionarisch-westlichen Einflüsse auf das Erziehungswesen eines arabischen Landes, des Libanon, hervorgegangen. Cf. Theodor Hanf, Das Erziehungswesen in Gesellschaft und Politik des Libanon, Bielefeld 1969, un d dazu meine Rezension in: Das Argument, 12. Jhg. (1970), H. 59, pp. 615—619. 13 A. L. Tibawi, American I n t e r e s t s . . . , op. cit., pp. 307 f. Insgesamt zum Stellenwert der europäischen Missionen im Orient cf. B. Tibi, Nationalismus . . . , op. cit., pp. 82 ff. 14 Tibawi, Abdul Latif: A Modern History of Syria Including Lebanon and Palestine, Verlag Macmillan, London, un d St. Martin's Press, New York, 1969 (441 S., Ln., 4.— £). 15 Zum Reform-Wer k der Tanzimat u n d zu seiner Bedeutung cf. K. Steinhaus, Soziologie . . . , op. cit., pp. 37 ff. 16 Moshe Ma'oz, Ottoman Reform in Syria and Palestine 1840—1861. T h e Impact of t h e Tanzimat on Politics and Society, London 1968.

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400 Druckseiten mit acht Seiten Belegen auskommt, so mag dies noch angehen. Für eine historische Quelle ist diese Relation aber schon sträflich. Für die Thematik unseres Berichtes ist der zweite Teil des Buches über die anglo-französische Kolonialherrschaft in (Groß-)Syrien von besonderem Interesse. Autoren früherer Darstellungen gegenüber hat Tibawi den Vorteil, die britischen Geheimdokumente über die britische Orientpolitik, die nun f ü r Wissenschaftler freigegeben worden sind, gesichtet zu haben. Dies erweist sich als besonders fruchtbar f ü r die Behandlung der Kontakte zwischen dem britischen Empire und den arabischen Nationalisten vor und im Ersten Weltkrieg: Seinerzeit versuchte der britische Kolonialismus, das Osmanische Reich durch eine separatistische Revolte in seinen arabischen Provinzen tödlich zu treffen; er machte sich dabei die Bestrebungen der arabischen Nationalisten nach nationaler Souveränität ebenso zunutze wie die persönlichen Machtambitionen des Scherifen von Mekka: des Haschimitenhäuptlings Hussain (Urgroßvater des heutigen Königs von Jordanien). Die Hussain-MacMahon-Korrespondenz, in der die zentralen Punkte dieser Kontakte festgehalten sind, werden von Tibawi detailliert behandelt (209 ff.), ebenso die während des Ersten Weltkrieges geführten Verhandlungen der Kolonialmächte über die Aufteilung des Orients unter sich nach Abzug der osmanischen Truppen; diese Verhandlungen führten zum Sykes-Picot-Abkommen, das wir in Abschnitt II bereits erwähnten und auf dessen Auswirkungen Tibawi im einzelnen eingeht (241 ff.). Syrien wurde damals in ein nördliches, der französischen Kolonialmacht unterstelltes Gebiet (heute Syrien und Libanon) und ein südliches, der britischen Kolonialmacht gehörendes Territorium (heute Palästina bzw. Israel und Jordanien) aufgeteilt. Zum Mandatssystem im allgemeinen stellt Tibawi zunächst fest: „The theory of the mandates system, as distinct from its application by Britain and France, has an important element of benevolent and disinterested idealism in it. Its ultimate objective was to lead underdeveloped and dependent nations to a higher level of civilisation and political independence." (338) Da Tibawi eine kritische Kolonialismus-Analyse nicht zu leisten vermag, kann er diese Mandatstheorie auch nicht als Kolonialideologie dechiffrieren. Andererseits kann er als autochthoner Intellektueller, wenngleich Sprößling des britischen Kolonialsystems, nicht einfach die Kolonialherrschaft beschönigen, ähnlich westlichen Historikern, und sie pseudowissenschaftlich als Prozeß der Modernisierung überkommener Strukturen darstellen. So bleibt ihm nichts als die Übel des Kolonialsystems als Abweichung vom „Idealismus" der Mandatstheorie, als „disparity between theory and practice" (339) darzustellen und auf der moralisierenden Ebene stekkenzubleiben. „The political grievances were due to the fact that the mandate was imposed by force of arms and hence all its consequences were suspect." (342) Wäre die Entwicklung anders verlaufen, wenn manifeste Formen der Gewalt ausgeblieben wären? Tibawi kann diese Frage nicht beantworten; er bleibt stets deskriptiv, so

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auch bei seinen spärlichen Äußerungen über die Auswirkungen der Kolonialherrschaft auf die Sozialstrukturen: Das Mandatssystem „caused widespread discontent: increased taxation, rise in prices, stagnation in trade and unemployment in the cities." (Ibid.) Sehr kompetent sind Tibawis Analysen über die kolonialen Auswirkungen auf das Bildungssystem (357 ff.). So konfrontiert er Frankreichs mission civilisatrice mit den bildungspolitischen Leistungen der französischen Mandatsverwaltung in Syrien, um sodann das magere Ergebnis zu zeigen, das nicht auf eine systematische „Zivilisierungstätigkeit" schließen läßt. Der abschließende Abschnitt des Buches über „The Burden of Independence" ist im Vergleich zu den vorangegangenen Teilen schwach und verdeutlicht, daß der Autor noch in überkommenen Kategorien denkt. Besonders Tibawis Schlußfolgerung aus einer viertelj ahrhundertlangen Unabhängigkeitsgeschichte kann dies illustrieren: „Syria had often in history marched under the banner of Islam to victory and glory; it had yet to prove that it could do so under the banner of Arab nationalism." (421) IV Wir haben bei der Würdigung früherer Arbeiten Tibawis schon angemerkt, daß die Großmächte über kulturelle Einflüsse durch die christlichen Missionen politische Machtpositionen zu gewinnen versuchten, deuteten aber bereits an, daß im Falle der USA eine etwas differenziertere Einschätzung zu treffen ist (cf. Anm. 11), zumal die USA vor dem Ersten Weltkrieg noch keine primären Machtinteressen im Orient hatten und dennoch eine intensive amerikanische missionarische Tätigkeit dort stattfand. Nach den Ergebnissen der neuesten Untersuchung hierüber von Grabiii17 läßt sich folgender Vergleich zwischen den europäischen und den amerikanischen christlichen Missionen im Orient treffen: „Although European states traditionally subsidized missionaries as agents of territorial imperialism, the United States had not done s o . . . Instead of being agents of the government, American Protestant abroad generally had to press Washington to be their agent." (293) Grabiii liefert eine historiographische, auf intensivem Archiv- und Quellenstudium basierende Gesamtdarstellung der Geschichte amerikanischer protestantischer Missionen im Orient, deren Ergebnisse entscheidende Aspekte der amerikanischen Missionsarbeit beleuchten. Während diese Missionen in früheren Untersuchungen, wie bereits angedeutet, als Träger kulturellen Fortschritts und Geburtshelfer säkular-orientierter nationaler Emanzipationsbewegungen im islamischen Orient präsentiert wurden, findet man im vorliegenden Werk den Nachweis dafür, daß die Missionare der amerikanischen protestantischen Kirche Träger aggressiver Ideologien und Wegbe17 Grabiii, Joseph L.: Protestant Diplomacy and the Near East. Missionary Influence on American Policy 1810—1927. University of Minnesota Press, Minneapolis 1971 (395 S., Ln. 13.50 $).

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reiter nationaler Haßgefühle waren. Grabiii legt schon im Vorwort zu seinem Buch ein Gottesbekenntnis ab: „God is to me both friend and ultimate being . . . " (x), was ihn jedoch nicht daran hindert, Kritik an den amerikanischen Missionen zu üben. Diese Kritik ist aber stets moralisch; sie mißt sich nur am Christentum und an Abweichungen der amerikanischen Missionare hiervon. Die ideologische Orientierung der amerikanischen Missionare im Orient läßt sich nur sehr zwanghaft christlich argumentativ untermauern; sie war explizit eine politische Orientierung, die Grabiii so zusammenfaßt: Die Missionare „advocated a strategic presence for the United States in the Near East (mandates over Armenia or all of Asia Minor), a presence similar to the Truman administration's support for Iran, Greece, and Turkey against Soviet challenge. They favored a military commitment by the Wilson government within the European power balance, an idea which prefigured the American obligation in the North Atlantic Treaty Organization." (286) Zwar stellt Grabiii fest, daß „the politics of the United States toward the Near East usually reflected the thinking of missionary spokesmen . . . Religionists probably had more influence than public servants in American diplomacy connected with the Ottoman settlement" (288; cf. auch 294); er zeigt aber, daß es den Missionaren nicht gelungen ist, die USA zu einem solchen politischen Engagement im Orient zu bewegen, dessen erklärtes Ziel die Errichtung eines amerikanischen Mandatssystems über ganz Kleinasien oder zumindest über Armenien war. Grabiii sieht darin einen Mißerfolg der Missionare, der in ihrer Strategie begründet gewesen sei, worin man ihm gewiß nicht folgen kann. Denn es handelt sich keineswegs um einen Mißerfolg einer falsch handelnden Personengruppe als vielmehr darum, daß die USA seinerzeit keine unmittelbaren ökonomischen Interessen im Orient hatten, so daß die Errichtung eines amerikanischen Mandatssystems auch kein Moment in der damaligen amerikanischen Außenpolitik im Orient sein konnte. Von einem Mißerfolg der Missionare kann auch objektiv gesehen nicht gesprochen werden, allenfalls vom Standpunkt der Missionare aus. Dies geht sehr deutlich aus dem von Grabiii erarbeiteten Material hervor. Die Missionare wollten damals den USA eine Weltpolizeifunktion zuschreiben, die zu übernehmen die USA vor dem Ersten Weltkrieg noch nicht in der Lage waren. Daß die USA diese Funktion heute ausüben, reduziert Grabiii u. a. auf die aggressive Ideologie der Missionare: „They saw America as the world's best savior, its judge, its policeman. This exaggeration helped produce difficulties of the 1960s — the morass of the Vietnam conflict, the overextension of United States power overseas." (290) Solche Formulierungen können den nicht wundern, der Grabiiis folgende Erwiderung auf Versuche, die Rolle der christlichen Missionen in der Kolonialgeschichte zu bestimmen, liest: „Incidentally, the virtual absence of collaboration between missionaries and businessmen for „imperial" purposes, not only during the peace negotiations but during the preceding century, contradicted Marxist-Leninist theory. This philosophy suggests that

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missionaries and investors from „capitalist" nations cooperate in colonial ventures." (291) Am besten läßt sich die Politik der amerikanischen Missionen im Orient am Beispiel der f ü r sie sehr zentralen Armenien-Frage illustrieren. Bekanntlich herrschte im Osmanischen Reich eine in der Sozialstruktur verankerte ethnische Arbeitsteilung vor 18 : Die bürgerlichen Kräfte, die sich nur in der Zirkulationssphäre entfalten konnten, rekrutierten sich vor der Auflösung des Osmanischen Reiches nach dem Sieg der kemalistischen Revolution fast ausschließlich aus nicht-muslimischen Schichten, die wiederum nicht-türkisch waren. Die Armenier gehörten zu dieser sozialen Kraft, die sich während des Desintegrationsprozesses des Osmanischen Reiches mit den Kolonialmächten verbündet und sich während der kemalistischen Revolution gegen die nationale Emanzipationsbewegung gestellt hatte. Hieraus erklärt sich zum Teil die während der kemalistischen Revolution verbreitete militante Xenophobie, die im Verlauf der Revolution — bedingt durch deren kleinbürgerlich-nationalistische Prägung — nicht aufgehoben wurde. Grabiii dokumentiert an vielen Stellen seiner Arbeit die armenophile Einstellung der amerikanischen Missionare und ihre antitürkischen Attitüden insbesondere während der Revolution, als sie den Kemalismus attackierten (cf. bes. 247 ff., 269 ff.). Solche Einstellung gilt auch gegenüber China während der Revolution: „For both Asian countries, missionaries created antiTurkish and anti-Communist ideas in America which helped make United States adjustment to the triumphs of Mustafa Kemal and Mao Tse-tung painful and protracted." (295) Zweifellos rechtfertigt die kritische Einschätzung der sozialstrukturell bedingten reaktionären Rolle der Armenier in der türkischen Gesellschaft niemals die anti-armenischen Massaker noch unter osmanischer Herrschaft 1915 und 1916. Im Gegenteil, diese Massaker, denen Tausende und Abertausende auf barbarischste Weise zum Opfer fielen, sind streng zu verurteilen. Den amerikanischen Missionaren ging es aber nicht um das Leben der Armenier, f ü r das auch die Errichtung eines amerikanischen Mandatssystems im Orient nicht die beste Garantie gewesen wäre. Trotz seiner Kritik würdigt Grabiii die Kulturarbeit der amerikanischen Missionen (297 ff.); die Missionen „deserve recognition for aid they gave to Asian nationalism" (305). Ohne mit Grabiii stereotyp vom „asiatischen Nationalismus" zu reden, können wir feststellen, daß die amerikanischen Missionare einen Beitrag zur Entstehung des Nationalismus im Orient gegeben hatten, wenn sie auch nicht die Urheber dieses Nationalismus sind, wie die Forschungen von Tibawi ergeben haben. Wenn wir dies konstatieren, müssen wir hinzufügen, daß dabei handfeste politische Interessen im Spiele waren. Der arabische Nationalismus implizierte beispielsweise separatistische Aspi18 Hierzu cf. K. Steinhaus, op. cit., passim, bes. Teil 1 und 2, wo auch auf die Auswirkungen dieser ethnischen Arbeitsteilung auf die türkische Emanzipationsbewegung un d auf ihre Xenophobie eingegangen wird.

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rationen in den arabischen Provinzen des Osmanisehen Reiches, das die Missionare qua islamisch fundiertem Staat (in der Legitimationsideologie) als Feind betrachteten. V Nicht in bezug auf ihre aggressive Ideologie, sondern auf ihre Stellung gegenüber ihrem Staat lassen sich die russischen Missionen im arabischen Orient mit den amerikanischen vergleichen. Beide, die amerikanischen und die russischen Missionen, konnten sich nicht wie die französischen und englischen konsolidieren, da sie nicht wie jene mit ihren Herkunftsländern eine quasi-koordinierte intensive Kolonialpolitik betreiben konnten. Vielmehr mußten sie ihre Regierungen zu einer solchen Politik erst antreiben. Das zaristische Rußland war primär an den südosteuropäischen Teilen des Osmanisehen Reiches interessiert, und eine Einflußnahme über Missionen in Großsyrien war f ü r Rußland — so zeigt Hopwood19 in seiner Monographie über die russische Präsenz in Syrien — von Interesse, insofern Jerusalem ideologisch als Zentrum des orthodoxen Ostens galt und somit f ü r die panslavische Politik Rußlands von großer, aber primär propagandistischer Bedeutung war. Hopwood beleuchtet in seiner — ebenso wie Grabiiis Studie materialreichen — Quellenarbeit diese Fragen, ohne jedoch die historiographische Arbeitsweise preiszugeben. Neben zahlreichen Werken in europäischen Sprachen zieht er intensiv russische und arabischsprachige Quellen heran. Während die ersten beiden Teile des Buches sich allgemein mit den diplomatischen Aktivitäten des zaristischen Rußland und der russischorthodoxen Missionen in Syrien befassen, informiert der dritte Teil bis ins Detail über Entstehung und Verfall der Imperial Orthodox Palestine Society (im folgenden als IOPS zitiert), die als Aktionsrahmen der russischen Aktivitäten in Syrien anzusehen ist. Vor ihrer Entstehung gab es keinen solch großen institutionellen Rahmen; die russischen Aktivitäten waren diplomatischen Figuren vorbehalten. Hier ist insbesondere Graf Ignatev zu nennen, der von 1861 bis 1864 Direktor des asiatischen Departments im russischen Auswärtigen Amt war und 1867 russischer Gesandter bei der Hohen Pforte in Konstantinopel wurde, wo er später auch als erster russischer Botschafter wirkte. Ignatev, ein militanter Panslavist, entfaltete große Aktivitäten und versuchte, die arabischen Völker in die Zielsetzung des Panslavismus einzubeziehen. So unterbreitete er dem ägyptischen Khedevi Isma'il den illusionären Plan eines gemeinsamen Aufstandes der Südslaven und der arabischen Völker des Nil und Euphrat-Tigris gegen das Osmanische Reich (80). Das zaristische Rußland mußte seine Politik in reger Konkurrenz mit Großbritannien betreiben, so daß es, obwohl es keine Ambitionen 19 Hopwood, Derek: The Russian Presence in Syria and Palestine 1843—1919. Church and Politics in the Near East. Clarendon Press, Oxford-London 1969 (232 S., Ln„ 7 $).

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in Ägypten hatte, gegen die britische Okkupation Ägyptens scharf opponierte und drohte, daß eine weitere britische Attacke gegen eine osmanische Küste (Ägypten galt damals de jure noch als Teil des Osmanischen Reiches) eine russische Okkupation des Bosporus mit sich bringen würde (97). Audi gegen Deutschlands Ambitionen im Osmanischen Reich mußte das zaristische Rußland antreten. Die Gründung der IOPS erfolgte 1882 durch private Hand, gefördert von russisch-orthodoxen Geistlichen, die über die Konversion der arabischen Orthodoxen zum Katholizismus und Protestantismus infolge der französisch-britisch-amerikanischen Missionstätigkeiten aufgebracht waren. Während 1840 die Orthodoxen 90 % aller arabischen Christen Palästinas ausmachten, waren, bedingt durch die Konversion, 1880 nur noch 67 % aller arabischen Christen Palästinas Orthodoxe (99 f.). Die IOPS gab sich explizit einen unpolitischen Charakter; sie weigerte sich, eine politische Zielsetzung anzunehmen (106). Mit ihrer Tätigkeit wollte die IOPS weitere Konversionen verhindern, aber auch in Rußland selbst auf die arabischen Bekenntnisbrüder, die so gut wie unbekannt waren, aufmerksam machen. Damit wurde objektiv die russische Orientpolitik popularisiert. Schon das Motto, das sich die IOPS bei ihrer Gründung im Mai 1882 gab, nämlich der biblische Satz: „For Zion's sake will I not hold my peace, and for Jerusalem's sake I will not rest" (104), deutet auf die Übernahme der propagandistischen Bedeutung Jerusalems f ü r die russische panslavische Politik hin. Verglichen mit den anderen europäischen Missionen hatten die russischen sehr schlechte Arbeitsbedingungen, zumal sie über wenig Mittel verfügten und ihre Arbeit primär über Sammlungen in Rußland selbst finanzierten. Dennoch konnten sie Schulen errichten und an der Wiederbelebung der arabischen Kultur, die im Osmanischen Reich unterdrückt wurde, unter den arabischen Orthodoxen mitwirken. Hopwood gibt detaillierte Informationen hierüber (137 ff.) und illustriert die schon erwähnte These von der politischen Einflußnahme über Kulturarbeit. Die IOPS mußte infolge des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs ihre Arbeit einstellen, nachdem ihre Institutionen von den Osmanen geschlossen worden waren, und fand dann praktisch nach der russischen Oktober-Revolution von 1917 ihr Ende (cf. 114 ff., bes. 132 ff.). Es erscheint wichtig, hier im Zusammenhang mit der russischen Orientpolitik auf den Prozeß der Arabisierung der Kirchen im Orient hinzuweisen — ein Prozeß, der entscheidende Bedeutung f ü r den arabischen Nationalismus, der in seiner Frühphase primär von arabischen Christen getragen wurde, hat (cf. 159 ff.). In Großsyrien gab es zwei Patriarchate: in Antiochia und in Jerusalem. Beide wurden von griechischen Geistlichen monopolisiert; ein arabischer Christ konnte nicht Patriarch werden. Die Griechen erklärten die Araber f ü r unfähig, ja unwürdig, ein solches Amt zu bekleiden. Dies war Anlaß genug f ü r den sich aus Arabern rekrutierenden unteren Klerus, ein nationales Bewußtsein zu entwickeln und nicht mehr nur rein religiös zu denken. Hopwood vertritt die These, daß die arabisch-

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national motivierte Unruhe unter den arabischen Orthodoxen seit der Krise der bulgarischen Kirche 1872 manifester wurde. Der arabische untere Klerus fühlte sich durch den ebenso national-orientierten bulgarischen unteren Klerus, der gegen die griechische religiöse Hegemonie rebellierte, ermuntert. Das zaristische Rußland fand Gelegenheit, unter den arabischen Orthodoxen Fuß zu fassen, indem es nationale Gefühle schürte, und die russische Diplomatie setzte sich vehement f ü r die Arabisierung der orthodoxen Kirche sowohl kulturell als auch durch Besetzung der religiösen Hauptämter mit arabischen Geistlichen ein. In diesem Zusammenhang steht auch die Wahl eines arabischen Orthodoxen, Meletios Dumani, erstmals zum Patriarchen von Antiochia durch massive russische Hilfe. Es mag eine Übertreibung sein, wenn der — gemessen an seinem Einfluß — bisher größte Theoretiker des arabischen Nationalismus: Sati'Husri 2 0 , diesen Höhepunkt in der Arabisierung der orthodoxen Kirche im Orient als „den ersten realen Sieg des arabischen Nationalismus" bezeichnet, was auch Hopwood zitiert. Aber der Prozeß der Arabisierung dieser Kirche war von großer Bedeutung sowohl f ü r den arabischen Nationalismus als auch f ü r die Entstehung einer Russophilie unter den arabischen Orthodoxen, wie Hopwood bestätigt. Diese Russophilie ging aber über die orthodoxen Kreise irn Orient nicht hinaus. Das Ergebnis der Monographie Hopwoods über das Verhältnis der Missionsarbeit und der Großmachtpolitik des zaristischen Rußland im Orient läßt sich mit Hopwoods Worten so zusammenfassen: „Russia did little in the nineteenth century to establish herself in the area. Most of her achievements came about in spite of rather than because of the Russian Government and Church" (208). Aber selbst dieses geringe Engagement hatte politische und kulturelle Auswirkungen im gesamten Orient, wie dies auch bei den anderen dort tätigen Missionen der Fall war. VI Als Fazit dieses Literaturberichtes läßt sich f ü r die einzelnen Arbeiten folgende Einschätzung treffen: Williams' Arbeit ist eine Gesamtdarstellung der britischen und französischen Kolonialpolitik im Orient, die auch vom historiographischen Standpunkt aus gesehen nichts Neues bringt; sie kann als schnelle erste Informationsquelle benutzt werden, besonders wegen der in ihr enthaltenen Chronologie und Bibliographie, ist jedoch aufgrund ihrer Ideologie-Verfangenheit mit großer Vorsicht zu benutzen. Dagegen ist das Buch von Kimche, selbst wenn man es an Kriterien der bürgerlichen Geschichtswissenschaft mißt, kaum brauchbar. Tibawis Gesamtdarstellung der modernen syrischen Geschichte ist eine sehr zuverlässige und kompetente historiographische Quelle, wenngleich sie auf einer schmalen Materialbasis beruht. Gerade 20 Zu Husris Bedeutung cf. B. Tibi, N a t i o n a l i s m u s . . ., op. cit., bes. pp. 103 ff., 113 ff.

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wegen ihres Materialreichtums sind die Spezialmonographien von Grabiii und Hopwood zur Beleuchtung der amerikanischen protestantischen und der russisch-orthodoxen missionarischen Tätigkeit im Orient von großer Relevanz. Verläßt man die Ebene der Würdigung einzelner historiographischer Leistungen und geht man zu der Frage über, inwiefern die oben besprochenen Arbeiten als Beiträge zu einer stringenten Erforschung der Geschichte anzusehen sind, dann gilt f ü r alle fünf Arbeiten gleichermaßen die Feststellung, daß die bürgerliche Geschichtswissenschaft, deren Elend diese Arbeiten illustrieren, theoretisch und methodisch nahezu auf der niedrigsten Stufe aller bürgerlichen Wissenschaften steht. Über den Eifer, Fakten zu sammeln und sie chronologisch zu ordnen, ist diese Wissenschaft bisher nicht hinausgekommen, sieht man von einzelnen Ausnahmen ab. Die Auflösung der bürgerlichen Historie in eine kritische Gesellschaftswissenschaft bleibt nach wie vor ein dringliches Desiderat.

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Zur bürgerlichen Geschichtsschreibung und Publizistik über Antisemitismus, Zionismus und den Staat Israel „ W a r u m sich so wenig Deutsche mit jüdischer Geschichte b e f a ß ten — es sei denn, sie w a r e n Judenhetzer und suchten in ihr irgendwelche jüdischen Schandtaten •—, ist ein Rätsel", heißt es in der Einleitung zur Neuauflage von Ismar Elbogens S t a n d a r d w e r k „Die Geschichte der J u d e n in Deutschland 1 ". In der Tat ist die Geschichte der deutschen Historiographie zu Problemen des J u d e n t u m s in den letzten 50 J a h r e n im wesentlichen eine Geschichte des Schweigens oder der Vernebelung. Das gilt mit wenigen Ausnahmen f ü r die Situation der J u d e n in Deutschland im 19. und 20. J a h r h u n d e r t , also auch f ü r den Antisemitismus und Zionismus, wie f ü r den Staa t Israel, seine Entstehung, seine Gesellschaft und seine Rolle im Nahen Osten. Freilich ist dieser B e f u n d mitnichten ein „Rätsel", sondern läßt sich auf e r k l ä r b a r e Ursachen zurückführen. Obwohl dieser Beitrag hauptsächlich die Geschichtswissenschaft der Bundesrepublik nach 1945 behandeln wird, ist ein Rückgriff auf die deutsche Geschichtswissenschaft der wilhelminischen und der Weimare r Epoche notwendig, u m die Kontinuität bestimmter Orientierungen und Interpretationsmuste r nachzuweisen. Parallel zur Herausbildung des deutschen Nationalstaates im 19. J a h r h u n d e r t und der Verschärfung der inneren Widersprüche seiner in wachsendem Maße industriell geprägten und kapitalistisch organisierten Gesellschaft verstehen und verhalten sich die meisten Historiker i m m e r einseitiger als Anwälte der ü b e r k o m m e n en gesellschaftlichen und politischen Ordnung und als Gegner ihrer Veränderung. Selbst Angehörige des untergehende n Bildungsbürgertums, konzentriert sich ihr Erkenntnisinteresse auf die Entwicklungskräfte dieser Ordnung. Dabei w i rd das J u d e n t u m im Geschichtsdenken zwischen Hegel und Jacob Burckhardt in eine Außenseiterrolle abgedrängt, deren Darstellung eine reservierte, von Fremdheit bis Ablehnung reichende Einstellung ihrer Verfasser spiegelt 2 . Die antisemitische Agitation am Ende der Gründerzeit aufgreifend, reiht Heinrich von Treitschke 1879/80 schließlich die J u d e n ausdrücklich u n t e r die Feinde der alten, zu b e w a h r e n d e n Ordnung ein. Seine Invektiven enthalten im K e rn vieles, w a s die Antisemiten späterer 1 Ismar Elbogen/Eleonore Sterling, Die Geschichte der Juden in Deutschland. Eine Einführung. F r a n k f u r t 1966, S. 6. 2 Siehe hierzu Hans Liebeschütz, Das J u d e n t u m im deutschen Geschichtsbild von Hegel bis Max Weber, Tübingen 1967.

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Jahre in ungezählten Abwandlungen wiederholen sollten 3 . Der spezielle Kampf gegen die Juden erhielt seinen Stellenwert als eine unter mehreren Spielarten einer grundsätzlichen Gegnerschaft gegen den gesamten Prozeß der Transformierung der überkommenen Welt in eine moderne Industriegesellschaft. Wie die Juden als Repräsentanten der Modernität fungierten, so wurde der Antisemitismus zum Bestandteil der Antimodernität, zum Kampfmittel f ü r die Erhaltung einer vorindustriellen politischen und gesellschaftlichen Ordnung einschließlich ihres religiösen und kulturellen Überbaus. Je tiefer seit dem Ende der 70er Jahre infolge des stürmischen wirtschaftlichen und technischen Aufschwungs und seinen sozialen Implikationen ihre Risse wurden, desto stärker wurde die Kartellierung der politischen, militärischen und ökonomischen Macht, desto größer auch die Bereitschaft intellektueller Mandarine 4 , diese Macht ideologisch abzusichern mit dem Ziel, die ihr allein adäquate Gesellschaft zu konservieren, nämlich ein Volk von Untertanen, zusammengehalten durch Zwang, Abschreckung, Unmündigkeit und eine nationale Gemeinschaftsideologie. Alle diese Elemente finden sich in Treitschkes antisemitischem Traktat ebenso wie in seinen übrigen Schriften. Zwar haben die Ausfälle gegen die Juden Treitschke seinerzeit die Mißbilligung vieler, den Bruch mit einigen und den öffentlichen Widerspruch mancher Fachkollegen eingetragen 5 . Trotzdem hat die überwiegende Zahl der deutschen Historiker den von ihm eingeschlagenen Weg fortgesetzt. Denn große Teile des Bürgertums bekamen die Auswirkungen des Industrialisierungs- und sozialen Umschichtungsprozesses am empfindlichsten zu spüren und sahen ihre Interessen deshalb in Treitschkes Ordnungsvorstellungen am besten gewahrt. Als Angehörige dieses Bürgertums ist seit dem Ende der 80er Jahre auch die große Mehrzahl der deutschen Professoren, die sich als erstaunlich hom*ogene Gruppe präsentieren, im Lager der Antimodernität anzutreffen, an ihrer Spitze die Geistes- und Sozialwissenschaftler einschließlich der Historiker. Ihre grundsätzlich antimoderne Einstellung erweist sich sowohl daran, daß sich ihr Forschungsinteresse primär den Formationskräften des nationalen Machtstaates zuwendet — dem sie überdies als Beamte besonders eng verbunden waren —, als auch an ihrer Beschwörung vermeint3 Die verschiedenen Äußerungen Treitschkes von 1879/80 un d die zeitgenössischen Stellungnahmen sind wieder abgedruckt bei Walter Boehlich (Hrsg.), Der Berliner Antisemitismusstreit, 2. Aufl. F r a n k f u r t 1965 (Sammlung insel 6). 4 Siehe zu diesem Begriff die Einleitung von Fritz K. Ringer, The Decline of the German Mandarins. T h e Academic Community 1890—1933, Cambridge/Mass. 1969. 5 Die einschlägigen Dokumente sind abgedruckt bei Boehlich, a.a.O. Vgl. außerdem Liebeschütz, a.a.O., S. 193 ff.; Michael Meyer, Great Debate on Antisemitism. Jewish Reaction to new Hostility in Germany, in: Leo Baeck Institute, Year-Book 11 (1966), S. 137ff.; Egmont Zechlin, Die deutsche Politik un d die J u d e n im Ersten Weltkrieg. Unter Mitarbeit von Hans-Joachim Bieber, Göttingen 1969, S. 35 ff.

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licher Krisen der Kultur, des Geistes, der Religion, der Moral, der Kunst und aller übrigen Überbauphänomene. In ihrem Bewußtsein zählten die Juden nicht zu den konstitutiven nationalen Kräften, sondern im Gegenteil zu deren Widersachern und zu den Mitschuldigen an dieser Krisenserie. Deshalb blieb das Judentum — wenigstens das nachbiblische — aus dem Kanon der erforschungswürdigen Gegenstände ausgeschlossen; und der Antisemitismus fand an den deutschen Hochschulen seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert eine bleibende Heimstatt, wie denn überhaupt die deutsche Kultur „bis dorthin, wo sie am allerkultiviertesten sich vorkam, mit antisemitischen Vorurteilen durchsetzt" war 6 . Daran hat sich bis 1933 nichts Wesentliches geändert 7 . Die Berufung jüdischer Professoren blieb bis 1918 eine seltene Ausnahme, die eines Sozialisten sogar völlig ausgeschlossen 8 . Auch in der Weimarer Republik sahen sich die Juden an den Hochschulen noch ganz erheblichen Widerständen gegenüber 9. Kaum ein deutscher nichtjüdischer Historiker hat sich bis 1933 intensiv und ernsthaft mit Fragen des neuzeitlichen Judentums befaßt 1 0 , ebensowenig übrigens mit den sozialen und innenpolitischen Verhältnissen Deutschlands im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert 1 1 . Das vornehmste Fachorgan der Zunft, die „Historische Zeit6 Theodor W. Adorno, Zur Überwindung des Antisemitismus heute, in: Das A r g u m e n t 29 (1964), S. 104. 7 Siehe dazu Ringer, insbes. S. 139 ff.; vgl. außerdem Fritz Stern, K u l turpessimismus als politische Gefahr. Eine Analyse nationaler Ideologie in Deutschland, Bern/Stuttgart/Wien 1963, und George L. Mosse, The Crisis of G e r m a n Ideology. Intellectual Origins of the Third Reich, New York 1964, S. 149 ff. — Die hervorragende Rolle prominenter Historiker in P a r teien und Verbänden der Rechten bestätigt außerdem ihre Beteiligung an der Kriegszielagitation w ä h r e n d des 1. Weltkrieges, die ebenfalls aus dem Interesse an der Erhaltun g und Sicherung der Herrschaftsstrukturen des wilhelminischen Reiches gespeist wurde. Vgl. dazu Klaus Schwabe, Wissenschaft un d Kriegsmoral. Die deutschen Hochschullehrer und die politischen G r u n d f r a g e n des 1. Weltkrieges, Göttingen 1969. 8 Siehe Ringer, a.a.O., S. 141. 9 Es genügt, an den Fall Walter B e n j a m i n un d die Behandlung Einsteins an der Berliner Universität zu erinnern. Vgl. im übrigen Ringer, a.a.O., S. 239 f. 10 Die beiden Autoren, die sich in diesem Zusammenhang aufdrängen, Max Weber und W e r n er Sombart, bleiben als Soziologen hier außer Betracht. Zu Weber vgl. Liebeschütz, a.a.O., S. 302 ff.; zu Sombart die Rezension der amerikanischen Ausgabe von Guido Kisch, in: Historia Judaica 13 (1951), S. 157 ff., sowie Toni Oelsner, The Place of th e J e ws in Economic History as viewed by German Scholars, in: Leo Baeck Institute, Year Book 7 (1962), S. 183 ff. 11 Die einzigen b e m e r k e n s w e r t e n A u s n a h m en sind Eckart K e h r un d A r t h u r Rosenberg. K e h r h a t mit seinem höchst originellen Forschungsansatz in Deutschland n u r Ablehnung un d Schweigen geerntet, keine Aussicht auf eine akademische K a r r i e r e gehabt und ist in den USA in den Sielen gestorben. Rosenberg w a r als Althistoriker, Jude, Sozialist und schließlich Emigrant ebenfalls völliger Außenseiter.

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schrift", enthält von 1900 bis 1933 als einzigen Beitrag einen Verriß von Sombarts Untersuchung über „Die Juden und das Wirtschaftsleben", verfaßt von dem alldeutschen Freiburger Ordinarius Georg von Below. Er warf Sombart „eine ganz krasse Übertreibung" und Überschätzung der ökonomischen Bedeutung des modernen Judentums vor, dessen Rolle nach dem alldeutschen Geschichtsbild nebensächlich und jedenfalls verwerflich zu sein hatte, und lobte lediglich die Fähigkeit Sombarts, die — natürlich feststehende und negative — „Eigenart der Juden zu schildern 12 ". — Nach einem Beitrag der deutschen Geschichtswissenschaft zum Zionismus sucht man in dieser Zeit erst recht vergeblich. Lediglich der Beitritt von Otto Hoetzsch und Hans Delbrück zum Pro-Palästina-Komitee, das zur Förderung des zionistischen Palästina-Programms im Frühjahr 1918 gegründet und 1926 wiederbelebt wurde, läßt auf eine gewisse Sympathie schließen 13 . Beide waren Mitglied der stark antisemitisch gefärbten Konservativen bzw. später der Deutschnationalen Volkspartei. Unter deren Anhängern und noch ausgeprägter in Verbänden der nationalen Rechten, insbesondere dem Alldeutschen Verband, waren Respekt und Hochachtung f ü r den Zionismus wegen dessen weitgehender Affinität zum Antisemitismus keineswegs ungewöhnlich 14 . Die Mischung von Ignorierung und Ablehnung, die die vorherrschende Einstellung der deutschen Geschichtswissenschaft zum Judentum vor 1933 kennzeichnet, hatte zur Folge, daß die Beschäftigung mit jüdischer Geschichte und Kultur wie zur Zeit des Ghettos weiterhin alleinige Domäne der Juden selbst blieb. Die Wissenschaft vom Judentum war im 19. Jahrhundert in Deutschland unter dem intensiven Einfluß der deutschen Wissenschaft entstanden, vor allem der klassischen Philologie und der Historiographie 15 . In keinem anderen Land hat sie vor 1933 eine solche Blüte erlebt, so daß Deutsch „im Grunde die Sprache dieser Wissenschaft" wurde 1 8 . Aber sie wurde fast ausschließlich von Juden betrieben, von Juden organisiert und finanziert, zur Kenntnis genommen und diskutiert. Mit Billigung und tatkräftiger Mithilfe der historischen Fachvertreter wurde sie bis 1933 von den staatlichen Hochschulen ferngehalten 17 . 12 HZ 108 (1912), S. 614 ff.; die Zitate S. 618 bzw. 623. 13 Siehe dazu Zechlin/Bieber, a.a.O., S. 434 ff.; zur Neubelebung Herm a n n Pünder, Ein Gedenkwort. Pro-Palästina-Dokumente, in: Israel und wir. K e r e n - H a j e s s o d - J a h r b u ch der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland, 1955/65, F r a n k f u r t 1966, S. 70 ff. 14 Siehe dazu Zechlin/Bieber, a.a.O., S. 76 ff. 15 Siehe hierzu und zum folgenden Werner Schochow, Deutsch-jüdische Geschichtswissenschaft. Eine Geschichte ihrer Organisationsformen unter bes. Berücksichtigung der Fachbibliographie, Berlin 1969; außerdem Gershom Scholem, Wissenschaft vom J u d e n t u m einst un d jetzt, in: ders., Judaica, F r a n k f u r t 1963, S. 148 ff. 16 Schochow, a.a.O., S. 10. 17 Zur ausschlaggebenden Rolle Rankes bei der Abweisung jüdischer Anträge auf A u f n a h m e der Judaistik in die philosophische Fakultät der Berliner Universität siehe Liebeschütz, a.a.O., S. 64ff.; vgl. auch ebda., S. 175; Schochow, a.a.O., S. 50.

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Bestenfalls durfte sie im Rahmen nebenamtlicher Dozenturen ein Schattendasein am Rande fristen. Diese waren fast immer den theologischen Fakultäten angegliedert und sollten nicht zuletzt dem Ziel dienen, einen Bèitrag zur Bekehrung der Juden zum Christentum zu leisten. Stofflich beschränkten sie sich überwiegend auf das Gebiet des Alten Testaments und des Urchristentums 18 . So mußten sie den Juden selbst verdächtig bleiben und gewannen f ü r den Kontakt zwischen der Wissenschaft vom Judentum und der etablierten Wissenschaft nur äußerst dürftigen Wert. Dergestalt kam auch die Kommunikation zwischen jüdischer und nichtjüdischer Geschichtswissenschaft in Deutschland nicht über ein Minimum hinaus und vollzog sich, wenn überhaupt, vorzugsweise in Formen verletzender und unsachlicher Polemik seitens der letzteren 19 . Derart isoliert, vermochte die Wissenschaft vom Judentum ihrerseits manche ghettohaften Züge nicht abzustreifen, die sie ihrer Tradition und wenigstens teilweisen Motivierung als konservative innerjüdische Bewegung verdankte 2 0 . Eine quantitative Änderung in der deutschen Geschichtswissenschaft und ein Wandel in der Wissenschaftsorganisation trat f ü r die Erforschung des Judentums erst mit dem Nationalsozialismus ein. Sämtliche jüdischen Dozenten wurden von den staatlichen Hochschulen verbannt. Dafür bereicherte der NS-Staat die Wissenschaft mit einer Reihe spezieller Forschungsinstitute, die — mit außergewöhnlichen materiellen und personellen Mitteln ausgestattet — getreu den nationalsozialistischen Lehren die parasitäre Rolle der Juden und ihre zersetzenden Einflüsse in der Weltgeschichte zu beweisen beauftragt waren. An ihrer Spitze die interdisziplinäre „Forschungsabteilung Judenfrage" in Walter Franks „Reichsinstitut f ü r die Geschichte des neuen Deutschland" und ihre spätere erbitterte Konkurrentin, das „Institut zur Erforschung der Judenfrage" in Frankf u r t unter der Ägide Alfred Rosenbergs; außerdem das von Goebbels protegierte „Institut zum Studium der Judenfrage" in Berlin, das „Institut zur Erforschung des jüdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben" sowie schließlich während des Krieges ähnliche Einrichtungen in den besetzten Ländern 2 1 . Alle diese Forschungsstätten waren mehr oder minder eng mit der NSDAP und ihren Organisationen liiert. Der Zusammenbruch des Faschismus besiegelte auch ihr Ende. Sofern ihre Mitarbeiter überlebten, wartete vorzugsweise in der Schulung bundesrepublikani18 Siehe hierzu Schochow, a.a.O., S. 63 ff. 19 Siehe z. B. Treitschkes wüste Beschimpfungen von Heinrich Graetz' jüdischer Geschichte; Boehlich, a.a.O., S. 11; dazu Liebeschütz, a.a.O., S. 185 ff. 20 Siehe dazu Elbogen/Sterling, a.a.O., S. 206 ff.; Schochow, a.a.O., S. 56. 21 Siehe hierzu Max Weinreich, Hitler's Professors, The P a r t of Scholarship in Germany's Crimes against the Jewish People, New York 1946; Schochow, a.a.O., S. 154 ff. ; außerdem die Monumentalbiographie von Helm u t Heiber, Walter F r a n k und sein Reichsinstitut f ü r Geschichte des neuen Deutschland, S t u t t g a r t 1966, insbes. S. 413 ff.

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scher Wirtschaftsführer oder im Journalismus, aber auch im Bildungswesen neue wohldotierte Verwendung auf sie 22 . Aus der organisatorischen Sonderstellung der NS-Institute und dem Umstand, daß ihre hauptamtlichen Mitarbeiter zumeist jüngere Historiker waren, die noch keine Lehrstühle innehatten, ergab sich f ü r die Geschichtswissenschaft an den Universitäten der Vorteil, der Notwendigkeit besonderer personeller und institutioneller Reinigungsakte weitgehend enthoben zu sein. Dergestalt unbelastet, konnte sie alsbald an der Restauration der Zustände mitarbeiten, die vor 1933 bestanden hatten. Das Schweigen zu allen mit dem Judentum zusammenhängenden Fragen breitete sich von neuem aus. Vielleicht war es jetzt weniger feindlich als betreten; aber dieser feine Unterschied war bei der Natur der Sache schwer auszumachen. Jedenfalls war es trotz Reichskristallnacht, Auschwitz und Gründung des Staates Israel bis weit in die 60er Jahre fast genauso tief wie zuvor. Deshalb fand die Auseinandersetzung mit den Problemen Judentum, Antisemitismus, Judenvernichtung und Israel in anderen Disziplinen und Gruppen abseits und weitgehend unabhängig von der etablierten Geschichtswissenschaft statt. Unter ihnen sind in erster Linie bestimmte Kreise in den Kirchen zu nennen: auf katholischer Seite die Mitarbeiter des „Freiburger Rundbriefes" und die linkskatholische Publizistik, in erster Linie repräsentiert von Walter Dirks und Friedrich Heer 23 ; auf evangelischer Seite die Arbeitsgruppe Juden und Christen, die auf den Kirchentagen von 1961, 1963 und 1965 unter außergewöhnlicher Beteiligung die Themen Judentum, Antisemitismus und Israel ausführlich diskutierte. In beiden Gruppen dominiert das Laienelement, während die offiziellen Amtsträger insbesondere der katholischen, aber auch der evangelischen Kirche vielfach alte theologische oder andere Vorbehalte gegen die Juden weiterhin pflegten. Diese Laiengruppen befaßten sich gleichfalls in erster Linie mit der jüdischen Religion und ihrem Verhältnis zum Christentum, wobei übrigens die notgedrungene Solidarität von Religionsgemeinschaften angesichts ihrer schwindenden Anziehungskraft eine wachsende Rolle zu spielen scheint 24 . Man kann sie wegen dieser primär theologischen Motivation und 22 Siehe dazu im einzelnen: Antisemitismus in Westdeutschland, Tatsachen, Ursachen, Vollstrecker. J u d e n f e i n d e un d J u d e n m ö r d e r im Herrschaftsapparat der Bundesrepublik. Eine Dokumentation des Verbandes der jüdischen Gemeinde in der DDR, Berlin 1967. Außerdem w ä r e der dort nicht a u f g e f ü h r t e Fall Reinhard Höhn zu erwähnen. 23 Vgl. vor allem die von Walter Dirks hrsg. F r a n k f u r t e r H e f t e sowie die scharfe Kritik an der theologischen Tradition un d politischen Praxis der kath. Kirche gegenüber den J u d e n bei Friedrich Heer, Gottes Erste Liebe. 2000 J a h r e J u d e n t u m und Christentum. Genesis des österreichischen Katholiken Adolf Hitler, München/Eßlingen 1967. Vgl. im übrigen Schochow, a.a.O., S. 239 ff. 24 Bei Heinrich Spaemann, Die Christen und das Volk der Juden, München 1966, S. 31, heißt es: „In einer weitgehend atheistisch denkenden oder lebenden Welt sind sie . . . geeint in der Verantwortun g dafür, daß Gottes Dasein u n d Anspruch a n e r k a n n t werde." Bei Walter Schäble,

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und der Staat

Israel

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ihrer h ä u f i g e n Ignorierung oder Vernebelun g von gesellschaftlichen u n d ökonomischen F a k t o r e n u n d politischen Realitäten angreifen25. T r o t z d e m h a b e n sie auf d e m f r a g l i c h e n G e b i e t m e h r g e l e i s t e t als di e G e s c h i c h t s w i s s e n s c h a f t . N i c h t n u r h a b e n sie d i e s e r m a n c h e n p r a k t i s c h e n H i n w e i s g e g e b e n 2 6 , s o n d e r n — i n d e r E r k e n n t n i s , „geschichtliche S c h u l d k a n n m a n n i c h t n u r l i t u r g i s c h a b t r a g e n 2 7 " — m i t u n t e r sich a u c h n i c h t g e s c h e u t, a u s i h r e n E r g e b n i s s e n p o l i t i s c h e N u t z a n w e n d u n g e n z u z i e h e n . So e r h o b di e e r w ä h n t e A r b e i t s g r u p p e des E v . K i r c h e n t a g e s 1961 di e a u s d r ü c k l i c h auf G l o b k e g e m ü n z t e F o r d e r u n g , „ P e r s o n e n , di e a n d e r V o r b e r e i t u n g u n d D u r c h f ü h r u n g v o n V e r f o l g u n g e n beteiligt w a r e n , sollten aus f ü h r e n d e n Ä m t e r n auss c h e i d e n 2 8 " ; v e r e i n z e l t f i n d e t sich a u c h di e W a r n u n g v o r e i n e m d e m A n t i s e m i t i s m u s a n a l o g e n u n d e b e n s o vielseitig v e r w e n d b a r e n F e i n d b i l d i n G e s t a l t d e s A n t i k o m m u n i s m u s 2 9 . So n a h e l i e g e n d u n d b a r a l l e r g e s e l l s c h a f t l i c h e n S p r e n g k r a f t d a s auc h ist, w ä r e n ä h n l i c h e E n t s c h l i e ß u n g e n auf e i n e r H i s t o r i k e r v e r s a m m l u n g doch b i s h e r k a u m vorstellbar.

B r e n n p u n k t Palästina. Israels Prophetie macht Geschichte, Wuppertal 1961, S. 90, ist die Rede von beiderseitigen „Anstrengungen, die innere Zersetzung der Massen aufzuhalten". Vgl. auch Otto Veit, Christlichjüdische Koexistenz, F r a n k f u r t 1965, S. 132, sowie die A u s f ü h r u n g e n von K. H. Rengstorf auf der Studientagung „Kirche un d J u d e n t u m " des „Deutschen Evangelischen Ausschusses f ü r Dienst an Israel", in: Freiburger Rundbrief 7 (April 1950), S. 14. 25 F ü r viele Theologen w a r und ist die J u d e n f r a g e eine „Glaubensfrage" un d nicht eine soziale und ökonomische, der Antisemitismus in erster Linie n u r eine unchristliche und religionsfeindliche Haltung. Vgl. u . a . Schäble, a.a.O., S. 21; Gerhard Jasper, Vom Sinn der Wiedergutmachung an Israel, Gütersloh o. J., S. 4; Erica Küppers, Arbeitshilfe zur Behandlun g der J u d e n f r a g e , F r a n k f u r t 1950, S. 6 ff. 26 Die ersten Anregungen f ü r die Behandlung der jüdischen Geschichte un d der deutsch-jüdischen Beziehungen im Schulunterricht gingen von der Gesellschaft f ü r christlich-jüdische Zusammenarbeit aus; siehe GWU 5 (1954), S. 438 f. 1965 forderte die Arbeitsgemeinschaft J u d e n und Christen des Evangelischen Kirchentages dringend die Ü b e r p r ü f u n g der Schulbücher auf antisemitische Tendenzen und die Einsetzung einer Sachverständigenkommission zur Neufassung von Schulbüchern gemäß dem Stand der Wissenschaft; siehe Das gespaltene Gottesvolk. Im A u f t r a g der Arbeitsgemeinschaft J u d e n un d Christen beim Deutschen Evangelischen Kirchentag hrsg. von Helmut Gollwitzer und Eleonore Sterling, Stuttgart/ Berlin 1966, S. 144 f. 27 Ebda., S. 63. 28 Der ungekündigte Bund. Neue Begegnung zwischen J u d e n und christlicher Gemeinde. Im A u f t r a g der Arbeitsgemeinschaft J u d e n und Christen beim Deutschen Evangelischen Kirchentag hrsg. von Dietrich Goldschmidt un d Hans-Joachim Kraus, Stuttgar t 1962, S. 124. Vgl. auch die anschließende Kontroverse zwischen Goldschmidt u n d dem Bundespresseamt, in: Diskussion, 2. Jg. (Nov. 1961), S. 2 ff. 29 Z. B. Dietrich Goldschmidt auf dem Evangelischen Kirchentag 1961 ; Der ungekündigte Bund, a.a.O., S. 129; Heer, a.a.O., S. 581; vgl. auch Helm u t Gollwitzer, Forderunge n der Freiheit. Aufsätze und Reden zur politischen Ethik, München 1962, S. 247 ff.

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Fast immer die Theologen, fast nie die Historiker stellten auch die Redner, wenn sich innerhalb der Hochschulen ein Wort zu den Themen Antisemitismus, Judenvernichtung und Israel nicht gänzlich umgehen ließ. 1952, auf der vermutlich ersten großen Gedenkveranstaltung, die von der Universität Tübingen zur Judenvernichtung abgehalten wurde, sprach der katholische Philosoph Romano Guardini 3 0 . Als die Deutsche Hochschule f ü r Politik in Berlin 1953 eine Vortragsreihe über die „Judenfrage" veranstaltete, war offenbar unter sämtlichen Berliner Professoren niemand willens oder in der Lage, sich dazu zu äußern; so kam ein 20 Jahre zuvor in die USA emigrierter Theologe: Paul Tillich 31 . 1958 feierte die FU Berlin den 10. Jahrestag der Staatsgründung Israels; Festredner war der Theologe Helmut Gollwitzer 32 . Auch andere Disziplinen, insbesondere die Philosophie, Soziologie, Psychologie und Pädagogik haben sich mehrfach zu Wort gemeldet 33 . Im gleichen Zusammenhang ist die Aktivität der Studentenschaft hervorzuheben. Nicht etwa von Hochschuldozenten oder Lehrerverbänden, sondern vom VDS ging 1959/60 der Anstoß aus für die erste kritische Bestandsaufnahme der Darstellung von Judentum und Antisemitismus in den Geschichtsbüchern an westdeutschen Schulen und gleichzeitig f ü r ein durchdachtes Konzept f ü r die Behandlung dieser Probleme im Schulunterricht 34 . Die Beschäftigung mit dem Staat Israel an den Hochschulen blieb jahrelang hauptsäch30 Romano Guardini, Gedanken zur jüdischen Frage; abgedruckt u. a. in GWU 3 (1952), S. 449 ff. 31 P a u l Tillich, Die J u d e n f r a g e , ein christliches und ein deutsches Problem. 4 Vorträge, gehalten an der Deutschen Hochschule f ü r Politik, Berlin 1953. 32 Helmut Gollwitzer, Israel un d wir. Berlin 1958. 33 Zu nennen w ä r e n u. a. aus der Philosophie K a r l Jaspers, Die Schuldfrage, Heidelberg 1946; aus der Psychologie Michael Müller-Claudius, Der Antisemitismus u n d das deutsche Verhängnis. F r a n k f u r t 1948; Hanno Kremer, Zur Psychologie des Antisemitismus, in: Das Argument 16 (1960), S. 6 ff.; vor allem das Symposion ü b e r die psychologischen und sozialen Voraussetzungen des Antisemitismus auf dem 4. Kongreß der Deutschen Gesellschaft f ü r Psychotherapie und Tiefenpsychologie 1962; die Referate un d Diskussionsbeiträge sind abgedruckt in: Psyche 16 (1962/63), S. 241 ff. — Aus der Pädagogik Hans-Jochen Gamm, Judentumskunde. Eine Einführung , München 1964; ders., Pädagogische Studien zum Problem der Judenfeindschaft. Ein Beitrag zur Vorurteilsforschung, Neuwied 1966; Wolfgang Hochheimer, Zur Psychologie von Antisemitismus un d Möglichkeiten seiner Prophylaxe, in: Die deutsche Schule 56 (1964), S. 257 ff. — Aus der Soziologie Dietrich Goldschmidt, Zur Soziologie des Antisemitismus, Tutzing 1960 (Schriften der Akademie f ü r polit. Bildung, Reihe A, H e f t 13), abgedruckt auch in: Das Argument 16, S. 24 ff.; vgl. auch den schon zitierten Aufsatz Adornos, ebda., Nr. 29, S. 88 ff.; H e r m a n n Huss und Andreas Schröder (Hrsg.), Antisemitismus. Zur Pathologie der bürgerlichen Gesellschaft, F r a n k f u r t 1965. 34 Erziehungswesen und J u d e n t u m . Die Darstellung des Judentums in der Lehrerbildun g und im Schulunterricht. Hrsg. vom Verband Deutscher Studentenschaften, München 1960.

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lieh den von Studenten getragenen Deutsch-Israelischen Studiengruppen überlassen. Im Zuge der Studentenbewegung lösten sie sich in der zweiten Hälfte der 60er Jahre als erste von dem in der BRD dominierenden einseitigen Israel-Klischee zugunsten einer kritischen Analyse, die den arabischen Standpunkt im Nahostkonflikt zur Kenntnis nahm und anhand der Verbindungen der beteiligten Länder mit den Industriemächten den Blick auf die jeweiligen sozioökonomischen Verhältnisse und Interessen lenkte 35 . Die öffentliche Wirksamkeit f ü r eine Überwindung antisemitischer Ressentiments, f ü r „Wiedergutmachung" und „Aussöhnung" zwischen Deutschen und Juden — dabei schimmerte die vor allem von außenpolitischen Rücksichten diktierte Alibiabsicht häufig nur allzu deutlich durch das verwaschene Gewebe aus Floskeln vorgeblichen Gesinnungswandels 36 —, später auch die Propagierung der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen der BRD und Israel schließlich war das Betätigungsfeld privater Unternehmungen wie der Aktionen „Friede mit Israel" und „Ölbaumspende", der Gesellschaften f ü r christlichjüdische Zusammenarbeit, die seit 1952 alljährlich die Woche der Brüderlichkeit abhielten, sowie eines Teiles der Publizistik, mancher Politiker, Gewerkschaften und überdies allerlei Sonntagsredner. Auch hieran haben sich kirchliche Kreise und nicht zuletzt die Studenten z. T. maßgeblich beteiligt 37 , während von einem Engagement von Historikern nichts verlautet. Die professionelle bundesrepublikanische Geschichtswissenschaft hüllte sich in Schweigen. Kein westdeutscher Historikertag der Nachkriegszeit hat es f ü r nötig befunden, die Punkte Judentum, Antisemitismus und Zionismus auf die Tagesordnung zu setzen. In den erwähnten konfessionellen Foren ist mit Mühe ein UniversitätsHistoriker zu entdecken 38 . Die exklusive „Historische Zeitschrift", 35 Dieser Wandel ist dokumentiert in der von den Deutsch-Israelischen Studiengruppen seit 1960 herausgegebenen Zeitschrift „Diskussion. Zeitschrift f ü r Probleme der Gesellschaft un d der deutsch-israelischen Beziehungen", Berlin. 36 Diese Alibifunktion ist besonders deutlich, wenngleich völlig u n kritisch dokumentiert bei Rolf Vogel (Hrsg.), Deutschlands Weg nach Israel, S t u t t g a r t 1967. 37 Vgl. hierzu Erich Lüth, Viel Steine lagen am Weg. Ein Querkopf berichtet, H a m b u r g 1966, S. 270 ff.; J ö r g Seelbach, Die A u f n a h m e diplomatischer Beziehungen zu Israel als Problem der deutschen Politik seit 1955, Meisenheim 1970 (Marburger Abhandlungen zur Polit. Wiss., Bd. 19), S. 4 ff., 36 ff., 114 ff. Außerde m Diskussion, passim; Heinrich Kerlen, Deutschland un d Israel. Eine Materialsammlung, Berlin 1964. 38 Siehe die Mitgliederverzeichnisse der Arbeitsgruppe J u d e n und Christen des Kirchentages, in: Der ungekündigte Bund, a.a.O., S. 312 f., un d Das gespaltene Gottesvolk, a.a.O., S. 353 ff. Eines der f ü h r e n d e n Mitglieder des Herausgeberkreises des kath. „Freiburger Rundbriefes", Karl Thieme, w a r zwar lange Zeit Professor f ü r europäische Geschichte a m Auslandsinstitut der Universität Mainz in Germersheim, ist aber seinem ganzen Werk wie seiner Interessenrichtung nach eher den Theologen zuzurechnen.

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die ab 1937 den Mitarbeitern der „Forschungsabteilung Judenfrage" ihre Spalten hatte öffnen müssen — sie tat das freilich nur in gebührender Absetzung von den Beiträgen der Ordinarien, sozusagen unter dem Strich — fand in der römischen Kaiserzeit oder der bayerischen Landesgeschichte im frühen Mittelalter würdigere Untersuchungsgegenstände als etwa Ursachen und Folgen des Antisemitismus. In den 25 Jahren von 1946—1970 brachte sie an Artikeln, die sich in irgendeiner Weise mit dem nachbiblischen Judentum befassen, lediglich eine ausführliche Rezension von Heibers Monographie über das Reichsinstitut 39 und einen Briefwechsel zwischen Theodor Mommsen und dem jüdischen Philologen Jacob Bernays, wobei es sich nur um einen Vorabdruck aus dem 3. Band von Wickerts Mommsen-Biographie handelte 4 0 . Die „Vierteljahreshefte f ü r Sozial- und Wirtschaftsgeschichte" enthalten im gleichen Zeitraum nur zwei kurze Rezensionen von Untersuchungen jüdischer Autoren 4 1 sowie eine längere Abhandlung über die soziale Lage der Juden im Hochmittelalter 42 . — Etwas günstiger sieht die Statistik f ü r die „Geschichte in Wissenschaft und Unterricht" aus, die wegen ihrer Verbreitung unter Geschichtslehrern wichtigste Zeitschrift. Sie enthält von 1951—1960 immerhin 5 Artikel, die sich mit dem Judentum befassen. Nur einer davon aber behandelt den Staat Israel, ein anderer den Antisemitismus — und der stammt nicht von einem Historiker und hat kaum Erkenntniswert 4 3 . Erst nachdem die antisemitische Welle am Ende der 50er Jahre und die unzureichenden Kenntnisse der Schüler über Nationalsozialismus, Antisemitismus und Judenverfolgung den Gesichtslehrern schwere Vorwürfe eingetragen hatten 4 4 , vermehrten sich die einschlägigen Beiträge nach Anzahl wie Umfang, nicht unbedingt auch nach Qualität. — In jüdischen Fachzeitschriften wie der „Historia Judaica", den „Jewish Social Studies" oder den Jahrbüchern des Leo-Baeck-Instituts sucht man die Namen bundesrepublikanischer Historiker nahezu vollkommen vergeblich. 39 Rudolf Vierhaus, Walter F r a n k und die Geschichtswissenschaft im nationalsozialistischen Deutschland, in: HZ 207 (1968), S. 617 ff. 40 Lothar Wickert, Theodor Mommsen und Jacob Bernays. Ein Beitrag zur Geschichte des deutschen Judentums . Zu Mommsens 150. Geburtstag, in: HZ 205 (1967), S. 265 ff. 41 Selma Stern-Täubler , Zur Rechts- un d Sozialgeschichte der Juden Deutschlands im Mittelalter (Rezension von Guido Kisch, Forschungen zur Sozialgeschichte der J u d e n Deutschlands im Mittelalter, Zürich 1955), in: Vierteljahreshefte f ü r Sozial- un d Wirtschaftsgeschichte 45 (1958), S. 389 ff.; P e t er Baumgart, Zur Geschichte der J u d e n im absoluten Staat (Rezension von Selma Stern, Der preußische Staat und die Juden, Tübingen 1962), ebda., Bd. 51 (1964), S. 101 ff. 42 Volkert P f a f f , Die soziale Stellung des J u d e n t u m s in der Auseinandersetzung zwischen Kaiser u n d Kirche vom 3. bis zum 4. Laterankonzil (1179—1215), ebda., Bd. 52 (1965), S. 168 ff. 43 Es handelt sich u m die bereits zitierte Tübinger Universitätsrede Romano Guardinis; s. Anm. 28. 44 Siehe dazu die Erklärungen des Verbandes der Geschichtslehrer Deutschlands un d des Deutschen Ausschusses f ü r das Erziehungs- und Bildungswesen, in: GWU 11 (1960), S. 1 f. bzw. 129 ff.

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Entsprechend gering ist die Zahl westdeutscher Einzelveröffentlichungen. Eine Bibliographie der von 1922—1955 erschienenen Dissertationen zur jüdischen Geschichte 45 verzeichnet nach 1945 in der BRD 24 theologische, 14 philosophische, je 5 medizinische und volkswirtschaftliche sowie 2 juristische Arbeiten. Von den 14 philosophischen befassen sich die meisten mit unverfänglichen Themen der Antike oder der Philologie; von den f ü r unser Thema verbleibenden drei relevanten Arbeiten stammen zwei von jüdischen Autoren 46 , so daß nur eine einzige Dissertation eines nicht-jüdischen Verfassers übrigbleibt 47 . Darüber hinaus ist aus den 50er Jahren nur noch die Untersuchung von Hermann Kellenbenz über jüdische Kaufleute in Norddeutschland erwähnenswert 4 8 . Dabei handelt es sich freilich um das Spätprodukt eines 1939 erteilten Forschungsauftrages von Walter Franks Reichsinstitut, das schon 1944 fertiggestellt, jedoch wegen des Wandels der Zeitläufte erst nach geziemender Pause und vielleicht manch angeratenen Korrekturen ans Licht gebracht wurde 4 0 . — Bis 1967 hat sich an diesem Zustand wenig geändert. Dem Schweigen der etablierten Historiographie in den 50er Jahren entspricht der Zustand der Wissenschaftsorganisation. Nach der Liquidierung der NS-Institute wurde die Erforschung der jüdischen Geschichte und des ganzen Komplexes der deutsch-jüdischen Beziehungen sofort wieder zur unbestrittenen Domäne jüdischer Wissenschaftler. Das gilt auch f ü r alle Fragen, die mit der Gründung des Staates Israel zusammenhängen. Da die einst führenden Forschungsstätten der Wissenschaft vom Judentum in Deutschland vom Faschismus zur Emigration gezwungen worden waren, verlagerten sich überdies ihre Schwerpunkte nach 1933 nach England, den USA und Israel 50 . Die räumliche Entfernung verringerte ihre zuvor schon 45 Guido Kisch/Kurt Roepke, Schriften zur Geschichte der Juden. Eine Bibliographie der in Deutschland und der Schweiz 1922—1955 erschienenen Dissertationen, Tübingen 1959. 46 Hans Lamm, Über die innere und äußere Entwicklung des deutschen J u d e n t u m s im 3. Reich, Diss.phil. Erlangen 1951 (Ms.); Eleonore SterlingOppenheimer, Die A n f ä n ge des politischen Judenhasses in Deutschland. Ein Beitrag zur Geschichte der christlich-jüdischen Beziehungen von der Restaurationszeit bis 1848, Diss.phil. F r a n k f u r t 1955; veröff. u n t er dem Titel: Er ist wie du. Aus der Frühzeit des Antisemitismus in Deutschland 1815—1850, München 1956; 2. Aufl.: J u d e n h a ß . Die A n f ä n g e des politischen Antisemitismus in Deutschland (1915—50), F r a n k f u r t 1969. 47 Martin Broszat, Die antisemitische Bewegung im wilhelminischen Deutschland, Diss.phil. Köln 1953 (Ms.) 48 H e r m a n n Kellenbenz, Sephardim an der unteren Elbe. Ihre w i r t schaftliche un d politische Bedeutung vom Ende des 16. bis zum Beginn des 18. J a h r h u n d e r t s , Wiesbaden 1958 (Beiheft 40 der Vierteljahreshefte f ü r Sozial- und Wirtschaftsgeschichte). 49 Siehe hierzu Heiber, a.a.O., S. 456 f. 50 Die wichtigsten sind die Wiener Library, seit 1939 in London, das 1955 von deutschstämmigen J u d e n gegründete Leo-Baeck-Institut mit Niederlassungen in Jerusalem, London und New York sowie Yad Vashem in Jerusalem, gegr. 1953; siehe hierzu Schochow, a.a.O., S. 215 ff.

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minimale Kommunikation mit der deutschen Wissenschaft noch weiter und vereitelte jetzt manche der nicht eben zahlreichen Bemühungen, eine Verbindung herzustellen oder zu intensivieren. Zunächst konzentrierten sich diese Bemühungen wiederum auf die theologischen Fakultäten, wobei das alte Motiv der Judenmission munter weiterlebte 5 1 . Immerhin war es ein Novum, daß in den 50er Jahren — mitunter auf studentische Initiative — an manchen Hochschulen auch in den philosophischen Fakultäten Honorar- oder Gastprofessuren bzw. -dozenturen f ü r die Wissenschaft vom Judentum eingerichtet wurden, „die indessen oft im Wechsel mit Hochschulen im (westlichen) Ausland ausgeübt werden, eine kontinuierliche Pflege dieses Faches folglich nicht gewährleisten und überdies f ü r gewöhnlich des Rückhaltes an einem Institut oder Seminar entbehren 6 2 ". Ein solcher Betrieb konnte kein anderes Ergebnis haben, als daß „derzeit an den deutschen Universitäten und Hochschulen eine ausgesprochene Wissensvermittlung über Judentum und Antisemitismus nur gelegentlich und an fast sämtlichen Anstalten geradezu planlos und zufällig geschieht 53 ". Die Mehrheit der Studenten wurde nicht in die Lage versetzt, „selbst ein Bild von der Gesamtproblematik Judentum und Antisemitismus zu gewinnen 54 ". Noch schlechter war es unter diesen Voraussetzungen mit der Behandlung dieser Themen in den an den Schulen gebräuchlichen Geschichtsbüchern bestellt 55 . Noch 1965 wiesen sie, „insbesondere f ü r die Fächer Religion und Geschichte, . . . oft starke antisemitische Tendenzen auf 5 6 ". Einige institutionelle Verbesserungen waren erst nach der Welle antisemitischer Schmierereien an Synagogen und jüdischen Friedhöfen 1959/6057 (auch jetzt fast immer erst auf Druck von außen, insbesondere von studentischer Seite) sowie im Zuge der Belebung 51 Siehe ebda., S. 68, 244; ausdrücklich bei Gerhar d Jasper, Wandlungen im J u d e n t u m . Die gegenwärtige geistige Situation des Judentums im Blickfeld der Kirche, Stuttgar t 1954, S. 48: „Es ist un d bleibt unsere A u f g a be als Christen, allen Völkern, also auch den Juden, das Evangelium zu bringen, ob sie es hören wollen oder nicht." 52 Schochow, a.a.O., S. 234. 53 E k k e h a r t Krippendorf, in: Erziehungswesen un d Judentum, a.a.O., S. 93. 54 Krippendorf, ebda., S. 94. 55 Siehe ebda., S. 59 ff. ; vgl. auch Konrad Schilling, Beitrag zur Beh a n d l u ng von J u d e n t u m un d Antisemitismus im Oberstufenunterricht, in: GWU 11 (1960), S. 134 ff., sowie die — bezeichnenderweise wiederum von Israelis durchgeführte — Analyse von Saul B. Robinsohn und Chaim Schatzker, Jüdische Geschichte in deutschen Geschichtslehrbüchern, Braunschweig 1963 (Schriftenreihe des Internationalen Schulbuchinstituts, 7. Bd.). 56 Resolution der Arbeitsgemeinschaften J u d e n und Christen des Evangelischen Kirchentages, Köln 1965, abgedruckt in: Das gespaltene Gottesvolk, a.a.O., S. 144. 57 Zur Kritik der öffentlichen Reaktion auf diese Vorfälle vgl. Gerhard Schönberner, Das Menetekel von Köln, in: Das Argument 16, S. 40 ff.; P e t er Schönbach, Reaktionen auf die antisemitische Welle im Winter 1959/60, F r a n k f u r t 1961.

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Zionismus und der Staat Israel

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der Verbindungen zwischen Israel und der BRD bis zur Aufnahme der diplomatischen Beziehungen 1965 zu verzeichnen. Durch die Errichtung besonderer Lehrstühle erhielt die Wissenschaft vom Judentum an einigen Universitäten festere Lehr- und Wirkungsformen 5 8 . Ebenfalls kam jetzt die Gründung einiger Forschungsstellen zustande, die sich hauptsächlich oder ausschließlich der Geschichte der deutschen Juden widmen 59 . Jedoch sind sie weder ihrer bibliothekarischen und archivalischen Ausstattung, ihren finanziellen Mitteln noch dem Mitarbeiterstab nach den großen ausländischen Instituten zu vergleichen. Zwar ist nicht zuletzt dank dieser institutionellen Hilfen die Zahl der Publikationen bundesrepublikanischer Historiker zu jüdischen Fragen im Laufe der 60er Jahre angestiegen 60 . Trotzdem ist ihr Beitrag zu einer wirklichen Analyse des Antisemitismus oder zur Vorgeschichte, Politik und Gesellschaft des Staates Israel einstweilen noch immer als gering und ihre Einwirkung auf das vorherrschende Geschichtsbild als unbedeutend zu veranschlagen. Der Strom von Büchern, die in der BRD erschienen sind und auf mannigfache Weise die Beziehungen zwischen Deutschen und Juden behandeln, ist im wesentlichen fernab der Hochschulhistoriker entsprungen. Dabei läßt sich, grob geordnet, etwa folgende Arbeitsteilung unter den Autoren feststellen: 1. Die zahlreichen Werke, die sich mit der allgemeinen Geschichte der Juden in Deutschland 61 sowie in einzelnen deutschen Orten und 58 Siehe Schochow, a.a.O., S. 235. 59 Siehe ebda., S. 249 ff. 60 A u ß e r den schon genannten Untersuchungen von Schochow und Zechlin/Bieber w ä r e n zu e r w ä h n e n : das Bulletin der Germania Judaica, Köln, 1960 ff.; das Handbuch zur Ausstellung „Monumenta Judaica", 2000 J a h r e Geschichte un d K u l t ur der J u d e n am Rhein, Im A u f t r a g der Stadt Köln hrsg. von K o n r a d Schilling, 2. verb. Aufl., Köln 1964; Reinhard Rürup, Die Judenemanzipation in Baden, in: Zs. f. d. Gesch. des Oberrheins 114 (1966), S. 241 f.; ders., Judenemanzipation und bürgerliche Gesellschaft, in: Gedenkschrift Martin Göhring, Studien zur europäischen Geschichte, Wiesbaden 1968, S. 174 ff.; Max Aschkewitz, Zur Geschichte der J u d e n in Westpreußen, Marbur g 1967 (Wiss.Beiträge zur Gesch. und Landeskund e Ostmitteleuropas, hrsg. vom Joh.-Gottfried-Herdar-Institut, Nr. 81) ; Stefan Wenzel, Jüdische Bürger und k o m m u n a l e Selbstverwaltung in preußischen Städten 1808—1848, Berlin 1967; Helga Krohn, Die J u d e n in H a m b u r g 1800—1850. I h r e soziale, kulturelle un d politische Entwicklung w ä h r e n d der Emanzipationszeit, F r a n k f u r t 1967 (Hamb. Studien zur neueren Geschichte, Bd. 9); Gerhar d Schramm, Die Ostjuden als soziales Problem des 19. J a h r h u n d e r t s , in: Gesellschaft, Recht und Politik. Festschrift f ü r Wolfgang Abendroth, Neuwied und Berlin 1968, S. 353 ff.; H a n s Helmuth Knuetter, Die J u d e n un d die deutsche Linke der Weimarer R e publik 1918—33, Düsseldorf 1971 (Bonner Schriften zur Politik und Zeitgeschichte, 4); die Dissertation von Winfried Döbertin, Der Zionismus Theodor Herzls. Ein ideengeschichtlicher Beitrag zu den historischen Voraussetzungen des Staates Israel, H a m b u r g 1964, ist wertlos. Zur Liter a t u r ü b e r Israel siehe unten. 61 H. G. Adler, Die J u d e n in Deutschland. Von der A u f k l ä r u n g bis zum Nationalsozialismus, München 1960; Wanda K a m p m a n n , Deutsche und

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Landschaften befassen, stammen überwiegend von jüdischen Verfassern, oft von solchen, die seit Jahrzehnten in Israel, in den USA, in Guatemala oder anderswo leben 62 . Bei manchen handelt es sich um Arbeiten, die schon vor 1933 von deutschen Juden angefertigt worden sind 63 . Nur wenige sind von Stadt- oder Landesarchivaren verfaßt, eine Mitarbeit von Hochschulhistorikern ist äußerst selten. Außer einem dokumentarischen besitzt diese Büchergattung meist nur einen geringen Erkenntniswert — abgesehen davon, daß aufgrund ihrer Entstehungsumstände die Zeit von 1933—45 taktvolleroder erzwungenerweise oft nur flüchtig oder gar nicht erwähnt wird. Dafür sind fast alle diese Publikationen mit öffentlichen Geldern finanziert und um wohlklingende moralische Appelle von Bürgermeistern und Ministern an politische Verantwortung und menschliche Verpflichtung bereichert worden. In welchem Ausmaß indessen derlei offizielle Aktivität als Alibi f ü r Restauration dient, wie sog. Vergangenheitsbewältigung als Wahrheitsvernichtung auftritt und mit welchen Mitteln die Verheimlichung der wirklichen Geschehnisse und Verantwortlichkeiten im Interesse von vor, während und nach dem Faschismus gleichermaßen herrschenden Gruppen betrieben wird, ist am Beispiel der Entstehungsgeschichte der Paderborner Gedenkschrift, die die restaurative Absicht unbeschwerten Gewissens bereits im Titel verkündet, ausführlich bei Günter Wallraf nachzulesen 64 . Es wäre wahrscheinlich verwegen anzunehmen, daß es sich hierbei um einen Einzelfall handeln könnte. 2. D i e w i s s e n s c h a f t l i c h r e l e v a n t e L i t e r a t u r z u r E n t s t e h u n g des A n t i s e m i t i s m u s i n D e u t s c h l a n d ist f a s t g ä n z l i c h i m A u s l a n d e n t J u d e n . Studien zur Geschichte des deutschen J u d e n t u m s , Heidelberg 1963; Deutsches J u d e n t u m — Aufstieg und Krise. Gestalten, Ideen, Werke. 14 Monographien, hrsg. von Robert Weltsch, S t u t t g a r t 1963; von den 24 Autoren des von Franz Böhm und Walter Dirks hrsg. Sammelwerkes: J u d e n t u m — Schicksal, Wesen und Gegenwart, 2 Bde., Wiesbaden 1965, sind etwa die H ä l f t e jüdische Wissenschaftler, u n t e r den nichtjüdischen befinden sich n u r zwei Historiker. 62 Z. B. Ludwig Rosenthal, Zur Geschichte der J u d e n im Gebiet der ehem. Grafschaft H a n a u u n t e r bes. Berücksichtigung der J u d e n in Bergen bei F r a n k f u r t a. M. u n d der dortigen Vorfahre n des Verfassers vom 17. bis 19. J h . Ein Beitrag zur Geschichte der deutschen Juden, Hanauer Geschichtsblätter 19 (1963); der Autor lebt seit der NS-Zeit in Guatemala. Leo Trepp, Die Landesgemeinde der J u d e n in Oldenburg (1827—1938), Keimzelle jüdischen Lebens und Spiegel jüdischen Schicksais, Oldenburg 1965; der Autor w a r der letzte Landesrabbiner von Oldenburg und lebt seit 30 J a h r e n als Professor d e r Philosophie un d Geisteswissenschaften in Kalifornien. 63 Z. B. David Alexander Winter, Geschichte der jüdischen Gemeinde in Moisling/Lübeck. Mit einer Biographie des Verfassers von Hans Chanoch Meyer, Lübeck 1968. Der Autor w a r von 1921—38 Rabbiner in Lübeck und hat das Manuskript 1928—33 verfaßt. 64 B a u n wir doch aufs neue das alte Haus. Jüdisches Schicksal in P a derborn, hrsg. von der Stadt Paderborn, Paderborn 1964; siehe dazu G ü n t e r Wallraf, 13 unerwünschte Reportagen, Berlin 21971, S. 120 ff.

Antisemitismus,

Zionismus

und der Staat

Israel

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standen, vorzugsweise an den erwähnten Forschungsinstituten u nd v o n e m i g r i e r t e n d e u t s c h e n J u d e n g e s c h r i e b e n 6 S . I h r V o r s p r u n g ist so g r o ß , d a ß sich d i e e r s t s e i t M i t t e d e r 60er J a h r e f e s t z u s t e l l e n d e B e t e i ligung bundesrepublikanischer Historiker zunächst ebenfalls im Rahm e n der Veröffentlichungen dieser Institute hält66. Die monographische E r f o r s c h u n g d e r s o z i a l e n B a s i s d e s A n t i s e m i t i s m u s u n d s e i n e r W i r k u n g s m e c h a n i s m e n s t e h t noc h g a n z a m A n f a n g 67 , e i n e z u f r i e d e n s t e l l e n d e G e s a m t d a r s t e l l u n g ist noch n i c h t a b z u s e h e n . Ä h n l i c h e s g i l t f ü r die n a t i o n a l s o z i a l i s t i s c h e J u d e n p o l i t i k . A u c h d a r ü b e r s i n d di e w i c h t i g s t e n U n t e r s u c h u n g e n u n d D o k u m e n t a t i o n e n v o n den Betroffenen selbst verfaßt68. Der Beitrag der westdeutschen F o r s c h u n g , d i e sich h i e r f ü r i m M ü n c h e n e r I n s t i t u t f ü r Z e i t g e s c h i c h t e k o n z e n t r i e r t , b e s c h r ä n k t sich i m w e s e n t l i c h e n auf d i e o r g a n i s a t o r i sche u n d t e c h n i s c h e E n t - u n d A b w i c k l u n g , o h n e sich d e n V o r a u s setzungen z u z u w e n d e n . D e r einzige A u f s a t z der „ V i e r t e l j a h r e s h e f t e f ü r Zeitgeschichte", d e r diese G r e n z e überschreitet, s t a m m t v o m Generaldirekto r des Zionistischen Archivs in Jerusalem 69 . Die diver65 Max Horkheimer u n d Th. W. Adorno, Elemente des Antisemitismus, in: dies., Dialektik der A u f k l ä r u n g (1947), S. 199 ff.; J a m e s Parkes, Antisemitismus. Ein Feind des Volkes, N ü r n b e r g 1948 (Original Penguin Books 1945); ders., Antisemitismus, München 1964 (Orig. London 1963); Paul W. Massing, Vorgeschichte des politischen Antisemitismus, F r a n k f u r t 1959 (Orig. New York 1949 in der von Max Horkheimer und Samuel F l o w e r m a n hrsg. Reihe „Studies in Prejudice"); H a n n a h Arendt, Elemente und U r s p r ü n ge totaler Herrschaft, F r a n k f u r t 1962 (Orig. New York 1955) ; Eva G. Reichmann, Die Flucht in den Haß, Die Ursachen d e r deutschen J u d e n katastrophe, F r a n k f u r t 1956 (Orig. London o. J.); Peter G. J. Pulzer, Die Entstehung des politischen Antisemitismus in Deutschland und Österreich 1867—1914, Gütersloh 1966 (Orig. London 1964). 66 Siehe die Aufsätze von Hans Paul Bahrdt, Hans-Helmuth Knütter, Hans-Joachim K r a u s un d K a r l Thieme, in: Entscheidungsjahr 1932. Zur J u d e n f r a g e in der E n d p h a s e der Weimarer Republik. Ein Sammelband, hrsg. von W e r n er E. Mosse u n t e r Mitwirkung von Arnold Paucker, Tübingen 1965 (Schriftenreihe wiss. Abhandlunge n des Leo-Baeck-Instituts, 13), sowie die Beiträge von W e r n er Becker, Wilhelm Treue und Werner Jochm a n n , in: Deutsches J u d e n t u m in Krieg und Revolution 1916—1923. Ein Sammelband, hrsg. von Werner E. Mosse u n t e r Mitwirkung von Arnold Paucker, Tübingen 1971 (Schriftenreihe wiss. Abhandlungen des LeoBaeck-Instituts, 25.). 67 N e n n e n s w e rt vor allem H a n s - J ü r g e n Puhle, Agrarische Interessenpolitik und preußischer Konservativismus im wilhelminischen Reich, 1893 bis 1914, Hannover 1966; Iris Hamel, Völkischer Verband und nationale Gewerkschaft. Der Deutschnationale Handlungsgehüf en verband 1893— 1933, F r a n k f u r t 1967; U w e Lohalm, Völkischer Radikalismus. Die Geschichte des Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbundes 1919—23, H a m b u r g 1970. 68 Gerald Reitlinger, Die Endlösung. Hitlers Versuch zur Ausrottung der J u d e n Europas 1939—45, Berlin , Großhandel 9,3 %, Banken 4,8 °/o, Kleinindustrie 9,6 %, Kleinhandel 4,7°/o, Handwerk 6,8 °/o, Landwirtschaft 4,4 %, Höhere Beamte 19,0 °/o, mittlere und

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, Besprechungen

untere Beamte 5,5 °/o, freie Berufe 7,5 °/o, Militär 3,3 °/o, Parteibeamte 5,4 % und Arbeiter und Angestellte je 1,5 °/o. Diese in den Relationen sicher stimmige Aufschlüsselung leidet indes nicht nur an mangelnder begrifflicher Differenzierung („Groß- und Mittelindustrie", „Landwirtschaft", „Freie Berufe", „Militär"), sondern vor allem darunter, daß einmal das Gewicht der einzelnen gewerblichen Gruppen innerhalb des kapitalistischen Systems einigermaßen unscharf bleibt, dann aber auch darunter, daß die Interessenkonflikte innerhalb „der" Wirtschaft wenig in Erscheinung treten. In welcher Form z. B. kooperierten Banken (deren Einfluß Döhn übrigens viel zu harmlos einschätzt), Elektro-, Chemie-, Maschinenbau- und verarbeitende Industrie? Wo lagen andererseits die Interessendivergenzen zwischen Rohstoffsyndikaten und exportierender Fertigwarenindustrie? Wie wirkten sich diese Konflikte innerhalb dieser Gruppen selbst aus, und wie wirkten sie auf den Entscheidungsprozeß innerhalb der Parteispitze zurück? Wo lagen auf sozialpolitischem Gebiet die Interessenkonflikte? Hier hätten (bes. 114 ff.) neuere Forschungen einbezogen werden müssen. Die höchst aufschlußreichen Zusammenstellungen Döhns (die in einem Anhang gesondert spezifiziert werden), die die enge personelle Verfilzung der DVP mit Branchen, pressure groups, industriellen Spitzenverbänden (RDI, DIHT) in ganzer Breite aufweisen, können nur Vorarbeit f ü r weitere Detailanalysen sein. Fehlt die wirtschaftliche und wirtschaftspolitische Dimension mehr oder weniger völlig, so bringt der Verfasser eingehender längere Exkurse zur sozialpolitischen Auseinandersetzung zwischen Angestellten- und Beamteninteressen einerseits und den Pressionen der industriellen Gruppen andererseits. Die Ausführungen zur Kulturpolitik am Beispiel „DVP und protestantische Kirche" und zum Verhältnis der Partei zu den nationalistischen Agitationsvereinen (am Beispiel des „Stahlhelms" und des Alldeutschen Verbandes) tragen mehr marginalienhaften Charakter. Auch hier ersetzt die zum Teil reichlich ausufernde ideologiekritische Bestandsaufnahme nicht die notwendige Aufdeckung sozioökonomischer Klassenpositionen. Trotz ihrer Schwächen bietet Döhns Arbeit die bisher sorgfältigste Untersuchung der DVP, nicht zuletzt aufgrund der Ausbreitung bisher unbekannten Quellenmaterials. Der Nachweis, daß die Interessen der Wirtschaft und der mit ihr eng verknüpften DVP beide seit 1930 in „Grundfragen mehr oder minder zu einem Gleichklang mit faschistischen Ideologien" (227) führten, bestätigt die Thesen F. Kleins, E. Czichons und G. W. Hallgartens. Dirk Stegmann (Hamburg) Jenschke, Bernhard: Z u r K r i t i k d e r k o n s e r v a t i v - r e v o l u t i o n ä r e n I d e o l o g i e in d e r W e i m a r e r Repub l i k . Weltanschauung und Politik bei Edgar Julius Jung. Verlag C. H. Beck, München 1971 (200 S., L n , 35,— DM). Das Dilemma des Konservativismus — speziell des deutschen im 20. Jahrhundert — ist weniger eines von „irrational" ausgerichteten

Besprechungen

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Intellektuellen, die sich, um ihre Positionen und Begriffe vorstellen zu können, des Mediums eines „aufklärerischen Rationalismus" bedienen müssen (so M. Greiffenhagen, Das Dilemma des Konservativismus in Deutschland, 1971 — vgl. die Besprechung von L. Winckler in: Das Argument Nr. 72, S. 379), das Dilemma ist vielmehr wesentlich ein politischer Zielkonflikt zwischen den Polen: Verachtung und pervertierende Ausnutzung demokratischer Momente und politischer Partizipation. Carl Schmitt bringt diesen Konflikt 1935 auf eine Formel, indem er betont: „ . . . ,wir', die wir imstande sind, überschauend die Ereignisse zu betrachten, wir müßten uns kühlen Kopfes die Frage vorlegen, die Frage, die die entscheidende sei. Solle man sich mit den Mächten der Beharrung, das seien Bürokratie und Wehrmacht, verbünden, um mit ihrer Hilfe die unzufriedenen Massen niederzuhalten und zu zähmen, oder solle man jene .zündenden Parolen' zu finden suchen, mit deren Hilfe man die unzufriedenen Massen über ihre Unzufriedenheit hinwegtäuschen könne, und solle man sich mit Hilfe dieser zündenden Parolen an die Spitze der darbenden Massen setzen, um über die Mächte der Beharrung hinwegzuschreiten" (SDHauptamt, Akte Carl Schmitt [unveröffentlicht]). Diese ambivalente Beziehung zwischen Konservativismus und Faschismus zu entfalten, liefern Person und Werk von Edgar Julius Jung — u. a. Mitglied des „Herren-Klubs", antidemokratischer Kritiker der „Herrschaft der Minderwertigen" 01927, 21929, 31930), Theoretiker einer „konservativen Revolution", Mitarbeiter Papens und Teilnehmer eines frühen konservativen Widerstandszirkels — eine geeignete Folie. Hier läßt sich veranschaulichen, daß letztlich nur eine Attitüde in Form einer elitetheoretischen Verachtung der Massen und der zu wenig „gebildeten" faschistischen Politiker Konservativismus vom Faschismus trennt. Dies allerdings auszuführen, versäumt Jenschke gründlich, da er nur einen ganz vagen Begriff von der angesprochenen Thematik hat (vor allem 160 f f , 188 f.) und hauptsächlich nur abstrakt darstellen will, daß Jung seinen Entwurf eines „bonum commune" nicht aus dem „bonum humanuni" herleite. Von Interessenlagen und Vermittlungszusammenhängen zur Zeit der Weimarer Republik und der Konsolidierungsphase des deutschen Faschismus an der Macht wird, wenn überhaupt, nur indirekt geredet, etwa wenn die „Jungsche (...) Unterscheidung zwischen geistig-seelischem und wirtschaftlichem Kapitalismus, den (Jung) selbstverständlich befürwortete" (20), angesprochen wird. Ansonsten erzählt Jenschke viel von „wahrer Politik", von „tragischen Symbolen", von „feine(n) genetische(n) wie strukturanalytische(n) Unterscheidungen" „hinsichtlich der Begriffe von Philosophie und Ideologie"; und es ist die Rede von „geistig aufgeschlossenen, aber vor allem auch literarisch ambitionierten Männern". Kurz: Eine Fülle hochklingender Klischees wird aufgeboten, um begrifflicher Analyse auszuweichen. So bedeutet auch die Verwendung des zentralen Begriffs der „Ideologie" keine inhaltliche Präzisierung. Die Frage,

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was bei Jung „notwendig falsches Bewußtsein" ist, bleibt ungestellt. Ohne sich mit dem Marxschen Ideologie- und Fetischbegriff, ja, auch ohne sich mit wissenssoziologischen Positionen auseinandergesetzt zu haben, verwechselt Jenschke Ideologie mit Taktik. Ideologie erscheint als ein „Aktionsprogramm", das von einem „Primat der Praxis" bestimmt wird (s. auch 185). Von hier aus ist es dann konsequent, wenn der Verfasser glaubt, Jungs „konservative Ideologie" lasse sich wesentlich individualpsychologisch und aus der Vita ihres Autors erklären (3 f.). Ein historischer, herrschafts- und interessensoziologischer Ansatz kommt somit nicht einmal zur Diskussion. Nachdem Jenschke den konservativen Zielkonflikt besonders jener „Revolution von rechts" (H. Freyer) nur ahnt (188 f.), vermag er die von Jung verfaßte Marburger Rede Papens (dazu 177 ff.; IMT, Bd. XL, 1949, S. 543 ff.; F. v. Papen, Der Wahrheit eine Gasse, 1952, S. 346 f.) und die in dieser Autorenschaft begründete Ermordung Jungs in der Nacht vom 30. Juni zum 1. Juli 1935 (Ch. Bloch, Die SA und die Krise des NS-Regimes 1934, 1970, S. 98 f.) nur noch als „Tragik" (184, 189), als zu späte und vergebliche, mit dem Tode bezahlte Läuterung Jungs zu apostrophieren. Jungs Verhaftung durch die Gestapo am 25. Juni 1934 und seine Erschießung im Zusammenhang mit der Ermordung Röhms sowie seine quasi-„altkonservative" Wende mit Papens Marburger Rede (17. Juni 1934) stilisiert Jenschke so mit Methode zur Absolution des Konservativismus, der aus seiner Beziehung zum Faschismus entlassen wird, dem diese Beziehung aber warnend als Schibboleth — im Sinne physischen Überlebens — vor Augen geführt werden soll. Jung, vor allem die Tatsache seiner Ermordung, sei „mahnendes Signum" (190). Jenschkes Schlußsatz: „Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer" (190) sollte das Motto f ü r dieses Buch sein. Es darf aber nicht verschwiegen werden, daß Jungs Werk durch diese Arbeit materialreich vorgestellt wird. Vielleicht initiiert die Publikation als Präsentation eines weithin vergessenen Theoretikers der „konservativen Revolution" (dazu, von Jenschke nicht verwendet!, H. Gerstenberger, Der revolutionäre Konservativismus, 1968 — zur Kritik s.NPL, 1971/3) eine Darstellung dieser politischen Erscheinung zumindest mittels reflektierter politischer Kategorien. Die ausgebreiteten Materialien (bes. 153 ff.: „Der Kampf gegen Weimar und das Verhältnis zum Nationalsozialismus") erfordern eine solche Analyse, als deren Ergebnis plastisch hervortreten dürfte — gegenüber allen Relativierungsversuchen Jenschkes —, daß der Faschismus politisch als „attempt to make reaction and conservativism popular and plebeian" (B. Moore jr.) charakterisiert werden kann. Jenschkes Interpretation Jungs als Mahnmal erweist sich demgegenüber als Beitrag zur Tabuisierung der Kontinuitätsproblematik: Konservativismus — Faschismus und auch autoritärer Staat — Gesellschaftsformierung in der BRD. Eike Hennig (Frankfurt/M.)

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Hoepke,Klaus-Peter: D i e d e u t s c h e n R e c h t e u n d d e r i t a l i e n i s c h e F a s c h i s m u s . Beiträge zur Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien, Band 38. Droste Verlag, Düsseldorf 1968 (348 S , L n , 48,—DM). Es gibt wissenschaftliche Untersuchungen, bei deren Studium man öfters vermeint, hinter den Zeilen auf einen Klartext zu stoßen, den der Autor erst am Schluß preisgeben will. Durchstößt er aber dann doch nicht die chiffrierte Darstellung, ist es nötig, nach Art und Weise der Verschlüsselung zu fragen; solche Arbeiten sind oft besonders reizvoll. Zu ihnen gehört die vorliegende, der es darum geht, Selbstverständnis und Politik von Gruppen und Verbänden der deutschen Rechten im Zeitraum von ca. 1928—1932 im Lichte ihres Verhältnisses zum damals schon herrschenden italienischen Faschismus zu überprüfen. Dies geschieht sehr differenziert hinsichtlich des Jungkonservativismus, des Rechtskatholizismus und natürlich vor allem des Nationalsozialismus einschließlich verschiedenster Varianten der „Nazi-Linken". H. geht vom Postulat einer „Sozialgeschichte der Ideen" (20) aus, er faßt die weltanschaulichen Leitbilder der Rechten als psychologische Reflexe auf die politisch-soziale Umwelt und will von ihnen aus das Verständnis jener Umwelt und des Standortes der untersuchten Gruppen beleuchten und lehnt es also treffenderweise ab, die Rechte der Weimarer Zeit etwa im Verhältnis zu einer positivistischlegalistisch verstandenen „Idee der Demokratie" abzugrenzen (17 f.). Der Autor weist auch auf das Schwanken der Liberalen gegenüber dem Faschismus hin, den man als „politisch-pragmatische" Erneuerung heimlich goutierte (12 ff.). Um so mehr hätte man sich gewünscht, die interessanten Fakten des Buches wären im Zusammenhang einer kritischen Theorie der Gesellschaft verarbeitet worden, wodurch sie erst ihr authentisches Gewicht erhielten. H. nimmt die Faschismus-Interpretation durchaus als Zugang zu den mannigfaltigen Erscheinungsformen politischen Selbstverständnisses auf der deutschen Rechten (21): die National- und Jungkonservativen z. B. um Wilhelm Stapels Zeitschrift „Deutsches Volkstum" und diejenigen um die „Europäische Revue" des Prinzen Rohan lobten die „Jugendlichkeit" des italienischen Faschismus (31 ff.), er war ihnen zugleich revolutionär und konservativ sowie national, er erhalte „den Geist" und trete pragmatisch auf (53). Der Liberalismus dagegen habe das Proletariat nicht integrieren können (37) und sei somit zum antimarxistischen Kampf nicht mehr fähig und zusammen mit dem herkömmlichen Konservativismus ungenügend geworden (51). Der ästhetisierend als bedrohliches „Lebensgefühl" gesehene Bolschewismus erfordere neue Abwehrmittel (28, 53). Der deutsche Nationalsozialismus hatte f ü r diese Konservativen durchaus etwas Unheimliches, ihm wurde „Radikal-Demokratismus" unterstellt, sein „totalitäres" Wesen hebe sich unvorteilhaft vom bejahten „totalen" des italienischen Faschismus ab (27, 41). Das Bezeichnende dieser Position liegt also darin, daß man den wilhelminischen, obrigkeitsstaatlichen Nationalismus der

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Vorweltkriegszeit als Ausfluß der „Ideen von 1789" ablehnte (27 f.), da er die (bürgerliche) Gesellschaft nicht zu schützen vermöchte, jedoch vor einer Mobilisierung von Massen mit ihren ambivalenten Möglichkeiten zurückschreckte. So erblickte man in den Regierungen Brüning und Papen Garanten der „autoritären Demokratie", und das Wort eines Berliner Finanzmannes wurde zustimmend zitiert, wonach Brüning vorgesehen sei, auf legalem Wege den deutschen Faschismus zu verwirklichen (47). Sogar an Stresemann und die Sozialdemokraten Otto Braun und Severing dachte man gelegentlich als Träger der „konservativen Revolution" (46); all dies vor dem Hintergrund des konservativen Postulats nach einer nicht klassengebundenen, staatstragenden Leistungs- und Gesinnungselite, die der italienische Faschismus verwirklicht habe (61). H. geht noch näher ein auf die vielberufene „deutsche Sendung", die mit einer gesamteuropäischen Konzeption gleichgesetzt wurde (28) und erweckt die Neugierde des Lesers auf den Klartext im Sinne des hier eingangs gebrachten Bildes, wenn er betont, diese Konservativen hätten immerhin am aufgegebenen Liberalismus dessen Möglichkeit geschätzt, Defensivpositionen zu fundieren, falls persönliche Freiheiten und Eigentum von gesellschaftlichen Kräften bedroht würden(52). Hier scheint doch schon der „antitotalitäre" Generalnenner der gegenwärtigen bourgeoisen Ideologie durch: nachdem der europäische Faschismus 1945 militärisch scheiterte, empfiehlt sich der Rückgriff auf modernisierte Formierungspläne zugunsten des Kapitals. Eine Theorie der kapitalistischen Entwicklung würde hier weiterhelfen. Der Autor entlastet den invariant und ideell gefaßten Liberalismus insofern, als er den „Erfolg totalitärer Ersatzreligionen" nicht als dessen unmittelbare Leistung bezeichnet, sieht jedoch als seine Schwäche an, daß er zwischen der göttlichen Schöpfung des Menschen und dem menschlichen Dasein keine transzendentalen Beziehungen mehr anerkenne (99). Diese Einschätzung der Ausgangsideologie des Bürgertums läßt wohl auf eine Position schließen, die als christlich (-katholisch) überhöhter, sozial gemilderter Kapitalismus zu kennzeichnen ist. Das „Bewußtsein realer Transzendenz" habe den Katholizismus im Gegensatz zum Faschismus gehindert, Staat, Nation usw. mit einer Aura zu umgeben (119), während eine Anknüpfung jedoch über den italienischen Korporativismus gegeben sei (121), was doch die Frage nach der Funktion zumindest der offiziellen Religion im jeweiligen sozialen Ganzen herausfordern müßte, die hier nicht angeschnitten wird. Die interessantesten Passagen des Buches rücken verdienstvollerweise die wirtschaftspolitischen Vorstellungen Hans Reupkes ins Blickfeld, der als Mitglied der Geschäftsführung des Reichsverbandes der deutschen Industrie ab 1930 einer der wichtigsten Wirtschaftstheoretiker des Nationalsozialismus wurde. Schon Reupkes erste Schrift wollte mit dem bezeichnenden Untertitel „Ein Experiment der Planwirtschaft auf privatkapitalistischer Grundlage" die ökonomischen Prinzipien des italienischen Faschismus dem NS vermitteln (173). Es ging ihm um die Rettung des Kapitalismus vor dem andrängenden

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Sozialismus mittels der demokratisierten Massen, was staatliche Lenkung der Wirtschaft voraussetze (150), womit sich Reupke auch positiv auf Walter Rathenau bezog (152, Fußnote). Bei der Analyse des Konzeptes von Reupke stößt der Autor am weitesten zum objektiven „Klartext" vor, wenn er die „rational regelbare Technizität der industriellen Massengesellschaft" (174) im Interesse der wirtschaftlich Stärksten als Kern des Faschismus beschreibt und zeigt, wie zu diesem Zweck der Mythos als Instrument der Herrschaft von Reupke bejaht wird. Auch wird sein abstrakter „Produzenten"Begriff als antiproletarisches Klassenkampf instrument erkannt (182), das lediglich die sozialpsychologischen Auswirkungen von Ausbeutung mildern sollte (184). Jedoch: Hoepke verbleibt auf bürgerlichem Boden, wenn er gegen Reupke nur einwendet, daß dieser den sozialen Ausgleich dem autoritären Staat vorbehalten wolle (ebenda), während wohl nach der Meinung des Autors das „freie Wechselspiel" von Konsensus und Konflikt nötig ist. Dazu gehört auch seine Ansicht, weder Reupke noch der Faschismus seien schlechthin arbeiterfeindlich gewesen. Das kann man doch nur dann denken, wenn man die Emanzipation des Proletariats als Klasse ausschließt. Ähnlich der heutigen Ideologie von „formierter Demokratie" wird also nicht gesehen, daß der Kapitalismus eben u. U. des autoritären Staates bedarf, gegebenenfalls auch der „revolutionären" Mobilisierung der Massen gegen ihre eigenen Interessen, d. h. der Konterrevolution. Ebenso bedenklich ist die nicht näher bezeichnete These, der Faschismus sei die klassenmäßig indifferente Machtausübung politischer Aktivisten gewesen (185); die Untersuchungen beispielsweise Thalheimers werden nur kurz in einer Anmerkung erwähnt (227, Fußnote 80)1. Schließlich wird behandelt, wie die „Nazi-Linke" sich über Reupkes Bekenntnis zum Kapitalismus empörte (204); diese Strömung um die Gebrüder Strasser erstrebte die „antikapitalistische Bewußtseinsumwandlung" zum Zwecke sozialer Veränderung (198 ff.), idealistisch gefaßte „Entfremdung" sollte nach ihnen nur vom Nationalismus her aufhebbar sein. Diese NS-Linke lehnte somit den italienischen Faschismus als Vorbild ab. Der Autor ist weit davon entfernt, etwa diese Unterströmung des deutschen Faschismus mit der sozialistischen Arbeiterbewegung gleichzusetzen, wie es pluralistische Geschichtsschreibung gern tut (207). Aber obwohl Hoepke mit Nolte den Faschismus nebst NS als Antithese des Marxismus bezeichnet und mit herber Kritik an den deutschen Konservativen nicht spart, da ihr Verhältnis zum „Volk" praktisch ein elitäres einem „Menschenmaterial" gegenüber gewesen sei (188), vermißt man die Verarbeitung marxistischer Faschismus-Literatur (hier erscheint sie nur in Form der Agententheorie der Komintern). Michael-Viktor Graf Westarp (Berlin)

1 Vgl. Griepenburg/Tjaden : „Faschismus u n d Bonapartismus", Argum e n t 41, S. 461 ff.

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Conze, Werner, und Hans Raupach (Hrsg.): D i e S t a a t s - u n d W i r t s c h a f t s k r i s e des D e u t s c h e n R e i c h e s 1 929/ 3 3. Ernst Klett Verlag, Stuttgart 1967 (255 S., Ln., 24,— DM). Diesem Sammelband geht es um „eine Verbindung von ökonomischsozialer Strukturgeschichte mit der Geschichte der politischen Entscheidungen", was nach Conzes Einleitung (12) demnach etwas ursprünglich Getrenntes ist. Ohne die Kategorie des Klassenkampfes aber muß die Koppelung letztlich künstlich bleiben. H. Raupach will in seinem Beitrag über den interregionalen Wohlfahrtsausgleich die Methode Max Webers weiterführen; deutscher Drang nach Osten seit der Mitte des 19. Jahrhunderts habe „rein abwehrpolitischen Inhält" infolge der Agrarstruktur in den preußischen Ostprovinzen gehabt (16). Dort sei der Großbetrieb rationellste Betriebsform gewesen (18); daß seine kapitalistische Eigentumsform gemeint ist, wird indirekt ausgedrückt (19). Die Respektierung ostelbischer Grundbesitzverhältnisse durch den NS läßt R. alternativ als Ausfluß „wirtschaftlicher Vernunft" oder „politische(n) Instinkt(s) in Anerkennung der überkommenen Sozialordnung" erscheinen (33), spart aber gerade diesen entscheidenden Punkt aus. Ebensowenig untersucht D. Keese, welche Gründe dazu führten, daß die Privatinvestitionen schon 1928 zurückgingen, ehe noch die staatliche Deflationspolitik begann (z. B. Zurückhaltung der Unternehmer angesichts linker Wahlerfolge?) und warum die Reichsbank nicht zu Krediten an den Staat bereit war (40, 65). W. Treue („Der deutsche Unternehmer in der Weltwirtschaftskrise") erklärt das Objekt seiner Untersuchung für kaum faßlich (82), was nicht verwundert, wenn die prägenden Erfordernisse der Kapitalverwertung unbedacht bleiben. Immerhin befanden sich die Unternehmer dann doch „in der Dienstleistung f ü r die staatliche Kriegswirtschaft" (84), wurden nach 1919 staatstragend (86), obgleich dieser Staat immer mehr zum Staat der „Kleinbürger" wurde, deren Ansprüchen „allen steuerfiskalischen und gesellschaftspolitischen Bedenken zum Trotz nachgegeben werden mußte" (88). Dieses Opfer honorierten SPD und Gewerkschaften, indem sie erkannten, daß es mehr „um Erhaltung des Staates an sich . . . als um sozialistische Reformen" ging (99). Unvernünftigerweise hätten sich die Unternehmer von Brüning abgewandt (111); sie hatten offenbar andere Interessen, als T. ihnen zuordnet: die Eingabe entscheidender Kräfte des deutschen Kapitals vom November 1932 bei Hindenburg zugunsten einer Kanzlerschaft Hitlers wird nicht erwähnt! Dessen Düsseldorfer Industrieclub-Rede Anfang desselben Jahres habe nur lauen Beifall „wohlerzogener Skeptiker" hervorgerufen, nach T. gab es also keine relevante Beziehung zwischen ihnen und dem Faschismus (121). Ihnen leuchtete eben das Führerprinzip ein und sie hätten nicht gesehen, daß es „in einem politischen Massenstaat andere Konsequenzen haben mußte als in einem unpolitischen Konzern" (123) . . . Komplementär hierzu behandelt U. Hüllbüsch die Rolle der Gewerkschaften. Diese erreichten die „Befreiung aus der Pariastellung des

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destruierenden Klassenkämpfers" (132). Ihr Weg als aktiver (kapitalistischer) Konjunkturfaktor, via Pläne von „Wirtschaftsdemokratie" zum Sozialismus zu gelangen, wird affirmativ beschrieben (152). R. Vierhaus weist in seiner Betrachtung psychologischer Auswirkungen der Krise darauf hin, daß der Ruf nach der „Volksgemeinschaft" erst Widerhall fand, als er von der faschistischen Massenbewegung den etablierten bürgerlichen Kräften aus der Hand genommen und gegen das „System" gekehrt wurde (167). Hier hätte doch der Stellenwert des vagen antikapitalistischen Protests im Kléinbûrgertum stärker untersucht werden müssen. Die bewußte Verwässerung des Begriffes „Arbeiter" von rechts seit 1918 wird festgehalten (173). Conze schließlich („Die politischen Entscheidungen in Deutschland 1929—33") kreidet der SPD ein Zuviel an „sozialistischer Revolutionsideologie" im Verhältnis zu „staatspolitischem Pragmatismus" an (188). Aber auch letzterer bewahrte die Partei nicht davor, im weiteren Verlauf der Krise vom Kapital als lästig abgehängt zu werden, wie indirekt erhellt (236). Die Regierungsübernahme Hitlers entsprach der „situationsgerechten Logik des geschichtlichen Verhängnisses" (249). Michael-Viktor Graf Westarp (Berlin)

Klotzbach, Kurt: G e g e n d e n N a t i o n a l s o z i a l i s m u s . Widerstand und Verfolgung in Dortmund 1930—1945. Eine historischpolitische Studie. Verlag f ü r Literatur und Zeitgeschehen, Hannover 1969 (311 S , Ln., 19,80 DM). Steinberg, Hans-Josef: W i d e r s t a n d u n d V e r f o l g u n g i n E s s e n 1 9 3 3 — 1945. Verlag f ü r Literatur und Zeitgeschehen, Hannover 1969 (422 S , L n , 24,80 DM). Im Rahmen des Forschungsprogramms der Friedrich-Ebert-Stiftung sind in jüngerer Zeit zwei Studien zur lokalen Widerstandsgeschichte erschienen. Zunächst soll hier auf die Arbeit von Kurt Klotzbach eingegangen werden, der sich die Aufgabe gestellt hat, „von der Wirklichkeit einer Stadt h e r . . . Wesen und Probleme des Kampfes der Arbeiterbewegung gegen den Nationalsozialismus zu erfassen und anschaulich zu machen" (13). Seine Studie umfaßt drei Teile: zunächst behandelt der Autor die politische Entwicklung Dortmunds zwischen 1930 und 1933, der zweite Hauptteil befaßt sich mit Dortmunder Ereignissen in der Zeit der Etablierung des faschistischen Systems zwischen Januar und Juli 1933, und im dritten Teil des Buches werden Opposition und Widerstandstätigkeit aus Kreisen der Dortmunder Arbeiterbewegung dargestellt. Ergänzend legt der Autor noch einen Exkurs vor über das Verhalten von Dortmunder Repräsentanten der Bekennenden Kirche; außerdem ist den Hauptteilen der Untersuchung noch ein Anhang über die „Verfolgung unter dem NS-Regime" beigefügt, der Angaben über die Struktur der Dortmunder Gestapo-Behörden und über den Umfang der politischen und rassistischen Verfolgung in Dortmund enthält. Klotzbach

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versucht im ersten Hauptteil der Arbeit, zu rekonstruieren, „wie der Untergang der Republik seit 1930 in Dortmund erlebt wurde" (13). Da er von der sicherlich richtigen, in der weiteren Arbeit jedoch leider nicht wieder aufgegriffenen These ausgeht, daß die Positionen, die die Organisationen der Arbeiterbewegung gegenüber dem aufkommenden Faschismus in Deutschland einnahmen, bestimmend auf das Verhalten der Mitglieder dieser Organisationen in der Illegalität wirkten (13), befaßt er sich dabei ausführlicher mit dem Verhältnis von SPD und KPD zum Faschismus. Klotzbach kommt dabei zu einigen Feststellungen, die einer Überprüfung bedürfen: So stellt er in bezug auf die Faschismuseinschätzungen in der SPD fest, daß diese „wesentlich von der pseudorationalen Schablone der KapitalismusFaschismus-Relation aus(ging)" (233). Abgesehen davon, daß diese Behauptung ein erhellendes Licht auf die Faschismusvorstellungen des Autors wirft, scheint es sehr zweifelhaft — und ein Einblick in parteioffizielle Stellungnahmen zum Problem des Faschismus aus der Zeit zwischen 1930 und 1933 bestätigt diesen Eindruck —, daß in der SPD tatsächlich der Zusammenhang zwischen den spezifischen Bedingungen kapitalistischer Reproduktion am Ende der Weimarer Republik und der Entwicklung des deutschen Faschismus in seinen Konsequenzen begriffen worden ist. Klotzbach meint, in der Tatsache, daß die SPD den Faschismus „von den gesellschaftlichen Klassengegensätzen her begriffen" habe (29), sei eine Ursache f ü r die Erfolglosigkeit der sozialdemokratischen Politik gegenüber dem Vormarsch des Faschismus zu sehen. Zu fragen wäre hier, ob nicht vielmehr die Ineffektivität der Politik der SPD gegenüber den Faschisten wesentlich darauf zurückzuführen ist, daß in dieser Partei keine Faschismusanalyse geleistet worden ist, die sich an den konkreten Kräfteverhältnissen der sozialen Klassen orientiert hätte. Aufgrund der selbstgewählten Beschränkung des Quellenmaterials auf die Dortmunder Tagespresse bleibt der erste Hauptteil des Buches im ganzen oberflächlich. Dies gilt auch f ü r den zweiten Hauptabschnitt, in dem der Verfasser im wesentlichen nur Kommentare aus verschiedenen Dortmunder Zeitungen bringt und nicht weiter problematisierte Fakten des „Umschaltungs"-Prozesses in Dortmund wiedergibt. Wesentlich fundierter angelegt ist dagegen der dritte Teil der Darstellung, der sich mit der Entwicklung des Arbeiterwiderstandes befaßt. Hier stützt sich der Autor neben mündlichen und schriftlichen Berichten ehemaliger Widerstandskämpfer vor allem auf Akten der faschistischen Verfolgungsorgane, die zwar nur begrenzten Aussagewert haben können, die aber, zusammen mit den vom Autor ebenfalls berücksichtigten Unterlagen von Wiedergutmachungsverfahren nach 1945 einen anschaulichen Überblick über die Tätigkeit Dortmunder Antifaschisten vermitteln können. Klotzbach konzentriert sich in seiner Darstellung in erster Linie auf die Schilderung des Verhaltens von Sozialdemokraten und Kommunisten in der Illegalität: Kennzeichnend f ü r illegale Gruppierungen von Sozialdemokraten, die Klotzbach f ü r die Zeit zwischen 1933 und 1937 nachweisen kann, ist, daß die Initiative zur Bildung der aktiv tätigen Gruppen in den

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ersten Jahren des faschistischen Regimes von Mitgliedern der sozialdemokratischen Jugendorganisationen ausging, während die ehemaligen Dortmunder SPD-Spitzenfunktionäre im allgemeinen auf politische Aktivität verzichteten und sich auf die Aufrechterhaltung persönlicher Kontakte oder unverbindlicher Diskussionsgruppen beschränkten. Soweit Sozialdemokraten politisch aktiv wurden, konzentrierten sie ihre Tätigkeit auf das Verteilen illegalen Schriftenmaterials, das zum größten Teil nicht selbst hergestellt wurde, sondern durch Kontakte mit der sozialdemokratischen Emigration nach Dortmund gelangte. Wenn Klotzbach im Zusammenhang mit der sozialdemokratischen Opposition von einer „strukturellen Vielfalt" und von „differenzierten Ansätzen und Methoden" (140) spricht, so wird allerdings ein solcher Eindruck durch das vorgelegte Material nicht bestätigt. Der Eindruck, als sei der Autor darum bemüht, der sozialdemokratischen Opposition besondere Bedeutung zu verleihen, drängt sich auch auf, wenn er die offenbar f ü r viele Sozialdemokraten charakteristische Flucht in die Innerlichkeit als „am ehesten den Bedingungen des totalitären Staates (entsprechend)" (140) wertet. Den weitaus breitesten Raum innerhalb der Darstellung der Entwicklung antifaschistischer Widerstandsgruppen nimmt bei Klotzbach die Beschreibung der illegalen Tätigkeit von Kommunisten ein, die in Dortmund trotz mehrmaliger Massenverhaftungsaktionen, bei denen die kommunistischen Widerstandskader jeweils außerordentlich hohe Verluste erlitten, f ü r die gesamte Dauer des Faschismus nachgewiesen werden kann. Neben den immer erneuten Bemühungen um Wiederherstellung einer funktionsfähigen Organisation mit Verbindungen sowohl zur Emigration als auch zu Widerstandsgruppen anderer Städte, die selbst noch während des Krieges unter schwierigsten Bedingungen mit Erfolg unternommen wurden — Klotzbach nennt z. B. mehrere Zeitungen, die 1942 nahezu regelmäßig im rheinisch-westfälischen Industriegebiet erschienen — konzentrierte sich die Aktivität der Kommunisten in zunehmendem Maße auf die Arbeit innerhalb der Betriebe. Erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang, daß es den Dortmunder Kommunisten seit 1934 gelang, diese Betriebsarbeit in Aktionseinheit mit Sozialdemokraten und Gewerkschaften durchzuführen; diese Tatsache wird von Klotzbach allerdings als Nebensächlichkeit behandelt, da sie offenbar nicht in den Rahmen seiner antikommunistischen Vorstellungen paßt, wie sie sich etwa in der Gleichsetzung von faschistischer Diktatur und Diktatur des Proletariats deutlich niederschlagen (198). Hans-Josef Steinberg bedient sich in seiner Darstellung über „Widerstand und Verfolgung in Essen 1933—1945" im wesentlichen der gleichen Methode wie Klotzbach in seiner Arbeit über Dortmund. Beide Verfasser geben an Hand des ihnen f ü r den jeweiligen lokalen Bereich vorliegenden Quellenmaterials eine möglichst detaillierte Beschreibung des gewählten Ausschnitts aus der Widerstandsgeschichte, wobei hinter der Rekonstruktion des formalen Ablaufs der Ereignisse sowohl deren Einordnung in einen sinnvollen Zusammenhang der historischen Entwicklung als auch das inhaltliche Ein-

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gehen auf politische Fragestellungen im Zusammenhang der Untersuchung in den Hintergrund treten. Da beiden Autoren nicht nur der methodische Ansatz gemeinsam ist, sondern sie sich auch im wesentlichen auf gleichartiges Quellenmaterial stützen und sie in bezug auf die Schwerpunkte ihrer Arbeiten, nämlich den Widerstand von Sozieldemokraten, Kommunisten und Mitgliedern sozialistischer und kommunistischer Zwischengruppierungen, zu ähnlichen Ergebnissen kommen, soll hier darauf verzichtet werden, auf die Darstellung von Steinberg im einzelnen einzugehen. Hingewiesen sei hier nur auf einen auffälligen Mangel der Arbeit, der darin besteht, daß Steinberg sich bei der Darstellung der illegalen Arbeit von Kommunisten teilweise auf eine Ebene der Argumentation begibt, die nicht mehr wissenschaftlich genannt werden kann. So ist zum Beispiel der immer wiederkehrende, nur gegen die Kommunisten vorgebrachte Einwand, ihre illegale Arbeit sei, besonders in den ersten Jahren der faschistischen Herrschaft, „verantwortungslos", „dilettantisch", „unzulänglich" gewesen — an einer Stelle wird sogar ohne jeden Beleg behauptet, daß „nicht wenige der damals Beteiligten davon sprechen, ,verheizt' worden zu sein" (109) — an Hand der vorgelegten Quellen nicht nachvollziehbar. Fragwürdig ist es auch, wenn bei Steinberg die „Durchsetzung der kommunistischen Widerstandsgruppen mit Vertrauensmännern der Gestapo" (115) zum wesentlichen Charakteristikum kommunistischer Widerstandsarbeit wird. Bemerkungen wie die, daß ein Kommunist bei seinen Versuchen, im Jahre 1943 eine illegale KPD-Organisation aufzubauen, „im Ruhrgebiet eine blutige Spur (hinterließ)" (125), haben offenbar den Sinn, antikommunistische Vorurteile zu aktivieren. Das Interesse des Autors, die kommunistischen Widerstandsaktivitäten möglichst negativ von denen der Sozialdemokraten abzuheben, wird deutlich, wenn er behauptet: „Wenn auch die illegale Widerstandsarbeit sozialdemokratischer Gruppen kaum in die Öffentlichkeit hineinwirkte, so war sie doch effektiver als die der KPD, weil sie kontinuierlicher war und weniger anfällig f ü r die Gestapo" (78). Da aus der Darstellung der sozialdemokratischen Widerstandstätigkeit bei Steinberg jedenfalls nicht hervorgeht, nach welchen Kriterien der größere Erfolg der Sozialdemokraten bei ihrer illegalen Arbeit zu bemessen ist, drängt sich der Eindruck auf, daß mit solchen Behauptungen der Versuch unternommen wird, die — an anderer Stelle (vgl. 69) durchaus auch konstatierte — Passivität der meisten Sozialdemokraten im Faschismus zu beschönigen. Zu erwähnen wäre noch, daß Steinberg seiner Darstellung eine umfangreiche Dokumentation beigefügt hat, die sowohl Zeugnisse des Widerstandes selbst enthält als auch Quellen, die einen Eindruck von der Tätigkeit der Verfolgungsorgane vermitteln. Weniger sinnvoll als diese Zusammenstellung von Materialien ist die der Darstellung ebenfalls angefügte, 100 Seiten umfassende Prozeßstatistik, mit der der Leser wenig anfangen kann, da sie lediglich Namen, Berufe, Delikt und Strafmaß von während des Faschismus in Essen Verurteilten enthält.

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Sowohl Klotzbach als auch Steinberg kommen am Ende ihrer Untersuchungen zu dem Ergebnis, daß „die Geschichte des Widerstandes der revolutionären Arbeiterbewegung im Dritten Reich eine Geschichte der Vergeblichkeit und des Scheiterns" (Klotzbach 235, vgl. Steinberg 182/3) gewesen sei. Mit diesem Urteil, das zum einzigen Kriterium der Bewertung die Tatsache macht, daß es nicht gelang, den Faschismus „von innen" zu stürzen, wird man sicherlich der politischen Bedeutung des Widerstandes der Arbeiterschaft gegen den deutschen Faschismus nicht gerecht. Bärbel Hebel-Kunze (Marburg) Hochmuth, Ursel, und Gertrud Meyer: S t r e i f l i c h t e r a u s d e m H a m b u r g e r W i d e r s t a n d 1 9 3 3 — 1945. Röderberg-Verlag, Frankfurt/M. 1969 (650 S , k a r t , 27,— DM). Bohn, Willi: S t u t t g a r t : G e h e i m ! Ein dokumentarischer Bericht. Röderberg-Verlag, Frankfurt/M. 1969 (288 S , k a r t , 9,80 DM). Oppenheimer, Max: D e r F a l l V o r b o t e . Zeugnisse des Mannheimer Widerstandes. Röderberg-Verlag, Frankfurt/M. 1969 (248 S , k a r t , 9,80 DM). Bislang sind in der Bundesrepublik zwar eine Fülle wissenschaftlicher Arbeiten und sonstiger Publikationen über die bürgerliche Opposition in der Endphase des deutschen Faschismus erschienen; Veröffentlichungen aber, die sich mit der Geschichte des antifaschistischen Widerstandes von Seiten der Arbeiterschaft und anderen oppositionell eingestellten Bevölkerungskreisen befassen, sind — nicht zuletzt aufgrund des im allgemeinen geringeren Interesses der zeitgeschichtlichen Forschung an diesem Problemkomplex — vergleichsweise selten anzutreffen. Es ist daher sehr zu begrüßen, daß der Röderberg-Verlag sich im Rahmen seiner „Bibliothek des Widerstandes", in der alle besprochenen Titel erschienen sind, darum bemüht, mit einer Reihe von Publikationen zur lokalen Widerstandsgeschichte zu einer breiteren Information der Öffentlichkeit über den antifaschistischen Widerstand beizutragen. Die Autoren Hochmuth/Meyer, Bohn und Oppenheimer geben in den drei genannten Studien — ohne selbst den Anspruch auf lückenlose Darstellung zu erheben — einen Einblick in Widerstand und Verfolgung in den Städten Hamburg, Stuttgart und Mannheim. Sie verfolgen ein doppeltes Ziel: einmal geht es ihnen darum, die Erinnerung an die zwischen 1933 und 1945 in den genannten Städten illegal tätigen Antifaschisten, insbesondere an diejenigen unter ihnen, denen die illegale Arbeit das Leben kostete, aufrechtzuerhalten; Biographien, private Aufzeichnungen und Fotographien vermitteln einen Eindruck der Persönlichkeiten ehemaliger Widerstandskämpfer. Zum anderen versuchen die Autoren, ausführlich über die jeweiligen politischen Vorstellungen und Zielsetzungen Auskunft zu geben, wie sie in den verschiedenen oppositionellen Kreisen und Widerstandsgruppen anzutreffen waren. Neben zahlreichen Zeugnissen der Illegalen

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selbst, wie Flugblättern, Zeitungen und anderen Agitationsschriften, standen den Autoren Akten der Geheimen Staatspolizei und Gerichtsunterlagen zur Verfügung; außerdem konnten sie dieses Quellenmaterial durch Berichte von Überlebenden ergänzen. Es ist in diesem Zusammenhang nicht möglich, auf Einzelergebnisse der drei Arbeiten einzugehen. Es sei jedoch hingewiesen auf einige sicherlich nicht allgemein bekannte Sachverhalte der Widerstandsgeschichte, die durch die drei Studien hinlänglich bestätigt werden: 1. Waren zwar am Widerstandskampf gegen das faschistische System in Deutschland Menschen aus verschiedensten Bevölkerungsgruppen beteiligt, so ist doch festzustellen, daß die weitaus größte Zahl aktiver Antifaschisten aus der organisierten Arbeiterschaft hervorging; dabei kommt dem illegalen Kampf von Kommunisten wegen seines Umfangs eine besondere Bedeutung zu. 2. Obgleich sich, besonders seit Kriegsbeginn, die Bedingungen, unter denen der antifaschistische Kampf geführt werden mußte, durch zunehmenden Terror des faschistischen Herrschaftsapparates immer mehr erschwerten (so hatten die Mitglieder der Widerstandsgruppen spätestens seit Kriegsbeginn damit zu rechnen, daß bereits die Herstellung und Verbreitung antifaschistischen Materials, in welchem Umfang auch immer, mit Sicherheit ausreichende Gründe f ü r die Verhängung des Todesurteils waren), läßt sich eine Tätigkeit von Widerstandsgruppen aus der Arbeiterschaft f ü r die gesamte Dauer des Faschismus nachweisen. 3. Waren bei der Organisierung des Widerstandes von Kommunisten, Sozialdemokraten und Gewerkschaftern in den ersten Jahren nach 1933 meist parteipolitische Bindungen nodi maßgebend, so läßt sich nachweisen, daß in den späteren Widerstandskreisen die Zusammenarbeit der ehemaligen Mitglieder der verschiedenen Arbeiterorganisationen eine wesentliche Rolle spielte. 4. Gerade die Widerstandsgruppen, die sich während des Krieges unter Bedingungen unvorstellbaren Terrors zusammenfanden, waren außerordentlich vielseitig tätig: neben antifaschistischer Aufklärungsarbeit spielte die Schaffung von Betriebszellen eine wichtige Rolle, die es ermöglichte, gewerkschaftliche Kampagnen zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen, Verzögerung von Rüstungsaufträgen, Sabotageakte und Solidaritätsaktionen f ü r ausländische Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene und Angehörige ermordeter oder gefangener Antifaschisten zu organisieren. (Die Autoren Hochmuth/Meyer geben hierfür besonders eindrucksvolle Beispiele aus der Arbeit Hamburger Antifaschisten.) Mit den drei Arbeiten ist nicht nur ein verdienstvoller Beitrag zur Erforschung des Widerstands gegen den deutschen Faschismus geleistet worden. Die Autoren geben darüber hinaus mit ihren Studien den Pädagogen, die im Geschichtsunterricht die Vermittlung der Problematik des Widerstandes gegen den Faschismus nicht — wie es noch meist geschieht — auf eine Darstellung der Ereignisse des 20. Juli 1944 reduzieren möchten, denen es aber bisher an Material gefehlt hat, wertvolle Hilfeleistungen an die Hand. Zweierlei läßt die vorliegen-

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den Arbeiten als besonders geeignet f ü r diesen Zweck erscheinen: einmal die Bemühungen der Verfasser, den geschilderten Ausschnitt aus der Widerstandsgeschichte in einen historischen Gesamtzusammenhang einzuordnen und somit verständlicher zu machen; zum anderen die Wiedergabe einer Reihe von sehr eindrucksvollen Dokumenten, die wichtiges Anschauungsmaterial liefern. Kritisch sei hier vermerkt, daß sich der Informationswert der Dokumente in dem Band von Willi Bohn „Stuttgart: Geheim!" noch wesentlich hätte erhöhen lassen, wenn die in nicht immer sinnvollen Kürzungen wiedergegebenen Dokumente, über die der Autor verfügen konnte, vollständig oder zumindest ausführlicher hätten abgedruckt werden können. Bärbel Hebel-Kunze (Marburg)

Grossmann, Kurt R.: E m i g r a t i o n . Die Geschichte der HitlerFlüchtlinge 1933—1945. Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt/M. 1969 (399 S , L n , 48,— DM). Was die 400 Seiten Text enthalten, ist von mäßiger Bedeutung: eine Studie über die Anwendung des Asylrechtes, einige spektakuläre „Affären", wie der peinliche Streit um das „Pariser Tageblatt", Einzelschicksale, soweit sie sich in der näheren oder weiteren Umgebung des Verfassers (Kurt Grossmann war vor 1933 Generalsekretär der Liga f ü r Menschenrechte in Berlin) ereigneten. Nicht nach irgendwelchen Wissenschaftskriterien ist das Material zusammengestellt, sondern nach dem persönlichen Gesichtswinkel. Dieser aber ist bedauerlicherweise mehr als beschränkt. Kurt Grossmann ist vor einiger Zeit in New York gestorben. Bis zu seinem Tode konnte er sich von der Denk- und Schreibweise des Kalten Krieges nicht freimachen. Daß in den französischen Internierungslagern zu Beginn des Krieges Kommunisten wie Nazis behandelt wurden, findet Grossmann in Ordnung. „Im gewissen Sinne war das die ausgleichende Gerechtigkeit, denn Hitler und Stalin hatten nur wenige Monate vorher den ,Freundschaftspakt' geschlossen" (197). Ein erheblicher Teil der Information über die französischen Internierungslager ist nachweisbar falsch. Was der Verfasser über die vor der deutschen Armee aus Polen nach Rußland flüchtenden Juden trüben Quellen entnimmt, ist wüste Greuelpropaganda, wie sie einmal Mode war. Da liest man: „Wahrscheinlich war es die Mehrheit, die es vorzog, das Risiko zu tragen, in Lemberg und anderen Städten zu bleiben, statt in das Innere Rußlands zu gehen, um vom russischen Bären verschlungen zu werden" (181). Über die jüdischen Flüchtlinge, die Sowjetbürger wurden: „Die Russen zwangen die Flüchtlinge, Staatsbürger zu werden: das war leicht bei denen, die bei ihnen angestellt waren; die andere Wahl war Zwangsrückbeförderung in das von den Nazis besetzte Polen. Es war eine Entscheidung zwischen Scylla und Charybdis. Ein großer Teil wurde Sowjetbürger, nicht unähnlich den Taufen der Marannen in Zeiten der

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spanischen Inquisition. Rückblickend mag es unglaublich erscheinen, aber viele jüdische Flüchtlinge zogen es vor, in das von den Nazis besetzte Polen zurückzukehren" (183). Es soll auch welche gegeben haben, die es vorzogen, mit den russischen Partisanen in den Wäldern Weißrußlands gegen die Nazis zu kämpfen, statt in Auschwitz vergast zu werden. Gesagt werden muß vor allem, was dieses Buch nicht ist: trotz seiner Dickleibigkeit ist es nicht die Geschichte der Hitlerflüchtlinge 1933—1945. Über die politische Emigration berichtet der Verfasser so gut wie ausschließlich, was in den Bereich der SOPADE (Sozialdemokratische Partei Deutschland im Prager Exil) fällt, und das war in jeder Beziehung von geringstem Gewicht. Über die literarische Emigration bietet der Verfasser einige (unvollständige) Listen. Selbst von seinem eigentlichen Gegenstand, den rassisch Verfolgten, sprechend, läßt er ganze Kontinente aus, wie Lateinamerika oder Australien. Bruno Frei (Wien)

Röder, Werner: D i e d e u t s c h e n s o z i a l i s t i s c h e n E x i l g r u p p e n i n G r o ß b r i t a n n i e n 1 9 4 0 — 1 9 4 5. Verlag f ü r Literatur und Zeitgeschehen, Hannover 1968 (322 S., kart., 32,— DM). Die vorliegende Arbeit behandelt einen Teilaspekt der Geschichte der deutschen Emigration während des Faschismus, nämlich die organisatorische und politische Entwicklung deutscher Exilorganisationen im Zweiten Weltkrieg. Im Mittelpunkt der Darstellung stehen die Exilgruppen deutscher Sozialdemokraten, Gewerkschafter und Angehöriger sozialistischer Splitterorganisationen; daneben wird kurz auf die bürgerliche Emigration und die kommunistische Exilpolitik eingegangen. Beschrieben werden neben den allgemeinen Bedingungen f ü r Emigranten in Großbritannien in erster Linie die Entwicklung der Organisationsstruktur der sozialdemokratischen und sozialistischen Gruppierungen und ihre internen Auseinandersetzungen. Daneben werden divergierende Auffassungen und Bestrebungen innerhalb der sozialistischen Emigration in bezug auf einige die Diskussion im Exil bestimmende Fragestellungen referiert, so etwa Vorstellungen über Möglichkeiten und Zielsetzungen antifaschistischer Politik, unterschiedliche Positionen zur Einheitsfront- und Volksfrontpolitik im Exil, die verschiedenen Einstellungen gegenüber den Westmächten und der Sowjetunion und schließlich Vorschläge zur gesellschaftlichen Umstrukturierung Deutschlands nach dem erwarteten Zusammenbruch des Faschismus. Ergänzend werden zu einzelnen Problemkomplexen Dokumente vorgelegt. Zu Beginn seiner Untersuchung stellt der Verfasser fest, daß er seine Aufgabe in erster Linie darin gesehen hat, aus dem von ihm

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zusammengetragenen, bisher unveröffentlichten oder verstreuten Material zu dem in der zeitgeschichtlichen Forschung bisher noch nicht näher behandelten Thema der deutschen sozialistischen Emigration in Großbritannien eine erste Bestandsaufnahme zu erstellen; eine Einordnung der Ergebnisse seiner Arbeit in einen historischen Gesamtzusammenhang sei dagegen erst möglich, wenn die deutsche Exilpolitik während der Dauer des Faschismus insgesamt hinlänglich erforscht sei (9). Es zeigt sich, daß der Autor mit dieser Beschränkung der Aufgabenstellung praktisch auf eine eigene kritische Verarbeitung des vorgelegten Materials verzichtet hat. Für den Leser bedeutet dies, daß er sich mit einer außerordentlich verwirrenden Fülle von Fakten konfrontiert sieht, deren Bedeutung er nicht einschätzen kann. Erst durch eine Einordnung der Einzeldaten in den Zusammenhang politischer Fragestellungen hätten die Detailergebnisse der Untersuchung zu einer sinnvollen Information beitragen können. Der Wert der Arbeit besonders f ü r denjenigen Leser, der mit der Geschichte des deutschen Faschismus und der Emigration nicht vertraut ist, wird noch dadurch gemindert, daß der Autor sich strikt an die selbst gesetzte zeitliche und örtliche Eingrenzung des Untersuchungsobjekts hält. Verständlich würde die Geschichte der deutschen sozialistischen Exilpolitik in Großbritannien in vielen Punkten aber erst dann, wenn sowohl die Entwicklung des innerdeutschen Widerstandes als auch die vorausgegangenen Phasen der Emigration einbezogen würden. Der bloße Hinweis des Autors auf Darstellungen anderer Verfasser über weitere Teilaspekte der Emigrationsgeschichte vermag diesen Mangel sicherlich nicht zu beheben. Einen besonderen politischen Effekt erreicht der Autor damit, daß er seine Untersuchung von vornherein auf die sozialistischen Exilgruppen konzentriert hat, ohne dem Leser durch eine angemessene Berücksichtigung anderer Emigrantengruppen, etwa der Kommunisten, eine Möglichkeit zu geben, die tatsächliche, sich aus dem Umfang der politischen Aktivität ergebende Bedeutung des sozialistischen Exils im Rahmen der politischen Emigration insgesamt einzuschätzen. So entsteht jedenfalls der ungerechtfertigte Eindruck, als hätten die sozialistischen Gruppierungen im Mittelpunkt des politischen Geschehens im deutschen Exil in Großbritannien gestanden. Eine adäquate Beurteilung dieses Teils der deutschen Emigration hätte jedoch davon auszugehen, daß die sozialistische Emigration in Großbritannien nicht nur total zersplittert war, sondern vor allem aufgrund ihrer strikten Ablehnung jeglicher Zusammenarbeit mit Kommunisten isoliert und damit in ihrer praktisch-politischen Wirksamkeit von vornherein beschränkt war. — Wünschenswert wäre es darüber hinaus gewesen, wenn der Autor bei den ohnehin den historischen Tatsachen nicht gerecht werdenden kurzen Ausführungen über die Sowjetunion und die Exil-KPD auf unbewiesene und polemische Behauptungen verzichtet hätte (bes. 48 f.), die weniger, wie offenbar beabsichtigt, die Kommunisten als vielmehr den Autor der Arbeit disqualifizieren. Bärbel Hebel-Kunze (Marburg)

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Edinger, Lewis J.: K u r t S c h u m a c h e r . Persönlichkeit u n d p o l i t i s c h e s V e r h a l t e n . Westdeutscher Verlag, Köln und Opladen 1967 (531 S., Ln., 40,— DM). Der amerikanische Politologe Lewis J. Edinger bezeichnet es als ein wesentliches Anliegen seiner Studie über Schumacher, „den Menschen Schumacher von seinem Mythos zu trennen und ein Verhalten zu erklären, das so voller Widersprüche und sogar selbstzerstörend gewesen zu sein scheint" (14). Daher gilt sein Interesse in weiten Teilen der Biographie individualpsychologischen Problemen der Person Kurt Schumacher. Mit Hilfe „freien, aber disziplinierten Gebrauchs des Einfühlungsvermögens und anderer Formen imaginativer Spekulation" (17) will Edinger der Psyche Schumachers nachspüren, wobei er nach längeren Abhandlungen schließlich zu dem Ergebnis kommt, daß „Schumachers politisches Verhalten im Nachkriegsdeutschland in erster Linie das Verhalten eines Mannes war, der sich aus innerem Zwang heraus bemühte, intensive Persönlichkeitsspannungen durch adaptive Mechanismen zu lösen, die in der Vergangenheit das Gleichgewicht seines Persönlichkeitssystems aufrechterhalten hatten" (418). Solche Aussagen wirken nur erhellend in bezug auf das Geschichtsverständnis Edingers, der historische Entwicklungen offensichtlich bedingt sieht durch Persönlichkeitsstrukturen einzelner „großer Männer". Auch in den Teilen der Arbeit, die mehr historischen Charakter haben, erfährt der Leser wenig Wissenswertes. Denn Edinger beschränkt sich auch hier wesentlich auf die Person Schumacher und referiert unkritisch dessen Vorstellungen zu verschiedenen Problemen. Was der Autor darüber hinaus an eigener Darstellung, besonders zur Nachkriegsentwicklung in Deutschland, beizusteuern vermag, enthält eine Reihe von falschen und fragwürdigen Behauptungen, die sicher nicht zufällig vor allem die Politik der Sowjetunion und der deutschen Kommunisten betreffen. So werden etwa die „Einheitsbestrebungen (von Kommunisten und Sozialdemokraten — d. Vf.) in Berlin als Versuch der S o w j e t s . . . , die Macht an sich zu reißen" (148) gewertet; die „Gründung der NATO im Jahre 1949 (erfolgte) als Reaktion auf sowjetische Angriffsdrohungen" (301) und die Bürger der sowjetisch besetzten Zone sahen sich bei Edinger „anhaltender Knechtung" (221) durch die Kommunisten ausgesetzt. Diese wiederum waren selbstverständlich „von Moskau dirigiert" (200) — die Reihe ließe sich weiter fortsetzen. Im Rahmen der hinter diesen Behauptungen stehenden politischen Strategie nimmt es übrigens nicht weiter wunder, wenn Edinger besonders erfreut die intensiven Bemühungen Schumachers zur Unterdrückung der in den Westzonen in den Jahren 1945 und 1946 vorhandenen Einheitsbestrebungen von Sozialdemokraten und Kommunisten schildert und Schumachers Namen als „Symbol des Widerstandes gegen den Totalitarismus" feiert (153). Die Fragwürdigkeit einer „Politischen Wissenschaft", die Arbeitsergebnisse wie die oben genannten zeitigt, wird weiter deutlich in

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dem, was Edinger als seinen mit der Biographie über Kurt Schumacher geleisteten methodischen Beitrag „zur Erforschung politischer Führerschaft" (14) bezeichnet, die dazu verhelfen soll, zu ergründen, „welcher Menschentyp sich in den verschiedensten Situationen am ehesten zum Führer eignet und welcher nicht". Worin besteht nun die von ihm erfundene Methode? Kurz gesagt darin, daß Edinger vorschlägt, „politische Führer" daraufhin zu untersuchen, inwieweit ihre „Rollenwahl" und ihr politisches Verhalten sich zweckmäßig einfügen in das „politische System", in dem bestimmte „Spielregeln" vorgegeben sind. Je besser der Anpassungsprozeß an die politische Situation geglückt ist, um so positiver ist der analysierte „Hauptakteur" zu bewerten (434). Konkret kann dies nur heißen: derjenige ist der wünschenswerteste Politiker, der bei Ausübung seiner Funktionen am besten die Bedürfnisse der herrschenden Klasse vertritt. Unter diesem Aspekt kommt Edinger freilich f ü r Kurt Schumacher, dessen unmittelbar nach 1945 vertretene — wenngleich zu diesem Zeitpunkt tatsächlich unrealistische — Sozialisierungsvorstellungen sicherlich einer ungehinderten Restauration des bürgerlichdemokratischen Herrschaftssystems in Westdeutschland im Wege standen, zu einem überwiegend negativen Urteil: So sei Schumacher zwar ein „großer Parteiführer" (383) und eine „Figur mit heroisdien Zügen" (441) gewesen, jedoch „weder ein ,großer politischer Führer' noch ein ,Staatsmann'" (385). Dem Leser, der hoffte, durch die Lektüre der „politischen Biographie" über einen der entscheidenden Repräsentanten sozialdemokratischer Politik in den ersten Jahren nach Kriegsende einigen Aufschluß zu erhalten über die Entwicklung der SPD nach 1945, ist mit dem vorliegenden Buch sicherlich wenig geholfen. Bärbel Hebel-Kunze (Marburg) Krätschell, Hermann, u. Hans Reichhardt: D r e i J a h r z e h n t e d e u t s c h e r G e s c h i c h t e 1 9 1 8 — 1 9 4 8. Sonderheft der ZAHLENBILDER aus Politik, Wirtschaft und Kultur. Erich Schmidt Verlag, Berlin 71968 (63 S , g e h , 2,30 DM). Auch wenn es in der Einführung dieser kleinen f ü r Schüler gedachten Schrift heißt, „daß der Mensch in die Geschichte eingreifen kann und sie von einem falschen Weg abbringen kann" (3), so wird im folgenden alles andere als der richtige Weg dazu aufgezeigt. Im Gegenteil, auf den knapp dreißig Seiten Text — die verbleibenden werden durch dem Text entsprechende Grafiken ausgefüllt •—• finden sich sämtliche Stereotype und Fehlinformationen wieder, deren Analyse in dieser Zeitschrift immer wieder vorgenommen wurde (vgl. etwa C. Leggewie in: Das Argument 70). So unterstellt man, daß es die „Linksradikalen" waren, die sich mit den auf dem Kongreß der Arbeiter- und Soldatenräte 1918 erzielten Beschlüsse nicht abfinden konnten und daraufhin blutige Unruhen inszenierten, was sich bis zu der Bemerkung „Terror der

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Münchener Räterepublik" hinzieht (8). Die Überschrift „Die Demokratie und ihre Gegner" deutet schon an, daß die Verfasser in den „Mittelparteien" die staatserhaltenden Kräfte sahen, die von den radikalen Parteien, also in erster Linie KPD und NSDAP, immer mehr zerrissen wurden (24). Diese Gleichstellung von rechts = links wird auch f ü r die kulturelle Entwicklung in der Weimarer Republik angewandt; so heißt es,'daß dem Staat die kulturellen Kräfte wenig zugute kamen, sondern daß diese „teilweise zersetzende Kritik" erhoben: von links Grosz, Piscator, Brecht und Tucholsky, gleich von rechts Spengler, van den Bruck, Jünger (22). Schließlich ist es die Sowjetunion, die die Spaltung Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg zu verantworten hat (58). Dieses Büchlein, das erstmals 1961 während des Höhepunktes des Kalten Krieges erschien, gehört zu einer Reihe, die von ihren Verlegern als „frei von aller zeit- und meinungsgebundenen Betrachtung" annonciert wird. Thomas Ashauer (Aube)

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Name: Edmund Hettinger DC

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